Zur Theologinnenfrage (Antwort an E. Z.)
Von Greti Caprez-Roffler
Ich habe es schon am Artikel, der in Nr. 46 des „Schweizer Frauenblatt“ erschien, bedauert, daß just dieser Satz, der am Schluß meiner Arbeit, die ich aus Verlangen des deutschen Theologinnenblattes an dieses geliefert hatte, aufgegriffen worden war. Dort nahm er Bezug auf einen Zwiespalt, der seit Jahren schon unter den deutschen Theologinnen besteht. Der deutsche Theologinnenverband schied sich in zwei Richtungen. die eine Richtung redete zwar von der Notwendigkeit des Amtes, lehnte aber jegliches Fordern ab. Die andere Richtung stellte sich auf den Standpunkt, daß wir wohl zu unterscheiden hätten, wo wir forderten, daß wir zwar vor Gott keine Forderungen aufzustellen hätten, wohl aber vor Menschen, um einer Sache willen, aus innerem heiligen Müssen heraus fordern dürften. In diesen Zwiespalt hinein gesprochen war mein Satz, und zudem sollte er eine Stellungnahme sein zu einer gar ernsten Anfrage aus Laienkreisen in der „Frau“ Nummer 11, warum wir Theologinnen uns nicht zutiefst gedrängt fühlten, mehr für die Erlangung des Amtes zu tun, warum ein Teil der deutschen Theologinnen eine so unmögliche, abwartende Stellung einnehme. Ueber die Eigenart der Frau aber kann man in guten Treuen verschiedener Meinung sein. Und hier muß ich mich berichtigen: Wir Schweizer Theologinnen wollen zwar alle das volle Pfarramt, in der Frage der „Eigenart der Frau“ sind wir geteilter Meinung. Ich persönlich habe fort und fort die Erfahrung gemacht, daß es feinfühlige Männer und Frauen und gröber besaitete Männer und Frauen gibt. „Der weiblichen Eigenart im öffentlichen Leben zu ihrem Recht verhelfen“, kann ich nicht wollen, weil ich mit dem besten Willen nicht weiß, was das ist. Doch halte ich dies für ein vollkommen nebensächliches Thema. „Das Pfarramt wollen, nur weil der Mann es auch hat“, halte ich für Unsinn wie Sie auch. Das Amt kann man überhaupt nicht wollen, sondern nur wollen müssen. Ich habe mich meiner Lebtag vor dem Amt gefürchtet und ich fürchte mich heute noch davor, aber ich habe doch hieher kommen müssen, wo ich nun bin.
Ueber meinen Zivilstand und die Möglichkeit, ihn mit dem Theologinnenberuf zu verbinden, haben sich nun schon eine Menge Leute den Kopf zerbrochen. Zwei Fragen standen vor allem zur Diskussion:
1. Die Möglichkeit, den Aufgabenkreis einer Familienmutter mit dem einer Theologin zu verbinden. Ich weiß nicht, aber das Faktum an sich, daß verheiratete Frauen einen Beruf ausüben, dürfte es wohl nicht sein, das Anstoß erregt, denn die Schweiz allein zählt 210,000 berufstätige verheiratete Frauen, und ich habe noch nie einen Zeitungsartikel gelesen, der sich gegen die Arbeit der Bäcker-, Metzger-, Ladenfrauen oder Landwirtinnen ausgesprochen hätte, trotzdem hier sicher die soziale Fürsorge ein weites Arbeitsfeld hätte und es für ihre Pflicht erachten sollte, den viel geplagten arbeitenden Frauen zu mehr Zeit, Energie und Frohmut für ihre Familien zu verhelfen. Die Verbindung von Ehe und Beruf an sich kann es also kaum sein, was so Anstoß gibt. Es muß die Verbindung dieser einen speziellen Berufsart mit der Ehe sein, deren Möglichkeit fraglich erscheint. Aber einmal hat auch eine verheiratete Frau nicht ewig Kinder zu erziehen. Sobald das Jüngste 7 Jahre alt ist, hat ihr der Staat sowieso tagsüber die Kinder weggenommen. Also um diese Frau kann es doch wohl auch nicht gehen. Es kann sich also nur um die Mutter handeln, die nichtschulpflichtige Kinder hat, also wirklich um meinen Fall. Hierzu ist zu sagen, daß dies von Familie zu Familie wieder anders zu lösen ist. Es kommt auf die Zahl der Kinder und vor allem auf die Größe der Gemeinde an. Ich kann also nur von meinem, dem einen praktischen Fall sprechen, und ich möchte das einmal gründlich tun. Meine Gemeinde zählt 216 Einwohner. Ich habe jeden Sonntag zu predigen, Montags 3 Unterrichtsstunden, Donnerstag 2 und Samstags 2, jeweilen vormittags. Furna ist also eine kleine Gemeinde und dazu noch ohne Fraktionen. Die Provision war so vorgesehen, daß abwechslungsweise einer der Nachbarpfarrer Sonntag nachmittag zur Predigt gekommen und bis Montag mittag geblieben wäre. Die Furner wollten aber nicht erst am Nachmittag Predigt haben und ihren Pfarrer im Dorfe wohnen wissen, um ständig zu ihm kommen zu können und sich nicht so hirtenlos zu fühlen.
Sämtliche Haushaltungssorgen sind mir abgenommen. Ich habe eine überaus tüchtige, selbständige Haushälterin, und wir fühlen uns so sicher viel Wohler, als wenn ich selber kochen und abwaschen und nähen würde, weil sie es viel besser versteht als ich. Bleibt also einzig die Sorge um das Wohlergehen meines kleinen Sohnes. Und ich freue mich jeden Tag, daß er noch keine Ahnung hat, daß man sich sogar in den Zeitungen um sein Wohlergehen kümmert, dann wäre er vielleicht nickt so vergnügt, kräftig und gesund, wie der kleine 10 Monate alte Kerl es ist. Ich bade ihn jeden Morgen um 7 Uhr selber. Während der Unterrichtsstunden ist er in der Obhut meiner Haushälterin oder schläft, die übrige Zeit spielt er im Kinderhag in einer sonnigen Ecke meines Studierzimmers Ich bin von klein auf an Kinder gewohnt, und ihre Anwesenheit stört mich gar nicht im Arbeiten. Mein Söhnlein ist gewohnt, allein für sich zu spielen, und ich bin gewohnt, ein spielendes Kind neben mir zu haben und zu arbeiten. Ueber Mittag kommen die Schulmädchen und streiten sich darum, mit ihm spazieren zu gehen. Um 6 Uhr abends bringe ich ihn selber zu Bett und habe den ganzen stillen Abend für mich. Das wäre die Lösung des Problems. Und ich bin überzeugt, wenn ich den Hausfrauenberuf statt den Pfarrerinnenberuf ausüben würde, müßte mein Söhnlein öfter mit nassen Hosen und sich selber überlassen sein. Welche Frau und Mutter tut nichts anderes als vom Morgen bis zum Abend ihr kleines Kind wiegen und hüten? Gerade kein anderer Beruf läßt den Menschen so oft in der Studierstube in seinem eigenen Hause arbeiten wie der Pfarrerberuf.
Und die Gemeindearbeit? Wie schon gesagt, ist sie nicht sonderlich streng, und die Theologin wird von selber eine solche Gemeinde vorziehen, solange ihre Kinder klein sind. Ich darf nach bestem Wissen und Gewissen sagen, daß um meines Kindes willen bis jetzt noch keine Konflikte mit der Gemeindearbeit entstanden sind. Bei Besuchen haben die Leute schon selber gewünscht, ich möchte den Kleinen doch mitbringen, und ich stand andern Müttern dann sofort nahe. Es dünkt mich immer merkwürdig wenn man davon spricht, der Beruf brauche den ganzen Menschen, und dann denkt, der Familienvater könne selbstverständlich einen Beruf ausüben, die Familienmutter aber nicht. Leider ist es eben so, daß unsere Familienväter den Menschen im Beruf lassen und in der Familie dann nichts mehr übrig haben, also besser gesagt „Berufsmaschinen“ sind und überhaupt keine Zeit mehr haben, Mensch zu sein. Sie werden einseitig zum „Ernährer“ der Familie. Ich würde es für unsere Zeit für viel dringlicher halten, den Ruf zu erheben: den Mann und Vater mehr zurück in die Familie, dem Mann und Vater mehr Zeit für Frau und Kind, mehr Zeit auch Mensch zu sein. Ein Familienvater, der nicht Zeit hat, sich um die Erziehung seiner Kinder zu kümmern, ist ein sehr schlechter Familienvater. Eine Familienmutter ebenso. Aber arme Kinder, deren Väter und Mütter nichts anderes zu tun hätten, als sie zu erziehen! Das würde ganz, sicher „lätz“ [Tölpelhaftes] herauskommen. Darum ist es recht und gut, wenn beide noch einen Beruf daneben haben, die meisten Frauen freilich den Hausfrauenberuf, aber es soll mir niemand sagen, Hausfrauen geben ihren Kindern nie die Antwort: „Ich habe jetzt keine Zeit“. Wenn es bei einigen aber ein anderer Beruf ist, warum nicht. Je nach Gabe und Aufgabe. Und noch etwas: je nachdem, wie die menschliche Gemeinschaft ihn am nötigsten braucht! Und Graubünden hat viele vakante Gemeinden und kann sich nicht den Luxus leisten, Theologinnen an staatlichen Anstalten jahrelang auszubilden und sie nachher im Haushalt verschwinden zu lassen. Ich für mich erachte dazu die Verbundenheit mit der praktischen Arbeit durch die Arbeit am Kinde als einen großen Segen für den geistig arbeitenden Menschen. Es bedeutet größere Lebensnahe.
3. „Ob der Beruf dem Gatten erlauben würde, ohne weiteres nach Furna übersiedeln?“ Nein, wir wohnen getrennt. Und es sind in letzter Zeit darüber öfter herbe Urteile gefällt worden. Als wir uns dazu entschlossen, haben wir gedacht, daß das ganz allein unsere Sache und vielleicht noch die Sache der betreffenden Gemeinde sei. Ich habe noch gehofft, daß mancher Gegner der Sache vielleicht doch um unseres großen Opfers für die Sache willen einen Augenblick besinnlich werden würde und sich sagen müßte: „Vielleicht handeln sie doch aus einem Müssen, wenn sie dieses ungeheuer schwere Opfer dafür bringen.“ Aber gerade hierin hat man uns heftig angegriffen. Zuerst möchte ich sagen, daß alle, diejenigen, die die Trennung für einen Mißstand ansehen, vollkommen recht haben. Es kann wohl niemand so darum wissen, wie mißlich und schwer das ist, wenn man nur alle 10 Tage aus ein paar Tage zusammen ist, als wir selber. Aber ich bin nicht schuld, daß eine andere Gemeinde, die in der Nähe des Wohnortes meines Mannes und lange vakant war, nicht so mutig war wie Furna. Wenn mir das Amt offen gestanden hätte, wären wir jetzt jedenfalls dort und könnten zusammen wohnen. Also sind gerade die andern schuld an diesem mißlichen Zustand. Aber ich weiß nicht, schließlich kann Ehe auch bestehen über örtliche Trennung hin. Bei wie vielen Berufsarten des Mannes kommt das vor! Wenn Gott uns braucht, dann steht sein Befehl höher als die örtliche Ehegemeinschaft. Wir haben unsere Ehe schon geschlossen mit dem Gedanken, daß unser Leben sich wohl so gestalten werde, daß von uns beiden Opfer verlangt werden würden, daß wir überhaupt nur so sie eingehen dürften. Und wenn mein Mann bereit war, dieses Opfer zu bringen, warum braucht sich nun die ganze Welt darum zu bekümmern? Daß wenige Männer dazu imstande wären, weiß man ja schon, aber deswegen hat doch niemand das Recht, das Opfer selber zu bemängeln.
Im Großen Rat selber sind einige sehr schöne Voten für die Zulassung auch der verheirateten Frau zum Amte gehalten worden. Die Vorlage wird aber doch nicht in dieser Form vors Volk kommen, aber über die Zulassung der Theologin zum vollen Amte — etwas anderes kommt für Graubünden mit seinen kleinen Gemeinden nicht in Frage — wird nun bald abgestimmt werden, und der „Fall Furna“ hat wenigstens dazu geholfen, dies nicht mehr für so fürchterlich anzusehen. Nun ist nur noch die Heirat fürchterlich. Es wird einmal auch das aufhören, so schlimm zu sein. Für das Auto haben wir drei Abstimmungen gebraucht!
Quelle: Schweizer Frauenblatt, Jahrgang 13, Heft 50 vom 11. Dezember 1931 (unpaginiert).