Karl Barths Antwortbrief an Béla Vasady vom November 1938: „An diese andere Grenze habe ich in diesem Sommer und Herbst unablässig denken müssen: die Grenze zwischen einem Bereich, in welchem es allerdings auch keine auch nur von ferne vollkommene Ordnung der menschlichen Dinge gibt, aber immerhin mehr oder weniger aufrichtige Versuche dazu, immerhin noch Recht und Freiheit, immerhin noch einen Raum auch für die Kirche – und einem anderen Bereich, in welchem ein antichristli­cher Mythus seinen totalitären Anspruch auf den ganzen Menschen und auf jedes Lebens­gebiet erhebt und damit das Unrecht und die Unfreiheit zum Prinzip, die Kirche innerlich unmöglich macht. An dieser Grenze wird das politische Problem von selbst zum theologischen. An dieser Grenze war in diesem Jahr nicht nur die Tschechoslowakei und auch nicht nur die europäische Humanität, sondern auch die christliche Kirche angegriffen.“

Antwortbrief Karl Barths an Bela Vasady (1938)

Basel, St. Albanring 186, 9. November 1938

Herrn Professor Vasady Béla
Debrecen
Ungarn

Lieber Herr Kollege!

Entschuldigen Sie, dass ich Sie auf Antwort ein wenig musste warten lassen. Die Vorlesungen und Seminare des begonnenen Wintersemesters erlauben mir nur in gewissen Pausen, mich mit den Wirkungen des Sturmwindes zu beschäftigen, den mein Brief an Hromádka wie es scheint in halb Europa und nicht zuletzt auch in Ungarn hervorgerufen hat. Ich würde gerade Sie eigentlich lieber nicht inmitten der sehr gemischten Gesellschaft derer begrüßen, die mir wegen dieses Briefes Vorwürfe machen zu müssen meinen. Wissen Sie, wer alles zu dieser Gesellschaft gehört? Außer der ganzen deutschen Presse, die auf Kommando einen gleichlautenden Artikel unter verschiedenen Überschriften („Theologieprofessor als Kriegshetzer“, „Juden-Tschechen-Karl Barth“, „Karl Barths wahres Gesicht“ usw.) brachte: die holländischen und schweizerischen Neo-Calvinisten, die schweizerischen Religiös-Sozialen (!), den schweizerischen Liberalen – aber in einer etwas bedauerlichen Angst um ihre Existenz doch auch die Leitung der deutschen Bekenntniskirche! Aus Budapest ist mir ein feierlicher Protest von 60 theologischen Kindern zugekommen, hinter deren Worten ich die Stimme unseres Freundes Sebestyén zu hören vermeine. Und die theol. Fakultät in Gießen hat meine sämtlichen Bücher aus ihrer Seminarbibliothek entfernen lassen! Et tu Brute? Mussten Sie mir diesen Brief wirklich schreiben?

Darf ich Sie zunächst fragen, ob Sie meine Ihnen zugesandte Schrift „Rechtfertigung und Recht“ gelesen haben? Ich frage dies deshalb, weil ich, wenn Sie sie gelesen hätten, unmöglich verstehen könnte, dass Sie anzunehmen scheinen, meinen Brief an Hromádka auf die unheimliche Wirkung der tschechischen Propaganda zurückführen zu können. Ich habe in der ganzen in Frage stehenden Zeit außer einem Film (sollte er mich so bezaubert haben?!) von tschechischer Propaganda nichts gesehen oder gehört, wohl aber fast ununterbrochen dem deutschen Radio zugehört und im übrigen wirklich nur eine Anwendung jenes theologischen Satzes gemacht, den ich eben in jener Schrift jedenfalls so begründet zu haben meine, dass ein Mann wie Sie die Zusammenhänge sehen und verstehen müsste und mich nicht mit Argumenten von der Art, wie sie in Ihrem Brief entwickelt sind, widerlegen zu können meinen sollte. Unterdessen habe ich Ihnen als Vorläufer dieses Briefes zwei Kopien von Briefen geschickt, die ich nach Holland geschrieben habe, dazu die kleine Schrift über die Eidesfrage in der deutschen Bekenntniskirche, deren zweites Nachwort sich ja auch mit dem Gegenstand des Hromádka-Briefes beschäftigt. Ich hoffe, dass Sie, wenn Sie diese Dinge gelesen haben, schon jetzt ein wenig ruhiger über die Sache denken. Dennoch muss ich mich wundern, dass Sie, der Sie mich doch ziemlich gut kennen, zu solchem Sehen und Verstehen nicht vorher schon in der Lage waren. Siehe da, Vasady Béla, der Theologe, hat in voller Kenntnis so vieler meiner Bücher einem zweiseitigen Brief aus meiner Feder keine bessere Exegese widmen können! Ist das nicht viel schlimmer als alles, was „man“ in Deutschland und anderswo jetzt über mich sagen mag? [2]

Ist es nun dennoch nötig, dass ich Ihnen noch ausdrücklich sage, auf welchem schweren Missverständnis Ihr Brief beruht? Es ist klar, dass Sie wie die anderen Leute, die mir aus Ungarn geschrieben haben, meinen Brief an Hromádka ganz und gar nur unter dem Gesichtspunkt ihres Nationalitäten- und Territorialstreites mit der Tschechoslowakei gelesen haben. Sie erinnern sich, dass ich mir seinerzeit in Ungarn Mühe gegeben habe, mich in diesen Streit und in das Pathos, mit dem er von ungarischer Seite geführt wird, ehrlich hineinzudenken. Ich halte diese Fragen in der Tat nicht etwa für gleichgültig und kann den Ernst, mit dem Sie damit beschäftigt sind, an sich sehr wohl verstehen. Aber, lieber Herr Kollege, gibt es nun nicht doch auch noch einige andere und zwar wichtigere Fragen als diese? Und wäre es nicht möglich, dass man auch in dem so leidenschaftlich mit seinen National- und Territorialfragen beschäftig­ten Ungarn – oder wenigstens in der Kirche und Theologie Ungarns – einen Augenblick über die Existenz dieser wichtigeren Fragen nachdächte? Sehen Sie am 19. September, als ich jenen Brief schrieb, da war ich überhaupt nicht mit irgendwelchen National- und Terri­torialfragen beschäftigt. War es in jenen Tagen schon sichtbar, dass Ungarn und Polen die Verlegenheit ihres Nachbarn ausnützen wollten um ihre eigenen Wünsche zu befriedi­gen?[1] Ich war jedenfalls damit, aber auch mit der Sudetenfrage (also mit der deutsch-tschechischen Territorial- und Nationalfrage) als solcher nicht beschäftigt. Wegen irgend welcher Veränderungen auf der Landkarte würde ich wahrscheinlich überhaupt nicht an Hromádka geschrieben und sicher nichts von der Kirche Jesu Christi usw. gesagt haben, wie ich das auch vor zwanzig Jahren wohlweislich unterlassen habe. Lieber Herr Kollege, die Grenzen der Länder und Reiche dieser Welt haben mit wechselndem Recht und Un­recht sich verändert, seit die Welt steht. Es hat auch Ungarn fremde Völker unterjocht und wieder verloren (und heute wieder unterjocht!). … Solange es nur um diese Dinge geht (zu deren Beurteilung im einzelnen technische Kenntnisse nötig sind, die ich nicht besitze), würde ich jedenfalls schwerlich auch nur in einem Privatbrief so große Worte wagen, wie ich sie im September im vollen Bewußtsein und in aller Ruhe nach Prag geschrieben habe. Es gab und gibt aber eine ganz andere „Grenze“ als die um die es auf den Landkarten geht. Und an diese andere Grenze habe ich in diesem Sommer und Herbst unablässig denken müssen: die Grenze zwischen einem Bereich, in welchem es allerdings auch keine auch nur von ferne vollkommene Ordnung der menschlichen Dinge gibt, aber immerhin mehr oder weniger aufrichtige Versuche dazu, immerhin noch Recht und Freiheit, immerhin noch einen Raum auch für die Kirche – und einem anderen Bereich, in welchem ein antichristli­cher Mythus seinen totalitären Anspruch auf den ganzen Menschen und auf jedes Lebens­gebiet erhebt und damit das Unrecht und die Unfreiheit zum Prinzip, die Kirche innerlich unmöglich macht. An dieser Grenze wird das politische Problem von selbst zum theologischen. An dieser Grenze war in diesem Jahr nicht nur die Tschechoslowakei und auch nicht nur die europäische Humanität, sondern auch die christliche Kirche angegriffen: schlimmer als zur Zeit der Türkenkriege – denn wenn die Türken über Länder und Völker herrschen wollten, wenn sie unzählige Leiber getötet haben, so handeln es sich im Nationalsozialismus um den Willen und um die Macht, die Seelen gefangenzunehmen und zu verderben. Dass es an dieser Grenze zu einer Verschiebung zu Gunsten des Nationalsozialismus zu kommen drohte, das war es, was mich am 19. September beschäftigt hat. In dieser Sorge appellierte ich und appellie­re ich, nachdem diese Verschiebung stattgefunden hat, noch heute an Röm 13,3-4. In dieser Sorge trete ich als Theologe für die schweizerische Landesverteidigung ein. In dieser Sorge habe ich den Tschechen schon im Juli sagen lassen: Résistez! und habe ich dann auch an [3] Hromádka geschrieben, was ich geschrieben habe. Die Regierungen von England und Frankreich scheinen diese Sorge nicht zu kennen oder doch nicht ernst zu nehmen. Die öffentliche Meinung in Europa überhaupt hält diese Sorge für klein neben der Sorge vor dem Krieg. Alle und alle (inbegriffen mein Freund Vasady Béla!) haben so getan und tun noch so, als ob es um ein paar (vielleicht an sich berechtigte) Korrekturen der Landkarte gegangen sei, und kümmern sich nicht darum, dass das, was geschehen ist, einen weiteren, die Zukunft und in dieser Zukunft früher oder später sicher auch den Frieden aufs schwer­ste bedrohenden Triumph der grundsätzlichen Lüge und Brutalität bedeutet. Erlauben Sie, Ihnen zu sagen, dass ich diese heute von den allermeisten Menschen auch außerhalb des Dritten Reiches nicht beachtete Sorge für christlich geboten und notwendig halte und dass ich von ihr meiner­seits nicht lassen kann – auch dann nicht, wenn an Ihren ungarischen Beschwerden gegen die Tschechoslowakei noch soviel Wahres sein sollte. Mögen Sie an der Wiedergewinnung der südslowakischen Gebiete Ihre patriotische Freude haben! Aber möchten Sie doch auch ein wenig darüber nachdenken, was es eines Tages auch für Un­garn und die ungarische Kirche bedeuten könnte, dass Sie diese patriotische Freude Hitler zu verdanken haben! Sie schrieben mir in Ihrem Brief vom 28. Juni, Sie hielten es für sehr wahrscheinlich, dass in Folge der politischen Entwicklungen auch dem ungarischen Prote­stantismus ernste Probleme bevorstehen möchten. Ich denke, dass diese Wahrscheinlichkeit nun noch sehr viel größer geworden ist. Haben Sie dieses Problem – das Problem meines Hromádka-Briefes – unterdessen vergessen? Wenn Sie es nicht vergessen haben, wenn auch andere meiner ungarischen Freun­de es nicht ganz vergessen haben, dann sollten Sie jetzt nicht fortfahren, sich über diesen Hromádka-Brief nur deshalb zu ärgern und zu be­klagen, weil ich damit indirekt Ihrem patriotischen Anliegen in die Quere kam. Sie werden es vielleicht noch einmal einsehen, dass ich dabei besser auch für die ungarische Kirche gedacht und geredet habe, als Sie selbst es diesmal getan haben.

Mit freundlichem Gruß in unveränderter Gesinnung
Ihr
Karl Barth

Quelle: Karl-Barth-Archiv (KBA) 9238.182


[1] Nach der Besetzung des Sudetenlandes durch Hitler okkupierte Polen am 1. November 1938 das Olsa-Gebiet im Norden der Slowakei, Ungarn am 2. November einen breiten Streifen der südlichen Slowakei.

Hier das Typoskript als pdf.

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