Die älteste gedruckte Leichenpredigt, die eine eigene Literaturgattung begründete, ist diejenige von Johannes Bugenhagen auf Martin Luther, erschienen 1546 im Todesjahr des Reformators:
„Wir wollen euch aber, lieben Brüder, nicht verhalten von denen, die da schlafen, auf dass ihr nicht traurig seid wie die anderen, die keine Hoffnung haben. Denn so wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, also wird Gott auch die, die da entschlafen sind, durch Jesum mit ihm führen.“
Lieben Freunde! Ich soll jetzt und will gerne bei dem Begräbnis unseres herzlieben Vaters, D. Martini seligen, eine Predigt halten. Aber was oder wie soll ich reden, so ich vor Weinen nicht wohl ein Wort hervorbringen kann? Und wer soll euch trösten, wenn ich, euer Pfarrherr und Prediger, nicht reden kann? Wohin kann ich mich von euch wenden? Ich werde ohne Zweifel mit meiner Rede mehr Heulen und Trauern hervorrufen.
Denn wie sollten wir nicht alle herzlich trauern, da Gott uns diese Betrübnis zugeschickt und den hohen, teuren Mann, den ehrwürdigen D. Martinus Luther, von uns weggenommen hat? Durch ihn hat er uns allen und allen Kirchen Christi in deutschen Landen, auch vielen in fremden Nationen, unaussprechliche Gaben und Gnade erwiesen. Durch ihn hat er herrlich obgesiegt über das Reich des Satans, über so mancherlei schändliche Abgötterei und Menschensatzung, ja, wie es Paulus nennt, über die Teufelslehren in aller Welt. Er hat uns das hohe, große, himmlische Geheimnis im Evangelium offenbart – seinen lieben Sohn Jesus Christus –, wie es zu den Ephesern und Kolossern geschrieben steht.
Durch diesen unseren lieben Vater hat Christus sein Evangelium verteidigt gegen den leidigen Papst, gegen mancherlei Rotten und Tyrannen, ja gegen alle Pforten der Hölle. Diesem teuren Mann gab er den Geist der Kraft und Stärke, dass er niemanden scheute, wie groß und mächtig er auch war. So hielt er freudig am Evangelium und der reinen Lehre fest, sodass es oft von der Welt dafür gehalten wurde, als sei er in Strafen und Schelten zu scharf und täte zu viel – wie auch die Juden und Pharisäer, jene bitteren und giftigen Ottern, Christus die Schuld gaben. Denn es schmerzte sie übel und tat ihnen wehe, dass sie durch die lautere Wahrheit gestraft wurden. Doch die heilsame Lehre nahmen sie dennoch nicht an.
Diesen hohen Lehrer und Propheten, den von Gott gesandten Reformator der Kirche, hat uns Gott genommen. Ach, wie könnten wir da das Trauern und Weinen lassen? Wie können wir doch dem lieben Paulus hier gehorchen, da er sagt: „Ihr sollt nicht traurig sein über denen, die da schlafen?“ Doch er setzt gleichwohl hinzu: „Wie die anderen, die keine Hoffnung haben.“
Wir aber, die wir glauben, wissen, dass die, die in Christus entschlafen sind, zu einem besseren Leben erweckt werden. Dann werden wir wieder mit ihnen zusammenkommen und ewig beieinander sein.
Aber die Welt ist es nicht wert gewesen, dass sie diesen teuren Mann Gottes länger haben sollte, um ihn weiter zu lästern und zu verfolgen, wiewohl doch dieselbe undankbare Welt auch viel Gutes durch diesen hohen Mann empfangen hat, besonders darin, dass sie erlöst ist von so mancherlei Beschwerden und Tyrannei des leidigen Papsttums; also dass viele Widersacher (bei welchen noch etwas Weisheit oder Verstand ist) lieber gewollt hätten, der teure Mann hätte noch lange leben sollen.
Dieses habe ich zum Eingang gesagt, damit wir erkennen, dass wir große Ursache haben, herzlich zu trauern, da wir einen so hohen, teuren Mann verloren haben. Und wahrlich (sofern das etwas helfen mag), es trauern mit uns christliche Könige, Fürsten und Städte und alle, die das Evangelium der Wahrheit erkannt haben. Darum trauern wir ja nicht allein, sondern viele Tausende hin und wieder in der Christenheit mit uns. Es hat dem leidigen jetzigen Papst, dem Kardinal von Mainz oder Herzog Heinrich nicht zugestanden, sich über den Tod dieses Mannes (welche alle er mit der Wahrheit heftig erzürnt hat) zu freuen. Und ich hoffe, die Widersacher sollen sich nicht lange über seinen Tod freuen, denn wohl ist die Person in Christus verschieden, aber die gewaltige, selige, göttliche Lehre dieses teuren Mannes lebt noch aufs Allerkräftigste.
Denn er war ohne Zweifel der Engel, von dem in der Offenbarung, Kapitel 14, geschrieben steht, dass er mitten durch den Himmel flog und ein ewiges Evangelium hatte, wie der Text sagt:
„Und ich sah einen Engel fliegen mitten durch den Himmel, der hatte ein ewiges Evangelium zu verkündigen denen, die auf Erden wohnen, und allen Heiden und Geschlechtern und Sprachen und Völkern. Und er sprach mit lauter Stimme: Fürchtet Gott und gebt ihm die Ehre, denn die Zeit seines Gerichts ist gekommen. Betet an den, der gemacht hat Himmel und Erde und das Meer und die Wasserbrunnen. Und ein anderer Engel folgte nach, der sprach: Sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon, die große Stadt, denn sie hat mit dem Wein ihrer Hurerei alle Heiden getränkt.“
Dieser Engel, der da sagt: „Fürchtet Gott und gebt ihm die Ehre,“ war D. Martinus Luther. Und dass hier steht: „Fürchtet Gott und gebt ihm die Ehre,“ das sind die zwei Hauptstücke der Lehre D. Martini Luthers – das Gesetz und das Evangelium, durch welche die ganze Schrift geöffnet wird und Christus als unsere Gerechtigkeit und unser ewiges Leben erkannt wird. Zu diesen beiden hat er auch dieses Stück hinzugefügt: „Die Zeit seines Gerichts ist gekommen.“ Und er hat gelehrt vom rechten Gebet und von der Anrufung Gottes, des himmlischen Vaters, im Geist und in der Wahrheit, wie auch der Engel in Offenbarung 14 sagt: „Betet an den, der da gemacht hat Himmel und Erde.“
Denn nach der Lehre dieses Engels wird ein anderer Engel folgen, der Trost predigen wird der bedrängten und angefochtenen Kirche und über die Widersacher Blitz und Donner, ewiges Gericht und Verdammnis bringen wird, wie denn der andere Engel sprach: „Sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon, die große Stadt.“ Darum werden die Widersacher sich nicht lange an unserer Betrübnis erfreuen, wie auch Christus sagt in Johannes 16: „Eure Betrübnis soll in Freude verwandelt werden.“ Denn der Offenbarung nach, im genannten 14. Kapitel, sehen wir, dass das schon geschehen ist und noch geschieht. Soll die Offenbarung Wahrheit sein, so wird ohne Zweifel das andere folgen.
Aber, ach! Wie weit laufe ich aus mit meiner Rede in diesem unserem Weinen und unserer Betrübnis! Dies sei genug gesagt von unserem berechtigten Trauern, denn wir trauern ja mit Recht, dass ein solcher teurer Mann, ein rechter Bischof und Seelenhirte, von uns geschieden ist.
Doch in dieser Betrübnis sollen wir auch Gottes Güte und Barmherzigkeit gegen uns erkennen und Gott danken, dass er nach hundert Jahren, seit dem Tod des heiligen Johannes Hus (welcher um der Wahrheit willen im Jahr 1415 getötet wurde), bald darauf diesen teuren Doktor Martinus Luther durch seinen Geist erweckt hat – wider die antichristliche Lehre des leidigen satanischen Papstes und wider die Teufelslehren. Wie denn Johannes Hus selbst vor seinem Tod prophetisch von einem künftigen Schwan gesprochen hat. Denn Hus heißt auf Böhmisch „Gans“, und er sagte:
„Ihr bratet jetzt eine Gans; aber Gott wird einen Schwan erwecken, den werdet ihr nicht verbrennen noch braten.“
Und da sie wider ihn schrien, sodass er ihnen nicht antworten konnte, soll er gesagt haben:
„Nach hundert Jahren will ich euch antworten.“
Das hat er redlich getan durch unseren lieben Vater, D. Luther, und eben begonnen im folgenden Jahr nach hundert Jahren.
Ja, wir sollen Gott danken, dass er uns diesen teuren Mann erhalten hat und seine Kirche in den heftigsten Kämpfen gestärkt hat, und dass Christus durch ihn so oft gesiegt hat – nun fast bis in das 30. Jahr hinein.
Dem Herrn Christus sei Lob und Ehre in Ewigkeit, Amen.
Wir sollen uns aber auch mit unserem lieben Vater Luther freuen, dass er also in dem höchsten Apostel- und Prophetenamt, in welchem er seinen Befehl treulich ausgerichtet hat, von uns gegangen und abgeschieden ist zu dem Herrn Christus. Dort sind die heiligen Patriarchen, Propheten, Apostel und viele, denen er das Evangelium gepredigt hat – alle heiligen Engel, Lazarus im Schoß Abrahams, das heißt in der ewigen Freude aller Gläubigen. Wie das nun geschieht bis zum Jüngsten Tag, das werden wir erfahren, wie Paulus sagt im Brief an die Philipper: „Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christus zu sein“ – wie auch Stephanus in der Apostelgeschichte sagt: „Herr Jesus, nimm meinen Geist zu dir.“ Und Christus sprach zum Schächer: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“
Es besteht kein Zweifel, dass der Geist Christi in den Händen des Vaters war, als er sprach: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“ – bis zur Auferstehung am Ostertag. Ebenso werden unsere Geister in den Händen Christi sein bis zu unserer Auferstehung. Denn so lauten die Worte über Lazarus: „Jetzt aber wird er getröstet, du aber wirst gequält.“
Was die Gläubigen in der Zwischenzeit bis zum Jüngsten Tag für eine Ruhe oder einen Trost haben oder die Gottlosen für eine Unruhe oder Qual, das können wir aus der Schrift nicht genau sagen. Die Schrift sagt, sie schlafen, wie Paulus im Brief an die Thessalonicher schreibt: „Von denen, die da schlafen.“ Doch wie im natürlichen Schlaf die Gesunden in süßem Schlummer ruhen und dadurch erquickt, gestärkt und gesünder werden, während die Ungesunden oder Betrübten, besonders jene in Todesangst, schwer, mit schrecklichen Träumen und unruhig schlafen – sodass ihnen der Schlaf keine Ruhe, sondern eine noch größere Unruhe ist als das Wachen – ebenso besteht ein Unterschied zwischen dem Schlaf der Gläubigen und dem der Gottlosen. Doch darüber können wir nicht weiter sprechen oder urteilen, als es die Schrift selbst sagt.
Unser lieber Vater, Doktor Martinus Luther, hat nun das erlangt, was er oft begehrt hat. Und wenn er jetzt wieder zu uns kommen sollte, würde er unser Trauern und Zagen mit den Worten Christi in Johannes 16 tadeln: „Wenn ihr mich lieb hättet, würdet ihr euch freuen, denn ich gehe zum Vater“ – und er würde uns die ewige Ruhe und Freude gönnen. Christus hat den Tod für uns überwunden, warum also sollten wir zagen? Der Tod des Leibes ist für uns der Anfang des ewigen Lebens durch Jesus Christus, unseren Herrn, der für uns ein edles, teures Opfer geworden ist.
Ich erinnere mich noch, als unser ehrwürdiger, lieber Vater, Doktor Martinus Luther, einige selig im Bekenntnis Christi entschlafen sah, dass er sprach: „Gebe mir Gott, dass ich auch so selig im Schoß Christi entschlafen möge und nicht mit langen Todesschmerzen gequält werde – doch geschehe Gottes Wille.“
Als wir an der Universität in Wittenberg waren, gab es Magister Ambrosius Bernardus von Güterboch, meinen lieben Bruder, einen rechtschaffenen Mann, der Christus lieb hatte. Er lag einige Tage vor seinem Tod sehr schwach und krank. Doch Gott nahm ihm das Fühlen der Krankheit, als wäre er bereits in einem anderen Leben. Er sprach mit uns, als wolle er zu uns kommen und fröhlich mit uns sein. Dass er so krank war und sterben musste, wusste er gar nicht. Er sah den Tod nicht und konnte sich daher nicht vor ihm fürchten. Ja, er war nicht mehr in diesem Leben, außer wenn man von Christus sprach – dann bekannte er freimütig die große Gnade und Seligkeit, die uns durch den himmlischen Vater in Christus widerfahren ist. Denn er hatte Christus lieb und pflegte gerne zu beten und Gott den Vater im Geist und in der Wahrheit anzurufen.
Doch sobald man ihm von seinem geliebten Weib, seinen Kindern, seinem Haus, Geld oder Schulden erzählen wollte, war er gleichsam nicht mehr bei sich selbst, sondern in einer anderen Welt. Dennoch erkannte er uns alle und nannte uns beim Namen. Er sprach fröhlich, lachte und scherzte lieblich über andere Dinge, sodass einer, der seine Gedanken nicht kannte, hätte meinen können, er sei völlig gesund und müsse nur aus Langeweile im Bett liegen. Doch unser lieber Herr Jesus Christus nahm ihn in dieser seligen Verzückung aus diesem Leben zu sich.
So war er schon einige Tage vor seinem Tod dieser Welt entschwunden, denn er wusste nichts mehr, worum er sich auf Erden hätte sorgen müssen. Ja, es war ihm alles aus dem Herzen genommen – selbst seine Krankheit fühlte er nicht mehr, und er kümmerte sich nicht um den Tod. Ja, er sah den Tod nicht einmal. Wie hätte er sich dann vor der Sünde und dem Tod fürchten sollen? So sahen wir an ihm mit eigenen Augen erfüllt, was Christus in Johannes 8 spricht: „Wer mein Wort hält, der wird den Tod nicht sehen in Ewigkeit.“
Denn wenn auch nicht alle so sanft dahinsterben wie dieser Ambrosius, sondern mit großem Schmerz, wie auch der Sohn Gottes selbst am Kreuz starb – so sehen sie doch, wenn ihre letzte Stunde kommt, nicht den Tod, sondern das Leben. Und alle sprechen: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“
So hat unser lieber Herr Jesus Christus auch unseren herzgeliebten Vater, Doktor Martinus, mit solch einem seligen Abschied aus diesem Jammertal zu sich genommen.
Gott sei Lob und Dank in Ewigkeit. Amen.
In der Krankheit des Magisters Ambrosius, als ich sah, dass er auch nicht schlief, bat ich zwei Doktoren der Medizin, sie möchten ihm einen starken Schlaftrank zubereiten. Sie antworteten mir, dies sei gefährlich, und man könnte ihnen die Schuld geben, sollte es schlecht ausgehen. Ich sprach: „Ich will es verantworten, selbst wenn er darüber bleiben würde. Gebt es ihm im Namen Gottes, als einem Verzweifelten – wer weiß, es könnte helfen.“
Die Mediziner gaben ihm daraufhin einen Trank, jedoch nicht so stark, wie ich es begehrte, da sie sich sorgten. Da kam ihm der Schlaf mit Gewalt, sodass er zwei Stunden schlief. Doch als er erwachte, fühlte er seine Schmerzen, klagte darüber und sprach mit seiner Frau verständlich über allerlei Nöte. Doch bald danach, ungefähr eineinhalb Stunden später, war er wieder in seinem fröhlichen Wesen wie zuvor. Er wusste nichts mehr von dieser Welt, bis er nach einigen Tagen Christus seinen Geist aufgab.
Diese selige und fröhliche Geschichte von Magister Ambrosius, unserem lieben Bruder, habe ich nun gerne erzählt – aus zwei Gründen: Erstens, um eure Liebe ein wenig vom Weinen und Klagen abzuhalten, das uns nun wohl ansteht. Gott hat uns betrübt, seine Gnade tröste uns wieder. Zweitens, weil diese Geschichte zu unserer Sache dient, von der wir gerade sprechen.
Denn dieser Magister Ambrosius war der Schwager von Doktor Martin Luther. Deshalb besuchte Luther ihn oft in seiner Krankheit. Wenn er mit ihm von Christus sprach, so sprach Ambrosius auch von Christus, nach dem lieben Evangelium, wie gesagt. Doch wenn er mit ihm von seiner Frau, seinen Kindern oder seinem Besitz reden wollte, wusste Ambrosius nichts davon, sondern geriet sogleich in eine fröhliche Fantasie und sprach mit anderen Worten, wie zuvor berichtet. Besonders sagte er lachend und dankend zu Luther: „Herr Doktor, habt Dank, dass Ihr zu mir gekommen seid! Ich werde heute Abend wieder zu Euch kommen, dann wollen wir zusammen eine gute Mahlzeit halten, und ich will Euch von vielen fröhlichen Dingen erzählen.“
Nun, jetzt können sie dies beide im ewigen Leben ausrichten, wohin sie gemeinsam gereist sind. In diesem Leben war es ihnen nicht mehr vergönnt, sich auf diese Weise zu begegnen.
Als Doktor Martin von ihm wegging, sprach er zu mir: „Der ist dahin. Er weiß nichts vom Tod. Wenn wir ihm raten wollten, seine Angelegenheiten zu ordnen, so weiß er nichts mehr von dieser Welt und diesem Leben. Stattdessen ist er fröhlich, lacht und spricht mit uns von anderen Dingen in seiner fröhlichen Fantasie. Er spottet fast noch über uns mit seinen Worten, als wollte er sagen: ‚Ich habe nichts mehr auf Erden zu bestellen oder zu besorgen.‘ Gott gebe mir doch auch eine so stille und selige Todesstunde! Was soll ich noch auf Erden tun?“
Als Magister Ambrosius dann im harten Winter begraben wurde, im Januar des Jahres 1542, ging nicht lange danach Doktor Martin mit mir an seinem Grab vorbei. Da zeigte er mit der Hand darauf und sprach: „Der wusste nicht, dass er krank war. Er wusste auch nicht, dass er starb. Und dennoch war er nicht ohne das Bekenntnis Christi. Da liegt er nun – er weiß noch nicht einmal, dass er tot ist. Lieber Herr Jesus Christus, nimm mich ebenso aus diesem Jammertal zu Dir!“
Solche Worte musste ich oft von meinem lieben Vater hören. Und wenn er meine Betrübnis bemerkte – manchmal auch aus meinen Worten –, sprach er zu mir: „Bittet doch unseren lieben Herrn Gott, dass er mich bald zu sich nehme! Ich kann nichts mehr auf Erden tun, ich bin euch nicht mehr nütze. Helft mir mit eurem Gebet! Betet nicht, dass ich länger lebe.“
Nun kann sich wohl ein jeder denken, was ich meinem lieben Vater, unserem herzgeliebten Doktor, auf solche Worte geantwortet habe.
All dies zeigt, wie sehr er in seinen letzten Tagen dieses Jammertal verlassen und bei Christus sein wollte. Damit hat er auch sein „Es ist vollbracht“ gesungen und seinen Geist in die Hände des himmlischen Vaters befohlen.
Es sind auch vorhergehende Anzeichen gewesen, dass unser lieber Vater, Doktor Martinus, in ein besseres Leben wandern würde. Denn dieses ganze Jahr über hat er oft zu uns gesagt, er begehre an einen anderen Ort zu ziehen. Er ist auch öfter in diesem Jahr, vor seinem Tode, ausgezogen, als zuvor in vielen Jahren, nämlich in sein Vaterland nach Mansfeld, zum Bischof nach Zeitz, nach Merseburg, nach Halle. Dies sind gleichartige Anzeichen und Prophezeiungen gewesen, dass er diese selige Reise in ein besseres Leben antreten würde. Daher hat es sich auch begeben, dass er bei den Edlen und Wohlgeborenen Grafen und Herren zu Mansfeld, in der Stadt Eisleben, da er geboren und getauft wurde, aus diesem Leben abgeschieden und gereist ist, nicht anders, als er es begehrt hatte, außer dass er die Zeit lieber bei uns, seinem lieben Weib und seinen Kindern, verbracht hätte. Aber Gott hat es anders geschickt.
Dass ihr aber auch einen kurzen Bericht habt, liebe Freunde, von unserem herzlieben Vater, Doktor Martinus’ seligem Abschied, da er merkte, dass seine Stunde gekommen wäre, hat er also gebetet:
„O mein himmlischer Vater, ein Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi, du Gott alles Trostes, ich danke dir, dass du mir deinen lieben Sohn Jesus Christus offenbart hast, an den ich glaube, den ich gepredigt und bekannt habe, welchen der leidige Papst und alle Gottlosen sehen und verfolgen und lästern. Ich bitte dich, mein Herr Jesus Christus, lass dir meine Seele befohlen sein. O himmlischer Vater, auch wenn ich diesen Leib lassen und aus diesem Leben hinweggerissen werden muss, so weiß ich doch gewiss, dass ich bei dir ewig bleiben werde und aus deinen Händen mich niemand reißen kann.“
Und folgendes hat er dreimal gesagt: „In deine Hände befehle ich meinen Geist, du hast mich erlöst, du treuer Gott.“
Item: Johannes 3,16: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.“
Und so hat er seine Hände gefaltet und in stiller Ruhe seinen Geist Christus aufgegeben. Daher sollen wir uns mit ihm freuen, so viel wir auch trauern können.
Hier muss ich des heiligen Bischofs St. Martin gedenken, von welchem die Historia sagt, dass alle Ketzer erblassten und erbleichten vor seinem Namen. Item, dass ein großes Weinen und Trauern unter allen gläubigen und rechten Christen über den Tod St. Martins gewesen ist. Item, dass ein Disputieren und Hadern unter einigen Städten und Ländern war, welche den Leib St. Martins behalten und bei sich begraben sollten. Dies alles hat sich ebenso bei diesem heiligen Apostel und Propheten Christi, unserem Prediger und Evangelisten in deutschen Landen, Doktor Martinus, zugetragen, aber davon will ich nicht lange sprechen. Gott hat ihn nun selbst wert und lieb, und erhält ihn in seinem Schoß, der in diesem Leben uns und die Kirche Christi sehr geliebt hat. Vergelte es unserem lieben Vater, Gott in jenem Leben, da wir alle auch hoffen, zu ihm zu kommen.
Gebe Gott, dass auch auf die Nachkommen der Geist Gottes zweimal mehr reden werde, als der hohe, teure Mann geredet hat, und in der Kirche, die der liebe Vater gepflanzt hat, wie der Prophet Elisa von dem Elia bittet, da er von dem Elisa in einem Wirbelwind hinweggenommen wurde.
So wir aber fürchten oder denken, dass Gott den teuren Mann um unsere Sünde und Undankbarkeit willen weggenommen hat, so sollen wir unser Leben bessern, durch Christus, Gott, unseren himmlischen Vater herzlich anrufen, dass wir bleiben mögen in der seligen, reinen Lehre vom Glauben, und beschützt werden durch Christus, gegen die Rotten und Tyrannen und gegen alle Pforten der Hölle. Beschirme, Herr Christus, deine arme Christenheit, dass sie dich lobe in Ewigkeit. Hilf uns, Gott, unser Heiland, und errette uns um der Ehre deines Namens willen, und sei gnädig unseren Sünden, um deines heiligen Namens willen. Erhalte in deiner Kirche treue und gute Prediger, gib denselben Kraft und Stärke durch den Heiligen Geist, wie der 68. Psalm sagt: „Der Herr gibt das Wort mit großen Scharen von Evangelisten.“
Die unverschämten, greulichen, großen Lästerungen der Widersacher und der verstockten Pfaffen und Mönche, und dazu auch unsere Undankbarkeit, könnte wohl nun in der Welt großes Unglück und Strafe Gottes zur Ursache haben. Aber wir sollen Gott den Vater im Namen des Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, bitten, dass er um seines Namens willen tun wolle und erfüllen und wahr machen das Epitaphium und die Prophezeiung, die ihm unser lieber Vater, Doktor Martinus, selbst gemacht hat:
Pestis eram vivus, moriens tua mors ero, Papa.
Das ist auf Deutsch: „Papst, Papst, als ich lebte, war ich deine Pestilenz, wenn ich sterbe, so will ich dir dein bitterer Tod sein.“
Gott sei gelobt in Ewigkeit, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
Lasst uns beten etc.
Textgrundlage: Memoriam saecularem Funeris et sepulcari D. Martini Lutheris recolore studet D. Carolus Gottlob Hofmanns, Wittenbergae 1746.