Von Wilhelm Vischer
Daß das Buch Esther in der christlichen Bibel steht, ist für viele unserer Zeitgenossen ein Ärgernis, wäre es nicht geraten oder gar geboten, diese „Ausgeburt der jüdischen Rachsucht“ auszumerzen aus der Heiligen Schrift der Kirche? Oder hat dieses Buch im Zusammenhang der ganzen Bibel denen, die an den Christus Jesus glauben wollen, etwas Heilsnotwendiges zu sagen? Die Frage stellen heißt sie beantworten, werden alle denken, die sich über die Unchristlichkeit des Buches ärgern. Aber da nun einmal Jesus Christus nach biblischem Zeugnis „ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses“ ist, müssen wir darauf gefaßt sein, daß gerade die Stellen der Heiligen Schrift, an denen wir anstoßen, für unsere Erkenntnis und unseren Glauben an Jesus Christus entscheidende Bedeutung haben. Auf alle Fälle wird es gut sein, wenn wir uns den Inhalt des Buches zunächst einmal vergegenwärtigen.
Die Geschichte spielt zu der Zeit des Königs Ahasveros, d. i. Xerxes I., der von 486 bis 465 vor Christi Geburt über das ungeheure persische Weltreich regierte, von Indien bis nach Abessinien über 127 Provinzen. Beim Thronwechsel waren die im Morgenland üblichen Wirren entstanden. Nachdem er sie niedergeschlagen hat, veranstaltet er im Vollgefühl unbeschränkter Macht ein halbes Jahr lang Feste für die Großen des Reiches. Sie finden ihren Abschluß in einem üppigen Gelage, zu dem alle Insassen der Burg in den Gartenhof des königlichen Palastes zu Susa eingeladen werden, um nach Herzenslust zu essen und zu trinken unter der Regel: „Man nötigt nicht!“ Es steigert die Lust am Besitz, wenn viele ihn bewundern. Das ist es, was den König treibt, den Reichtum seiner Herrlichkeit zur Schau zu stellen. Das reizt ihn, auf dem Höhepunkt des Festes auch noch sein Kostbarstes zu zeigen, das er nicht zeigen kann, ohne es damit zu verlieren: die Schönheit seiner Gemahlin. Sieben Kammerherren schickt er, sie zu holen. Sie aber weigert sich. Da beruft der König im Zorn den obersten Gerichtshof ein und legt ihm die Frage vor: „Was muß nach dem Gesetz mit der ungehorsamen Königin geschehen?“ Das Gutachten des weisesten Richters lautet: „Es handelt sich hier nicht um ein privates Vergehen der Königin, sondern um ein öffentliches, das die Ordnung des Reiches an der Wurzel verletzt. Denn alle Frauen werden unter Berufung auf das Beispiel der Königin ihren Männern den Gehorsam kündigen. Diese Katastrophe kann nur dadurch abgewendet werden, daß der König seine widerspenstige Gemahlin durch Reichsgesetz verstößt.“ Ahasveros stimmt zu. Die Königin Vasthi wird abgesetzt. Sobald der König wieder nüchtern ist, erkennt er, daß er ebenso unrecht wie töricht gehandelt hat, als er sich durch ein unwiderrufliches Gesetz der Perser und Meder seiner Gemahlin beraubte. Die Pagen, die ihn bedienen, sehen, daß er sich in Sehnsucht nach der Königin verzehrt, und raten ihm, sich wieder zu verehelichen. So werden denn aus allen Provinzen die schönsten Mädchen in den Harem geholt.
Unter ihnen befindet sich auch eine Jüdin mit dem lieblichen Namen Hadassa, d. h. Myrthe. Nach dem Tode ihrer Eltern hatte sie ihr Vetter zu sich genommen. Er trägt den babylonischen Namen Mardochai und stammt von Kis ab, dem Vater Sauls, des ersten Königs von Israel. Einer seiner Vorfahren war mit den oberen Zehntausend von Jerusalem durch Nebukadnezar nach Babel deportiert worden. Seiner vornehmen Abstammung entspricht es, daß er seine Wohnung in der Hofburg zu Susa hat und berechtigt ist, im königlichen Tore zu weilen. Hadassa verschweigt auf Befehl ihres Vormundes, daß sie Jüdin ist. Sie fällt aber gleich dem Haremsvorsteher durch ihre Schönheit auf und erst recht gewinnt sie durch ihre Bescheidenheit sein Wohlgefallen. Er verwendet auf ihre Verfeinerung, zu welcher jedem dieser Mädchen während zwölf Monaten alle erdenklichen Schönheitsmittel sowie Pflegerinnen zur Verfügung stehen, besondere Sorgfalt. Es ist ebenso sehr ein Zeichen der Klugheit wie der Demut dieser jüdischen Jungfrau, daß sie, wie die Reihe an sie kommt, dem König vorgeführt zu werden, es ganz dem Aufseher und besten Kenner der Frauen überläßt, die Ausstattung zu bestimmen, in der sie vor den König treten soll. Kein Wunder, daß sie das Herz des Königs gewinnt. Er setzt die Krone auf das schöne, demütige Haupt. Das frohe „Fest der Esther“ wird gefeiert — denn diesen glänzenden Namen führt sie von jetzt an — und, damit alle Untertanen die königliche Freude teilen, gewährt der glückliche Herrscher den Provinzen Steuererlaß und bewilligt den Armen des Volkes eine Getreidespende.
So ist die Jüdin Königin von Persien geworden. Der König ahnt aber nicht, daß die Erkorene seines Herzens Jüdin ist; denn auch in dieser höchsten Stellung bleibt sie der Weisung ihres Vormunds gehorsam. Nach diesen Begebenheiten kommt ein Günstling am Hofe hoch, Haman der Agagiter. Ahasveros verleiht ihm den Vorrang vor allen Fürsten in seiner Umgebung. Alle grüßen ihn kniefällig. Nur einer geht nicht in die Knie, der Jude Mardochai. Warum tut er es nicht? In einem apokryphen Zusatz antwortet Mardochai selbst: „Weil ich die Ehre, die meinem Gott gebührt, nicht einem Menschen geben wollte“. Eine überzeugende Begründung, die aber im biblischen Text nicht steht. Dort wird dafür bemerkt, Mardochai sei ein Nachkomme des Kis und Haman sei ein Agagiter gewesen. Ein Agagiter ist ein Abkömmling des Agag, jenes Königs der Amalekiter, den Saul, der Sohn des Kis, hätte hinrichten sollen. Es war der erste Auftrag, den Samuel ihm nach der Krönung gab, und weil er ihn nicht ausführte, wurde er als König von Israel verworfen (1. Sam. 15). Er hätte den göttlichen Fluch vollstrecken sollen, der seit dem Auszug der Kinder Israel auf Amalek ruht. Damals nämlich, als der Herr seine Erwählten aus der Knechtschaft der Weltmacht befreit hatte, fielen die Amalekiter sie in der Wüste an. Mose hob betend die Hände nach oben und Josua dämpfte die Feinde Israels. Nach dem Siege sprach der Herr zu Mose: „Schreibe das zum Gedächtnis in ein Buch und befiehl’s in die Ohren Josuas; denn ich will Amalek unter dem Himmel austilgen, daß man seiner nicht mehr gedenke“ (2. Mose 17,14). Der heidnische Seher Bileam mußte das Gleiche noch einmal mit endgeschichtlicher Bedeutung sagen, als die Israeliten vor dem Einbruch in das heilige Land standen:
„Israels König wird sich höher als Agag erheben.“
„Anfang der Völker (principium gentium) ist Amalek;
sein Ende führt zum Untergang“ (4. Mose 24,7.20).
Saul, Sohn des Kis, hätte als erster König in Israel den Spruch des Herrn vollstrecken sollen; er hat es nicht getan und ist dafür verworfen worden. Jetzt steht ein Nachkomme jenes Agag in der höchsten Gunst des Perserkönigs, und ihm gegenüber ein Nachkomme des Kis, des Vaters Sauls. Und hinter Agag-Amalek steht, wie mit Recht das Targum, die aramäische Verdeutschung des Estherbuches anmerkt, Esau. Haman gegen Mardochai — Agag gegen Saul — Amalek gegen Israel — Esau gegen Jakob, das ist die Formel für das Geschehen, das sich jetzt im Schloß zu Susa abspielt. Mit der Erwählung Jakobs auf Kosten Esaus hat die Geschichte Israels angefangen, wird sie jetzt damit schließen, daß das auserwählte Volk, das um seiner Untreue willen in alle Himmelsrichtungen zerstreut und der Weltmacht unterworfen ist, von Esau ausgerottet wird? Hat der Herr den Segen, der auf Israel ruhte, jetzt auf den Verfluchten Amalek gelegt? — Mardochai aus dem Stamm des Kis geht vor dem Agagiter nicht in die Knie.
Am Hofe ist man allgemein gespannt, ob wirklich die jüdische Abstammung einen Menschen vom Gebot des Königs entbindet — denn Mardochai hatte ihnen gesagt, daß er ein Jude wäre. Sie machen Haman aufmerksam auf das Ärgernis. Und dieser erklärt: „Ich werde mich schon rächen an meinem Beleidiger. Aber es ist mir zu wenig, diesen einen Juden zu vertilgen. Ich werde sie alle vernichten.“
Das ist ein sehr bezeichnender Zug: wenn es sich um die Juden handelt, dann ist die Unterscheidung der Einzelnen nach ihrer persönlichen Schuld nicht mehr am Platze; sie bilden eine Einheit und müssen in ihrer Gesamtheit unschädlich gemacht werden. Die Frage ist nur: wann? Zu ihrer Beantwortung wirft Haman das Los, das „Pur“. Er tut das im Monat Nisan. Das ist der Monat, in dem die Israeliten ihre Befreiung aus der Knechtschaft der Welt feiern. Der gleiche Nisan ist aber nach heidnischem Glauben der Schicksalsmonat, wo die babylonischen Götter die Versammlung (puchru) halten, in der sie die Geschicke der Menschen für das Neue Jahr verteilen. In diesem Monat wirft Haman das Los, um den Schicksalstag der Juden zu erfahren. Das Los fällt nicht im ersten Monat. Auch nicht im zweiten. Im dritten wieder nicht. Sollte es vielleicht überhaupt keinen Schicksalstag für diese Juden geben? Da endlich fällt das pur im zwölften Monat auf den dreizehnten Tag.
Jetzt begibt sich Haman zum König und trägt ihm die Sache vor: „Es gibt ein gewisses Volk, das zwischen den Völkern deines Reiches in allen Provinzen zerstreut und abgesondert lebt. Es hat seine eigenen Gesetze, die von denen aller andern Völker verschieden sind und es ihm unmöglich machen, die Gesetze des Königs zu befolgen. Es frommt dem König nicht, sie länger zu dulden. Beliebt es dem Könige, so werde ein Schreiben erlassen, sie auszurotten; dann kann ich sechszig Millionen Mark in die königlichen Schatzkammern abführen.“ Der König antwortet ihm: „Behalte das Geld für Dich, verfüge frei darüber und verfahre nach Gutdünken mit dem bewußten Volk.“ Zugleich zieht er den Siegelring von seiner Hand und gibt mit ihm dem Judenfeind die Vollmacht.
Jetzt kann in der königlichen Kanzlei die Verordnung des Progroms in den Sprachen der vielen Völker abgefaßt und mit der berühmten Relaispost in das Reich hinausgetragen werden, wo die Boten hinkommen, bricht Freude bei den Persern aus und Klage bei den Juden.
Mardochai erscheint, in einen Sack gehüllt und mit Asche auf dem Haupte, laut klagend vor dem Königstor. Die Königin erschrickt und läßt ihm andere Gewänder bringen. Er lehnt sie ab. Sie schickt ihren Kammerherrn zu ihm hinaus. Er kehrt zurück mit einer Abschrift des Progromerlasses und einem Aufruf an die Königin: „Tritt für dein Volk beim König ein!“ Sie läßt ihm wieder sagen, daß das ausgeschlossen sei und ihren sichern Tod bedeuten würde; weil jedermann, der ungerufen vor das Angesicht des Königs trete, Gefahr des Lebens laufe und sie zur Zeit die Gunst des Herrschers nicht besitze, seit dreißig Tagen nicht zu ihm gebeten worden sei. Doch Mardochai läßt das nicht gelten: „Denke nicht, daß du allein von allen Juden dein Leben retten werdest. Im Gegenteil, wirst du jetzt schweigen, dann wird den Juden von einem anderen Orte Rettung kommen. Du aber und dein Haus werden untergehen, wer weiß, ob du nicht eben um dieser Gelegenheit willen die Königin von Persien geworden bist!“ Daraufhin bittet Esther, daß alle Juden mit ihr fasten sollen: „In drei Tagen will ich zum König gehen. Komme ich um, so komme ich um.“
Ihr Opfermut wird belohnt. Sowie der König von seinem Thron aus sieht, daß sie in die Vorhalle eintritt, neigt er das Szepter ihr huldvoll entgegen und verspricht, ihrem Begehren bis zur Hälfte des Reiches zu willfahren. Trotzdem wagt sie es nicht, die große Bitte auszusprechen. Sie lädt den König ein, mit Haman heute bei ihr zu speisen. Er tut es und wie er nach dem Weingelage guter Laune ist, fragt er: „Was ist nun dein Begehr?“ Sie sagt: „Meine Bitte, mein Begehr — möge der König die Güte haben, morgen noch einmal mit Haman bei mir zu speisen, dann will ich nach dem Wunsche des Königs tun.“ Wenn nur nicht die Verzögerung zum Verhängnis wird!
Haman wird zu Hause von den Seinen mit Stolz erwartet. Er hat den Gipfel des Glückes erreicht. Er ist mit Gütern und Kindern reich gesegnet, des Königs Günstling und der Gast der Königin. „Doch alles freut mich nicht, solange dieser Jude lebt, der mir eben wieder im Tor begegnet ist und seine Knie nicht vor mir beugt.“ — „Häng ihn doch auf!“ antworten seine Frau und seine Freunde. „Laß einen fünfzig Ellen hohen Balken aufrichten und häng’ ihn morgen in der Frühe dran. Dann kannst du fröhlich zum Mahl der Königin gehen!“
In dieser Nacht findet der König keinen Schlaf. Das seltsame Gebahren der Esther beunruhigt ihn. Irgend etwas ist da im Tun, und welche Rolle spielt Haman dabei? Habe ich denn gar keinen Freund, der es mir mitteilte? Er läßt sich aus dem Lagebuch vorlesen und stößt dabei auf die Aufzeichnung, daß Mardochai ihm das Leben gerettet hat, als zwei Schwellenhüter ihn ermorden wollten. „Ist dieser edle Mann gebührend geehrt worden? Nein? Dann muß ich mich nicht wundern, wenn ich keine Freunde mehr habe. Die öffentliche Ehrung muß so schnell wie möglich nachgeholt werden.“
Am andern Morgen erscheint Haman zu ungewohnt früher Stunde im Vorzimmer des Herrschers. Er kann kaum warten, bis er den Juden am Holze hängen sieht. Er kommt dem König sehr gelegen: „Rate mir, wie soll ich einen Mann ehren, dem ich höchsten Dank schulde?“ Haman denkt; der Mann kann niemand anders sein als ich, und schlägt dem König vor: „Man kleide ihn in ein Gewand, das der König getragen hat, und setze ihn auf das Pferd, das der König bei der Krönung geritten hat; dann lasse man ihn durch einen Reichsfürsten auf den Stadtplatz führen und vor ihm ausrufen: „So tut man dem Manne, den der König ehren will.“
Ahasveros ist entzückt: „Führ’ es genau so aus und zwar mit dem Juden Mardochai!“ Er ahnt nicht, wie das Haman trifft. Und Haman darf nichts merken lassen. Völlig verstört kommt er nach Hause, wie seine Frau und seine Freunde erfahren, was sich zugetragen hat, erklären sie: „Wenn Mardochai, vor dem du angefangen hast zu fallen, vom Stamme der Juden ist, dann vermagst du nichts gegen ihn, dann wirst du vollends vor ihm fallen.“
Das Schicksal schreitet schnell. Schon kommen die Boten, um ihn zum Mahl der Königin zu holen. Und wie nach Tisch der König fragt: „Nun, Esther, sage, was ist dein Begehr?“ antwortet sie: „Ich bitte um mein Leben und um das Leben meines Volkes. Denn wir sind verkauft, ich und mein Volk, um vernichtet, getötet und ausgerottet zu werden.“ — Wer ist’s und wo ist er, der so etwas tun will? — „Hier ist der Feind, der böse Haman da.“ Der König stürzt in den Garten, um Luft zu schöpfen. Haman wirft sich der Königin zu Füßen, umklammert ihre Knie, um Gnade flehend. In dieser Lage findet ihn der König: „Soll da in meinem eigenen Hause der Königin Gewalt geschehen?“ Kaum ist das Wort aus seinem Munde, verhüllen Diener das Gesicht des dem Tode Geweihten und einer sagt, daß bereits der Galgen, den Haman für Mardochai, den Wohltäter des Königs, aufrichten ließ, im Gehöfte Hamans stehe, fünfzig Ellen hoch. Der König spricht: „Hängt ihn daran!“
Man vergißt fast über der Spannung dieser Szene, daß mit dem Tode des Judenfeindes die große Gefahr, die über den Juden schwebt, durchaus nicht abgewendet ist. Denn die Boten sprengen ja durch das ganze Reich mit dem Befehl, daß am Dreizehnten des zwölften Monats alle Juden vertilgt werden sollen. Drum müssen Esther und Mardochai den König noch einmal angehen und ihn bitten, daß er den Progromerlaß widerrufe. Ahasveros kann das nicht tun. „Denn ein Erlaß, der im Namen des Königs geschrieben worden ist, kann nicht widerrufen werden. Nehmt aber meinen Siegelring und ordnet an, was ihr für gut befindet.“ Jetzt wird in der königlichen Kanzlei ein neuer Erlaß ausgefertigt, wonach den Juden erlaubt wird, sich für ihr Leben zu wehren und ihre Bedränger zu töten. Mit Pferden des königlichen Gestüts wird dieser zweite Erlaß dem ersten nachgeschickt, und wo er hinkommt, füllt er die Juden mit Freude, und fällt ein Schrecken auf die Perser.
So naht der Schicksalstag. Die Juden richten unter ihren vom Schrecken gelähmten Hassern ein Blutbad an. Der König bringt persönlich Esther die erste Nachricht: „Allein in der Hauptstadt sind fünfhundert Perser um’s Leben gekommen, darunter die zehn Söhne Hamans. Was ist noch weiter dein Begehr?“ Auf ihren Wunsch hin wird den Juden in Susa die Bewilligung für einen zweiten Tag verlängert. Die Summe der im ganzen Reich Getöteten wird mit fünfundsiebzigtausend angegeben.
Zum dauernden Gedächtnis dieser Tage, in denen sich die Todesangst der Juden in Freude kehrte, stiften Mardochai und Esther das Purimfest. Der Brauch des Festes ist, daß die Juden auf dem Lande am 14. Adar, die in den Städten am 15., also nicht wie sonst üblich am Schlachttag, sondern an dem darauf folgenden Tag des Friedens fröhliche Gelage halten, sich gegenseitig Eßwaren senden und die Armen beschenken. Dem Festtage soll eine Zeit des Fastens und der Wehklage vorausgehen. Das ganze Buch ist offenbar zur Begründung dieses Purimfestes geschrieben, das seinen Ursprung in der Diasporajudenschaft des Ostens hat und von dort her wahrscheinlich erst hundert Jahre vor Christi Geburt auch im heiligen Land eingeführt worden ist. Es wird bis zum heutigen Tage von den Juden in allen Ländern gefeiert. Dabei gehört zu der Feier, daß jeder Israelit, groß und klein, das Estherbuch zweimal liest oder zuhört, wenn es gelesen wird. Es ist kein Fest der Rache, wohl aber ungehemmter Freude. Nach einem Ausspruch Rabas im Talmud ist es nicht nur erlaubt, sondern sogar löblich, am Purimfest soviel zu zechen, bis man zwischen „Verflucht sei Haman!“ und „Gepriesen sei Mardochai!“ nicht mehr zu unterscheiden vermag. Man treibt dabei auch allerhand Mummen-schanz, ähnlich wie die Christen an der ungefähr gleichzeitigen Fastnacht, und führt die dramatisch bearbeitete Esthergeschichte mit mancherlei Possen auf.
Das sind die wesentlichen Züge des Estherbuches und des Purimfestes, dessen Begründung es dient.
Wir fragen jetzt: wie ist diese Erzählung historisch zu werten? Der kürzlich verstorbene Babylonist Peter Jensen hat vor Jahren nachzuweisen versucht, daß der Erzählung ein Mythus vom Kampfe babylonischer Götter gegen elamitische zugrunde liege. Seine Aufstellungen haben seinerzeit großes Aufsehen erregt und eine nicht geringe Zahl von Anhängern gefunden. Die neuere Forschung ist wieder davon abgekommen, vor allem, weil sie feststellte, daß die Gleichsetzung der Namen der Hauptpersonen mit Göttern eine recht zweifelhafte Grundlage des Jensenschen Beweises sei. Hermann Gunkel[1] kommt auf Grund der modernen literarischen und historischen Forschung zu dem Urteil, man könne das Buch im strengen Sinne des Wortes als einen „historischen Roman“ bezeichnen. Das jüdische Purimfest setze ein elamitisches oder persisches Fest ähnlicher Art voraus. Zum Zweck der jüdischen Deutung und Gestaltung dieses Festes sei die heidnische Festsage nachgeahmt worden. Dabei seien die Hauptmotive aus der schweren Lage der jüdischen Diaspora genommen worden. Der jüdische Bearbeiter habe am Hofe zu Susa gelebt. Gunkel zeigt, wie er mit seiner Schilderung persischer Einrichtungen und Sitten ein lebendiges und zuverlässiges Bild der Zustände des Reiches überliefert (was bereits Eduard Meyer hervorgehoben hat), wie er besonders am Hofe genau Bescheid weiß; ja, ein Vergleich dessen, was er über die Räumlichkeiten im Königsschloß sagt, mit den Ergebnissen der französischen Ausgrabung der Burg von Susa läßt erkennen, in welcher Bauperiode der Verfasser des Estherbuches das königliche Schloß gesehen hat, nämlich in der Zeit zwischen Artaxerxes I. und Artaxerxes II., also zwischen 424 und 404 vor Christi Geburt. So kommt Gunkel dazu, dem Estherbuch einen „beträchtlichen Wert als Geschichtsquelle“ beizumessen. Doch will er damit keineswegs sagen, die Esthergeschichte sei historisch. Da ist er im Gegenteil der Ansicht: „Gerade das Hauptstück des Berichtes, der Mord der Judenfeinde, ist sicherlich nicht geschichtlich; und daß Esther je Königin gewesen ist, muß außerordentlich unwahrscheinlich bleiben. Auch hat sich, soweit wir wissen, eine allgemeine Judenverfolgung im Perserreiche niemals ereignet. Aber zu umso gewaltigeren Zusammenstößen mit dem Staate ist es unter den darauffolgenden Herrschaften der Griechen und Römer gekommen.“ Doch stammt der Judenhaß nicht erst aus der hellenistischen Zeit. Er ist so alt wie das Judentum, zu dessen eigenstem Wesen es eben gehört, daß es sich nicht einfügen kann in die Weltanschauungen und Lebensordnungen der Völker und den allgemeinen Haß erregt, „wie manches Mal, so dürfen wir uns vorstellen, mag im Gebiet des persischen Reiches Mord und Brand und Plünderung durch das Judenviertel gerast haben! wie manche Nacht mögen die Kinder bei festverschlossenen Fenstern und verrammelter Haustür neben Vater und Mutter gekauert haben, angstvoll zusammenzuckend bei jedem wilden Schrei der Masse, die draußen ihr Wesen trieb.’ In dieser verzweifelten Lage ist die einzige menschliche Hoffnung des Juden, daß das Reich mit seinen gewaltigen Machtmitteln ihn nicht im Stiche läßt. Der persische Staat wird das nie so getan haben, wie man nach dem Estherbuch meinen müßte. Diese Erzählung bietet uns den vorbildlichen Fall dafür, wie aus einem Wunsche eine Geschichte werden kann. Doch ist die Möglichkeit, daß eine abgewandte Gefahr der Judenschaft einer bestimmten Landschaft zugrunde liegt, offen zu halten.“ Soweit Hermann Gunkel, der das, was nach dem heutigen Stand der Forschung über den literarischen und historischen Wert des Estherbuches zu sagen ist, treffend ausspricht.
Was soll und will nun dieses Buch in der Bibel? Daß seine Aufnahme in den Kanon der heiligen Schriften einen fremden Zug in das Ganze der Bibel bringe und damit ihr „Gesicht“ entstelle, wäre zuviel gesagt. Aber es ist unverkennbar, daß es einen Zug im Gesicht der Bibel, nämlich den jüdischen Zug, der sonst mehr oder weniger leicht angedeutet ist, dermaßen verstärkt, daß wir ihn nicht mehr übersehen können, wenn wir gefragt werden: liebst oder hasest du das Gesicht der Bibel? Nachdem uns einmal beim Lesen der Bibel Esther und Mardochai begegnet sind, sehen wir bei allen Gestalten nicht nur im Alten, sondern auch im Neuen Testamente die fatale Familienähnlichkeit. Die Annahme liegt nahe, die jüdischen Schriftgelehrten, die die Auswahl der heiligen Schriften bestimmten, hätten im Estherbuch Geist von ihrem Geist erkannt und sich gefreut, es in die Bibel aufzunehmen. Dem widerspricht jedoch die Nachricht, daß 85 Älteste, worunter 20 Propheten, im Purimgebot kein Gebot Gottes erkennen konnten. Sie hoben aber die Versammlung nicht auf, bis Gott ihre Augen erleuchtete und sie in dem Wort des Herrn an Mose (2. Mose 17,14) den Befehl zur Feier des Purimfestes und zur Kanonisierung des Estherbuches fanden. Dort befiehlt Gott nämlich dem Mose nach dem Sieg über die Amalekiter: „Schreibe das zum Gedächtnis in ein Buch und befiehl’s in die Ohren Josuas; denn ich will den Amalek unter dem Himmel austilgen, daß man sein nicht mehr gedenke.“ Es ist die gleiche Schriftstelle, auf die wir oben bei der Frage geführt wurden, warum Mardochai vor dem Agagiter Haman nicht in die Knie gehen wollte. Aufgrund dieser Stelle ist also das Buch Esther von den Juden in die Bibel aufgenommen worden. Bald erfreute es sich dann auch besonderer Beliebtheit. Rabbi Simeon ben Lakisch (um 250) stellt es der Thora gleich und höher als die Propheten und die übrigen Schriften.
Ist dies bezeichnend für das Judentum und hätte die christliche Kirche, als sie die heiligen Schriften Israels übernahm, das Buch Esther wieder entfernen sollen, um damit deutlich den jüdischen Zug aus dem Gesicht der Bibel auszuwischen? Sie hat tatsächlich lange geschwankt und noch am Ende des vierten Jahrhunderts haben maßgebende Lehrer der alten Kirche gezögert, es unter die heiligen Schriften zu rechnen. Athanasius z. B. wollte nur soweit gehen, es den Katechumenen zum Lesen zu empfehlen. Schließlich blieb Esther dann doch in der christlichen Bibel und bekam ihren Platz unmittelbar neben der ungleichen Schwester Ruth. Hieronymus, der die Weisheit Gottes darin entdeckt hatte, daß das Alte Testament genau so viel Bücher enthalte wie das hebräische Alphabet, nämlich zweiundzwanzig, wies dem Estherbuch immerhin nur den letzten Platz an, wie schon Origines getan hatte. Damit, daß die Kirche die ganze Heilige Schrift des Alten Bundes einfach so wie sie war übernahm, bekannte sie, daß der gekreuzigte Christus Jesus die alleinige Offenbarung Gottes in ihrer ganzen durch das Alte Testament bezeugten Höhe und Tiefe und Breite und Weite sei, auch und nicht zuletzt der durch das Buch Esther bezeugte Erlöser. Die Kirchen der Reformation wußten wohl, was sie taten, als sie trotz dem persönlichen Widerwillen Luthers gegen das Buch Esther, dieses Bekenntnis ihrerseits ohne Einschränkung ablegten.
So steht denn bis zum heutigen Tag dieses Buch nicht nur in der jüdischen, sondern auch in der christlichen Bibel und macht für viele die ganze Heilige Schrift anstößig. Muß die christliche Kirche vielleicht heute doch den Mut haben, es auszuscheiden? Rabbi Schmuel ben Jehuda sagte: Als Esther die Weisen bat, man möge ihr Fest für die Dauer festsetzen, antworteten ihr diese: „Willst du unter den Völkern Haß über uns erwecken?“ Denn das Purimfest und das Estherbuch in der Bibel müssen ja alle Nichtjuden gegen die Juden aufreizen. Esther erwiderte: „Ich bin bereits in die Chroniken der Könige von Medien und Persien eingetragen“[2]. Das bedeutet für uns: Ihr könnt wohl das Estherbuch aus der Bibel streichen; die Esthergeschichte aber ist in den Annalen der Weltgeschichte unauslöschlich eingeschrieben, nicht nur mit Tinte und Druckerschwärze, sondern mit Blut und Feuer. Jedesmal, wenn es in der Geschichte der Völker um die letzten Entscheidungen geht, dann ist die Esthergeschichte wieder aktuell. Sie bezeichnet eben ganz einfach die unheimliche Wirklichkeit der Juden und der Judenfrage in unserer Welt, wer das Buch Esther aus der Bibel streicht, erklärt damit: die Judenfrage und ihre Lösung habe nichts zu tun mit der Offenbarung Gottes in Jesus Christus.
Das Estherbuch stellt die Judenfrage in voller Schärfe. Da ist ein einzigartiges Volk, zerstreut unter alle andern Völker und doch abgesondert von ihnen. Es will sich nicht einfügen und kann sich auch um seines eigensten Wesens willen nicht einfügen. Die Völker empfinden es als einen Fremdkörper, ja geradezu als einen Pfahl in ihrem Fleisch, der unbedingt herausgerissen werden muß. Die Wut und der Haß gegen diese Juden erklären sich nur zu einem kleinen Teil aus dem Gefühl der rassischen Verschiedenheit. Die naturgeschichtliche Betrachtung der Judenfrage ist eine Verharmlosung. Ebenso die moralische. Denn das Blut und die Moral der Juden sind nicht dermaßen verschieden vom Blut und der Moral der übrigen Menschen, daß deswegen die Juden als unerträglich empfunden werden müßten. „Ihre Gesetze sind anders als die aller Völker“, sagt Haman und weist damit auf den tieferen Unterschied hin. Aber auch er sagt nur „ihre Gesetze“, nicht „ihr Gesetz“ oder gar „das Gesetz des Herrn ihres Gottes“, weder ein Perser noch ein Jude sagt etwas davon, daß die Besonderheit der Juden in dem besondern Willen dessen begründet ist, der allein der wahre Gott ist und die Juden ausgesondert hat, um durch sie seine alleinige Gottheit zu offenbaren. Das ist das Merkwürdigste am Estherbuch, daß es davon ganz abzusehen scheint und an keiner Stelle etwas von Gott sagt, geschweige denn den alttestamentlichen Offenbarungsnamen Gottes nennt. Nicht einmal an jener Stelle, wo man beim Nacherzählen unwillkürlich „Gott“ sagt, nämlich dort, wo Mardochai der Esther erklärt: wenn du jetzt aus Angst um dein eigenes Leben nicht für uns beim König eintreten willst, dann wird uns auf andere Weise Hilfe von Gott kommen — auch dort heißt es statt „von Gott“ nur „von einem andern Orte her“. Von Gott wird offenbar absichtlich kein Wort gesagt. Und ebenso absichtlich wird der Name „Israel“, der die göttliche Berufung der Juden bezeichnet, verschwiegen. „Da war ein Jude, ein isch jehudi…“ heißt es nur. Wirklich nur als die „Juden“-Frage wird die Judenfrage im Estherbuch gestellt und beantwortet, als wäre sie nicht zugleich die Frage Israels, als wäre sie nicht die Gottesfrage, wo sie aber so gestellt wird, als wäre sie nur eine völkische oder gar nur eine biologische oder nur eine politische oder in irgendeinem Sinne nur eine Kulturfrage der Menschheit, da kann sie letztlich auch nicht anders beantwortet werden, als wie das Estherbuch es zeigt: in blutigen Schlägen und ebenso blutigen Gegenschlägen — ohne Ende, weder die eine noch die andere Partei erreicht den vollen Sieg. Trotzdem ihm die absolute Herrschergewalt des Perserkönigs und überdies der ganze Apparat der persischen Reichsverwaltung für diesen Zweck zur Verfügung standen, ist es dem „Judenfeind“ Haman ebensowenig gelungen, die Judenfrage durch die Vertilgung der Juden zu lösen, wie vor ihm dem Pharao von Ägypten mit seinen brutalen Methoden, und ebensowenig später den Griechen und den Römern und den Spaniern und den Russen und den Deutschen, warum nicht? weil eben die Judenfrage die Frage Israels ist, und das heißt: weil Gott der Herr es ist, der diese Frage gestellt hat und der sie allein beantworten kann.
Ist das etwa nur eine „Ansicht“, nicht mehr als eine „Idee zur Philosophie der Menschheitsgeschichte“? Nein, es ist eine Einsicht, die uns damit gegeben ist, daß das Estherbuch in der Heiligen Schrift steht. Denn damit, daß das Estherbuch ein Bestandteil der Bibel ist, wird bezeugt, daß die Judenfrage und ihre Lösung zu der biblischen Gottesoffenbarung gehören, wenn es wahr ist, daß wir nur dann an den lebendigen Gott glauben, wenn wir seinem durch die Heilige Schrift bezeugten Worte glauben — und mit der Anerkennung dieser Wahrheit steht und fällt die Kirche — so glauben wir auch nur dann an den lebendigen Gott, wenn wir glauben, daß er zur Offenbarung seiner Gottheit die Judenfrage selbst stellt und allein beantwortet. Das folgt aus der Tatsache, daß das Estherbuch zum Worte Gottes gehört, wir mögen uns daran stoßen; aber Gott sagt selbst: „Siehe da, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses“ (Röm. 9,33). Der Apostel Paulus weiß schon, weshalb er dieses Prophetenwort gerade bei seiner Erörterung der Judenfrage anführt. Denn es ist das Anstößigste der ganzen biblischen Offenbarung, daß Gott sie unlöslich mit der Geschichte der Juden verbunden hat. Der Herr, der Gott Israels, ist und bleibt der Gott der Juden. Gerade mit dem, was in den Augen der Welt die größte Schande sein muß, heiligt Gott seinen Namen. Das bezeugt die ganze Bibel. Überall, in den fünf Büchern Mose, in den Geschichtsbüchern, bei den Propheten, in den Psalmen, im ganzen Neuen Testament stellt sich die Judenfrage. Die Kinder Israel sind immer auch Juden. Das Estherbuch bringt uns das nur in besonders anstößiger Weise zum Bewußtsein. Und eben darin liegt seine Bedeutung. Das ist sein Beitrag zum Christuszeugnis. So laut, daß es nicht mehr überhört werden kann, bezeugt es: Der echte Christus löst die Judenfrage; tut er das nicht, dann ist er nicht der wahre Messias Israels und infolgedessen auch nicht der Heiland Gottes für die Welt.
Wenn die Gemeinde derer, die glauben und bekennen, Jesus von Nazareth sei der Christus Gottes, das Buch Esther in ihrer Heiligen Schrift hat, so erkennt und bekennt sie damit, daß Gott durch den gekreuzigten und auferweckten Christus Jesus die Judenfrage gelöst hat. Wohlgemerkt durch den Gekreuzigten und Auferweckten! D. h. eben darin besteht die Lösung, daß der Hohe Rat der Juden diesen Jesus zum Tode verurteilt und den Heiden übergeben hat mit der Begründung, es sei eine Gotteslästerung und eine Entweihung Israels, daß er sich für den König der Juden ausgegeben habe; und daß Gott seinerseits den auf diese Weise Hingerichteten von den Toten auferweckt und als den Christus erwiesen hat.
Die Judenfrage wird im Neuen Testament an der Einen Person Jesu entschieden. Dem entspricht es, daß sich in der Esthererzählung der Kampf um Sein oder Nichtsein des gesamten Judenvolkes auf das Ringen zwischen Haman und Mardochai konzentriert, Hamans Haß auf diesen einen Juden treibt ihn zu dem Plan, alle Juden zu vernichten; und wiederum genügt es ihm nicht, diesen Einen mit allen andern umzubringen: ihn will er schänden wie noch keiner geschändet worden ist und mit seiner Hinrichtung an dem fünfzig Ellen hohen Galgen ein Zeichen des Triumphes über die Judenschmach aufrichten, wird es ihm gelingen? Wer wird an diesem phantastisch hohen Galgen hängen, der Jude oder der Judenfeind? Darin liegt die größte Spannung der Erzählung. Ein Erzähler, der diesen Zug als nebensächlich behandeln würde, wäre zu tadeln. Ebenso ist das Christuszeugnis des Estherbuches ungenügend aufgedeckt, wenn die Bedeutung dieser Zuspitzung der Geschichte nicht erkannt ist.
„An das Holz hängen“ ist die von den Assyrern häufig abgebildete, bei den Persern übliche und später auch von den Römern oft vollstreckte Todesstrafe. Sie bestand darin, daß der Verbrecher lebend oder tot an einen Pfahl gehängt oder mit Nägeln daran befestigt wurde. Herodot verwendet dafür (z. B. III. 125) die gleichen griechischen Wörter, die das Neue Testament für das Kreuzigen braucht. Es ist eine unisraelitische Todesstrafe und bedeutet, wenn sie in Israel vollstreckt wird, die totale Entweihung: der Hingerichtete wird dadurch Gott hinge-hängt und seinem Zorne ausgesetzt. Der Leichnam darf nicht über Nacht am Holz bleiben, sondern muß noch am gleichen Tag beerdigt werden. „Denn ein Gehenkter ist ein Gottesfluch, und du sollst das Land nicht entweihen, das dir der Herr dein Gott zum Erbe gibt“ (5. Mose 21,23). Nach dem Alten Testament ist diese Todesstrafe nur zweimal von Israeliten an kanaanäischen Königen und zweimal von David in besonderer Weise an den Mördern Isbaals und an den Hinterbliebenen Sauls vollstreckt worden (Josua 8,29; 10,26f.; 2. Sam. 4,12; 21,9). Auffallend einsam im Alten Testament und alle Kreuzesgalgen der Welt überragend steht im Estherbuch das fünfzig Ellen hohe Holz, das Haman für den Juden aufgerichtet hat. Es kann für israelitisches Denken nichts Unmöglicheres und Widersinnigeres geben als die Vorstellung, der Christus Israels hänge an einem Kreuzesgalgen. Wenn der Hohe Rat den römischen Statthalter nötigt, an einem Juden diese heidnische Todesstrafe zu vollstrecken, so will er damit das heilige Volk entsühnen von einem Greuel, den dieser Eine über Israel gebracht hat. Daß Jesus in dieser Weise hingerichtet worden ist und nicht irgend einen Tod erlitten hat, darauf legen alle neutestamentlichen Zeugen großen Nachdruck. Hat Jesus nach dem Bericht des Matthäus in der ersten Leidensankündigung gesagt, er müsse vom Hohen Rat viel erleiden und dann getötet werden, so sagt er in der zweiten Ankündigung, des Menschen Sohn müsse in die Hände der Menschen überantwortet werden, und bei der dritten, er müsse vom Hohen Rat zum Tode verdammt und dann den Heiden übergeben werden, damit sie ihn verspotten und geißeln und kreuzigen. Es genügt nicht, daß die Juden ihn verurteilen und etwa wie später den Stephanus steinigen. Die Mitwirkung der heidnischen Obrigkeit ist notwendig, damit dieser falsche Christus als ein „Fluch“ abgetan werde. Das wird noch stärker durch das Johannesevangelium herausgestellt mit dem ausführlichen Bericht über die Verhandlungen der Juden mit dem römischen Statthalter, „Wenn dieser Mensch nach euerm Gesetz ein Verbrecher ist, so nehmt ihr ihn und richtet ihn nach eurem Gesetz“, sagt Pilatus. Die Juden gehen aber nicht darauf ein, diesen Fall als eine innerjüdische Angelegenheit zu erledigen. Sie erklären: „Wir dürfen niemanden töten“. Das gilt nur von der Todesstrafe durch Kreuzigung, die sich die Römer vorbehalten hatten und die jetzt die Juden an Jesus vollstreckt sehen wollen. Darum fügt der Evangelist auch die Erklärung bei, die Juden hätten das zu Pilatus gesagt, damit das Wort Jesu erfüllt würde, womit er selbst seine Todesart angedeutet habe. Er meint damit offenbar jenes Wort, das Jesus am Anfang des Evangeliums einem Mitglied des Rats, dem Nikodemus gesagt hat: des Menschen Sohn müsse „erhöht“ werden und zwar genau so, wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht habe (nämlich eben am Holz als ein Zeichen), damit jeder, der an ihn glaube, das ewige Leben habe (Joh. 3,14f.). Später hat Jesus noch einmal gesagt, er müsse von der Erde erhöht werden, um alle zu sich zu ziehen. Es ist sehr bedeutsam, bei welcher Gelegenheit das war, nämlich in dem wichtigen Augenblick, wo eine Gruppe von Griechen ihn zu sehen begehrte (Joh. 12,20ff.). Je leidenschaftlicher und hartnäckiger die Juden in den Verhandlungen mit Pilatus darauf bestehen, Jesus müsse durch den Vertreter der weltlichen Macht und am Kreuz hingerichtet werden, umso offener und verletzender stellt der römische Statthalter heraus, die Erfüllung ihres Verlangens bedeute, daß er als Nichtjude im Namen des Kaisers den König der Juden und damit den Messianismus der Juden hinrichte. Dem Pilatus ist es unheimlich, weil er etwas davon ahnt, daß er persönlich samt der Macht, die ihn ermächtigt, Jesus hinzurichten, durch diese Hinrichtung schuldig wird an dem „König der Wahrheit“. Aber vergeblich sucht er den Prozeß dem Hohen Rat zurückzugeben mit der Begründung, daß das Verbrechen Jesu nur das besondere Gesetz der Juden, nicht aber das römische Reichsrecht verletze. Die Juden erklären, daß gerade nach ihrem Gesetz dieses Verbrechen nur durch jene Todesstrafe gesühnt werden kann, die der Vertreter des Kaisers verfügen muß. Vergeblich verkündet Pilatus von der weltlichen Gerichtsbarkeit aus die Unschuld des Angeklagten. Vergeblich versucht er auf dem Wege der den Juden um ihrer Besonderheit willen alljährlich einmal gewährten Begnadigung eines religiös-politischen Aufrührers den „König der Juden“ freizugeben. „Nicht diesen, sondern Barabbas!“ schreien alle. Vergeblich zeigt er dem Volk Jesus mit der Dornenkrone. Sie bestehen darauf, nach dem Gesetz der Juden könne die Gotteslästerung Jesu, er sei der Christus, nur durch die Kreuzigung gesühnt werden. Vergeblich sagt ihnen Pilatus vom Richtstuhl auf dem Hochpflaster aus noch zweimal, bevor er den Befehl zur Kreuzigung gibt, es bedeute die Hinrichtung des Königs der Juden. Erst nachdem die Hohenpriester mit der Erklärung: „Wir haben keinen König als den Kaiser!“ in der Preisgabe Jesu zugleich jeden messianischen Anspruch des auserwählten Volkes preisgegeben haben, läßt der Vertreter der weltlichen Macht Jesus zur Kreuzigung abführen. Er verfehlt nicht, den Sinn dieser Kreuzigung zu veröffentlichen und endgültig festzulegen in der Überschrift, die er in der Heiligen Sprache und den beiden Weltsprachen abfassen und über dem Haupt Jesu am Kreuz anbringen läßt: „Jesus von Nazareth der Juden König“. Erst beim Lesen dieser Inschrift fangen die Juden an zu ahnen, daß die Kreuzigung Jesu die volle Preisgabe aller messianischen Ansprüche des auserwählten Volkes bedeuten solle. „Schreibe nicht ‚der Juden König‘!“ verlangen jetzt die Hohenpriester von Pilatus, „sondern daß er gesagt habe: ich bin der Juden König.“ Er geht aber nicht darauf ein. „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben“, antwortet ihnen der Statthalter des Kaisers mit Worten, die auffallend und nicht zufällig wie ein Zitat der Worte klingen, mit denen Xerxes Esther und dem Juden Mardochai geantwortet hat: „Ein Geschriebenes, das geschrieben ist im Namen des Königs, kann nicht zurückgenommen werden.“ Während jedoch der im Namen des Xerxes erlassene Progrombefehl dann doch durch einen Gegenbefehl in seinem Namen unwirksam wurde, damit das Judenvolk im persischen Reich auf die Zukunft des Christus Jesus hin erhalten bliebe, so ist der Befehl, durch den der römische Prokurator die Kreuzigung Jesu Christi verfügt hat, ebenso endgültig und unwiderruflich wie die Inschrift über dem Gekreuzigten, die das Scharfurteil über den jüdischen Messianismus bescheinigt. Nolens volens, widerwillig willig ist der Vertreter der Weltmacht und der Heiden in den Prozeß gegen Jesus eingeschaltet worden. Dadurch ist seine Kreuzigung erst möglich geworden. Und dadurch sind an seiner Verwerfung neben den Juden die Heiden mitschuldig geworden. Es hilft dem Pilatus nicht, daß er seine Hände in Unschuld waschen will. Durch ihn ist Jesus gekreuzigt.
So ist es also Jesus, der als der König der Juden am Holz hängt. Und die beiden Kreuze, das vor den Toren der heiligen Stadt errichtete und der fünfzig Ellen hohe Balken in Susa grüßen einander über die Länder und die Jahrhunderte hinüber. Das Estherbuch sagt: die Entscheidung der Judenfrage als der Gottesfrage fällt mit der Entscheidung, welcher von beiden, der Jude oder der Judenfeind am Holz erhöht wird. Die Estherlösung, daß die Juden den Judenfeind an den Galgen bringen, ist nur eine vorläufige Lösung, die das auserwählte Volk auf die endgültige Lösung hin am Leben erhält. Die endgültige Lösung, die jede vorläufige aufhebt und in ihrer Vorläufigkeit rechtfertigt, ist die Lösung, die Gott selbst bringt, indem er seinen Sohn als Juden durch die Juden unter Mitbeteiligung der Heiden am Holz erhöhen läßt, weder die Kreuzigung eines Juden durch die Heiden noch die Kreuzigung des Judenfeindes durch die Juden ist die Lösung. Obwohl das Wesen der Juden das Dasein der Heiden so völlig ausschließt, und umgekehrt das Wesen der Nichtjuden das Dasein der Juden ebenso völlig ausschließt, daß vom Menschen aus gesehen nur der vernichtende Sieg der einen über die andern die Lösung bringen kann, wer den Gegensatz nicht so ausschließlich sieht, hat der Judenfrage noch nicht auf den Grund geblickt. Das Unerhörte, das Wunder in der Lösung, die Gott gibt, liegt darin, daß er die beiden sich gegenseitig ausschließenden Lösungen der Menschen, von denen weder die eine noch die andere von Gott aus gesehen die Frage lösen kann, geschichtlich vereinigt, um darin Seine Lösung geschehen zu lassen. Der Hohe Rat der Juden und die heidnische Obrigkeit werden einig, in der Person Jesu den König der Juden am Schandpfahl zunichte zu machen. In diesem Augenblick, wo sie beide zu triumphieren meinen, wird der alleinige Sieg Gottes offenbar. Da wird es offenbar, daß seine Möglichkeit ihre beiden Möglichkeiten endgültig unmöglich macht. Es ist doch einfach so, daß im Prozeß Jesu die Juden mit letzter Leidenschaft das Gleiche durchsetzen wie die Juden im Estherbuch, und der Statthalter des römischen Kaisers so, daß die Juden es zu spät merken, eben das Ziel erreicht, das dem Judenfeind am Hofe des Perserkönigs vorschwebte. Der fanatische Selbsterhaltungswille der Juden, der die Esthererzählung beseelt, feiert im Prozeß gegen Jesus seinen Triumph und läuft eben damit dem Vertreter der Weltmacht in die Schlinge. Das ist der vollendete Gegensatz zu dem im Leben und Sterben Jesu geoffenbarten Willen Gottes, wenn das so ist, müssen wir dann nicht sagen, daß das Estherbuch und das Evangelium in unvereinbarem Gegensatz zueinander stehen? Ja, und trotzdem ergibt sich die Erkenntnis der unauflöslichen Beziehung der beiden zueinander. Der Heilige Geist hat das Evangelium dadurch unauflöslich mit dem Estherbuche verbunden, daß er zeigt, wie Gott seinen Sohn als den Heiland der Welt dadurch legitimiert, daß er ihn durch die Juden für die Juden und durch die Heiden für die Heiden sterben läßt. Indem Gott in der Kreuzigung Jesu durch die Juden und die Heiden die Sünde der Juden und Heiden sich vollenden läßt und sie richtet, vollzieht und offenbart er den alleinigen und völligen Sieg seiner Gnade und Treue über die Sünde der Welt. Denn damit daß er seinen Sohn als Juden geboren werden und am Kreuze als den König der Juden sterben und nach drei Tagen wieder auferstehen läßt, rechtfertigt er seine Auserwählung und die Erhaltung Israels und erfüllt er alles, was er Israel versprochen hat. Dadurch stiftet er den Frieden für die Todfeindschaft zwischen den Juden und den Nichtjuden. Denn nun ist offenbar, daß beide eins sind in der Versündigung an ihm, und daß beide allein von der Gnade leben, die ihnen angeboten wird in der Botschaft, daß Gott diesen einen zum Fluch gemacht und herrlich auferweckt hat, weil er sich aller erbarmt. Diese Lösung ist das Gericht Gottes über beide, vornehmlich die Juden und auch die Heiden. Und diese Lösung ist die Möglichkeit Gottes zur Erlösung aller, die daran glauben, der Juden vornehmlich und auch der Heiden.
Einer muß am Kreuz sterben zur Erlösung aller. Kaiphas hat es schon gesagt in der jüdischen Form: „Es ist uns besser, daß Ein Mensch sterbe für das ganze Volk, als daß das ganze Volk verderbe“ (Joh. 11,50). Die Gelegenheit, bei der er das sagt, ist bedeutsam. Nach dem größten Zeichen Jesu, nach der Auferweckung des Lazarus, berufen die Hohenpriester und die Pharisäer eine Versammlung des Hohen Rates ein, um zu beschließen, was nun zu tun sei. „Lassen wir ihn weiter so gewähren, so werden alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns sowohl den Ort als auch das Volk.“ Das heißt: durch ihn werden wir unser besonderes Daseinsrecht vor der Weltmacht verlieren. Da weist Kaiphas mit dem erwähnten Worte auf die einzig mögliche Lösung hin. „Dies sagte er aber nicht von sich aus“, erklärt der Evangelist, „sondern als der Hohepriester jenes Jahres weissagte er, weil Jesus für das Volk sterben sollte, und nicht für das Volk allein, sondern damit er auch die unter den Völkern zerstreuten Kinder Gottes zusammenbrächte in Eins.“ Das Wort des Kaiphas ist dem Evangelisten so bedeutsam, daß er später beim Bericht über den Prozeß Jesu noch einmal daran erinnert, wir beachten, daß er das Wort tiefer versteht, als es der Hohepriester der Juden gemeint hat. Dieser sieht nur die Errettung des Judenvolkes in der Opferung des Einen. Der Evangelist vernimmt darin die Verkündigung, daß durch den Tod dieses Einen alle Kinder Gottes, Juden und Nichtjuden in Eins zusammengebracht werden. Damit weckt er in uns die Erinnerung an die ergreifendste Stelle in der Esthererzählung, wo Mardochai die Jüdin, welche Königin von Persien ist, auffordert, sich ins Mittel zu werfen, damit nicht das ganze Judenvolk vernichtet werde. Ihren Einwand, daß das so gut wie sicher ihren Tod bedeute, weist er zurück mit dem Hinweis, daß sie ihr Leben gewiß verlieren werde, wenn sie es auf Kosten ihres Volkes erhalten wolle. Da entschließt sie sich zu dem schweren Gang mit den Worten: „Komme ich um, so komme ich um“. In diesen Worten der Esther fand Wilhelm Lohe unter allen Worten der Heiligen Schrift die gegebene Losung für die evangelischen Diakonissen. Und klingen nicht die vorangehenden Worte Mardochais auffallend und nicht zufällig ähnlich wie das Wort, mit dem Jesus seine Jünger anweist, ihm das Kreuz nachzutragen: „Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es finden“. So wie die Jünger Jesu in der Bereitschaft, als seine Nachfolger das Kreuz zu tragen, seine Zeugen werden müssen, so ist die gleiche Bereitschaft der Königin Esther ein vorlaufendes Zeugnis des gekreuzigten Königs der Juden. Aber Esther muß ja gar nicht für ihr Volk sterben! Nein, aber gerade so, daß sie vollständig bereit ist, ihre Bereitschaft aber die Erfüllung nicht in sich selbst findet, ist sie Zeugin für den Einen, der allein das einzige und für die Erlösung der Vielen genügende Opfer seines Lebens bringt, das auch durch die vollkommene Bereitschaft und auch durch das Martyrium nicht ersetzt, sondern eben nur bezeugt werden kann. Es ist das gleiche wie bei Abraham, dem Vater aller Christusgläubigen, der bereit war, seinen eingeborenen Sohn zu opfern, ihn aber zum Vorbild (en parabole) wieder bekam (Hebräerbrief 11,19). Und es ist noch einmal das gleiche wie bei dem unwiderruflichen Befehl des Perserkönigs, der das Judenvolk ausgetilgt hätte, wenn nicht doch der Gegenbefehl wirksamer gewesen wäre, im Unterschied zu dem Urteil des Statthalters des römischen Kaisers und seiner Inschrift über dem gekreuzigten Jesus Christus, die vollstreckt und unwiderruflich sind. In diesem einander Entsprechen und voneinander Unterschiedensein der Geschehnisse und Worte des Estherbuches und der Geschehnisse und Worte des Evangeliums erkennen wir die Eigenart der Beziehung des Alten zum Neuen Testament, der Beziehung von Verheißung und einmaliger Erfüllung. In dieser Weise bietet das Estherbuch als Teil der kirchlichen Bibel ein heilsnotwendiges Christuszeugnis dar. Es sagt aus: der nach Gottesratschluß durch die Juden gemeinsam mit den Heiden gekreuzigte Christus Jesus ist Gottes Lösung der Judenfrage als der Frage, die er mit der Auserwählung Israels gestellt hat und nur er selbst beantworten kann. Man könnte einwenden, es sage damit etwas, das man auch ohne Estherbuch aus der übrigen Bibel erkennen könne und müsse. Umso besser! antworten wir. Oder wäre es nicht äußerst bedenklich, wenn das Estherbuch ein Christuszeugnis enthielte, das der ganzen übrigen Bibel fremd wäre? So ist es jedoch in der Tat nicht, sondern die Bibel sagt an mancher Stelle das Gleiche. Es hat aber offenbar seine tiefe Notwendigkeit, daß diese Seite des Christuszeugnisses durch das Buch Esther in besonders anstößiger Weise hervorgekehrt wird. Dadurch soll jeder, der zum Glauben gerufen wird, unausweichlich vor die Erkenntnis geführt werden: es gibt keinen echten Glauben an Jesus, den Heiland der Welt, der nicht dem gekreuzigten König der Juden huldigt und bekennt: Jesus ist als der gekreuzigte König der Juden der Christus Israels zum Heil der Welt.
Dieser Glaube allein begreift und ergreift die einzige Möglichkeit zur Lösung der Judenfrage. Eine „christliche“ Welt, die nicht ernst damit macht, daß das Evangelium die Erfüllung des Estherbuches ist, und die Judenfrage nicht im Glauben an das Evangelium löst, verblutet sich an ihr. Denn die Erfüllung ist endgeschichtlich. Das heißt: die Judenfrage ist durch die Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi erfüllt, aber nicht abgetan. Das Wort Jesu „Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen“ gilt auch hier. Er ist nicht nur gekreuzigt, sondern auch auferstanden. Und der Auferstandene ist nun erst recht der Christus Israels und sitzt als solcher zur Rechten der Kraft (Ps. 110) und wird als „der Menschensohn“ in den Wolken des Himmels wiederkommen (Matth. 26,64). Das hat Jesus dem Hohen Rat als Letztes gesagt und damit die Frage des Hohenpriesters, ob er der Christus sei, im umfassendsten Sinne bejaht. Die Beziehung dieser letzten Aussage Jesu auf die weltgeschichtlichen Perspektiven der Auserwählung Israels, wie sie im Buch Daniel gezeigt werden, ist wohl zu beachten. Nach der Erklärung, die der Engel dem Daniel gibt, bedeutet die Erscheinung des Menschensohns in den Wolken, daß nach dem vernichtenden Gericht über die Raubtierreiche „das Reich und die Herrschaft und die Macht unter dem ganzen Himmel dem heiligen Volk des Höchsten gegeben werden; und ihr Reich ist ein ewiges Reich und alle Mächte müssen ihnen dienen und untertan sein“ (Daniel 7,27). Die Erhebung Esthers zur Königin des Perserreiches und der Sieg, den sie in dieser Stellung für das heilige Volk des Höchsten erringt, sind Vorzeichen, in die Weltgeschichte vorausgeworfene Schatten der Erscheinung des auferstandenen und am Ende zur herrlichen Einnahme des Reiches wiederkommenden Christus. Alle Siege, die der Herr dem Volk des Alten Bundes in der Geschichte verliehen hat, haben nach biblischem Zeugnis diese Bedeutung von Vorzeichen des letzten Sieges. Allerdings müssen wir bedenken, daß diese ganze Siegeslinie des Alten Testamentes durch den Tod Jesu gebrochen ist und daß alle Verwirklichungen und Wünsche, die im Alten Testament auf dieser Siegeslinie liegen, mit Jesus begraben sind. Aber ebenso gewiß ist, daß die Auferstehung Jesu die herrliche Erfüllung aller Siegesverheißungen verbürgt. Diese Erfüllung geht weit über den Rahmen von Israel-Juda hinaus. Seit Pfingsten wird das heilige Volk des Höchsten aus allen Völkern aufgerufen und gesammelt, wenn jetzt die großen Reichsverheißungen des Alten Testaments auf die Christusgläubigen aus den Völkern übertragen werden, so liegt die Auffassung nahe, jede Besonderheit und Auszeichnung von Israel-Juda sei damit hinfällig geworden. Man könnte sich die Sache so denken: Gott habe Israel auserwählt und in den Jahrhunderten vor Jesu Geburt erhalten, damit er seinen Christus aus Israel hervorgehen lassen, und so in Erfüllung seiner Verheißungen das Heil von den Juden kommen konnte: nachdem aber die Juden den Christus Jesus den Heiden überantwortet hätten und Gott ihn als den Heiland der Welt auferweckt habe, sei es aus mit den Juden; mehr noch: die einzigartige Beziehung der Messiasverheißung auf Israel sei damit völlig aufgegeben.
Dem entsprechen jedoch die neutestamentlichen Aussagen keineswegs. Wohl ist jede Beschränkung und Entstellung der messianischen Erwartung im Sinne der jüdischen Selbsterhaltung und Selbstverherrlichung gerichtet und jede Beschränkung des Christusheils auf Israel aufgehoben. Wohl ist jetzt der Zaun zwischen den Heiden und Israel abgebrochen, so daß die Heiden einen offenen Zugang zum vollen Heil haben und Vollbürger des Reiches Gottes werden können. Mehr noch: in der Tat haben die Juden jedes Daseinsrecht und vollends das Recht, weiterhin das auserwählte Gottesvolk zu sein, restlos verloren. Aber das ist das Unerhörte: gerade jetzt, wo von einem Recht endgültig nicht mehr die Rede sein kann, verherrlicht Gott an ihnen seine Gnade, in der er sie am Anfang berufen und je und je erhalten hat. Er vollendet die Offenbarung seiner Treue dadurch, daß er auch nach der Kreuzigung Jesu „Israel nach dem Fleisch“ nicht nur am Leben läßt, sondern ihm darüber hinaus die besonderen Versprechungen hält. Er will die Erlösung der Welt, die er mit dem Aussondern Israels angefangen hat, mit den Juden auch vollenden. Darum bewahrt er von Israel nach dem Fleisch einen „heiligen Rest“, der weder durch Emanzipation noch durch Assimilation in den Völkern aufgehen, noch in einem Ghetto eingekapselt, noch durch zionistische oder ähnliche Bestrebungen eine Nation unter den Nationen, noch durch pharaonische oder hamanische Maßnahmen ausgerottet werden kann. Darum ist die Judenfrage eine offene Wunde am Leibe der Menschheit und für Gottes Herz, die sich erst dann ganz schließt, wenn die Juden in völliger Umkehr glauben und bekennen, daß Gott Jesus, den sie den Heiden zur Kreuzigung übergeben haben, zum Christus und Herrn gemacht hat. Dann kommen die Zeiten der Erquickung vom Angesicht des Herrn, wo Gott den zuerst und zuletzt Israel bestimmten Christus Jesus in Herrlichkeit wiedersenden wird, den der Himmel aufnehmen muß bis zu den Zeiten der Apokatastasis, des völligen Zustandekommens von allem, was Gott durch den Mund seiner heiligen, von Ewigkeit her ausgesandten Propheten geredet hat (Apostelgeschichte 3,19ff.; Matth. 17,11; 23,39).
An verschiedenen Stellen der Bibel wird der Finger auf diese offene Wunde gelegt, am nachdrücklichsten wohl im Römerbrief. Nachdem der Apostel Paulus in acht Kapiteln entwickelt hat, wie das Evangelium vom Christus Jesus die Kraft Gottes ist zur Errettung eines jeden, der glaubt, des Juden zuerst und des Griechen, und wie nichts in der Welt diese Heilsmöglichkeit Gottes in Frage stellen kann, — da bricht er auf einmal in die Klage aus, daß er ein großes Leid und unablässig ein Weh in seinem Herzen trage wegen der Juden, die seine Brüder sind, seine Verwandten nach dem Fleisch. Daß sie als Gesamtheit den Christus Jesus immer noch ablehnen, ist ihm nicht deshalb ein unerträglicher Schmerz, weil sie seine Verwandten sind, sondern weil ihnen doch in erster Linie die Kindschaft und der Bund und die Verheißungen gelten und durch die jüdische Geburt des Christus bestätigt worden sind. Diese Juden sind eben trotz allem Israeliten. Es ist auffallend, wie der Apostel, der in den ersten acht Kapiteln immer nur von Juden geredet hat, jetzt, wo er die Judenfrage erörtert, sie „Israel nach dem Fleisch“ nennt, nicht mit ihrem völkischen, sondern dem Verheißungsnamen. Um der Ehre Gottes willen wünschte er, wie seinerzeit Mose (2. Mose 32,32) und in beschränktem Sinne auch Esther, zur Errettung seiner Brüder geopfert zu werden, verflucht zu sein von Christus weg. Aber das kommt nicht in Betracht. Gott braucht dieses Opfer nicht, so wenig als sein Wort hinfällen darf und kann. Es genügt völlig, daß der Sohn Gottes zum Fluch geworden ist. Und es entspricht durchaus dem Worte Gottes, daß Israel bis auf einen verschwindenden Rest durch das Gericht ausgeschieden wird. Oder sollte Gott sein Volk doch ganz verstoßen haben? Unmöglich! Sie sind an Gott gescheitert, ja, aber eben an dem Felsen seiner Treue, nicht damit sie zugrundegingen, sondern damit vielmehr durch sie und an ihnen das Erbarmen Gottes in seiner Unergründlichkeit offenbar werde als der einzige Grund des Heils für jeden Menschen. Ihr Fallen ist die Rettung der Heiden — um hinwiederum sie selbst (die Juden) eifersüchtig zu machen. Israel, das je und je das von Gott ihm angebotene Heil verworfen hat, soll dadurch, daß es sehen muß, wie jetzt die Heiden dieses Heil ergreifen, das doch in erster Linie ihm zugesprochen ist, so eifersüchtig werden, daß es schließlich umkehrt zu seinem Gott und seinem Christus. Wenn ihre Verwerfung die Rettung der Welt ist, was wird dann ihre Annahme anders sein als Leben aus den Toten? Das wird das Letzte sein, das herrliche Ziel Gottes; und von der Umkehr der Juden hängt es ab, daß dieses Ziel erreicht wird. Darum sieht der Apostel Paulus die Doxa seines Heidenapostolats, die tiefste Begründung und Rechtfertigung seiner Sendung an die Heiden darin, daß er mit dem Hereinrufen der Heiden in den Christusbund letztlich die Juden für den Christus Gottes gewinne.
Wir sollen uns hüten, in dieser Sache mehr wissen zu wollen, als die Schrift uns sagt, und auf Geschichtsspekulationen zu verfallen. Eben darum sollen wir das annehmen und uns genau an das halten, was die Schrift sagt. „Ich will euch nämlich“, sagt Paulus, „über dieses Geheimnis nicht in Unkenntnis lassen, damit ihr euch nicht eure eigenen Gedanken macht.“ In der Judenfrage liegt nicht nur ein weltgeschichtliches Rätsel, das auf dem Weg der Spekulation oder der Gewalt zu lösen wäre, sondern ein Mysterium, ein Geheimnis, dessen Enthüllung zum Ende der Wege Gottes gehört. Hier liegt das eine entscheidende Geschichtsproblem des Evangeliums. Alles, was sonst über Christus und die Geschichte der Völker zu sagen ist, muß von daher sein Gewicht haben, oder es ist belanglose Spekulation. Die Geschichte der Juden ist der rote Faden der Weltgeschichte. Das dürfte einem Rückblick auf die nunmehr bald zwei Jahrtausende christlicher Weltgeschichte nicht ganz verborgen bleiben. Völker sind hochgekommen und wieder untergegangen, die Juden aber sind geblieben. Und mehr als einmal, wenn es in einer Epoche um’s Letzte ging, dann ist das Buch Esther aktuell geworden. Die verschiedenen, mit größter Leidenschaft unternommenen Versuche, die Juden auszutilgen, haben noch immer das Gegenteil bewirkt, nämlich daß die Juden, die sich an die Welt verloren hatten, nun sich selber wiederfanden. „Das Abziehen des Siegelrings (womit der Großkönig dem Judenfeind die Vollmacht gibt)“, sagte Rabbi Abba ben Kahana als Auslegung von Esther 3,10, „wirkte mehr als die 48 Propheten und 7 Prophetinnen, die Israel predigten; sie alle bekehrten sie nicht zum Guten, während das Abziehen des Siegelringes sie zum Guten bekehrte“[3]. So oft auch Gott das untreue Volk seiner Wahl den Völkern preisgab, es zu schänden, so geschah doch immer wieder das Wunder, daß er sich einen Rest bewahrte. Es wurde immer wieder etwas sichtbar von dem Geheimnis, das nach dem letzten Lied des Mose (5. Mose 32,34ff.) Gott bei sich selbst aufgespeichert und in seinen Schatzkammern versiegelt hat:
„Mein ist die Rache. Ich vergelte.“
„Es wird der Herr sein Volk verwalten
Und über seine Knechte sich erbarmen.“
Die Kirche Christi, die um dieses Geheimnis weiß, muß es auch bekennen und in Buße und Glauben die große Möglichkeit zur Lösung der Judenfrage ergreifen, daß nämlich die Fülle der Heiden in den Christusbund eingehen darf und dadurch das auserwählte Volk eifersüchtig gemacht wird, wie soll die Judenschaft eifersüchtig werden auf eine Christenheit, die gar nicht christlich ist? So ist die Judenfrage die Christenfrage[4], so gewiß wie Jesus Christus der Erfüller der Verheißung des Buches Esther ist.
Quelle: Wilhelm Vischer, Esther, TEH 48, München: Chr. Kaiser, 1937.
[1] Hermann Gunkel, Esther. Tübingen 1916.
[2] Bab. Talmud, Traktat Megilla, Fol. 7a.
[3] Bab. Talmud, Traktat Megilla, Fol. 14a.
[4] ‚) Vergl. Wl. Solowjoff, Judentum und Christentum (Band 4/5 der Rußland-Bücherei des Hans Harder Verlags Wernigerode).