Von Walther Eichrodt
2,1—7: Die Sendung an Widerspenstige. Die befreiende neue Gewißheit der Nähe Gottes, die Hesekiel in seinem Visionserlebnis zuteil wurde, war ihm nicht geschenkt, um in der Weise der Mystiker als ruhige Beglückung genossen zu werden, sondern um als Mittel zum Dienst für diesen herrlichen Gott zu dienen. Hatte Gott ihm das Priesteramt versagt, so übertrug er ihm nun das viel verantwortungsvollere Amt seines bevollmächtigten Boten. Gerade in der anscheinend von Gott abgeschnittenen Situation des Exils sollte ein neuer Akt göttlicher Selbstmitteilung sich vollziehen und alle menschlichen Meinungen über Gottesnähe und Gottesferne zunichte machen.
Aber auch die Wahl dieses einen zum Propheten widerspricht fast allen menschlichen Voraussetzungen. Schon die Anrede als Menschensohn, im Alten Testament außer ihrem häufigen Gebrauch in unserem Buche nur in der von der mistigen abhängigen Danielstelle 8,17 vorkommend, bringt ähnlich wie der Gebrauch desselben Wortes in Ps. 8,5 die Hinfälligkeit des Geschöpfs zum Ausdruck, zu dem sich der gewaltige Herr herabneigt. Und wenn dem so Angeredeten das aufrechte Hintreten vor seinen Herrn zugemutet wird, um seine Befehle entgegenzunehmen, so muß ihm selbst das durch eine Geistkraft ermöglicht werden, die seinen kraftlosen Körper durchdringt, wie sie als göttlicher Lebenshauch die Welt der Geschöpfe immer wieder erneuert und dem durch ihr Hinschwinden vom Tod Bedrohten durch ihre Rückkehr neues Leben schenken kann (Ps. 104,29f.; Hi. 34,14; Ri. 15,19; 1.Sam.30,42). Und so muß auch weiterhin die göttliche Unterstützung dem Beauftragten Zug um Zug mit ihren Gaben zu Hilfe kommen.
Freilich wird die lastende Schwere des Auftrags auch schonungslos enthüllt: die Sendung zum Haus Israel gleicht derjenigen eines vertriebenen Königs zu seinen aufrührerischen Untertanen. Der Ehrenname „Haus Israel“, von Juda nach dem Untergang des Nordreichs mit Stolz für sich allein in Anspruch genommen, muß nun mit bitterem Hohn in „Haus der Widerspenstigkeit“ verkehrt werden. Jede Illusion von erfolgverheißender Tätigkeit muß hier preisgegeben werden. Anfeindung und Verachtung, ja Mißhandlung, so schmerzhaft wie der Stich des Skorpions, hat hier der Gottesbote zu erwarten. Die nur allzu menschliche Furcht davor darf er nicht in sein Herz einlassen, sondern hat sein Augenmerk allein darauf zu richten, daß er als treuer Bote das ihm auf- getragene Wort ausrichte. Der Erfolg ist nicht seine Sorge; nur für eines über- s nimmt der Auftraggeber die Garantie: Aller Widerstand wird den Durchbruch der Erkenntnis nicht hindern können, daß ein Prophet inmitten der Exulanten aufgestanden ist, d.h. aber, daß der wahre Herr des Volkes gerade da, wo man seinen Anspruch für tot und erledigt hält, sein Königsrecht laut verkündigen läßt. Mag nun der Widerspruch dagegen wild aufflammen, so soll doch niemand dies Wort zum Schweigen bringen können. Es wird sich stärker als alle Widersacher erweisen.
2,8—3,3: Die Indienststellung. Der Schwere des Auftrags entspricht die besondere Art der Indienstnahme des Boten. In einer ungewöhnlichen, ja bizarren Handlung wird sie vollzogen: Er soll eine auf beiden Seiten und nicht wie gewöhnlich nur einseitig beschriebene Schriftrolle, deren Inhalt vom Herannahen schwerster Schickungen spricht, wie eine Speise verzehren. Der Sinn dieses eigentümlichen Vorgangs wird offenbar nicht verstanden, wo man ihn ohne genaue Rücksicht auf seinen Überlieferungszusammenhang als Umschreibung des Offenbarungsvorgangs durch Hesekiel, also als eine Theorie der prophetischen Inspiration deutet: danach wäre das dem Propheten offenbarte Wort als ein fertiges Ganzes in schriftlich fixierter Form, also eine Art „objektiver Materie“, die schon präexistent vorhanden war, vorgestellt und würde seine Aneignung einen passiv erlittenen mechanischen Vorgang bedeuten. Vielmehr geht es hier einerseits um einen Gehorsamsbeweis des Erwählten, andrerseits um seine Vergewisserung über den von seinem subjektiven Ermessen unabhängigen, göttlichen Ursprung der ihm aufgetragenen Botschaft. Daß diese ihm in Form einer Schriftrolle erscheint, hat nichts mit dem Deuteronomium und der angeblich von ihm ausgehenden „Buchreligion“ zu tun, sondern weist auf die damals bereits mehrfach schriftlich niedergelegte prophetische Verkündigung, deren wirkungsvollstes Beispiel die von Jeremia dem Baruch diktierte Zusammenfassung seiner Reden darstellt. Dieses etwa 10 Jahre vorher erschienene und größtes Aufsehen erregende Schriftstück hat Hesekiel zweifellos gekannt und als Dokument göttlich autorisierter Prophetenrede verehrt. Sein Inhalt war in der Hauptsache schwerste Drohung mit Gottes Gericht. Daß ihm daher dort, wo ihm die Betrauung mit Gottes Botschaft an sein Volk in ihrer vor allem eigenen Fühlen und Meinen unabhängigen Fremdheit gewiß gemacht werden soll, die Überreichung einer Schriftrolle zum Symbol wird, ist ohne weiteres verständlich und hat mit irgendwelchen Inspirationstheorien nichts zu tun.
Dies um so mehr, wenn man sich die geistige Lage jener Zeit vergegenwärtigt. Hier hatte die Anlehnung des Kleinstaates an die von Assur geförderte synkretistische Weltkultur die traditionellen Bindungen bodenständigen Eigenlebens weithin gelöst und den einzelnen auf sich selbst gestellt. Seine kritische Einstellung zu allem Überkommenen trat auch der objektiven Autorität des Prophetenwortes entgegen und untergrub jede Selbstsicherheit des Gottesboten durch die Behauptung, daß seine Eingebungen aus seinem eigenen Inneren stammten. Der Kampf für die göttliche Legitimation ihres Wortes hatte schon die Vorgänger Hesekiels von Jesaja an bewegt und war, verschärft durch das Auftreten der nationalistischen Prophetie, bei Jeremia zu einem Höhepunkt gelangt. Das Mißtrauen nicht nur gegen die Rivalen, sondern auch gegen das eigene Herz und seine Täuschungen war zur quälenden Begleiterscheinung prophetischen Erlebens geworden und drohte die prophetische Selbstgewißheit zu zerstören. Hier brauchte es, gerade bei verantwortungsbewußten Männern, einer stärkeren Überführung von der ihrem eigenen Inneren fremden Objektivität des ihnen anvertrauten Wortes als bei ihren Vorgängern. So wird dem Jeremia durch die Berührung seiner Lippen mit Gottes Hand die Übergabe des Gotteswortes gewiß; und Hesekiel empfängt die gleiche Gewißheit aus der Darreichung einer Schriftrolle, die schon ohne sein Wissen ausgezeichnete Worte enthält. Mit einer Präexistenz des Prophetenwortes oder einer nunmehr möglichen freien Verfügung über einen unerschöpflichen Vorrat an Gottesworten hat das offenbar gar nichts zu tun. So bleiben denn auch Hesekiel wie Jeremia ihr ganzes Leben hindurch von der immer neu ergehenden Eingebung ihres Gottes abhängig.
Freilich ist damit allein das Verzehren der Rolle noch nicht erklärt, vor allem nicht in der vom Propheten offenbar gewollten ganz massiven Schilderung, wie er in den Mund nehmen, essen, Leib und Eingeweide mit der seltsamen Speise füllen muß. Zwar liegt eine symbolische Deutung des Vorgangs auf der Hand: Hesekiel soll mit dem ihm anvertrauten Wort ganz eins werden, es soll ihm sozusagen in Fleisch und Blut übergehen. Aber nur dazu wäre die harte, das Körperlich-Widersinnige des Verfahrens betonende Ausmalung nicht nötig. Zweierlei ist wohl hinzuzunehmen: Einmal die große Nolle von Zwangserlebnissen bei Hesekiel, die bis ins Körperliche eingreifen: er wird intensiver als alle anderen Propheten auch mit dem Leibe bei seinem prophetischen Erleben in Anspruch genommen und verbraucht. Man hat deshalb schon auf eine krankhafte Empfindlichkeit, ja kataleptischen Krämpfen unterworfene Schwäche seines Leibes geschlossen, freilich ohne einen durchschlagenden Beweis dafür führen zu können. Auch wäre, selbst wenn der Beweis gelänge, von da aus noch keine wesentliche Aufhellung seines prophetischen Selbstbewußtseins zu erreichen, da die Krankheit als Folge, nicht als die Ursache seiner erschütternden Erlebnisse gelten müßte.
Auf der anderen Seite scheinen seltsame Essens- und Geschmacksempfindungen für bestimmte Arten der Verzückung typisch zu sein, worauf Berichte von arabischen und jüdischen Mystikern hinweisen. Ja, sogar das Essen einer Buchrolle steht als ekstatische Handlung im Altertum nicht vereinzelt da; ägyptische Berichte wissen davon. Aber auch wenn man diese Analogien zur Erklärung hinzunimmt, wird die Bedeutung gerade dieser Art visionären Erlebens für Hesekiel nur verständlich, wenn man den Gesichtspunkt, unter den der ganze Vorgang gestellt ist, gelten läßt: Es soll in einer entscheidenden Handlung, die mit der Aufgabe des von Gott Berufenen eng zusammenhängt, die restlose Absage an die Gesinnung der Gemeinschaft, aus der er selbst herkommt, vollzogen werden: der Widerspenstigkeit soll der schrankenlose Gehorsam gegenübertreten, stellvertretend soll in dem einen Menschensohn das Wirklichkeit werden, was das ganze Volk zu leisten verpflichtet wäre. In der Überwindung auch des natürlichen Widerstrebens seiner Leiblichkeit soll das völlige Eintreten und Hineingenommenwerden in den fremden göttlichen Willen zum Lebensgesetz für den ganzen Menschen erhoben werden. In der Tat ist diese Überwältigung auch des Körperlichen durch die restlose Beanspruchung für Gott wohl bei keinem Propheten mit solch harter Konsequenz Ereignis geworden wie bei Hesekiel. So und nicht anders soll er hingehen und zum Haus Israel reden.
Auch im letzten Zug des visionären Vorgangs findet ein geistiges Geschehen in einer körperlichen Empfindung seine Entsprechung: Die mit dem Vollzug der gehorsamen Tat geschenkte innere Befreiung spiegelt sich in dem süßen Geschmack der seltsamen Speise wider. Es wäre allegoristische Verzeichnung der starken Symbolkraft dieses Erlebens, wollte man hier die Süßigkeit des Gottesworts überhaupt angedeutet sehen, worauf ja auch im ganzen Vorgang nichts hinweist. Vielmehr geht es um die Erfahrung, daß auch die fremd und unverständlich scheinende Forderung Gottes, wo sie erfüllt wird, eine innere Befriedigung schenkt, die ihr alle Bitterkeit nimmt.
Quelle: Walther Eichrodt, Der Prophet Hesekiel. Kapitel 1-18, ATD 22/1, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 31968, S. 10-13.