Wolf Biermann, Unter dem Apfelbaum: „Und da wuchs ja auch noch ein Feigenbaum / Der Baum des Ewigen Lebens war dies / Gott hatte verboten auch dessen Frucht / Den ersten Menschen im Paradies / Wenn einst unser Ahne ahnungslos / Beim Sündenfall Feigen gegessen hätt / Dann könnten wir nachgeborenen Erben / Wie elend unsterbliche Götter: nicht sterben“

Unter dem Apfelbaum

Von Wolf Biermann

Frau Unglück hat unter dem Apfelbaum
Brutal meinen kleinen Finger gekappt
Den rechten an meiner rechten Hand
Da hab ich im Unglück Glück gehabt
Denn hätt’ es den kleinen Linken erwischt
Dann wäre der Jammer riesengroß
Wie ’n Waisenkind wär meine Weißgerber jetzt
Ihr’n liebsten Gitarrenspieler los
Der Finger ist hin, aber halb so schlimm
– es konnte viel schlimmer passiern
Ja, schlimm schlimm schlimm, aber halb so schlimm
– ich muß es nur noch kapiern

Gottvaters Fußtritt war fürchterlich
Als Adam beim Baum der Erkenntnis biß
In Eva ihr’n Apfel, da flogen die zwei
In hohem Bogen aus dem Paradies
Doch leider verlor er dabei aus der Hand
Den halb angebissenen Apfel, und drum
Kassierte er voll seine Strafe, doch blieb
Er jenseits des Garten Eden halb dumm
So geht es auch mir, aber halb so schlimm
– es konnte viel schlimmer passiern …

Und da wuchs ja auch noch ein Feigenbaum
Der Baum des Ewigen Lebens war dies
Gott hatte verboten auch dessen Frucht
Den ersten Menschen im Paradies
Wenn einst unser Ahne ahnungslos
Beim Sündenfall Feigen gegessen hätt
Dann könnten wir nachgeborenen Erben
Wie elend unsterbliche Götter: nicht sterben
Das mit dem Apfel war halb so schlimm
– es konnte viel schlimmer passiern
Ja, schlimm schlimm schlimm, aber halb so schlimm
– wir müssen’s nur noch kapiern

Quelle: Wolf Biermann, Heimat. Neue Gedichte, Hamburg: Hoffmann und Campe, 2006, S. 39.

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