Von Martin Luther
Das Wort «Amen» stammt aus der hebräischen (oder jüdischen) Sprache und heißt auf Deutsch «für wahr» oder «wahrlich». Es gibt dem Glauben Ausdruck, denn diesen soll man bei allen Bitten haben. Hat doch Christus gesagt (Matthäus 21,22): «Wenn ihr betet, so glaubet fest, dass ihr es erlangen werdet; so geschieht es gewiss.» Ferner, an einer anderen Stelle (Markus 11,24): «Alles, was ihr bittet, glaubt, so werdet ihr es empfangen.» So empfing ja das heidnische Weib, was es bat, da es nicht abließ und fest glaubte, sodass der Herr ihr sogar sagte (Matthäus 15,28): «O Weib, wie groß ist dein Glaube! Dir geschehe, wie du willst und wie du gebeten hast.» So spricht auch Jakobus (1,6 folgende): «Wer von Gott etwas bittet, der soll ja nicht zweifeln im Glauben, dass es ihm zuteil werde. Denn wer im Glauben zweifelt, der bilde sich nicht ein, dass er etwas von Gott empfange.»
Darum ist, wie der weise Mann sagt (Prediger 7,8), das Ende des Gebets besser als der Anfang. Denn wenn du am Ende in herzlichem Vertrauen und Glauben «Amen» sagst, so ist gewiss, dass das Gebet bekräftigt und erhört wird. Und wo dieses Ende fehlt, da sind weder Anfang noch Mitte des Gebets von Nutzen.
Also sollte ein Mensch, der beten will, sich prüfen und erforschen, ob er auch glaubt oder zweifelt, dass er erhört werde. Findet er bei sich, dass er daran zweifelt oder es nur auf einen ungewissen Wahn setzt und auf gut Glück wagt, so ist das Gebet nichts. Denn er hält sein Herz nicht still, sondern schwankt und schlottert hin und her. Darum kann Gott ihm nichts Gewisses geben, gerade so wenig, wie du einem Menschen etwas geben kannst, wenn er die Hand nicht stillhält.
Bedenke doch: Wie würde es dir gefallen, wenn dir jemand fleißig Bitten vortrüge und am Ende zu dir spräche: «Ich glaube aber nicht, dass du es mir gibst», obwohl du es ihm doch gewiss versprochen hast? Du würdest die Bitte als einen Spott auffassen, alles widerrufen, was du versprochen hättest, und ihn vielleicht noch dazu strafen. Wie soll so etwas dann Gott gefallen? Er sagt uns fest zu, dass wir empfangen sollen, wenn wir bitten, und wir strafen ihn durch unsere Zweifel der Lüge und handeln im Gebet geradezu dem Gebet zuwider; wir beleidigen seine Wahrhaftigkeit, die wir mit dem Gebet anrufen.
Darum heißt das Wörtlein «Amen»: «wahrlich», «für wahr», «gewiss», und es ist ein Wort des festen, herzlichen Glaubens. Es ist, als sagtest du: «O Gott Vater, diese Dinge, um die ich dich gebeten habe, sind – ich zweifle nicht daran – gewiss aufrichtig gemeint und werden geschehen; nicht deshalb, weil ich um sie gebeten habe, sondern weil du befohlen hast, um sie zu bitten, und sie gewiss zugesagt hast. Ebenso bin ich gewiss, dass du, Gott, wahrhaftig bist; du kannst nicht lügen. Also nicht die Würdigkeit meines Gebets, sondern die Gewissheit, dass du wahr bist, bringt mich dazu, es fest zu glauben. Und ich zweifle nicht, dass es ein Amen daraus werden und ein Amen sein wird.»
Hier irren manche über die Maßen, die ihr Gebet an diesem Punkt zunichtemachen, indem sie zwar viel mit dem Munde, aber nie mit dem Herzen beten. Sie wollen nämlich nicht eher glauben, dass sie erhört sind, als bis sie wissen oder meinen, sie hätten würdig und recht gebetet. So bauen sie auf sich selbst, auf Sand. Diese werden alle verdammt; denn ein solches Gebet ist nicht möglich, das in sich selbst schon genügte und vor Gott der Erhörung würdig wäre. Ein Gebet muss sich vielmehr auf die Wahrhaftigkeit und die Verheißung Gottes verlassen. Denn hätte Gott nicht zu beten befohlen und Erhörung versprochen, so könnten alle Geschöpfe mit ihren sämtlichen Gebeten nicht ein Körnlein sich ausbitten.
Darum achte darauf: Nicht dasjenige Gebet ist gut und recht, das viele Worte macht, andächtig, süß und lang ist und um zeitliches oder um ewiges Gut geht, sondern ein solches, das fest darauf baut und traut, dass es erhört werde – so gering und unwürdig es an und für sich sein mag – und das sich auf die wahrhaftigen Gelübde und Versprechungen Gottes stützt. Gottes Wort und Verheißung machen dein Gebet gut, nicht deine Andacht. Denn eben dieser Glaube, der sich auf seine Worte gründet, ist zugleich auch die rechte Andacht, ohne die jede andere Andacht lauter Trug und Irrtum ist.
Quelle: Martin Luther, Auslegung deutsch des Vaterunsers für die einfältigen Laien (1519), WA 2, S. 126,28–128,2.