Ottmar Fuchs über Trösten und Trost: „Der trö­stende Mensch oder Gott begibt sich in eine Begegnungsgeschichte, die ihn selbst verändert und zu entsprechenden konkreten Veränderungen der Situation herausfordert. Aber auch der Getröstete gerät in eine Dynamik hinein, die ihn weder um die Trauer bringt noch ihn darin versinken läßt, die ihm vielmehr hilft, aus der Erfahrung von Not und Verlust heraus gerade auf der Basis des in der Tröstung geschenkten Vertrauens das Leben neu zu wagen und zu gestalten. Dies gilt insbesondere von Gottes Trost den Menschen gegenüber, womit dieses Wort viel mit dem Begriff seiner Gerechtigkeit und schenkenden Barmherzigkeit, näherhin seiner verantwortlichen Gemeinschaftsfähigkeit und seiner zuvorkommenden wie nacheilen­den Liebe zu tun hat.“

Trösten/Trost

Von Ottmar Fuchs

Der Begriff des Trostes hat sowohl im Zusammenhang der neuzeitlichen Religionskritik („Vertrösten“ auf ein Jenseits hin) als auch im alltäglichen Sprachgebrauch (wer Trost braucht, ist mit sich am Ende) keinen guten Klang. Demgegenüber ist das Trostverständnis der biblischen Tradition ein eigenständiger kritischer Gegenbegriff, der sich geradezu als ein Schlüssel zur Einsicht in zentrale Grundstrukturen des jüdisch-christlichen Glaubens erweist. Ohne die Wirklichkeit des Trostes und des Tröstens ist Glaube nicht zu denken.

1. Trost und Trösten in der biblischen Tradition

Im AT begegnet der Stamm nhm mit der Bestimmung trösten, aber auch mit den Bedeutungs­anteilen: Beileid und Mitleid haben, helfen, sich erbarmen, Beistand geben bzw. sein, über etwas Leid empfinden, bereuen. Insgesamt geht es um intersubjektive Begegnungen, in denen ein Gemeinschaftsverhältnis aufgebaut wird, worin jemand für den anderen da ist. Das meint nicht nur das verbale Trösten, sondern schließt auch das reale Hilfehandeln mit ein. Der trö­stende Mensch oder Gott begibt sich in eine Begegnungsgeschichte, die ihn selbst verändert und zu entsprechenden konkreten Veränderungen der Situation herausfordert. Aber auch der Getröstete gerät in eine Dynamik hinein, die ihn weder um die Trauer bringt noch ihn darin versinken läßt, die ihm vielmehr hilft, aus der Erfahrung von Not und Verlust heraus gerade auf der Basis des in der Tröstung geschenkten Vertrauens das Leben neu zu wagen und zu gestalten. Dies gilt insbesondere von Gottes Trost den Menschen gegenüber, womit dieses Wort viel mit dem Begriff seiner Gerechtigkeit und schenkenden Barmherzigkeit, näherhin seiner verantwortlichen Gemeinschaftsfähigkeit und seiner zuvorkommenden wie nacheilen­den Liebe zu tun hat.

Das Griechische der Septuaginta und des NT greift für die Wiedergabe solchen Tröstens weitgehend das Wort parakalein auf: herbeirufen, einladen, (zur Hilfeleistung) auffordern, ermuntern, trösten, (mit guten Worten) zusprechen. Offensichtlich lebt dieses Bedeutungs­spektrum von einem interessanten Subjektwechsel: jemanden sich neben oder an die Seite rufen bzw. sich selbst jemandem an dessen Seite rufen und ihm beistehen. Die Subjekte beider Handlungen brauchen sich, um die Kommunikation zu konstituieren. In beiden Fällen liegt eine Aufforderung (Paraklese) zu einem Begegnungsprozeß der gegenseitigen Nähe und Beziehung vor, mit der Intention, daß ein Mensch Beistand bekommt oder gibt, daß einem Beistand (Paraklet) begegnet bzw. man selbst Beistand wird.

Das ganzheitliche biblische Verständnis des Trostes (in Wort und Tat) findet seinen zeichen­haften Ausdruck in der Übergabe des „Trostbechers“, den der Tröstende dem Trauernden überreicht (vgl. Jer 16,7). Dabei kann auch Brot gegessen werden (vgl. Ijob 42,11). Dieses Symbolhandeln gewinnt im Abendmahl Jesu mit den Jüngern seine wohl letztmögliche sote­riologische und eschatologische Dimension. Der Becher des Heiles ist ein Becher des Trostes: des Zuspruchs der gegenwärtigen und zukünftigen Gnade und des Erbarmens des menschge­wordenen Gottes in der bestehenden geschichtlichen und persönlichen Situation mit dem An­spruch, die Verkündigung des „Todes des Herrn“ und seiner Auferstehung, „bis er wieder­kommt“, in die Gegenwart als ein Handeln einzubringen, das sich an der Geschwisterlichkeit des verkündigten Jesus Christus orientiert. Im Heiligen Geist erfährt dieser zugesprochene und an­spruchsvolle Beistand eine eigenständige personale Kontur: Er ist der Beistand des Auferstan­denen für die Menschen in diesem Äon, der Paraklet. Er kann und darf jederzeit zur Unter­stützung herbeigerufen werden, wie er sich selbst als Mittler zwischen Mensch und Gott zugunsten der Menschen in und bei Gott selbst einsetzt. Er ist Beistand des Menschen und dessen Fürsprecher bei Gott: so ist er der Helfer des Menschen, der Tröster schlechthin. Dabei geht es nicht um einen „billigen Trost“ in „sicherer“ Distanz, sondern um ein Beistehen, das den Beistand viel „kostet“ und zutiefst in die Leiden der Menschen verstrickt. Gottes Geist „seufzt“ selbst in den leidenden Geschöpfen (mit) und solidarisiert sich mit ihrer Klage (vgl. Röm 8,26). Solche Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch setzt die Begegnungs­geschichte in neuer, aber nicht weniger realen Weise durch die Geschichte fort, die in der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus begonnen hat: nämlich das permanente Hinabstei­gen Gottes in die Gründe und Abgründe menschlicher Existenz, um dem Menschen in seiner Ohnmacht und Sündenanfälligkeit helfend und befreiend nahe zu sein. Keine Möglichkeit und Unmöglichkeit des Menschen sind aus dieser Begegnung ausgesperrt.

2. Elemente einer Spiritualität des Trostes und des Tröstens

Die hier nur angedeuteten biblischen Konturen einer Theologie des Trostes bilden einen ent­scheidenden Kern für die Entfaltung der Geistbegabung, für die Spiritualität der Christen.

a) Gottes Trost für die Menschen

Die Bedingung der Notwendigkeit für das Trösten besteht im Erleiden eines Verlustes bzw. eines Mangels (an Beziehung, Freiheit, an Liebe, Leben, Gutheit usw.). Dazu kommt die Be­dingung, daß der Trost die Situation nicht sofort und nicht gänzlich verändern kann, indem er das Verlorene wiederbringt bzw. den Mangel behebt. Dies gilt auch für Gott: Er verändert die geschichtliche Situation der Menschen nicht durch supranatural(istisch)e oder gewalttätige Eingriffe (vgl. Joh 18,36), sondern dadurch, daß er sich selbst in die Lebens- und Passions­situation der Menschen hineinbegibt und darin leidet, mitleidet und mitgeht. Warum dies so ist oder sein muß, daß Gott selbst so eigenartig ohnmächtig in der Geschichte der Menschen ist, und warum er nicht bereits jetzt das Leiden besiegt, wissen wir nicht. Es hängt wohl alles daran, darauf zu vertrauen, daß Gott nicht über diesem Leiden der Menschen steht, sondern daß er mitten in der Passion vorhanden ist.

Was für ein Trost ist das? Zunächst ein sehr ehrlicher, der nicht die Leiden der Menschen von oben herab oder triumphalistisch überspielt, der aber doch gerade in dieser Ehrlichkeit die Rede von Gott deshalb nicht aufgeben kann, weil er als unendliche Liebe auch und gerade zu den Leidenden erfahren und gedacht wird. Es ist der gleiche Trost, der in jeder Erfahrung von Menschen liegt, die nicht helfen können, aber dennoch nicht weggehen, sondern beistehen und mit aushalten helfen. Dies von Gott unserem Schöpfer selbst zu glauben ist viel, auch viel an Spiritualität, die sich im eigenen Leiden und im Umgang mit leidenden Menschen entfalten kann, weil sie die Passion gerade nicht im Namen Gottes verdrängt oder herunterspielt.

Doch hat dieser göttliche Trostbecher noch eine weitere, in die Zukunft weisende Dimension, nämlich eine der Hoffnung, die zwar (noch) nicht sichtbar, aber doch ver- und zugesprochen ist: das Reich Gottes, in dem sich Gottes Heils- und Lebensmacht gegen Verlust, Mangel und Tod universal durchgesetzt haben wird, wie sie sich bereits in der Auferstehung Jesu Christi erwiesen hat. Wenn der Auferstandene wiederkommt und mit Macht die Herrschaft der Liebe und Gerechtigkeit bringt, kann der Trost abdanken. Aber bis dahin schenkt Gott den Men­schen sein Heil im Aggregatzustand seiner eigenen Passion in der Passion der Menschen: als bereits hiesiger untrüglicher Solidaritätsbeweis der künftigen Rettung und Erlösung. Was Gott in Ohnmacht zeigt, wird künftig in seiner Allmacht herrschen.

Gottes Liebe hält sich nicht von der Passion der Menschen fern, sondern begibt sich in die menschliche Leidensgeschichte hinein. Dies allein macht seine (auch die zukünftige erlösen­de) Liebe gegenüber den Leidenden und Sündern glaubwürdig. Die Basis des göttlichen Tro­stes ist die Menschwerdung Gottes: Ohne sie müßte auch die zukünftige Verheißung für den Menschen ihre Vertrauensfähigkeit verlieren. Sie wäre nämlich ohne diesseitigen Belang. In Gottes geschichtlicher Anteilnahme wächst dagegen gerade die Hoffnung, daß ein Gott, der mit solcher Lebens- und Liebesmacht (denn solches Mitleiden kostet unendlich viel Liebes- und Lebensenergie) die eigene Proexistenz für die Menschen realisiert, auch die ent­spre­chende (All-)Macht haben und gebrauchen wird, alle Menschen von Sünde und Leid zu befreien und ihnen Heil zu schenken. Dies ist ein Trost ohne Vertröstung auf ein nur künftiges Reich Gottes (denn Gott ist bereits jetzt nahe) und zugleich ohne Hoffnungslosigkeit bezüg­lich dieser künftigen Veränderung. Unerschöpflich ist dieser Trost sowohl in der Form seines Beistandes in der Geschichte wie auch in der Form der künftigen Veränderung und Erlösung, wobei sich beide Unerschöpflichkeiten gegenseitig bedingen und zusammen die unendliche Lebens- und Liebesmacht Gottes ausmachen. Dies ist der göttliche Trost in seiner geschichtli­chen und eschatologischen Dimension, dessen sich die Christen in ihrer Spiritualität vergewis­sern dürfen: im Gebet, in der Begegnung mit biblischen Texten sowie mit den Christen und Heiligen der Vergangenheit und vor allem mit den gegenwärtig lebenden Mitchristen.

b) Das Trösten der Menschen

Welchen Lebens- und Sinnwert hat dieser Trost Gottes für die Menschen und insbesondere für ihr Handeln? Die Antwort auf diese Frage kann nicht außerhalb der Gnadentheologie und der Pneumatologie gesucht werden, wobei vor allem der Zusammenhang von Indikativ der göttli­chen Gnade und Imperativ des menschlichen Handelns, von Zuspruch und Anspruch zu bedenken ist. Der Hl. Geist ist ja nicht nur der mitseufzende Beistand, sondern zugleich auch der Geist der Prophetie, der Kritik der leidschaffenden Verhältnisse und des Aufrufs zu ihrer Veränderung. Beide Verwirklichungen konstituieren die Verbindung zwischen Gott und der (den) menschlichen Geschichte(n).

Wer sich von Gott getröstet weiß, der kann „ebenso“ trösten, weil er sich in Gottes Trost unbedingt bereits in seiner jetzigen Situation anerkannt und geliebt erfährt (vgl. 2 Thess 2,16-17). Auch das menschliche Trösten wird demnach von der Doppelstruktur des göttlichen Tro­stes geprägt sein: Einmal werden sich die Menschen in unveränderbaren Situationen in Mit­leid und Barmherzigkeit beistehen und solchen auf den ersten Blick wirkungslosen Beistand nicht für sinnlos erachten, weil es Gottes Handeln in der Geschichte selber ist, das hierbei von Menschen „in die Hand“ genommen wird. Sie verweisen durch sich selbst auf den göttlichen Parakleten, der sich in die Lebens- und Leidensgeschichte der Menschen verstrickt. Zum an­deren werden Christen den eschatologischen Trost, daß Gott selbst sein Reich endgültig zur Befreiung des Menschen von Verlust und Mangel aufrichten und spätestens dann die Situation erlösend verändern wird, für ihr gegenwärtiges Handeln mit der Verantwortung verbinden, bereits hier zugunsten der Notleidenden alles zu tun, was die Ursachen der Trostbedürftigkeit verringert und womöglich abschafft. Auch hierin werden die Christen die Grenzen der Ohn­macht und des Todes erfahren, denen sich auch der Gottessohn ausgeliefert hat, freilich zu­züglich der Grenzen ihrer eigenen Gutheit, wie sie als Bosheit und Sündigkeit unter den Men­schen immer wieder aufbrechen (und worin Gottes Trost als ständige Versöhnung mit dem Sünder ankommt, damit er geduldig von neuem die Umkehr beginnen kann). Der Tat-anteil des zwischenmenschlichen Tröstens (zur Reduzierung von Leidensursachen und Leid) bleibt weiterhin im Bereich der Kategorie des Trostes, weil nie alle Verlust- und Mangelerfahrungen in diesem Äon beseitigt werden können. Dies kann der Mensch einfach nicht, es bleibt Gottes universaler Erlösung vorbehalten, was den Menschen vor Resignation und Gewaltan­wendung bewahrt und ihm Geduld und Barmherzigkeit verleiht. Denn wer über der Verände­rung der Welt das Mitleiden mit den jetzt an (vielleicht noch) Unveränderbarem Leidenden außer acht läßt oder gar (angeblich vorübergehend) eine Verschärfung des Leidens in Kauf nimmt, dem ist auch für die Zukunft keine humanisierende Umgestaltung der Verhältnisse zuzutrauen, weil er jetzt bereits herzlos „über Leichen“ geht.

Christlicher Trost verkommt weder zur tatunfähigen oder tataussetzenden Vertröstung noch zur gigantomachischen Abschaffung des Tröstens, sondern bewegt sich zwischen Ohnmacht und Macht und bringt den Menschen auf seine unbedingt zu ergreifenden Handlungsmöglich­keiten, stößt ihn aber auch auf deren Grenzen. Diese Grenzen zum einen nicht (selbst-)de­struktiv unmöglich weit zu ziehen und zum anderen nötigenfalls auch akzeptieren zu können, dafür ist der Trost Gottes in seinem solidarischen Beistand und in seiner Erlösungsverheißung eine „wohlfeile“ Kraftquelle für jeden Menschen.

Christen werden der Umwelt durch ihre eigene mitleidende und verändernde Trostpraxis (in der leidschaffende Kontingenzen in der Tat reduziert bzw. in Solidarität und Hoffnung mit­gelitten werden) zeigen, daß man in diesem Trost Gottes menschenfreundlich leben und menschlich sterben kann. Ansonsten kennen sie Gott nicht und geben auch anderen keine Chance, Gottes Trost als bereits in der Geschichte ankommendes Reich Gottes kennenzuler­nen, worin der Mensch beisteht und befreit, durch barmherzige Nähe hilft und zugleich für die Eindämmung leidschaffender und unterdrückender Verhältnisse in allen Lebensbereichen radikal eintritt und daraufhin das (auch politische) Handeln ausrichtet.

LITERATUR: O. Fuchs, Klage. Eine vergessene Gebetsform, in: H. Becker / P.-O. Ullrich (Hrsg.), Im Angesicht des Todes. Ein interdisziplinäres Kompendium II (St. Ottilien 1987) 939-1024, bes. 989-1007; E. Wiesel, Die Nacht (Gütersloh 1980); H. Riedlinger, Vom Schmerz Gottes (Freiburg 1983).

Quelle: Christian Schütz (Hg.), Praktisches Lexikon der Spiritualität, Freiburg 1992, Sp. 1307-1315.

Hier der Text als pdf.

Hinterlasse einen Kommentar