Karl Barths Brief an Josef Hromádka vom September 1938 während der sogenannten Sudetenkrise enthielt die Worte „Jeder tschechische Soldat, der dann streitet und leidet, wird es auch für uns — und, ich sage es heute ohne Vorbehalt: er wird es auch für die Kirche Jesu Christi tun, die in dem Dunstkreis der Hitler und Mussolini nur entweder der Lächerlichkeit oder der Ausrottung verfallen kann“ und stieß nach einer auszugsweisen Veröffentlichtung in der Prager Presse vom 25.9. nicht nur in der Bekennenden Kirche, sondern auch in der Ökumene auf deutlichen Widerspruch. So schrieb der reformierte ungarische Theologieprofessor Béla Vasady einen Monat später an Barth:
Brief Vasady Bélas an Karl Barth
Debrecen, Ungarn.
24. Oktober 1938.
Lieber Herr Kollege!
Wir sind einander gegenüber immer sehr aufrichtig gewesen, und diese gegenseitige Aufrichtigkeit hat uns beide einander nahe gebracht. Diese Zeilen möchte ich auch im Zeichen dieser christlichen und freundschaftlichen Aufrichtigkeit verfassen.
Professor Hromádka hat mir und wohl auch anderen die Nummer der Prager Presse (25. IX. 1938) zugeschickt, in der Ihr an ihn gerichteter Brief abgedruckt ist. Der Inhalt dieses Briefes hat mich und Ihre anderen Freunde in Ungarn sehr peinlich berührt. Ich möchte nun in Bezug auf den Brief Folgendes bemerken:
1. Der Münchener Viermächtepakt hat die Tschechoslowakei ganz richtig verpflichtet, die sudetendeutschen Gebiete an Deutschland abzutreten. Die Übergabe erfolgte auch ohne besonderes Blutvergießen. Nach all dem, was geschehen ist, ist es unvermeidlich, dass man in Deutschland und wohl auch anderswo Ihre Zeilen mit dem Gefühl liest: siehe, Karl Barth, der Theologe, hat die Tschechen zum Kriege gehetzt in einer Sache, deren unblutige Erledigung den Politikern gelungen ist.
2. Hitler und seine Regierung haben erklärt, dass sie keine Tschechen zu Deutschland zwingen wollen. Hitler hat nur die deutschbewohnten Gebiete beansprucht. Von einem Freiheitskampf der Tschechen gegen die Deutschen zu sprechen, entbehrt also jeder wahren Grundlage.
3. Dieselbe Lage findet man vor, wenn man das Verhältnis der Tschechen zu Ungarn ins Auge fasst. Ich muss aufs entschiedenste erklären, dass ich absolut nicht geneigt bin, den Kampf eines solchen Volkes gleichzeitig als einen Kampf um die Kirche Christi aufzufassen, das sich innerhalb der Grenzen seines gewaltsam zusammengefügten Staates der alten Hussiten absolut unwürdig gezeigt hatte. Ich möchte an dieser Stelle nur auf einige bekannte Tatsachen hinweisen: Die Ungarische Reformierte Kirche in der Tschechoslowakei hat während 20 Jahren nicht erreichen können, dass der Staat ihre kirchlichen Gesetze genehmige, dass der Staat das reformierte theologische Seminar in Losonc[1] anerkenne, dass er die unrechtmäßig zurückgehaltenen Kongrua der reformierten Prediger bezahle. Das reformierte Gymnasium in Losonc sowie andere reformierte Schulen wurden schon 1919 aufgehoben. So sind nun die Söhne der Hussiten, die Sie in der zweiten Hälfte Septembers noch zum Kampfe aufgefordert haben!
4. Wir Ungarn glauben fest daran und hoffen darauf, dass wir die überwiegend von Ungarn bewohnten Gebiete, die im Trianoner Friedensvertrag unrechtmäßig an die Tschechoslowakei gekommen sind, innerhalb kürzester Zeit ohne jedes Blutvergießen zurückbekommen werden. Von Rechts wegen könnten wir unsere tausendjährigen Grenzen zurückfordern, aber wir bleiben vor dem Angesicht Gottes stehend innerhalb der ethnographischen Grenzen und verlangen nur die sofortige Übergabe der überwiegend ungarischen Gebiete. Für die anderen Nationalitäten der Tschechoslowakei, also für die Slowaken und Karpato-Ukrainer, verlangen wir das Selbstbestimmungsrecht, für die Gebiete mit Mischbevölkerung aber wollen wir Volksabstimmung. Das ist es aber, worauf die Tschechen sich einzulassen wahrscheinlich nicht wagen. Dies würde nämlich von ihnen mehr sittlichen Mut fordern, als der Freiheitskrieg, den Sie in Ihrem Brief erwähnen.
5. Die Tschechen waren immer Meister der spitzfindigen Diplomatie und der augenblendenden Propaganda. Sie, Herr Kollege, sind in den Bannkreis einer von Ihnen gar nicht geahnten (wenn auch nicht großen) Schlange geraten. Ihr Brief an Hromadka ist ein schlagender Beweis dafür, dass Sie der falschen Propaganda der tschechischen Demokratie (die heute vielleicht schon eher Nationalsozialismus zu nennen ist, weil die Interessen es so verlangen) anheimgefallen sind. Sie können dafür natürlich nichts. Aber ich glaube, dass Sie nach meinem Brief die Behauptungen der Söhne der einstigen Hussiten mit mehr Vorsicht aufnehmen und die an den gewaltsamen Grenzen der Tschechoslowakei stehenden tschechischen Soldaten gewiss nicht wieder einseitig und ohne Vorbehalt als die Soldaten der Kirche Christi ansehen werden.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr sehr ergebener
Vasady Béla
Quelle: Karl-Barth-Archiv (KBA) 9338.820
[1] Ungarischer Name der Gemeinde Lučenec in der Slowakei.