Vor kurzem haben wir vernommen, daß in einer englischen Gemeinde die Independant Congregational Church einem Ehepaar, beides Theologen, das Pfarramt zur gemeinsamen Ausübung übertragen hat. Die Frau des Pfarrers, Mutter von drei Kindern, hat in Oxford und London studiert. Wir werden annehmen dürfen, daß die Gemeinde solcherweise deshalb entschieden hat, weil ihr das pfarrherrliche Ehepaar schon bekannt ist und sie sich von diesem gemeinsamen Einsatz von Mann und Frau das für ihr kirchliches Leben Richtige verspricht. Wir haben eine schweizerische Theologin gebeten, uns ihre Meinung zu einem allfälligen gleichen Wirken in der Schweiz mitzuteilen Sie sandte uns bereitwillig ihre Antwort, die sie „nicht wohl anders als theologisch geben könne“. Damit ist eine Meinungsäußerung entstanden, die sich auch mit dem kirchlichen Leben an sich befaßt. Wir geben dieser Antwort als persönliche Aeußerung einer Schweizer-Theologin gerne Raum in der Annahme, daß sie mancherorts als Beitrag zur vertiefenden Betrachtung diene. Red.
Sic fragen mich, was ich als Schweizer Theologin zu obiger Notiz zu sagen hätte. Nun, ich freue mich, daß Mr. und Mrs. Coltman wieder in eine Gemeinde gerufen wurden, wo sie eine gemeinsame Arbeit ausüben können, nachdem Mrs. Colt man vor einigen Jahren von einer ähnlichen Stellung zurückgetreten ist, offenbar, weil auch in England die Widerstände gegen die Mitarbeit der Frau in der Kirche noch nicht völlig überwunden sind. Sic fragen mich, ob ich es begrüßen würde, wenn ein Gleiches in der Schweiz möglich wäre. Darauf ist zu antworten, daß solche gemeinsame Arbeit in der Schweiz nicht überall völlig ausgeschlossen ist, habe ich doch selbst während beinahe acht Jahren in der Walliser Diaspora eine ähnliche Arbeit in Gemeinschaft mit meinem Manne ausgeübt, wobei mir nur ganz wenige und geringfügige Beschränkungen auferlegt waren Die kirchlichen Verhältnisse sind eben bei uns in der Schweiz von Kanton zu Kanton verschieden; es gibt Kantone, in denen jede pfarramtliche Arbeit der Frau von Gesetzes wegen von vornherein unmöglich ist, und andere, in denen es der einzelnen Gemeinde freisteht, einer Frau ein Mehr oder Weniger an pfarramtlicher Arbeit zu übertragen. Auch in diesen Kantonen hängt noch viel von der einzelnen Gemeinde ab und es wird oft von Fall zu Fall über jede einzelne Funktion entschieden.
Sie fragen weiter, wie ich meine Mitarbeit als Theologin und Pfarrfrau ohne die Möglichkeit einer Ordination gestalte. Dazu ist zunächst zu sagen, daß bei uns merkwürdigerweise noch nicht einmal alles an der Ordination hängt. Ich bin nie ordiniert worden und habe doch zu Zeiten volle pfarramtliche Arbeit getan. Ordination bedeutet religiös, daß die Kirche bereit ist, einen Arbeiter in der Gemeinde des Herrn „auszusenden“, d. h., als Arbeiter anzuerkennen und seine Arbeit innerlich zu tragen. Die Zürcher Kirche, der ich entstamme, nimmt in der Frage der Theologinnen eine Gamalielhaltung ein (Ap. 5,34), sie läßt uns zwar arbeiten, aber sie hat noch keine Form gefunden, um zu dieser Arbeit ja zu sagen. Die Ordinationsform, die sie den männlichen Pfarrern gewährt, glaubt sie uns aus juristischen Gründen verweigern zu müssen. Wir Theologinnen sind dankbar für jede Arbeit, die wir tun dürfen, aber es ist uns tief schmerzlich, daß unsere Kirche den Ruf, den wir glauben erhalten zu haben, nicht auch ihrerseits hört und uns aufnimmt.
Damit ist auch die Antwort auf den übrigen Teil Ihrer Frage gegeben: Wir Schweizer Theologinnen, wenn wir auch stets die Meinung verfochten haben, es könnte von uns ein besserer Dienst getan werden, wenn unsere Kirche uns keine Beschränkungen auferlegte, haben doch von jeher jeden Dienst und jede Arbeit getan, die uns möglich war. An unserer Berufung können keine kirchlichen Verbote etwas ändern, und so sind wir eben je und je ganz schlicht durch die Türen gegangen, die der Herr der Kirche uns aufgetan hat. Dabei verhält es sich so, daß diejenigen Theologinnen, welche mit einem Pfarrer verheiratet sind, den großen Vorzug haben, von vornherein in eine Gemeinde hineingestellt zu sein. Sie sind auch nicht oder nur in geringem Maße darauf angewiesen, daß ihre Arbeit bezahlt wird. Für uns hängt da, wo die Gesetze uns wenig Möglichkeit zur eigentlichen pfarramtlichen Tätigkeit lassen, unsere Arbeitsmöglichkeit davon ab, ob es in unserer Gemeinde eine lebendige Mitarbeit der Laien gibt. Jeder Christ ist zum Zeugen berufen, das ist eine Mehrheit, die die Kirche in der gegenwärtigen Zeit von neuem inne wird. Wohl hat es immer einzelne Christen gegeben, die lebendige Zeugen waren, aber von der Kirche aus ist diese Arbeit noch wenig organisiert, es gibt daher auch keine Gesetze, die sic verbieten. Laienschulung in Bibelstunden, Ausspracheabenden, Freizeiten etc. ist eine für die theologisch geschulte Frau lohnende Arbeitsmöglichkeit.
Die unverheiratete Theologin hat den Vorteil, daß sie beweglicher ist, sie kann dahin gehen, wo eine Gemeinde sie ruft. Und mit Dank gegen Gott dürfen wir sagen, daß es in unseren Schweizer Kirchen je und je Gemeinden gegeben hat und noch gibt, welche bereit sind, den Dienst, der sich ihnen anbietet, dankbar anzunehmen. Die Zahl dieser Gemeinden ist freilich gering, und manche jungen Mädchen, die gerne Theologie studiert hätten oder bereits mit dem Studium begonnen hatten, haben es wegen der großen Aussichtslosigkeit wiederum aufgegeben. Die Kirche hat die Verantwortung zu tragen dafür, daß sie die angebotenen Kräfte leichthin glaubte entbehren zu können.
Unsere größte Not ist aber trotz allem nicht die äußere Aussichtslosigkeit unseres Berufes. Es ist die innere Not, daß wir glauben, einen Ruf von Gott vernommen zu haben, und daß unsere Kirche, die Kirche desselben Gottes, der uns berufen hat, uns in dieser unserer Berufung nicht aufnehmen will. Wir sehen freilich, daß dieser unser Ruf eng zusammenhängt mit dem Ruf, der heute von Gott her an die Laien ergeht. So sehen wir unsere Kirche am Scheideweg stehen: Auf der einen Seite eine Pfarrerkirche, die ihre Gemeinden nur anpredigt, aber in völliger Passivität erhält, wobei dann ihre Pfarrer meist in einem hoffnungslosen Betrieb versinken, der jede tiefergehende Arbeit unmöglich macht. Wir sehen, wie in den Gemeinden, wo diese Art von Kirche herrscht, nach und nach die Kirche von den religiös lebendigen Gliedern entblößt wird, der Raum der Kirche wird leer oder von bloßen Gewohnheitschristen erfüllt, während alle lebendigen Kräfte bei den Gemeinschaften sich zusammenfinden. Es gibt in unserem Land viele solche verwüsteten Gemeinden, und wir. wissen, daß, wenn nicht Gott eine gnädige Wendung schenkt, ein heranbrausender Sturm, der über die Kirche ergeht, sie wegfegen kann. Wir sehen auf der andern Seite die lebendige Gemeinde, in der der Pfarrer nur ein Glied der Gemeinschaft ist, wo die Aeltesten mit ihm über der Gemeinde Wachen und jedes Glied nach dem Maße seiner Gaben Zeugendienst tut. Und wir wissen, daß eine solche Kirche auch für die theologische Arbeit der Frau Raum haben wird.
So sind wir getrost, denn wir wissen, daß es zuletzt nicht um uns selber geht. Durch den Ruf, den wir empfangen haben, ist auch die Kirche in eine Entscheidung gestellt. Zwar sind wir es, die durch ihre Gleichgültigkeit und Lauheit Not leiden, aber den Fluch ihres Ungehorsams wird doch zuletzt sie selbst zu tragen haben. Denn nicht wir sind es, die der Kirche diese Frage stellen, sie steht und fällt ihrem eigenen Herrn.
Quelle: Schweizer Frauenblatt. Organ für Fraueninteressen und Frauenkultur, 22. Jahrgang, Nr. 16, 19. April 1940 (unpaginiert).