Eberhard Jüngel, Mut zur Angst. Dreizehn Aphorismen zum Jahreswechsel (1978): „Allein gelassene Angst setzt sich allerdings gern absolut. Darin gleicht sie der dem angstfreien Dasein verpflichteten Aufklärung. Doch indem sie einander auszuschließen trach­ten, werden beide abstrakt. Und so verhindern sie den ein­zig möglichen Weg zur Überwindung der Angst, zu einem wenigstens auf Zeit angstfreien Dasein und dem ihm ent­sprechenden Handeln. Angst allein macht keinen Mut zur Angst, sondern macht eher mutlos ängstlich. Aufklärung allein macht ebenfalls keinen Mut zur Angst, sondern eher Angst vor der Angst. Der Mut zur Angst muß von wo­anders her kommen. Er hat sicherlich mancherlei Quellen. Eine von ihnen ist der Mensch gewordene Gottessohn, der die Angst überwunden hat. Er ermutigt zugleich zu einer Bestimmung des Verhältnisses von Angst und Aufklärung.“

Mut zur Angst. Dreizehn Aphorismen zum Jahreswechsel

Von Eberhard Jüngel

1. Noch ist es nicht Angst, noch ist es nur eine sei es aufge­regte, sei es bedrückende Ängstlichkeit, die umgeht in der deutschen Gesellschaft diesseits der Elbe. Aber hinter der Ängstlichkeit, die das Leben vor allem da, wo es sich mit den Institutionen intim berührt oder mit institutionellen Prozessen gar ununterscheidbar vermischt, mehr und mehr stigmatisiert, meldet sich eine Gefahr, die eine andere Reak­tion verdient. Einige sprechen es aus, ohne die Chance zu ahnen, die sie dabei zur Sprache bringen: Wir haben Angst. Unsere Studenten hört man das neuerdings immer öfter sa­gen. Und sie sind immerhin eine Art Seismograf, der — wenn man ihn nur zu entschlüsseln versteht — anzeigt, was uns alle betrifft. Noch formulieren zwar auch sie, wenn sie von ihren Ängsten reden, nur die Ängstlichkeit ihrer Furcht vor diesem und jenem, vor einigermaßen identifizierbaren Pro­blemen. Und doch verbirgt sich in der immer größer wer­denden Ängstlichkeit mehr als nur Furcht vor diesem und jenem. Es ist eine uneingestandene Angst unterwegs. Noch wird sie durch mitunter nur allzu larmoyante Ängstlichkeit verdrängt. Noch fehlt uns der Mut zur Angst.

2. Mut zur Angst machen — das ist etwas anderes als Angst machen. Angst machen — das wäre unverzeihlich. Wer Angst macht, womit auch immer, der besorgt das Geschäft der quasigeistlichen und quasigeistigen Demagogen. Pfäffisch ist es, Angst zu machen, wo doch kein Grund zur Angst exi­stiert. Und pfäffisch sind keineswegs nur immer die Pfaffen, sondern oft noch sehr viel mehr die angstmachenden Auto­ritäten wissenschaftlicher, politischer und publizistischer Provenienz. Entsprechend billig ist denn auch die gegen die selbsterzeugte Angst flugs hinterdreingeschickte Aufklärung und Arznei. Dagegen gilt es auf der Hut zu sein. Nein, Angst machen gilt nicht und soll nicht gelten.

Aber Mut zur Angst darf man machen. Ja, im Grunde gibt es keine bessere Hilfe gegen die pfäffischen Versuche, künst­lich Angst zu erzeugen, als den eigenen Mut zur Angst: zu einer Angst nämlich, die uneingestanden längst am Werke ist und, uneingestanden weiter wirkend, nur Unheil an­richten würde. Eingestandene Angst hingegen läßt sich ver­arbeiten und derart vielleicht überwinden.

3. Wirkliche Überwindung von Angst wird sich dagegen verwahren, mit abstrakter Abschaffung von Angst verwech­selt zu werden. Wer Angst einfach abschaffen zu können glaubt, der müßte, um zu seinem Ziel zu gelangen, den Menschen abschaffen. Prinzipiell angstfreies Dasein gibt es nicht. Angstfrei handeln, agieren und reagieren zu können in dieser Welt — das bleibt zwar ein sinnvolles irdisches Ziel. Und um es zu erreichen, bedarf es eines wenigstens auf Zeit angstfreien Daseins. Aber eine Menschheit ohne Angst wäre doch wohl zugleich eine Menschheit ohne Hoffnung. Die Hoffnung ist die positive Gestalt der Angst. Indem der Mensch zu hoffen wagt und indem er sich ängstigen muß, meldet er jeweils sein Recht auf Zukunft an.

Angstfrei dasein zu können — das ist die Verheißung dessen, der die Welt überwunden hat. Seine Verheißung hat aller­dings für das Dasein in dieser Welt Bedeutung. Sie wirkt jetzt. Von Zeit zu Zeit ereignet sich in der Tat angstfreies Dasein, das dann angstfreies Handeln ermöglicht Doch da­zu bedarf es zuvor des Eingeständnisses der Angst, die wir haben und immer wieder haben werden. Auch die angst­freien Zeiten werden immer wieder unterbrochen von Zei­ten der Angst, die nicht künstlich erzeugt wird, sondern kommt, um uns auf diese höchst intensive Weise daran zu erinnern, wie sehr sich der Mensch, wie sehr sich die Mensch­heit selber bedroht. Denn das ist die Funktion unserer Angst. Man wird also gut daran tun, die Zeiten recht zu unter­scheiden und nur ja nicht die eine abstrakt der anderen zu opfern. Das wäre ohnehin nur ein in Gedanken — in Ge­dankenlosigkeit — vollzogenes Opfer, ein sacrificium in- tellectus.

4. Allein gelassene Angst setzt sich allerdings gern absolut. Darin gleicht sie der dem angstfreien Dasein verpflichteten Aufklärung. Doch indem sie einander auszuschließen trach­ten, werden beide abstrakt. Und so verhindern sie den ein­zig möglichen Weg zur Überwindung der Angst, zu einem wenigstens auf Zeit angstfreien Dasein und dem ihm ent­sprechenden Handeln. Angst allein macht keinen Mut zur Angst, sondern macht eher mutlos ängstlich. Aufklärung allein macht ebenfalls keinen Mut zur Angst, sondern eher Angst vor der Angst. Der Mut zur Angst muß von wo­anders her kommen. Er hat sicherlich mancherlei Quellen. Eine von ihnen ist der Mensch gewordene Gottessohn, der die Angst überwunden hat. Er ermutigt zugleich zu einer Bestimmung des Verhältnisses von Angst und Aufklärung.

5. Angst und Aufklärung — das sind zwei einander überaus feindlich gesonnene, aber zugleich sich gegenseitig promo­vierende Schwestern. Wo Angst herrscht, gelingt Aufklä­rung, wenn überhaupt, nur bei äußerster Anstrengung. Und selbst dann bedarf es in der Regel einer mäeutischen List, um im geängstigten Menschen gegen die ihn beherrschende Angst den Mut zu erzeugen, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Umgekehrt ist wiederum alle Aufklärung ge­gen die die Menschheit und jedes einzelne Ich auf höchst differenzierte Weise tyrannisierende und entmündigende Angst gerichtet: insbesondere gegen die Angst, sich fremder Leitung, von der uns die Natur doch längst frei gesprochen hat, auch de facto zu entziehen.

Kant hat es uns eingeschärft. Naturaliter majorennes, von Natur mündig gesprochen, will Aufklärung uns auch exi­stentiell mündig und damit angstfrei werden lassen. Seltsam freilich, daß der erwachsene Bürger, daß der mündig ge­sprochene Mensch sich noch viel unheimlicher zu ängstigen vermag als das unmündige Kind. Es ist eine Tendenz zur Abstraktheit in aller Aufklärung, eine Tendenz, die sie ver­führt, Teufel mit Beelzebub auszutreiben, ohne es überhaupt zu bemerken, daß sie dabei ein Teil von jener Kraft zu wer­den droht, die stets das Gute will und unversehens doch das Böse schafft. Der Angst vor der Angst, die auf diese Weise entsteht, ist dann allerdings mit keinerlei Aufklärung mehr beizukommen.

So ist denn das Verhältnis von Angst und Aufklärung kom­plexer, als es von jeweils einer der beiden Schwestern allein eingesehen und zugegeben werden kann. Aufklärung sagt, Angst sei ein schlechter Ratgeber. Angst meint, Aufklärung mache die Angst nur noch schlimmer. Sie wollen einander ausschließen und steigern sich dabei doch nur über ihr Wesen hinaus, steigern sich gegenseitig in ihr eigenes Un­wesen. Auf Seiten der Angst wächst die Angst vor der Auf­klärung, und zwar so sehr, daß die von Hause aus sozu­sagen unbewußt intelligente Angst dumpf und dumm wird. Andrerseits feiert die sich für angstfrei haltende Aufklärung ihre Überlegenheit über die vermeintlich intelligenzlose Angst mit jenem Übermut, der noch oft aus Siegern Besiegte werden ließ. Die helle Aufklärung beginnt zu blenden. Eben diese wechselseitige Steigerung in ihr eigenes Unwesen be­greift keine der beiden feindlichen Schwestern, solange sie sich nicht miteinander versöhnen lassen.

Von selbst werden sie sich allerdings wohl kaum mitein­ander versöhnen. Dazu fehlt der Angst die Freiheit und der Aufklärung das Maß. Um Angst und Aufklärung mitein­ander zu versöhnen, müssen beide in ein neues Licht ge­rückt werden: in ein Licht, das sowohl das Dunkel der Angst wie das Helle der Aufklärung von innen heraus ganz neu zu erleuchten vermag, weil es beide aus eigener Erfahrung kennt.

Der christliche Glaube kennt als ein solches Licht das Evan­gelium von Jesus Christus, das so ehrlich ist, nicht zu ver­schweigen, wie sehr Jesus Angst gelitten hat, und das eben deshalb davon reden kann, daß es die Angst überwunden hat. Nur wenn Angst und Aufklärung derart, statt sich je­weils in ihr Unwesen zu steigern, in ihr Wesen gelangen, wird — nun nicht etwa ängstliche, sondern — besonnene Auf­klärung und so etwas wie aufgeklärte Angst möglich werden.

6. Mut zur Angst kommt der Aufklärung zugute. Denn er ist geeignet, die Aufklärung nicht nur zu steigern, sondern gewissermaßen zu reduplizieren, auf sich selbst anzuwen­den, mithin die Aufklärung aufzuklären. Aufgeklärter müßten die Aufklärer sein, um sich selbst durchschauen und um der Angst standhalten zu können. Daß sie es bisher nicht sind, zeigt sich am empfindlichsten Organ menschlicher Verstän­digung, zeigt sich an unserer Sprache. Wenn unsere doch von Hause aus auf Einverständnis bedachte Sprache immer stärker dahin gesteuert wird, daß wir nur noch die zum wissenschaftlich meßbaren Ergebnis und dem ihm ent­sprechenden Erfolg führenden Wahrheiten sozialisieren, alle diesem Denkmuster und Handlungsmuster natürlicher­weise fremden und in solche Muster schlechterdings nicht übersetzbaren Wahrheiten also überhaupt nicht mehr als Wahrheiten gelten lassen, sondern aus einem möglichen Einverständnis von vornherein ausschließen, dann kommt es mit Notwendigkeit zu jenen abgründigen Brüchen, die nicht nur Vernunft und Emotion, sondern auch Generatio­nen entzweien.

Man hat mit Recht darauf hingewiesen, daß gerade die­jenigen Denksysteme, denen die moderne Zivilisation ihre höchste und nicht ungestraft zu destruierende Machtentfal­tung verdankt, eine ebenso totalitäre wie exkommunizie­rende Wirkung haben. Sie blenden aus, was sich ihren Kri­terien nicht fügt. Das ist legitim, solange eine ausblendende Sprache nicht alles zu regulieren beansprucht. Tut sie es gleichwohl, dann entarten ihre ausblendenden Funktionen zu verblendenden Monomanien. In diesem Sinn ist eine sich absolut setzende Beweis-Sprache immer eine zumindest partiell narkotisierende Sprache. Die Erfolge der auf Be­weis-Sprachen aufbauenden Wissenschaften haben unsere Umgangssprache weithin gleichzuschalten vermocht. Wo die Sprache derart gesteuert wird, macht man sich des Verge­hens schuldig, das nach Aristoteles darin besteht, daß man nicht zu unterscheiden vermag zwischen dem, was bewiesen werden muß, und dem, was weder eines Beweises bedarf noch so etwas wie einen Beweis überhaupt verträgt. Bewie­sene Treue zum Beispiel ist auch schon zerbrochene Treue.

7. Es gibt die Wahrheiten souveräner Daseinsäußerungen — wie K. E. Løgstrup sie genannt hat —, die sich, wenn sie sich nicht auf natürliche Weise bemerkbar machen können, erup­tiv durchsetzen werden. Dann freilich laufen sie Gefahr, sich bei solchen gewaltsamen Entladungen selbst zu entstel­len und ad absurdum zu führen. Denn jede souveräne Le­bensäußerung zehrt von dem Einverständnis einer Gemeinschaft, wie es sich vornehmlich in der Sprache artikuliert. Erlaubt unsere Sprache den souveränen Lebensvorgängen keine ihnen entsprechende Äußerung, dann suchen sie sich eine ihnen ganz und gar nicht entsprechende Darstellungs­form. Da stehen dann die Söhne und Töchter nicht nur ge­gen die Eltern und Großeltern, sondern sogar gegen die älteren Brüder und Schwestern auf. Der Generationenbruch akzelleriert. Kein Wunder, wenn die Erfahrungen, die zwi­schen Vernunft und Emotion zu vermitteln pflegen, sich in der auf Alleingültigkeit Anspruch erhebenden Beweisspra­che nicht sozialisieren lassen.

8. Souveräne Lebensvorgänge lassen sich sprachlich nicht un­gestraft unterdrücken. Souveräne Lebensvorgänge verlan­gen nach souveränen Lebensäußerungen. Wird diesen die Sozialisation verweigert, so verschaffen sie sich ungebeten Eintritt in die sich ihr verschließende Gesellschaft und stö­ren sie in empfindlicher, wenn auch keineswegs vorhersehbarer Weise. Die Folgen sind denn auch entsprechend diffus. Sie sind es schon deshalb, weil ja auch die aus der Kom­munikation mit den Älteren sich exkommuniziert fühlen­den jungen Menschen dieselbe Sprache sprechen, die ihnen verweigert, wonach sie zumindest unbewußt verlangen.

Sprache bis zur Kenntlichkeit entstellen

Teils reagieren sie auf den sprachlichen Zwang, dem sie sich gleichermaßen unterwerfen und verweigern, indem sie sprachliche Subkulturen bilden, in denen dann eine um ihrer selbst willen »kultivierte« Anti-Sprache gesprochen wird. Hat man eigentlich schon einmal genauer darüber nach­gedacht, warum wohl zur Zeit ganze Scharen miserabler Sänger nicht so sehr trotz als vielmehr wegen ihrer katastro­phalen Stimme Anklang finden? Was klingt da zusammen?

Teils aber reagieren die gegen die Monarchie der Beweis­sprache Aufbegehrenden, indem sie sich ihr erst recht unter­werfen und sie durch Überstrapazierung »bis zur Kenntlichkeit entstellen«. Es entsteht dann innerhalb der bereits allzu schmal gewordenen Beweissprache noch einmal eine sprachliche Schmalspur, in der nun erst recht abgeblendet wird, was dazu nicht paßt. Auch innerhalb dieser Schmal­spur wird die Sprache des Beweises gesprochen. Aber es wachen nun fanatische Richter darüber, daß als Beweismittel nur eben das zugelassen wird, was das ohnehin für probat Erachtete zu bestätigen geeignet ist. Diese Sprache ist schlechterdings nicht falsifizierbar. Darin gleicht sie, wenn auch gänzlich travestiert, den souveränen Daseinsäußerungen. Es ist die Sprache des sich selbst beweisenden Beweises.

Man wird, bevor man sich darüber — zurecht — entsetzt, dar­über nachdenken müssen, daß sich auch in dieser nun fast ganz narkotisierten und narkotisierenden Sprache entstellt souveräne Lebensvorgänge zu Wort melden. Nur daß die um ihre Legitimität gebrachte Souveränität nun eben zur Tyrannei entartet Doch in der Despotie solcher nur noch im Zirkel argumentierenden Beweissprachen drückt sich, wenn auch auf entstellte Weise, noch immer eine Fülle souveräner Lebensvorgänge aus. Jede von ihnen hat im Grunde keine andere Funktion, als die unmittelbare Gegenwart des gan­zen ungeteilten Daseins zu repräsentieren (mit einem Aus­druck von H. Steffens formuliert).

Es ist aber genau dies, was die Sprache des Beweises nicht zuläßt und was die gegen diese Sprache innerhalb dieser Sprache opponierende sprachliche Schmalspur nur als feh­lend anzuzeigen vermag. Aber als fehlende verschafft sie sich Achtung: Es kommt zu Ausbrüchen der Sehnsucht nach der unmittelbaren Gegenwart des ganzen ungeteilten Da­seins. Diese Sehnsucht äußert sich im Protest, um schließlich durch Taten herbeizuzwingen, was sich doch nur von selbst einstellen kann. Es verlagert sich in die Dimension der Moral, was doch seinem Wesen nach weder in der Dimen­sion des Wissens noch in der Dimension des Handelns seinen Ort hat. Wenn sich die unmittelbare Gegenwart des ganzen ungeteilten Dasein ereignet, dann ist das allemal ein Ereig­nis sui generis. Ihre Verlagerung in die Dimension der Mo­ral ist bereits Ausdruck ihrer Verhinderung. Denn Moral hat es niemals mit der unmittelbaren Gegenwart zu tun, sondern mit der Frage, was in der bevorstehenden Gegen­wart getan werden soll.

9. Innerhalb der Dimension der Moral kann die Sehnsucht nach dem ganzen ungeteilten Dasein die Sensibilität für das moralisch Gebotene und für das schmerzlich Vermißte zwar steigern. Aber die dabei nur zu leicht entstehende Hyper­sensibilität hat bereits die Tendenz zur Unmoral in sich. Hypersensibilität ist nicht weniger als Gefühlsroheit ein Potential krimineller Energie. Es ist ja gerade die verletzte Moral, die, indem sie auf Rache zu sinnen beginnt, auch schon anfängt, eine zutiefst unmoralische Hypermoral zu gebären, die sich anmaßt, so etwas wie die unmittelbare Gegenwart des ganzen ungeteilten Daseins selber ins Werk setzen zu können. Und genau das ist es, was wir zur Zeit erleben.

Michael Kohlhaas ist, wenn auch ziemlich herabgekommen, mitten unter uns. Der enthaupteten Hydra wuchsen viele Häupter nach. Das war sozusagen eine Konsequenz des sich selbst behauptenden Bösen. Doch der enthaupteten Moral wachsen viele hypermoralische Köpfe nach, die sich bei näherem Zusehen als Janusköpfe enthüllen: Doppelköpfe, deren eine Seite ebenso hypermoralisch empfindet, wie ihre andere Seite unmoralisch zu wirken befiehlt. Das sind die Häupter derer, deren Füße über Leichen gehen. Selber be­reit, zu leiden und zu sterben, wähnen sie sich im Recht, an­dere zu quälen und zu töten. Sie haben, so scheint es, die Angst verloren. Das macht sie so unmenschlich. Daran wer­den sie scheitern.

10. In der Angst meldet sich die verstoßene unmittelbare Präsenz des ganzen ungeteilten Daseins auf ursprüngliche und angemessene Weise zurück. In der Angst reklamieren die souveränen Daseinsäußerungen ihr Recht. In der Angst spielen sie die Unbestimmtheit, in die man sie verbannt hat, gegen uns aus. Denn es ist das Unbestimmte im Zusammen­hang des Bestimmbaren, was uns Angst macht. Zwar ist es wohl nicht, wie M. Heidegger behauptet hatte, die wesenhafte Unmöglichkeit der Bestimmbarkeit, die uns ängstigt. Angst wird vielmehr von dem zur Zeit bestimmbaren Un­bestimmten hervorgerufen. Es ist die unbestimmte Weite des um seine bestimmbare Identität betrogenen Lebensvorgan­ges. die uns Angst macht.

Die Weite des Unbestimmten treibt uns in die Enge. Daß »Angst daher komme, daß Enge sei, darin einem bange und wehe wird« hat Luther treffend bemerkt. Es ist die Enge, in die uns das Unbestimmte gleichsam zurückstößt, um eben so auf sich aufmerksam zu machen. In einer Sprache, die zum Beispiel die souveränen Lebensvorgänge des Bittens und Dankens um die Möglichkeit bringt, sich zu äußern, voll­zieht sich eine Manipulation menschlichen Daseins, gegen die sich dieses hilfreich nur dadurch zur Wehr setzen kann, daß es seine Ängste verstehen lernt. Dann wird man merken, daß eine Gesellschaft, in der man zu bitten und zu danken verlernt, mit einem unabgegoltenen und sich selbst kaum noch durchsichtigen Bedürfnis lebt, das seine Souve­ränität nicht auf Dauer verleugnen kann. Es ist es wert, Angst zu erregen.

Aufgeregte Ängstlichkeit führt zur Denunziation

11. Gewinnen wir den Mut zur Angst, dann werden wir mehr von der Zukunft erwarten, als uns die Furcht vor den einigermaßen identifizierbaren Gefahren zu erwarten er­laubt. Wir werden unser Denken dann nicht von der Furcht vor dem nächsten Anschlag auf unsere Freiheit, von dieser leider nur allzu begründeten Furcht, besetzen lassen. Wie denn der Terrorismus zwar unsere analytische Aufmerk­samkeit beanspruchen muß, nicht aber unsere konstruktive Denkkraft und schon gar nicht unsere Urteilskraft besetzen darf. Das würde nur zur Steigerung unserer Ängstlichkeit führen. Aufgeregte Ängstlichkeit aber kann niemandem helfen. Sie führt allenfalls zu Denunziationen, wie sie Furcht noch immer hervorgebracht hat.

Um es beim Namen zu nennen: Wer zum Beispiel einen so engagierten Kritiker unserer Gesellschaft wie Helmut Goll­witzer jetzt zu einem der Väter der Terrorszene deklarieren zu können meint, der hat sich niemals ernsthaft mit den meines Erachtens allerdings außerordentlich kritikwürdigen und kritikbedürftigen Auffassungen dieses Theologen auseinandergesetzt. Dieser Mann hat Mut zur Angst. Das macht ihn menschlich. Er hat Mut zur Angst vor den unbe­stimmten Gefahren, die unsere Gesellschaft aus sich heraus­setzt und die er — wenn auch auf nach meiner Einsicht nur sehr beschränkt tauglichen Wegen — zu bestimmen und da­durch ihrer Überwindung zuzuführen versucht. Entspre­chendes gilt von vielen Landsleuten, die man wie Heinrich Böll und Heinrich Albertz jetzt zu denunzieren wagt, weil man selber nur auf feige Weise ängstlich zu sein vermag.

12. Umgekehrt wäre es freilich ebenfalls wünschenswert, wenn auch die Larmoyanz derer, die jede Verantwortung für die aus der Terminologie der Gegengewalt nun hervor­gegangenen kriminellen Kraftanstrengungen gegen die Ge­walt des Staates leugnen und ihre Hände in Unschuld waschen, der Angst weichen würde vor der ins Unbestimm­te rollenden Lawine, die durch einige sehr genau gezielten Würfe ausgelöst worden ist. Ist es denn so schwer, sich ein­zugestehen, daß einst guten Gewissens empfohlene Wege sich als Irrwege erwiesen haben?

Nun, es ist wohl schwer. Es ist gerade deshalb so schwer, weil es ja durchweg moralische Empfehlungen waren, die aus extremen Moralisten moralistische Extremisten gemacht und sie auf den Weg in die Amoralität gesetzt haben. Daß aus sittlichem Ursprung unsittliche Gesinnung hervorgehen kann, muß jeder Moralist bestreiten, soll es ihn nicht an sich selbst irre machen. Daß nicht nur die böse, sondern auch die gut gemeinte Tat, ja schon der gut gemeinte Rat unter den Fluch geraten kann, fortzeugend Böses zu gebären, das will der zum zweiten Mal aufgeklärte Mensch nicht begreifen. Er verweigert die Angst vor der Unbestimmtheit der Fol­gen, um statt dessen die unbestreitbare Reinheit der Gründe zu verteidigen.

Da bei dieser Apologie die Sprache abermals manipuliert, daß zum Beispiel zu böswilliger Denunziation in der Tat geeignete Wörter — »Sympathisant« — gleich unter ein ge­nerelles Verbot gestellt werden, macht die Apologie zwar nicht glaubhafter, läßt aber erkennen, wo die Reinheit der Gründe schon seinerzeit zu blenden vermochte. Wenn etwas zu tadeln war und ist an den allzu kritischen Moralisten und ihren Schülern, aber auch an der ihnen so mächtig sekundierenden Presse, dann ist es der ungeschriebene In­dex verbotener Wörter und Gedanken, mit dem die intellektuelle Szene gesteuert wurde und sich — zu ihrer Schande — steuern ließ. Es ist uns nicht bekommen.

Der Mut zur Angst könnte uns auch in dieser Hinsicht so reifen lassen, daß wir einander die Freiheit zum Wort zu­gestehen, die noch allemal ein Kriterium dafür ist, wie es mit unserer Freiheit überhaupt bestellt ist. Die Freiheit zum Wort gedeiht, wenn die Geheimpolizeien nicht die Ängste der Regierungen vor der eigenen Bevölkerung verkörpern, sondern vielmehr Regierungen und Völker dieselben Äng­ste haben.

Zur sprachlichen Schmalspur verkümmert

13. Angst macht sprachlos. Wenn sie uns die auf Allein­gültigkeit Anspruch erhebende Sprache des Beweises wenig­stens für einen Augenblick verschlägt, könnte sie unsere Ohren für Angebote empfänglich machen, die den in die Unbestimmtheit verdrängten souveränen Lebensvorgängen konkrete Sprache und damit ihre Identität neu zu geben vermögen. Der christliche Glaube ist ein solches Angebot. Er kann von der unmittelbaren Gegenwart des ganzen, ungeteilten Daseins zumindest erzählen, indem er nämlich von der Gegenwart dessen erzählt, der unserem vielfach geteilten und entfremdeten, von sich aus zu keiner unmittel­baren Gegenwart findenden Dasein Frieden gibt.

Die christliche Kirche hätte als institutionalisiertes Erzähl­potential etwas zu sagen. Statt dessen paßt sie sich allzu ängstlich dem Muster jener Beweissprachen an, in denen sie ihrerseits ihre frohe Botschaft nur zu einer sprachlichen Schmalspur verkümmern lassen kann. Offensichtlich braucht auch die Christenheit, soll sie ihre eigene Ängstlichkeit ver­lieren, zunächst einmal selber Mut zur Angst. Wer Angst hat, hört das Gras wachsen. Die Christenheit braucht weni­ger: nur Ohren, zu hören.

Quelle: Evangelische Kommentare 11 (1978), Heft 1, S. 12-15.

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