Das Wickeln des Kindes (um 100 n.Chr.)
Von Soranus von Ephesus
Nach der Salzbehandlung und dem Waschen erfolgt das Wickeln des Kindes. Antigenes empfiehlt die thessalische Methode. Er legt zunächst auf ein wannenförmig ausgehöhltes und längliches Brett ein Kissen aus Heu oder Spreu, breitet darüber Leinen, legt dann das Kind darauf, das selbst bis zur Hüfte in Leinwand und Binden gehüllt ist, und bindet es dann mit Gurten fest, die durch die Löcher gezogen werden, welche an den Seiten des Brettes angebracht sein müssen. Doch dies ist ein lästiges und hartes Verfahren. Man soll vielmehr jedem Körperteil seine natürliche Gestalt geben und demnach, wo irgendein Teil während der Geburt etwas verdreht ist, diesen wieder richten und zur natürlichen Form zurückführen. Ist eine Stelle infolge von Quetschung angeschwollen, so muss man sie mit einer Mischung von Bleiweiß und Wasser oder mit Bleiglätte salben.
Die Hebamme lege das Kind sachte auf ihren Schoß, welchen sie vorher mit Wolle oder einem Laken zu bedecken hat, damit sich sein nackter Leib beim Einwickeln der Glieder nicht erkälte. Sie nehme Binden aus Wolle, welche rein, weich und noch nicht oft gebraucht sind; von diesen seien einige drei Finger, andere vier Finger breit. Wollene Binden sind wegen ihrer stofflichen Weichheit zu wählen, während leinene im durchschwitzten Zustande arg drücken.
Weich müssen die Binden sein, damit sie nicht den noch zarten Gliedern, welchen sie Schutz gewähren sollen, Schaden antun. Ferner sollen sie reinlich und somit leicht und nicht schwer sein, sie dürfen nicht übel riechen und die Haut reizen (da sie ja mit Soda imprägniert sind). Auch sind solche Binden zu wählen, welche noch nicht oft gebraucht sind. Ganz neue sind nämlich schwer, ganz abgetragene besitzen keine Wärme mehr, sind auch zuweilen rau und immer leicht zerreißbar. Auch dürfen sie keine Falten oder Säume haben, damit sie nicht ins Fleisch einschneiden und bald zu fest, bald zu locker anliegen. Ferner sollen sie von mäßiger Breite sein, denn die schmalen schneiden und die breiten drücken zwar nicht, werfen aber Falten. Drei Finger Breite mögen die haben, welche den Gliedern sich anschmiegen sollen, und vier Finger, welche für den Brustkorb bestimmt sind.
Man nehme nun das Ende der Binde und lege es am Vorderarm an, wickle sie dann ringsherum um die gestreckten Finger, den Vorderarm, den Ellenbogen und Oberarm, dabei ziehe man sie an den Handknöcheln ruhig stramm an, lockerer aber an den übrigen Teilen bis zur Achsel. Ebenso verfahre man bei der Einwicklung der anderen Extremität; den Rumpf umwickle man mit einer breiteren Binde und zwar so, dass man bei den männlichen Kindern die Binde überall gleichmäßig stramm zieht, dagegen bei den weiblichen die Gegend der Brustwarzen etwas enger schnürt, die Hüftgegend dagegen locker lässt. Denn diese Methode eignet sich besser für das weibliche Geschlecht.
Danach wickle man jeden Schenkel für sich besonders ein. Denn würde man sie in entblößtem Zustande beide aneinanderbinden, so könnte leicht eine Hautreizung entstehen, wie ja überhaupt in Fällen, wo Körper zur Zeit, da sie noch zart sind, nebeneinander gelegt werden, gar bald eine Entzündung eintritt.
Die Einhüllung in die Binden soll sich bis zu den Fingerspitzen erstrecken, sie soll locker sein an den Schenkeln und Waden, dagegen kompress an den Stellen des Knies und der Kniekehle, am Fußrücken und den Knöcheln. Auf solche Weise werden die Füße an der Spitze breiter und der Mittelfuß wird schmäler.
Danach lege man die Arme an die Seiten, die Füße aneinander und umwickle dann das ganze Kind von der Brust bis zu den Füßen mit einer breiten Binde. Dadurch, dass die Hände eingefasst werden, gewöhnen sie sich an die gestreckte Haltung. Das Zusammenbinden der Glieder auf eine längere Zeit macht die Sehnen derartig dick, dass sogar Gelenksteifigkeit auftreten kann. Das Einwickeln der noch zarten Hände hindert, dass sie durch ungeschickte Berührungen verdreht werden. Es ist schon so oft vorgekommen, dass die Kinder mit den Fingern an die Augen fahren und so das Sehorgan schädigen. Ferner mag man zwischen die Fußknöchel, die Knie und die Ellbogen Wolle einlegen, damit sich diese hervorstehenden Teile nicht durch den stärkeren Druck, dem sie ausgesetzt sind, und infolge des Anliegens der Teile verschwären.
Das Köpfchen soll man damit schützen, dass man es ringsherum in ein Laken oder in weiche und reine Wolle hüllt. Es kann auch vorher unter den Rücken ein langes und breites Leinen oder Wolle gebreitet werden. Ferner soll man nach der obigen Einwicklung außer der einen allgemeinen, sich zu äußerst befindenden und alle Glieder zugleich einhüllenden Binde noch das untergelegte Laken von Leinwand oder Wolle doppelt nehmen, nämlich einmal für die unteren Teile unterhalb des Halses und dann für das ganze Kind mit Ausnahme des Kopfes.
Schließlich umwickle man mit einer breiteren Binde – sie möge ungefähr eine Breite von fünf Fingern haben – das ganze Kind und bedecke den Kopf, wie oben angegeben. Man kann auch zwei Laken unterbreiten; das eine von der nötigen Länge soll den ganzen Körper einhüllen, das andere nur die Hüften umhüllen und zur Aufnahme des Kotes dienen. Denn man darf nicht in der Annahme, es wirke allzu beschwerend, nur die Brust samt Epigastrium [Magengrube] umhüllen, die übrigen Teile aber unumwickelt lassen, wie ich früher gezeigt habe.
Quelle: Die Gynäkologie des Soranus von Ephesus. Geburtshilfe, Frauen- und Kinderkrankheiten, Diätetik der Neugeborenen, übersetzt von H. Lüneburg, kommentiert und mit Beilagen versehen von J. Ch. Huber, München: Lehmann, 1894, Kapitel XXIX, S. 59-61.