Von Gisbert Greshake
„Vollendung“ ist ein abstrakter Begriff, der als solcher in der HI. Schrift nur ungefähre Entsprechungen hat, der aber auf Grundzüge des biblisch-christlichen Glaubens hinweist und sie zusammenfaßt.
1. Vollendung als Ans-Ziel-Kommen des Menschen
Der Glaube an Vollendung setzt voraus, daß Gott mit der Schöpfung einen Anfang gesetzt und einen Weg eröffnet hat, der nicht zugleich das Ziel ist, damit das geistbegabte Geschöpf am Erreichen seines Zieles mitbeteiligt ist, ja damit es mitwirken kann an dem, was Gott einmal endgültig schenken will. Dafür sind dem Menschen Fähigkeiten gegeben sowie Wirkraum und Zeit, daß er in den Tagen seines Lebens im Da-Sein und Da-Wirken für die anderen, in Verantwortung für die Schöpfung und nicht zuletzt in der liebenden Anerkennung Gottes sich in Freiheit gleichsam „auszeugt“ zu dem, der er vom Schöpfungs- und Heilsplan Gottes her sein soll. „Erwählt vor Erschaffung der Welt“, sind wir „im voraus dazu bestimmt, Gottes Söhne zu werden durch Jesus Christus und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen zum Lob seiner herrlichen Gnade“ (Eph 1,5f; siehe auch Röm 8,29; Kol 1,16f). Ziel des Menschen ist es also, im Durchgang durch Raum und Zeit das Bild Christi, nach dem er geschaffen wurde, mehr und mehr in sich zur Ausprägung zu bringen, so daß wir alle Söhne und Töchter im Sohn werden. Oder – um ein anderes biblisches Bild zu gebrauchen: Das Ziel besteht darin, mehr und mehr zum „Leib Christi“ zusammenzuwachsen (vgl. Eph 1,23; 4,16; Kol 1, 16) und so fähig zu werden, endgültig und für immer zusammen mit Christus und den vielen Brüdern und Schwestern am Leben des dreifaltigen Gottes teilzuhaben (vgl. die verschiedenen Bilder und Vorstellungen vom vollendeten Reich Gottes bei den Synoptikern sowie Joh 14,2f; 17,24; 1 Thess 4,17; Phil 1,23; 2 Kor 5,8; 2 Petr 1,4; Offb 21,3f.22ff). Dabei wird in unterschiedlichen Variationen betont, daß die Vollendung des Menschen (der „Himmel“) „communialen“ (= gemeinschaftlichen) Charakter hat. Gott, der als dreifaltiger Gott selbst communio ist, führt den Menschen einen Weg, auf dem dieser „communial“ – gemeinschaftlich und gemeinschaftsfähig wird, auf daß er als solcher im „Spiel“ des Lebens und der Liebe des communialen Gottes „mitspielen“ kann und darin seine Vollendung findet.
2. Vollendung als innere Erfüllung alles Geschaffenen
Vollendung besagt mehr als nur Ans-Ziel-Kommen des Menschen. Dies könnte ja auch schon dadurch gegeben sein, daß er im Durchgang durch die Geschichte gleichsam aus der Welt heraus zu Gott „auswandert“, um dort endgültig Heimat zu finden. Nein, der christliche Glaube setzt auch darauf, daß alles, was es an Schöpfungswirklichkeit gibt, gab und geben wird, und daß alles, was in der großen Welt- und kleinen Lebensgeschichte geschieht, geschah und geschehen wird, an seine innere Erfüllung kommt und als „Ernte der Zeit“ in das Leben mit Gott eingebracht wird. Dieser Glaube ist im Hoffnungsbild von der Auferstehung des „Fleisches“ (oder auch „des Leibes“) zum Ausdruck gebracht. „Fleisch“ meint im biblischen Sprachgebrauch die Gesamtheit alles Geschaffenen (und ähnlich bezeichnet „Leib“ jenes Prinzip im Menschen, durch welches der einzelne mit der übrigen Schöpfung, zumal mit der übrigen Menschheit „vernetzt“ ist). Somit steht der Glaube an die Auferstehung des Fleisches bzw. des Leibes für die Zuversicht, daß nicht nur ein „Wesenskern“ des Menschen („Seele“), sondern er selbst und mit ihm seine Welt und Geschichte vollendet wird. Ja, der einzelne kommt erst dann zu seiner inneren letzten Erfüllung und Vollendung, wenn die ganze Schöpfung, mit der er auf vielfache Weise verbunden ist, in das Leben Gottes eingeborgen ist („Jüngster Tag“). Auf dieser Linie heißt es bei Paulus: „Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, daß die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt …“ (Röm 8,21f). Der Glaube an Vollendung hofft, daß solches „Seufzen“ nicht unbeantwortet bleibt: Keine Träne wird umsonst geweint, kein Handgriff vergeblich getan; alles, was ist und geschieht, wird eingebracht in das ewig-selige Leben mit Gott. Aus diesem Glauben resultiert die geistliche Überzeugung vom unbedingten „Wert“ allen Tuns und Lassens, aber auch eine geistliche Praxis, die aus dem Wissen heraus handelt, daß der einzelne nur mit allen und allem anderen zusammen seine Vollendung erreicht.
3. Vollendung als Geheimnis
„Die Weise wissen wir nicht, wie das Universum umgestaltet werden soll … Die Liebe wird bleiben wie das, was sie einst getan hat, und die ganze Schöpfung, die Gott um des Menschen willen sucht, wird von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit sein“ (GS 39). Das genaue Wie ist unserer Anschauungskraft entzogen. Man wird sich gerade in diesem Bereich vor allzu naiven Vorstellungen zu hüten haben, da wir die Wirklichkeit nur unter den Bedingungen empirischer Raum-Zeitlichkeit und Materialität kennen. Diese müssen ein Ende finden, buchstäblich „aufgehoben“ werden, anders ist Vollendung nicht denkbar. Darum muß jedes Reden ihrem wesentlichen Geheimnischarakter Rechnung tragen. Vollendung kann eher in Bildern angedeutet und in negativer Rede („So nicht!“) umschrieben als in direkter Beschreibung faßbar werden. Letztlich trifft auf sie das Wort der Schrift zu: „Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, hat Gott denen bereitet, die ihn lieben“ (1 Kor 2,9).
LITERATUR: K. Rahner, Immanente und transzendente Vollendung der Welt, in: ders., Schriften zur Theologie VIII 593-609; G. Greshake zus. mit J. Kremer, Resurrectio Mortuorum (Darmstadt 1986); M. Kehl, Eschatologie (Würzburg 1986).
Quelle: Christian Schütz (Hg.), Praktisches Lexikon der Spiritualität, Freiburg 1992, 1385-1388.