Von Heinrich Schlier
Die folgenden Ausführungen wollen nicht ein bibeltheologischer Traktat über die Herrschaft Christi sein. Dazu würde der zur Verfügung stehende Raum nicht ausreichen. Auch soll hier keine Exegese nur für Fachleute geboten werden. Unser Anliegen ist vielmehr ein religiöses. Die hier angestellten Erwägungen versuchen, den bibeltheologischen Traktat fort- und den Leser ein wenig an die Sache näher heranzuführen. Wer weiß, wie fern und fremd für das heutige Verständnis gerade die scheinbar so allbekannten und selbstverständlichen Sachverhalte des Glaubens sind, wird ein solches Bemühen nicht für überflüssig halten.
1.
Die Herrschaft Christi über Kirche und Welt hat nach dem Apostel Paulus ihren Grund in dem Willen Gottes. Dieser Wille Gottes will „das All unter ein Haupt fassen in Christus“ (Eph 1,9f.). Die Herrschaft Christi entspringt nicht menschlichem Planen und Wollen, sie ist nicht das Ergebnis des Wirkens geschichtlicher oder naturhafter Mächte, sie hat ihren Grund jenseits alles dessen, was im Himmel und auf Erden ist, in Gott. Weil Gott dem All wieder ein Haupt geben und so im eigentlichen Sinn des Wortes es für sich behaupten will, gibt es die Herrschaft Christi. Gott hat sich „zuvor“ und also schon immer auf Christus als das Haupt der Welt festgelegt. Und auch die Äonen, die Zeiträume der Welt-Geschichte, sind in sich selbst „zuvor“ von Gott auf Christus festgelegt. Sie sind von Gott für Christus vor gesehen und vorbestimmt. So kommt die Welt von diesem ewigen Willen Gottes her, so ist sie von diesem seinem ewigen „Wohlwollen“ in Christus getragen. Ihr Sein ist: von jeher für Christus bestimmt sein.
Diese Voraussicht und Vorausbestimmung ist auch, wenn wir so sagen dürfen, von Gott ursprünglich und maßgeblich in die Schöpfung eingelassen. Und zwar so, daß diese sich, indem sie sich Gott verdankt, auch Christus verdankt. Und so, daß sie, indem sie in Gott besteht, in Christus besteht. Und endlich so, daß sie, indem sie zu Gott hin ist, auf Christus hin ist. Man vergißt oft, was Kol 1,16f. von Christus sagt: „In ihm ist das All geschaffen … Das All ist durch ihn und zu ihm hin geschaffen. Und er ist vor allem, und alles besteht in ihm“, vgl. auch 1 Kor 8,6. Christus ist ja nach Eph 3 das Geheimnis der Weisheit Gottes, das auch schon in dem Schöpfer verborgen waltete. Alles, was ist, ist ursprünglich von Gott nicht nur in Christus vor-bestimmt, sondern auch in der Schöpfung auf Christus abgestimmt. Die Schöpfung ist von Christus als ihrem Grund und Ziel durchstimmt. Die Herrschaft Christi – und ihretwegen kommen wir auf diese Dinge jetzt zu sprechen – ist also der ursprünglichen Schöpfung gegenüber nichts Fremdes oder gar Feindliches. Im Gegenteil: alles, was ist, kommt in seinem ursprünglichen Sein der Herrschaft Christi entgegen. Die Herrschaft Christi ist also in der Schöpfung vorbereitet in der Weise, daß diese für sie zubereitet ist. Wie anders sollte denn sonst nach [247] dem Apostel Paulus auch die Schöpfung, die durch Adam der Eitelkeit unterworfen ist, und nicht nur „wir, die wir den Geist haben … einmütig seufzen und in Wehen liegen bis jetzt“ und „sehnsüchtig harren“ auf die Offenbarung seiner Herrschaft (Röm 8,19ff.)? Ist das richtig, dann wird aber die Herrschaft Christi nicht nur das, was sich an Schöpfung durchgehalten hat, sich dienstbar machen, sondern sie wird auch die Geschöpflichkeit wieder freilegen, sei es vorläufig, sei es endgültig.
2.
Aber das „All“, jenes Wesensganze von Mächten, Welt und Menschen, kommt nach dem Apostel Paulus nicht mehr so vor, wie es geschaffen worden ist. Es kommt vielmehr so vor, daß Mächte und Kräfte ursprünglicher Schöpfung Gottes sich und ihre Weltbereiche zu Eigenmächten erhoben haben. Und es kommt so vor, daß der Mensch, im vor-gängigen Ungehorsam Adams Gott seinem Schöpfer und sich als Geschöpf abgeneigt, sich Gott und seinem eigenen Schöpfersein versagt. Dadurch wendet er nicht nur sich und seine Welt von Gott in Christus ab, sondern versehrt auch sein eigenes Dasein samt seiner Welt in sich. Der Apostel legt uns den Hintergrund dieses zweifachen „Falles“ der Mächte und des Menschen nicht näher dar. Er sieht nur auf die gefallene Welt und interessiert sich für ihre Wirklichkeit. Ist es ja doch die Welt, in der wir, die Menschen, jetzt leben und in der Christus seine Herrschaft aufrichten wird. Bringen wir uns deshalb ganz kurz die entscheidenden Züge dieser unserer geschichtlichen Welt in Erinnerung!
Es ist die in sich verschlossene Welt. Verschlossen nicht von Gott, der ja als der Schöpfer immer noch ihr das Leben zuruft, verschlossen dadurch, daß die Mächte und die Menschen sie ständig verschließen. Sie wird beherrscht vom Geist der Eigen macht. Sein Bereich, in dem er sich aufhält und woher er herrscht, ist die „Luft“. Das meint, wenn man näher zusieht, die sehr allgemeine und intensive Atmosphäre, in der die Menschen ihre Welt und ihre Zeit jeweils schon vorfinden, in der sie leben und aus der sie sich und ihre Welt verstehen. Dieser herrschende Geist der Eigenmacht, die ja Gegenmacht gegen Gottes Macht ist, läßt durch die von ihm bereitete Atmosphäre die Welt als ewigen Äon, als einzigen Grund und Horizont des Daseins dem Menschen erscheinen. Er läßt die Welt drohend und verlockend übermächtig das sein, wonach der Mensch sein Leben ausrichtet. Durch die Faszination, die er der Welt in immer neuer Weise verleiht, bannt er, der Geist der Eigenmacht, die Menschen, die seine Luft atmen. Freilich wäre er trotz allem machtlos, wenn ihm nicht in dem Menschen, wie er von Adam her vor-kommt, eine Tendenz entgegenkäme, die dieses Angebot einer eigenmächtigen Welt begrüßte. Diese Tendenz ist das, was der Apostel „das Begehren des Fleisches“ nennt, womit er, kurz gesagt, das selbstsüchtige Aussein des Menschen auf sich selbst und auf eine eigenmächtige Welt versteht, das seine Sinne und seinen Geist beherrscht. Gibt er dieser Tendenz nach, erliegt er dieser seiner fundamentalen Selbstsucht – und das geschieht immer wieder – die Zuneigung zu sich ist zu groß –, dann verfällt er sich. Aber er verfällt sich, indem er zugleich dem Andrang der ihm vom allgemeinen Geist angebotenen eigen- und übermächtigen Welt nachgibt. In der Sünde – denn ihr Vorgang ist damit beschrieben – geschieht immer ein Zweifaches in einem: in [248] ihr gebe ich mich mir hin und ich gebe mich der Welt hin, der Welt, die sich mir eigenmächtig anbietet. So stärke ich in der Ungerechtigkeit und in der Selbstgerechtigkeit – und beides ist die Sünde – den Geist der eigenmächtigen Welt. Und so reißt mich die drohende und verlockende Erscheinung der eigenmächtigen Welt immer wieder zur Sünde hin.
In solchem Zusammenspiel der Mächte und der Menschen, das die Geschichte des Menschen ausmacht, vollzieht sich ihr Verfall an den Tod. Denn jene selbstsüchtige Zuwendung zu mir und der eigenmächtigen Welt ist ja zugleich die Abwendung von Gott und seiner Gabe. Eben diese Abwendung aber ist der Tod. Denn Leben ist nur in dem Dasein, das, hingewendet zu seinem Schöpfer, es aus seiner Hand empfängt. Leben ist nur als Empfangenes und im Empfangen. Leben ist nur als Gabe und Gegebenheit.
Das durchschaut der Mensch, so wie er von Adam her vor-kommt, freilich nicht. Den jene Abneigung von Gott, seinem Schöpfer, oder jene Zuneigung zu sich als einem selbständigen Wesen nimmt ihm ja auch das Licht, in das er schaute, läßt ihn ins Dunkle blicken und ihn und seine Welt in einem eigentümlichen Zwielicht sehen und stehen. Eben in dem Zwielicht, das ihm den Todescharakter der eigensüchtigen und eigenmächtigen Existenz verbirgt, das ihm im eigenständigen und eigenmächtigen Dasein gerade das so begehrte Leben vortäuscht, und ihn also von der Wahrheit, von der offenbaren und gültigen Wirklichkeit der Dinge, seiner selbst und seiner Welt fort in die Irre führt.
So, wie der Mensch von Adam her in seiner Geschichte vor-kommt, versagt er, von dem eigenmächtigen Geist der Welt gedrängt und aus Abneigung gegen Gott, dem Schöpfer, dem er sich und seine Welt nicht verdanken will, sein Leben. Er versagt sich ihm, weil ihm über seiner Abwendung die Illusion eines Lebens aus Selbstbehauptung entsteht. In Wahrheit holt er sich darin nur den Tod.
Aber welche Kraft setzt denn eigentlich diese selbstsüchtige Hingabe an den An drang der eigenmächtigen Welt in Bewegung? In der Beantwortung dieser Frage dringt der Apostel Paulus zu einem Sachverhalt vor, der ihm die ungeheure Macht der Sünde in dieser Welt Adams zeigt, eine Macht, die wir immer wieder verharm losen. Diese Kraft, die den Anstoß zur Sünde und zum Tod gibt, ist das Gesetz. Und das Gesetz ist für Paulus – um das ganz kurz zu sagen – der Anspruch, den der Schöpfer erhebt, durch den er sein Geschöpf auf sich und auf den Nächsten hin weist, durch den er auf solche Weise dieses sein Geschöpf zum Leben hin und am Leben hält. Paradigmatisch ist dieser Anspruch Gottes in dem Gesetz Israels geoffenbart, aber er spricht auch, freilich sporadisch und jeder Trübung ausgesetzt, im Gewissen der Heiden. Er ist das jedem Menschen Verantwortung gebietende Wort des Schöpfers, das allein das Leben der Welt im Gang hält. Aber wie?
Dieses Gesetz, diese Anweisung zum Leben und des Lebens, dieser Ruf des Schöpfers, der die Menschen ständig zu Lebensentscheidungen hervor-ruft, soll die Kraft sein, die den Menschen zur Sünde in den Tod provoziert und ihn und seine Welt in die Hände des eigenmächtigen Geistes der Welt spielt? In der Tat, das meint der Apostel, und man kann seine Meinung Römer 7 und Galater 3 nachlesen. Daß das Gesetz solche Wirkung in der Welt Adams hat, liegt freilich nicht an Gott, dem Schöpfer, es liegt auch nicht an seinem Gebot. Es liegt auch nicht [249] daran, daß die Mächte und die Sünde das Gesetz zerstört hätten. Es geht ja, inmitten dieser Welt der Sünde zum Tode und der Todesmächte, der Anspruch des Schöpfers und seiner Schöpfung weiter. Es liegt an der Macht der Mächte und der Sünde. „Das Gesetz (der Anspruch des Schöpfers) ist heilig, und das Gebot (seine jeweilige Anweisung) ist heilig, gerecht und gut“, sagt Paulus (Römer 7,12). Aber das selbstsüchtige Aussein des Menschen auf sich selbst und der eigenmächtige Geist, der ihn inspiriert, läßt diesen Anspruch Gottes und seine Anweisungen, die ständig im Zusammenhang der Welt und Geschichte an uns herantreten, dem Menschen so begegnen und ihn so benützen, daß er den Menschen immer nur zur Selbst behauptung, Selbstsicherung, Selbsterbauung treibt. Die Reaktion des Menschen auf das Gesetz ist dieses: entweder übertrete ich auf die Vorhaltung des Gebotes hin dieses Gebot und bin ungerecht. Oder ich erfülle nur den Wortlaut des Gebotes, um mich auf diese Weise zu sichern und zu rühmen. Dann ist es mir Anstoß zur Selbstgerechtigkeit. Daß es inmitten dieser ständigen Provokation des von der Sünde mißbrauchten Gesetzes gelegentliche Erfüllung der Gebote gibt, macht für die Gesamtwirklichkeit des Charakters der menschlichen Geschichte nichts aus. Die Selbst-sucht bemächtigt sich so des Gesetzes, daß es, aufs Ganze gesehen, ihr dienen muß und damit dem Tod. „Und es erwies sich mir eben das Gebot, das zum Leben gegeben ist, als ein solches, das zum Tod führt“, heißt es Römer 7,10.
Da die Mächte und Menschen das Lebensgesetz zum Todesgesetz machen, ist es nicht verwunderlich, daß in ihrer auf solche Weise verschlossenen Welt die Grundbeziehung „die Feindschaft“ ist, die Feindschaft gegen Gott und gegeneinander (Eph 2,14ff.). Dort, wo in jeder Weise immer von neuem der durch Adam inaugurierten Tendenz der selbstsüchtigen Selbstbehauptung nachgegeben wird, und Gott und der andere Mensch nur als ein Hindernis oder als ein Mittel zur eigenen Selbstbehauptung gesehen und verstanden ist, kann es im Grunde keinen Frieden geben. Die Wirklichkeit des Lebens, in der wir jetzt vorkommen, ist eine unaufhörliche Bestreitung der Schöpfung durch Mächte und Menschen. Die Schöpfung ist durch den Fall der Mächte und Menschen nicht zerstört. Sie ist auch nicht tödlich getroffen. Gott, der Schöpfer, ist nicht besiegt oder lahmgelegt. Er hält seine Schöpfung durch bis zu dem Augenblick, den Er festgesetzt hat. Aber die Schöpfung wird von den Mächten und Menschen bestritten und mißbraucht und so, wie der Apostel überaus bezeichnend sagt, der „Eitelkeit“ unterworfen. In der eitlen Unwahrheit ihrer selbstsüchtigen Herzen und ihrer eigenmächtigen Erscheinung suchen sie die Schöpfung zu vereiteln.
3.
In diese Schöpfung, die sich in ihrer adamitischen Geschichte ihrem Schöpfer und seinem Willen versagt, greift Gott noch einmal ein. Er läßt auch seine gefallene Schöpfung nicht im Stich. Er richtet sie wieder auf. Er erfüllt die Bestimmung, die er ihr gab, und in der sie auch als Schöpfung stand. Er führt sie von neuem in den Gehorsam. Er unterstellt sie der Herrschaft Christi.
Wie geschieht das? Der Apostel antwortet: es geschieht im Kreuz und in der Auferweckung Jesu Christi. Das ist eine Formel schon zu des Apostels Zeiten. Das ist für die meisten von uns eine abgegriffene Formel. Aber mit ihr ist der geschichtliche [250] Vorgang angezeigt, der diese Dimension von Welt und Dasein durchbricht. An gezeigt ist durch sie folgendes: Gott setzt der Welt und den Menschen einen neuen Anfang. Er tut das in einer geschichtlichen Tat mitten in unserer Geschichte. Er läßt seine vielfältige Weisheit, die in der Schöpfung schon verborgen war, in einem konkreten Menschen, am konkreten geschichtlichen Ort, zu konkreter geschichtlicher Zeit in der Welt zu Tage treten, in dem Jesus Christus. Er ist nun, wie der Apostel sagt, „in Christus am Werk“ (Eph 1,20). Er ist in seinem Kreuz am Werk. Denn das Kreuz ist die ganze Geschichte dieses Jesus Christus im Blick auf das, worauf sie hinausläuft. Das Kreuz bestimmt sie von Anfang an und in allem Tun von innen her als ihr Grund und Ziel. Im Kreuz realisiert sich zuletzt in dieser sich selbst zu gewandten und von Gott abgewandten Welt das unverwandte Hingewendetsein des Gehorsams zu Gott. Im Kreuz endet in dieser selbst-süchtigen, auf sich bezogenen Welt das selbst-lose Sich-Offenhalten für den anderen Menschen im Gehorsam gegen Gottes Gebot. Im Kreuz und im Kreuzestod kommt die gehorsame Annahme des Willens Gottes und die bewußte Übernahme des tödlichen Anspruchs der selbstsüchtigen Menschen zur Vollendung. Am Kreuz erweist sich das Gott gehorsame Austragen der in die eigene Existenz (auf den eigenen Leib!) übernommenen fremden tödlichen Sünde. Das Kreuz ist in einem völlig konkreten Sinn: Aufsichnahme des Lebensanspruches des anderen Menschen in dem Verzicht auf den eigenen Anspruch, es ist gehorsame Hin-Gabe des eigenen Lebens für den Nächsten. Deshalb und in diesem Sinn ist das Kreuz Christi ganz konkret die Durchbrechung des Wesens der gefallenen, dem eigensüchtigen Anspruch verfallenen Welt. Deshalb ist das Kreuz der göttliche Anbruch der neuen gehorsamen Welt in Christus.
Das aber tritt heraus in der Auferweckung Jesu Christi von den Toten. Denn durch sie hat Gott den, der die fremde Sünde gehorsam auf sich nahm und in seinem Tod ersterben ließ, dem Tod und den Todesmächten entrissen und in das Leben aus der Macht Gottes eingelassen. Durch sie, die Auferweckung Christi von den Toten, hat er aber auch die in der gehorsamen Liebe des Opfers Christi waltende Macht als mächtiger erwiesen als alle Mächte. Denn diese haben ihre Macht im Tod. So steht nun in Ihm, dem gekreuzigten und auferstandenen Christus Jesus, der, wie es heißt, zur Rechten Gottes, eben in die Macht Gottes, erhöht ist, nun steht in seiner Liebe, die die fremde Sünde in sich sterben ließ, der Welt und den Menschen ein neuer Anfang, ein neues gerechtes und wahres Leben offen, nun ist in dieser neuen Wirklichkeit des gekreuzigten und von den Toten erweckten Jesus Christus allen eine neue Möglichkeit aufgetan. Nun sind in der Tat Mensch und Welt wieder auf Christus ausgerichtet als auf den, von dessen Hingabe sie das Leben empfangen. Nun hat Christus in Kreuz und Auferweckung von den Toten seine Herrschaft angetreten. Nun ist es so, wie der Apostel an die römische Gemeinde schreibt: Keiner von uns lebt sich und keiner stirbt sich; denn wenn wir leben, leben wir dem Herrn und wenn wir sterben, sterben wir dem Herrn. Wir leben oder wir sterben, wir gehören dem Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und lebendig geworden, daß Er der Herr sei über Tote und Lebende.“
Daß er der Herr ist, erweist sich aber daran, daß sich nun alle Zukunft an ihm entscheidet, nein, daß Er nun alle Zukunft entscheidet. Auch wenn der Mensch ihm und seinem Kreuz jetzt ausweichen will – und oft ist das ganze Leben nur ein [251] Versuch, Ihm auszuweichen -, es kommt uns nun nichts anderes mehr entgegen als der Herr. Auch wenn die Welt nicht von der Gabe des Kreuzes und der Auferweckung mehr leben will, sondern von der Leistung, von dem, was sie sich selbst her stellt, ihre Zukunft ist dieser Herr und sein siegreiches Kreuz. Denn, sagt der Apostel mit allen anderen und dem Herrn selbst, die Auferweckung des Gekreuzigten ist ja eine Auferweckung, die mit der Parousie, mit der offenbaren und endgültigen Ankunft des Erhöhten endet. Ob wir es wissen oder nicht, ob wir es wollen oder nicht: die Zukunft, auf die hin wir alle leben, auf die wir ja so oder so alle hoffen, von der her wir deshalb alle leben, ist in der Hand dessen, der durch Kreuz und Auferweckung von den Toten zu ihrem Herrn ermächtigt worden ist. Von ihm hängt jetzt und dann, jetzt, weil dann, unser Leben ab.
4.
Gerade deshalb ist das Werk Gottes in Christus, mit dem er den Bann der Sünde und des Todes zerbrochen hat, mit Kreuz und Auferweckung Christi auch in der Gegenwart der Geschichte noch nicht zu Ende. Sondern in derselben Kraft, in der er Christus von den Toten erweckt und über alle Mächte erhöht hat, in derselben Kraft bereitet er nun in Christus seine endgültige Herrschaft vor, indem dieser sich auf Erden seine vorläufige Herrschaft errichtet – in der Kirche. In derselben Kraft: es ist die Kraft des Heiligen Geistes. In ihr hat er Christus aus der Finsternis des Todes ins Licht und ins Leben gerufen. In ihr läßt er nun sein Leben und sein Licht aufgehen über der Welt und in den Herzen der Menschen. Das ist keine Metapher. Das ist der wirkliche Vorgang.
Um sich seine Herrschaft auf Erden in der Kirche einzuräumen, offenbart sich der Gekreuzigte und Auferstandene und Erhöhte seinen Aposteln. Er erschließt sich ihnen und er erschließt sie sich, um durch sie sich anderen Menschen und andere Menschen sich zu eröffnen. Dies aber geschieht in der Macht des Geistes, der ihn zu erfahren gibt. In seinem ihn aufdeckenden und gegenwärtig machenden Geist bemächtigt er sich derer, die er sendet, und ermächtigt sie zu dem Dienst ihrer Sendung mit seinem Wort und Werk. Sie aber, von seinem Geist Ihm ermächtigt, lassen Ihn die Herzen der Juden und Heiden erleuchten und aufleben, lassen sie sich zu Ihm wenden, sich um Ihn versammeln zu seinem Volk, lassen Ihn in diesem versammelten Volk, das Ihm gehört, heraustreten als in seinem Leib, lassen Ihn sich in diesem Leib, der Kirche, als in seiner Herrschaft offenbaren.
Die Briefe des Apostels legen Zeugnis davon ab, wie konkret der heilige Paulus die Aufrichtung der Herrschaft des gekreuzigten und auferstandenen Christus durch den apostolischen Dienst des Evangeliums in der Kirche versteht. Christus selbst bedient sich in der Macht, die ihn gegenwärtig sein und handeln läßt, nämlich im Heiligen Geist, des Wortes und Wirkens der Apostel, um sich selbst zu offenbaren. Er gibt sich durch das apostolische Wort und Werk zu erkennen und zu erfahren. Er eröffnet durch das apostolische Wort und Werk seine Geschichte, seine Person, sein Wort, seine Tat, sein Leiden und Sterben, seine Auferstehung und Himmelfahrt, seine Wiederkunft und spricht die Menschen und geht die Menschen daraufhin an, erhellt ihnen ihr verworrenes Leben durch den Anblick seiner Wahrheit, zeigt ihnen [252] ihren neuen Grund in seiner Hin-Gabe, schließt ihnen auf dem Grund der Gnadentat Gottes und seiner Vergebung in ihm das gerechtfertigte und gerechte Leben auf, läßt sie die unendliche Aussicht des Kreuzes erspähen u. a. m. So zieht er selbst sie in der Kraft des Heiligen Geistes durch den apostolischen Zuspruch und Anspruch, durch das apostolische An-Gebot Seiner selbst in sein Anwesen hinein. So läßt er dieses sein Anwesen in denen, die sich darauf einlassen, sichtbar entstehen und wachsen. Sein An-wesen ist die Kirche.
Wir sagen summarisch: „durch das apostolische Wort und Werk“ und fassen damit in einem Ausdruck des Apostels selbst all das zusammen, was er sonst auch das „Evangelium“ nennt: sein vielfältiges Wort in Verkündigung, Lehre, Paraklese, Gebot, Befehl, Anordnungen, Gebet. Aber inmitten seines so vielartigen Wortes auch die wirksamen Zeichen, vor allem die Taufe und die Eucharistie, das alles versammelnde, das dichteste und wirksamste Wort, das im Zeichen ihn wirksam er stehen läßt. Dies alles begleitend, bekräftigend, das, was der Apostel „Zeichen und Wunder“ nennt, die wunderbaren Machttaten Gottes in den außerordentlichen Charismen, die das Evangelium erweckt. Und dem allem dienend die apostolische Existenz, das apostolische Leiden in der apostolischen Nachfolge, in dem das Kreuz des Herrn im Bild sichtbar erscheint. „Denn wir werden beständig als Lebende in den Tod gegeben um Jesu willen, damit auch das Leben des Jesus an unserem sterblichen Fleisch offenbar werde“ (2 Kor 4,11).
Aber noch ein anderes: Wir reden vom apostolischen Wort und Werk. Und in der Tat erschließt sich im Wort und Wirken der Apostel in grundlegender und authentischer Weise die Herrschaft Christi im Heiligen Geist. Aber selbst schon in den Brief en des Apostels Paulus ist erkennbar, daß sich das apostolische Wort und Werk (und der apostolische Dienst) fortsetzt im Wort und Werk (und Dienst) der Kirche, die auf dem Grund der Apostel und Propheten deren Wort und Werk (und Dienst) entfaltet und ihre Hinterlassenschaft ausschöpft bis zum Ende. „Vom Haupte her“ – heißt es einmal (Eph 4,16) – „besorgt der ganze Leib … das Wachstum des Leibes zum Auf bau seiner selbst in Liebe“.
Doch wichtiger ist in unserem Zusammenhang, daß wir im Ganzen die eine große Bewegung sehen, in der die Welt seit Kreuz und Auferweckung Christi steht, und die die Menschen und ihre Welt, die potentiell auf Christus wieder ausgerichtet sind, nun auch aktuell zu ihm hinführt und zu ihm hinhält in der Versammlung seines Volkes, in der Gliedschaft seines Leibes, der Kirche. Diese Bewegung setzt ein mit dem Herausrufen des die Welt der Sünde auf sich nehmenden Christus Jesus aus dem Tod in die allen Mächten überlegene Macht Gottes, in der Kraft des Tote erweckenden Geistes. Sie setzt sich fort in dem Hervorrufen eben dieses Herrn in seine vorläufige Herrschaft in der Welt durch den apostolischen Dienst des Evangeliums, in der Kraft ebendesselben Geistes. Sie endet, wenn der Herr auf „den Befehl“ hin heraustritt und seine Herrschaft in Ihm und den Seinen endgültig offenbar wird. Aber noch bevor sie im Kreuz und in der Auferweckung einsetzte, setzte sie – um den Bogen nun noch zum Beginn zurückzuschlagen – an in der Vorsehung und Vorbestimmung der Welt für ihn durch Gott, für den Gott ja auch die Schöpfung zubereitete. [253]
5.
In welcher Weise aber erfüllt sich Seine vorläufige Herrschaft an den Seinen? Auch hier, wo das Wesen der Herrschaft Christi im Spiegel der christlichen Existenz dargestellt werden müßte, können wir nur weniges mehr andeuten. Das, was der Apostel Paulus immer wieder in Übereinstimmung mit den anderen Aposteln betont, ist, daß der erhöhte Herr sich durch das Wort seines Evangeliums zu Wort und zu Gehör bringt. Er wird der Herr, indem wir ihn hören, ihm gehorsam werden und so gehören. Der hörende Gehorsam ist das, was der Apostel Glaube nennt. Ihn hat der Apostel mit Leidenschaft gegen das Mißverständnis der Juden und Heiden verteidigt, er sei eine Leistung des Handelns oder des Denkens. Er ist keine Leistung, aber er ist eine Entscheidung, eine Entscheidung des Hörenden für den in seinem Anspruch den Gehorsam provozierenden Christus. In solcher Entscheidung kehrt der Glaube um, er kehrt sich, wie der Apostel einmal sagt, ab von seinen bisherigen Idolen, wobei wir daran denken können, daß der Mensch selbst sich sein heimlichstes und faszinierendstes Idol ist, und er wendet sich wieder hin, „zu dienen dem lebendigen und wahren Gott“ (1 Thess 1,9). Im Glauben fällt der Mensch seine Entscheidung über sich selbst. Im Glauben tritt er ein in die Herrschaft Gottes in Christus. Der Glaube ist die immer neue Übergabe an den Herrn, dem wir gehören.
In beidem ist der Glaube freilich nur der Anfang des neuen Lebens unter der Herrschaft Christi. Diese festigt sich in der Liebe. Denn die Liebe ist die Energie des Glaubens. Sie ist der Erweis dessen, daß ich mir im Glauben das Leben von Christus aus der Hand Gottes geben lasse. Sie ist die tätige Antwort auf das Wort der Liebe Christi, die mir das Dasein wieder geöffnet hat für Gott und den Nächsten. Sie ist das Offenhalten meines Lebens für Gott und den Nächsten. In ihrer Gerechtigkeit und Wahrheit erfährt auch der Nächste die Offenheit des Lebens.
Ist die Liebe die Übung und das am-Werk-Sein des Glaubens, so ist die Hoffnung sein Auf blick und Aufschwung. Hoffnung ist das Sich-Einlassen des Glaubens in die ihm eröffnete Aussicht in Christus. Die Hoffnung beflügelt und bestärkt das Vertrauen, das sich gegen allen Andrang der vordergründigen Wirklichkeit wachsam und nüchtern an das Un-Sichtbare und Zu-Kommende hält. Und Hoffnung entzündet die Erwartung des angekündigten und angebotenen Lebens in Christus. Sie wartet ihm mit aufgerecktem· Haupt entgegen (vgl. Römer 8,19). Sie eilt ihm einerseits entgegen, aller Zeit voraus, während die hoffnungslose, weil immer wieder enttäuschte Selbstsucht immer der Zeit hinterhereilt, obwohl sie immer „zeitgemäß“ ist, nein, weil sie das ist. Die Hoffnung wartet andererseits in Geduld. Sie nimmt nichts vermessen und träumend vorweg, auch nicht den Tod und diese schreckliche Macht des Kosmos, während sich der Mensch, der sich an sich und eine eigenmächtige Welt klammert, aus lauter und von ihm aus berechtigter Ungeduld in Illusionen verliert. So erweist sich die Hoffnung, zu dem Herrn Christus ausblickend und auf blickend auf das Zukommende, das Er ja ist, und hinzueilend und doch wartend, gerade dort, wo nichts mehr zu hoffen ist, in der Bedrängnis des Lebens, in der Verfolgung, im Sterben. Sie erweist sich in der Geduld, die den Tod als Tod und als Leben besteht. [254]
Wir müssen diese Überlegungen abbrechen. Es mag auch deutlich sein, wie sich in der Tat in der christlichen Existenz – in Glaube, Liebe und Hoffnung und allem, was sie mit sich bringen – die Herrschaft Christi, des gekreuzigten und auf erweckten Jesus Christus, auswirkt und widerspiegelt. Denn in Glaube, Liebe, Hoffnung und allem, was zu ihnen gehört, lebt der Mensch nicht nur auf den Anspruch des Kreuzes und der Auferweckung Christi hin, sondern geht auch auf ihn ein und damit an das Kreuz und in die Auferstehung Christi. In ihnen läßt er sich auf dem Grunde des Kreuzes und der Auferweckung Christi endlich los und überläßt sich Gott und dem, den ihm Gott zuschickt mit seinen Ansprüchen. In Glaube, Hoffnung, Liebe, in Geduld u. a. m. nimmt er den neuen Grund seines Lebens an und fängt wieder an, aus dem Vermögen Gottes zu leben: in, mit und unter Christus.
Damit vollzieht er – um das nicht zu vergessen – nur den Entwurf seines Lebens, in den ihn seine Taufe schon entworfen hat. Denn es heißt (Römer 6,3f.): „Die wir auf Christus Jesus getauft sind, sind auf seinen Tod getauft, damit, wie Christus auf erweckt wurde von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln“. Indem der Christ in seinem Leben die Linie nachzieht, die ihm in der Taufe vorgezogen ist, läßt er an sich die Zeichnung vollständig hervortreten, die Christus in das Feld der Welt gezeichnet hat. Er bezeugt in Sein und Existenz das Kreuz und die Auferstehung Christi als den Grund und das Ziel seines Lebens. Er bezeugt damit die Herrschaft Christi über die Seinen.
6.
Ist Christus in der Weise der Herr über die Seinen, daß er sie mit an sein Kreuz nimmt und in die Auferstehung von den Toten hinein, so fragt es sich noch, was diese Herrschaft über die Seinen und was also seine vorläufige Herrschaft überhaupt für die Welt bedeutet. Und unter „Welt“ verstehen wir jetzt nicht den Lebensraum der Christen. Meint man ihn, dann könnte man nur antworten: sie bedeutet seine Freigabe zu neuer und doch alter Ordnung, die Freigabe für die in Christus wieder hervorkommende Schöpfung. Wo Glaube, Liebe, Hoffnung in einer Gemeinschaft walten und ihren Geist bestimmen, da drängen auch die ursprüngliche Wahrheit, Gerechtigkeit, Heiligkeit der Dinge, das Heilsame und Friedsame der Schöpfung ans Licht.
Aber diese Welt, m. a. W. den Lebensraum, den die Kirche umspannt, meinen wir jetzt nicht. Sondern wir denken bei „Welt“ jetzt an die Nichtchristen und ihren Lebensbezirk, an die Menschen und Völker, wie der Apostel sagt, „draußen“. Und wir denken noch an ein Zweites: an die Mächte und Gewalten, die – vergessen wir das nie – zu dem Wesensganzen der Welt gehören.
Was die Welt und die Menschen „draußen“ betrifft, so stehen sie natürlich auch alle unter dem Anspruch des Kreuzes und der Auferweckung· Christi von den Toten, der ja auch ihnen in seinem Leib die Sünden und den Tod abgenommen hat und das neue Leben in seinem Leben bereithält. Dieser Anspruch ist aber für sie ein konkreter Anspruch der Geschichte geworden durch die Erscheinung der Kirche in der Welt. Wozu anders hat Christus denn, meint der Apostel Paulus, „uns, die tot waren durch Übertretungen, mit Christus lebendig gemacht … und hat uns mit [255] auferweckt und mit in die Himmel versetzt in Christus Jesus“ als dazu, „daß er den herankommenden Äonen aufweise den überschwenglichen Reichtum seiner Gnade in der Güte gegen uns in Christus Jesus?“ (Eph 2,5ff.). Nun, seit Christi Tod und Auferstehung, und seitdem das Haupt sich in der Welt seinen Leib, die Kirche, gebildet hat, kommt kein Äon, kein Zeitraum der Geschichte, mehr aus der Zukunft hervor über die Grenze der Zeit, ohne daß sein Blick gebannt würde durch den An-Blick der Gnade, der erwiesenen Gnade, aus der Kirche. Sie, die Kirche, ihre Erscheinung in der Öffentlichkeit der Welt, in ihren Himmeln, von denen her die Welt bestimmt wird, ihre Erscheinung inmitten der Mächte und Gewalten, zieht alle Augen der herankommenden Zeiten auf sich. Sie ist die große Überraschung, die große Störung, die große Einladung, die große Hoffnung der Welt-Zeiten. Durch sie, den Raum und das Zeichen der Gnade, ist ein für allemal und immer wieder und an allen Orten die große Frage der Gnade gestellt, die große Entscheidung aufgerichtet, ob diese Welt, ob die Äonen eingehen wollen in diesen Lebensraum, der, zu Gott hingeöffnet, zu Gott hin das Leben offenhält, oder ob sie weiterhin im eigenen Lebensraum sich der Zukunft, Christus, verschließen wollen. Durch sie, die Kirche, die aus Gnaden der Raum ist, den sich Christus eingeräumt hat, den er erfüllt hat, ist alle Geschichte aufgerufen, sich erfüllen zu lassen, erfüllte Geschichte zu werden. Dazu müssen freilich die Gläubigen selbst alles tun, ein von Gnade erfülltes Leben zu erweisen.
Auch „die Mächte und Gewalten“, wie der Apostel sie nennt, machen die Welt mit aus. Sie sind Entfaltungen jenes feindseligen Geistes, jener eigen-mächtigen Kraft, die ungreifbar und unberechenbar und ständig sich wandelnd die Welt und ihre Atmosphäre durchherrscht. Sie sind Entfaltungen jenes übermächtigen, unfaßbaren Geistes, der sich der Welt, ihrer Einrichtungen, ihrer Personen, aber auch ihrer elementaren Kräfte bedient und in ihnen und durch sie seine zerstörende und verfinsternde Macht ausstrahlt und auswirkt. Auch sie erfahren durch die Kirche die neue Gestalt der Weisheit Gottes. Aber sie erfahren sie nicht wie die Menschen, die dadurch vor die Entscheidung gestellt werden. Sie erfahren die Gnade, in der die Kirche erglänzt, als ihr Gericht. Denn es gehört zu ihrem Wesen, daß sie sich auf Eigen-Macht festgelegt haben, daß sie Mächte d. h. Gegenmächte, weil EigenMächte sind. Sie können nicht mehr umkehren. So ist für sie Christi Kreuz und Auferweckung von den Toten das Ende ihres Wesens, das nur noch die Vernichtung zu erwarten hat. Eben das lesen sie an der Kirche ab, die ja das öffentliche Denkmal dessen ist, daß Gottes Macht in Christus Sieger ist und die Eigen-Macht besiegt. Sie erfahren durch die Kirche, daß sie in Christus nur noch Ohn-Macht sind.
Aber freilich außerhalb der Kirche, außerhalb der Herrschaft Christi, dort wo und in dem Maße wie sich die Menschen der Herrschaft Christi entziehen, suchen sie nun um so mehr ihre Macht noch zur Geltung zu bringen. So ist die Geschichte von zunehmender feindseliger Schärfe gegen Christus und seine Kirche erfüllt und zugleich – denn auch das ist eine Art der Selbstbehauptung der Mächte und u. U. die gefährlichere –, voller Nachahmungen des Geistes, ja auch der Institution und Struktur der Kirche, so daß Kurzsichtige und d. h. solche, die die Geister nicht unterscheiden können, die weltlichen Utopien nicht von der eschatologischen Hoff-[256]nung, die soziale Gesellschaft nicht von der Gemeinschaft der Liebe, das Corpus Humanum nicht vom Corpus Christi unterscheiden können. Von den täuschenden oder lügnerischen Wundern und Zeichen des Antichrist, hinter dem ja der feindselige Geist steht, ist nicht nur in der Offenbarung Johannes, sondern auch bei Paulus die Rede (vgl. 2 Thess 2,9; 2 Kor 11,14). Die Angst vor der Zukunft, in der ja Christus auch als Herr der Mächte und sie, die Mächte, als entmächtigt offenbar werden, macht sie so aufgebracht, gegeneinander und gegen die Kirche, daß der Apostel, im Gegensatz zu aller trügerischen Hoffnung in und außerhalb der Kirche, von der Zeit seit Christus als von „bösen Tagen“ redet und davon spricht, daß diese bösen Tage auslaufen in „den bösen Tag“, der sie begrenzt und erfüllt (Eph 5,16; 6,13). Für diesen Tag, da die Herrschaft Christi über die Seinen noch einmal durch den umfassenden Angriff der erbitterten Mächte auf die Probe gestellt wird, gilt es, wie der Apostel sagt, sich zu rüsten mit der vollen Rüstung Gottes. Sie schützt zwar die milites Christi nicht vor Leiden und Sterben und bereitet ihnen nicht den Sieg auf Erden, sie bewahrt sie aber vor dem ewigen Untergang und läßt sie vor Gott bestehen.
Der Apostel weiß, daß Gott allein Christus zum Herrn der Welt ausersehen und vorbestimmt hat. Er weiß, daß er Ihm als dem künftigen Herrn schon die Schöpfung zugeordnet hat, daß er Ihn in Kreuz und Auferweckung von den Toten zum Herrn eingesetzt hat, daß er in vorläufiger Weise Seine Herrschaft in der Welt aufgerichtet hat in der Kirche, daß dies den Geist der eigenmächtigen Welt, der nichts mehr zu gewinnen, sondern alles nur noch zu verlieren hat, gegen Seine Herrschaft aufbringt, daß aber die Tage, die bösen Tage dieser Zeit, unabänderlich auf Seine Zukunft, den endgültigen und offenbaren Ausbruch Seiner Herrschaft zulaufen. Der Apostel kennt die Schrecken und den Trost dieser Weltsituation und enthüllt sie den Christen in unmißverständlicher Weise. Darum sagt er ihnen von Anfang an zu allem anderen hinzu diesen kleinen Satz: „Laßt uns wachen und nüchtern sein“ (1 Thess 5,6).
Quelle: Geist und Leben 30 (1957), 246-256.