Diätetik statt Sinnstiftung. Eine Erörterung der Frage: Was ist eine gute Religion?: „Der Ausfall jener unsichtbaren Mächtesphäre dürfte wohl der Grund sein, warum in Europa viel von Religion die Rede ist, ohne dass Menschen religiös tätig wären. Für ko­gnitive «Sinnstiftung» oder «Kontingenzbewältigung» lohnt es sich nicht, wirklich religiös zu sein. Religion bleibt so zwangsläufig auf das Ästhetische reduziert. Sie hat, da eine religiöse Diä­tetik nicht greifen kann, auf Dauer kaum Be­standsaussichten in Europa.“

Fünf Jahre Theologie unterrichten in einer anderen Kultur verändert eigene Sichtweisen in Sachen Religion. Ich habe dazu einen Artikel in der Neuen Zürcher unter dem Titel „Diätetik statt Sinnstiftung“ geschrieben. Dieser Artikel ist außerdem in dem von Uwe Justus Wenzel herausgegebenen Buch „Was ist eine gute Religion“ abgedruckt:

Diätetik statt Sinnstiftung

Von Jochen Teuffel

Die Frage nach einer guten Religion ist eine europäi­sche Frage, die Lessings «Nathan den Weisen» in Erinne­rung ruft. Das Konzept, das der Ringparabel zugrunde liegt, ist die Unterscheidung zwischen einer «natürlichen Religion» als kultfreie, sittlich-vernünftige Gottesverehrung und den verschiedenen «positiven Religionen», die auf der autoritativen Überlieferung ihrer Stifter (Moses, Christus, Mohammed) basieren. Nach Lessing ist «die beste geoffen­barte oder positive Religion» diejenige, «welche die wenigs­ten conventionellen Zusätze zur natürlichen Religion ent­hält, die guten Wirkungen der natürlichen Religion am wenigsten einschränkt».

Wer sich ostasiatischen Kulturen wie der chinesischen oder japanischen nähert, wird in Sachen Religion eines an­deren belehrt. Es gibt weder im Chinesischen noch im Japa­nischen einen Begriff, der das ausdrückt, was Europäer un­ter Religion verstehen. Nichtsdestoweniger wird man in Hongkong eine Vielzahl von Aktivitäten oder Orten ent­decken, die einem Europäer als «religiös» erscheinen: Reis­opfer an Wegrändern, Ahnenschreine in Wohnungen und schließlich Tempel, in denen Menschen sich mit glimmen­den Räucherstäbchen vor Statuen verbeugen.

Eine Identitätsfrage?

Für Europäer scheint Religion eine Identitätsfrage zu sein; man hat eine Religion oder keine und ist deshalb ent­weder Christ, Muslim, Buddhist oder Atheist. Hingegen können Chinesen, die an einem Ritus im taoistischen Tem­pel teilnehmen, nicht ohne weiteres als Taoisten gelten. Es gibt zwar definierte Riten, gemeinsame Feiern, einen Schriftenkanon, Lehreinrich­tungen, Tempel sowie «Priester», die sich eindeutig einer taoistischen, buddhistischen oder kon­fuzianischen Lehre zuordnen lassen, dennoch entsprechen solchen Lehren keine Reli­gionsgemeinschaften mit exklusi­ver Mitgliedschaft. Taoismus, Buddhismus und Konfuzia­nismus sind vielmehr kulturelle Institutionen, die der Gesellschaft eine traditionelle Lehr­praxis zur Verfügung stel­len. Als Diätetiken, Lehren der geregelten Lebensführung, bieten sie einen Weg an, auf dem Menschen ihr Lebens- und Sterbensschicksal nicht nur bewältigen, sondern viel­mehr verändern und verbessern können.

Das Problem des Religionsbegriffes ist es, dass er aus einem liberalen Verständnis der christ­lichen Lehre abgelei­tet und auf andere Kulturen angewandt worden ist. Damit wurden seit dem 19. Jahrhundert reihenweise «Religionen» erfunden, ohne dass man sich dessen bewusst gewesen wäre. Provozierend hat dies der Religionswissenschafter Jo­nathan Smith zur Sprache gebracht: «Der Religionsbegriff ist von Gelehrten für analytische Zwecke durch imaginative Akte des Vergleichens und Verallgemeinerns geschaffen worden. Religion hat keine Existenz außerhalb der akademischen Welt.» In der Tat ist der Religionsbegriff als analyti­sche Kategorie für das Verständnis vieler außereuropäischer Kulturen wenig aussagekräftig. In diesen Gesellschaften wird nicht zwischen einer religiösen und einer nichtreligiö­sen Sphäre unterschieden. Es ist daher eher angebracht, von religiösen Aktivitäten innerhalb verschiedener Kulturen zu sprechen.

Das Religiöse ist dort mithin kein «Ergriffensein von dem, was uns unbedingt angeht» (Paul Tillich), als vielmehr eine unter verschiedenen kulturellen Aktivitäten, die dem Wohlergehen dienen. Menschen beten, opfern, befragen Orakel, befolgen Riten, weil dies kulturell vorgegeben ist und als le­bensdienlich angesehen wird. Der Transzendenzbezug des Religiösen hingegen ist eine sinnentleerte Reminiszenz der christlichen Lehre, der für die Lebenspraxis irrelevant ge­worden zu sein scheint. Von purer Transzendenz lässt sich für das eigene Leben kaum etwas erwarten.

Das Beispiel Krankheit

Das europäische Weltbild blendet mit seiner strikten Unterscheidung von Immanenz und Transzendenz jeden­falls eine Wirklichkeitsdimension aus, die in anderen Kulturen grundlegend ist. Außerhalb einer empirischen Sphäre, die naturwissenschaftlich beschrieben werden kann, exis­tiert für andere Kulturen eine Sphäre von unsichtbaren Mächten und Geistern. Diese Mächte und Geister wirken sich auf das Leben der Menschen unmittelbar aus. Die In­teraktion zwischen der sichtbaren Welt und den unsichtbaren Mächten findet dabei in einem organischen Lebenszu­sammenhang statt.

Das klassische Beispiel dafür ist die Krankheit, die in der westlichen Kultur auf einen natür­lichen Defekt oder Infekt zurückgeführt wird: Die Krebserkrankung erscheint als na­türliche Angelegenheit; da hilft kein Beten, sondern nur die Chemie. Entsprechend bleibt die europäische Diätetik als Wohlergehenslehre auf das Physiologische beschränkt: rich­tige Ernährung, Sport und Stressvermeidung. Nun wird auch in asiatischen Kulturen bei Erkrankun­gen auf west­liche Medizin zurückgegriffen. Dennoch wird die Krankheit in einen organischen Zusammenhang mit jener unsichtba­ren Mächtesphäre gebracht. Eine «Geisterattacke», die Seele einer verstorbenen Person, ein Fluch oder eine moralische Verfehlung wirken sich für den Kranken lebensbedrohlich aus. Um solch eine Bedrohung abzuwenden, ist die richtige religiöse Diätetik gefordert, wie zum Beispiel die Anrufung einer Gottheit, Fasten, eine apotropäische Handlung oder das Sündenbekenntnis.

Wo Krankheiten geheilt werden oder sich Erfolg einstellt, wird dies in Asien als Bestätigung der jeweiligen religiösen Diätetik gesehen. Das commitment hat sich bezahlt gemacht und wird anderen zur Nachahmung empfohlen. Bekehrun­gen resultieren daher weniger aus intellektueller Überzeu­gung als vielmehr aus Heilungen und anderen Erfolgsge­schichten.

Transzendenz ohne Folgen

Die unsichtbare Mächtesphäre, die einem entweder zu schaffen machen oder aber zugute kommen kann, bietet unermessliche Anreize für religiöse Diätetiken. Es lässt sich auf diese Weise etwas bewirken, was mit Geld, Medizin oder Schulbildung nicht zu erreichen ist. Gott­heiten fungieren dabei als Lebensressourcen. Das europäische, dualistische Weltbild hingegen erfordert – mehr oder weniger – nur eine kognitive Anpassung an eine transzendente Realität. Mit der Anerkennung des Transzendenten (oder auch dessen Ab­lehnung) ist der Fall erledigt. Was in Sachen Transzendenz reine «Glaubenssache» ist, bedarf keines religiösen Engage­ments.

Der Ausfall jener unsichtbaren Mächtesphäre dürfte wohl der Grund sein, warum in Europa viel von Religion die Rede ist, ohne dass Menschen religiös tätig wären. Für ko­gnitive «Sinnstiftung» oder «Kontingenzbewältigung» lohnt es sich nicht, wirklich religiös zu sein. Religion bleibt so zwangsläufig auf das Ästhetische reduziert. Sie hat, da eine religiöse Diä­tetik nicht greifen kann, auf Dauer kaum Be­standsaussichten in Europa. Daher mag sich die Frage nach einer guten Religion dereinst von selbst erübrigen.

Quelle: Uwe Justus Wenzel (Hrsg.), Was ist eine gute Religion? Zwanzig Antworten, München: C.H. Beck, 2007, S. 102-106.

Hier mein Text als pdf.

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