Greti Caprez-Roffler, Als Pfarrerin im Graubündner Bergdorf Furna (1933): „Vor meiner Wahl ha­ben mich alle geduzt. Jetzt duzen mich nur mehr die nahen Verwandten. Und wenn an­dere mich auf mein Geheiß duzen, reden sie mich doch mit dem Titel an. Sie haben mich einmal zur Pfarrerin gemacht, und nun soll ich auch den Titel tragen. Sie haben mir nun die neue Würde verliehen, und nun wollen sie, dass ich sie auch in Ehren trage. Dass ich in Hosen Ski fahre, dagegen haben sie nichts, aber Besuche soll ich im Rock machen, wegen der Autorität, wie sie sagten. Sie wollen im Pfarrer eine Autorität sehen. Dass ich eine Frau bin, das macht nur, daß sie mir ihre Pro­bleme von Schwangerschaft, Kinderstillen etc. erzählen können. Sie bringen auch noch eine Art Tribut ins Pfarrhaus. Ich habe vom No­vember bis im April kein Fleisch kaufen müs­sen, weil sie mir von ihren Hausmetzgeten brachten. Sie schicken mir Butter und Eier.“

Als Pfarrerin im Graubündener Bergdorf Furna (1933)

Von Greti Caprez-Roffler

Nachdem die Bündnerin Greti Caprez-Roffler am 13. September 1931 als erste Frau in Europa – noch dazu verheiratet mit Kind – in dem kleinen Bergdorf Furna im Prättigau von der dortigen Gemeine in ein reguläres Pfarramt gewählt wurde, stieß dies auf den erbitterten Widerstand des Bündner Kirchenrates. Über ihre Tätigkeit und ihre Beobachtungen hielt sie Ende April 1933 folgenden Vortrag in Basel:

Alle Dorfbewohner, jung und alt, duzen einander. Sie unterhalten sich gern und lange mit dem Fremden. Sie freuen sich, etwas von der Außenwelt zu vernehmen. Und mancher Besucher wird sich dadurch zu dem Eindruck verleiten lassen, in ihnen Menschen von einer seltenen Aufgeschlossenheit zu begegnen. Es ist aber gar nicht das Bedürfnis, sich zu geben, denn mehr als Oberflächliches wird der Fremde nicht von ihnen erfahren. Sie wollen vielmehr seine andere Art zu leben kennen lernen, dieses Vielgestaltige, Gefährliche, das jenseits ihres abgegrenzten, gleichmäßigen Le­bens liegt. Ich selber erlebe es jedes Mal fast körperlich, diesen Unterschied eines Lebens in einer Welt mit wenigen, überlieferten, or­dentlichen Möglichkeiten und eines Lebens in der Welt der Karriere, der schillernden, unbe­rechenbaren Möglichkeiten, des Sprunghaften. Jedes Mal, wenn ich vom Berg hinuntersteige in irgend eine Stadt, spüre ich diesen Unter­schied als etwas schmerzhaft Beunruhigendes. Das Interesse der Bergbauern für das Anders­geartete schließt aber nicht aus, daß sie sich selber sorgfältig vor den andern verbergen. Auch den Furnern eignet die Schwerfälligkeit aller Bergler, über ihr Gefühls- und Seelen­leben zu reden. Was sie wirklich bewegt, das bekommt der Fremde nicht zu wissen, so daß er geneigt ist, zu behaupten, dieser Menschen Interessen und Empfinden sei so karg wie der Boden, auf dem sie wohnen. Das stimmt aber nicht. Sie sind gesammelter als der Durch­schnitt der Stadtbewohner. Sie brauchen ja keine Zeit für all das Getriebe und die Ver­gnügungen, die den Menschen in der Stadt oft so oberflächlich machen. Die Furner haben an einem früheren Pfarrer kritisiert, daß er ihnen in seinen Predigten alles bis ins Kleinste auslege und erkläre, «so als ob wir noch kleine Kinder wären. Wir können doch auch selber denken».

Aber auch untereinander haben sie eine eigene Art der Zurückhaltung. Sie sagen oft das Gegenteil von dem, was sie denken. Wer sie kennt, weiß, daß dies nur eine ihrer Um­gangsfor­men ist. Eine Anekdote gibt es deut­lich wieder: Ein Furner ging über den Berg ins Schanfigg zu Besuch. Wie er dort ankommt, sitzen die Bekannten eben bei einer Mahlzeit. Sie laden den seltenen Gast aufs freundlichste ein mitzuhalten. Dieser aber lehnt dankend ab und setzt sich aufs Ofenbänklein. Die Einladung wird wiederholt und beantwortet mit der Ausrede: «Ich habe eben gegessen, bevor ich zu Hause wegging.» Die Bekannten nöti­gen ihren Gast zum dritten Mal. Dann lassen sie davon ab. Nach einiger Zeit tönt es etwas kläglich vom Ofenbänklein her: «Bin ünsch nöt ma lengar.» (Bei uns nötigt man länger.)

Nun ist das zweite Schuljahr zu Ende, und ich hatte große Freude an meinen Schülern. Sie sind fast durchwegs intelligent und mach­ten zum Teil so lebhaft mit, daß ich oft Mühe hatte, ihrem Eifer gerecht zu werden. Zu An­fang waren die Kinder sehr neugierig und einige mißtrauisch, wie das nun mit mir wer­den sollte. Ich werde es wohl nie vergessen, wie einer in seiner Ecke saß und es auf seinem Gesicht geschrieben stand, was er dachte: Warten wir das einmal ab. — Und dann machte er mit. Ich kam nach einer der ersten Stunden völlig erschöpft aus dem Schulzim­mer. Ich war es einfach noch nicht gewohnt, einen Stoff souverän zu behandeln und doch fortwährend jedes einzelne der Kinder im Auge zu behalten. Ich mußte es erst lernen, den Stoff so in meiner Gewalt zu haben, daß ich jeden Augenblick daraus eine Frage for­men und an einen richten konnte, der gerade so abwesend dasaß. Aber ich habe nachher keine zweite solche Stunde mehr erlebt. Ich mußte selten ermahnen oder strafen. Sie brach­ten ein einziges Mal eine Jelmoli-Uhr, die sehr laut tickte, legten sie auf die Bank und war­teten gespannt, was nun geschehen werde. Ich schaute sie an, wartete auch, lächelte, die Uhr verschwand und kam nie mehr zum Vor­schein.

In der Arbeit ist kaum ein Unterschied zwi­schen Männern und Frauen, Mannavolch und Wibavolch. Die ganze Familie, Mann und Frau und Kinder, stehen miteinander in der Arbeit. Die Kinder wachsen in die Gemein- und Kameradschaft der Eltern hinein. Frauen und Mädchen besorgen manchmal einen ganzen Stall Vieh, fahren mit Roß und Wagen. Die Frauenfrage ist hier längst gelöst, in idealer Art will ich nicht sagen. Es lastet zu viel auf ihnen. Aber die Frauen lieben die Arbeit auf dem Feld. Wo kleine Kinder sind, da wird ein noch schulpflichtiges Mädchen zu deren Wartung angestellt, die sogenannte Gäumeri. Ich habe nirgends ein so großes Verständnis gefunden wie bei diesen Bauernfrauen, viel mehr als bei den Frau­en in der Stadt. Als ich diesen einmal sagte, ein Kind könne sicherlich auch gedeihen, wenn die Mutter nicht selber seine Windeln wasche, verschrien sie mich als verrücktes Weibsbild. Die Furnerinnen lächel­ten nur dazu. Sie können durchaus nicht verstehen, daß da überhaupt ein Wort zu verlieren sei über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, Ehe und Pfarramt zu vereinen.

Die Furner sind bekannt als Spötter, aber über die Religion und durch sie gebundene Sitte spotten sie nicht. Ich habe das stark an mir selber empfunden. Vor meiner Wahl ha­ben mich alle geduzt. Jetzt duzen mich nur mehr die nahen Verwandten. Und wenn an­dere mich auf mein Geheiß duzen, reden sie mich doch mit dem Titel an. Sie haben mich einmal zur Pfarrerin gemacht, und nun soll ich auch den Titel tragen. Sie haben mir nun die neue Würde verliehen, und nun wollen sie, daß ich sie auch in Ehren trage. Daß ich in Hosen Ski fahre, dagegen haben sie nichts, aber Besuche soll ich im Rock machen, wegen der Autorität, wie sie sagten. Sie wollen im Pfarrer eine Autorität sehen. Daß ich eine Frau bin, das macht nur, daß sie mir ihre Pro­bleme von Schwangerschaft, Kinderstillen etc. erzählen können. Sie bringen auch noch eine Art Tribut ins Pfarrhaus. Ich habe vom No­vember bis im April kein Fleisch kaufen müs­sen, weil sie mir von ihren Hausmetzgeten brachten. Sie schicken mir Butter und Eier. Gegen Frühling wird das Holz für Kirche, Schul- und Pfarrhaus im «Gmeiwerch [Gemeindewerk]» gerü­stet und von den Schulkindern versorgt. Es war ein eigentümliches Gefühl: dieses Ge­räusch der Sägen und Äxte, diese Reihen ar­beitender Männer aus der Gemeinde — für eine Frau. Es war mir den ganzen ersten Win­ter über ein merkwürdiges Gefühl, wenn am Samstagabend das erste Räuchlein aus der Kirche in die blaue Luft stieg, dieser Gedanke, daß eine ganze Gemeinde einfacher, gerader Menschen, Bauern den Mut gehabt hatte, so etwas ganz Neues zu unternehmen.

An der Arbeit in meiner Gemeinde habe ich große Freude. Das Predigthalten ist schwer und schön, doch teile ich diese Freude und diese Angst, verworfen zu werden, mit jedem ernsthaften Pfarrer. Die Furner finden nichts Sonderliches mehr dabei, daß eine Frau das Amt ausübt. Das Abendmahl habe ich nun schon oft ausgeteilt, und auch daran haben sie sich gewöhnt. Nach dem ersten Mal hörte ich eine Frau sagen: «Prezis wia an Pfarrer hedschas gmachad [Präzis wie ein Pfarrer hattest du es gemacht]» Man siebt den Maßstab, den sie anfänglich anlegten. Ich bin überzeugt, dieses Vergleichen hat längst aufgehört. Unvergeßlich ist mir, wie der Vater des ersten Täuflings bei mir in der Studierstube saß in Besorgnis, ob die von mir vollzogene Taufe dann auch später anerkannt würde. Diese erste Taufe hat für die Eltern sicher noch ein Wagnis bedeutet. Seither habe ich etliche an­dere Kinder in unsere «ungehorsame» Ge­meinde aufgenommen, und auch diese Angst ist längst vergessen. Beerdigungen hatte ich bis vor zwei Monaten keine. Dann starb der Sohn eines frühem Furner Pfarrers, nun selber ein alter Mann. Ein langer, langer Zug bewegte sich den Berg heraus. Die schwarzen Gestalten hoben sich feierlich von dem weißen Schnee ab. Es war ein strahlender Tag. Im Turm fing es an zu läuten, und ich ging dem Zug entge­gen, soweit die Sitte es vorschrieb. Vor dem Zug schritten zwei Männer aus dem Ge­meindevorstand. Sie zogen die Hüte, dann ging ich allen voran, im Gedanken einer fast untragbaren Belastung, im Gedanken, daß es in einem Zeitungsartikel geheißen, das Un­möglichste sei eine Frau am offenen Grab.

Vor Schulanfang habe ich die Eltern zu einer Besprechung eingeladen. Es kamen aber nur die Mütter. Es entwickelte sich dann dar­aus ein ständiger Mütterabend. Zuerst disku­tierten wir, anschließend las ich ihnen Kristin Lavranstochter vor. Aber ich mußte es näch­sten Winter wieder anders machen. Denn es sei zu wenig erbaulich, lautete ein Urteil über Kristin Lavranstochter. Ich hatte doch meine Freude an diesem Urteil. Wenn man in der Stadt Angst haben muß, zu erbaulich zu sein, so ist man dies hier nicht so bald. Sie wollen mit einem gehobenen Gefühl oder angeregten Gedanken nach Hause gehen. Sie wollen wirk­lich ein wenig weiter sein, wenn sie gehen, als sie waren, da sie kamen. Diesen Winter haben wir jeweilen zuerst aus Herfurts «Le­benstüchtige Kinder — glückliche Mütter» und aus M. Steigers «Mutter und Kinder» einen Abschnitt gelesen und dann darüber diskutiert. Die Diskussionen waren oft sehr lebhaft. Darauf lasen wir noch ein kurzes Lebensbild. Ich habe sie gerne, diese Mütter­abende. Sie hatten auch praktische Folgen. Der weite Schulweg war im Winter für die Mädchen in ihren langen Röcken beim Waten durch den tiefen Schnee beschwerlich. Sie wurden naß und saßen dann so in den Schul­bänken. Ich rief die Mütter und die Arbeits­lehrerin zusammen. Wir ließen gemeinsam Stoff kommen, die Lehrerin schnitt daraus Skihosen, und die Mütter nähten sie.

Dann gab es einmal so etwas wie eine «Jungschar», aber sie sei in sich zusammen­gebrochen, weil keine Disziplin möglich war. Ich habe dann mit einem der beiden Lehrer, einem jungen Aroser, wieder damit angefan­gen. Wir nannten unsere Zusammenkünfte aber nicht Jungschar, sondern Ledigenabende. Wir diskutierten zuerst jeden Abend: über Freundschaft, Freiheit und ähnliche Themata. Es galt, jede Diskussion wieder in einen an­dern Rahmen zu bringen. Das eine Mal ver­suchten wir es mit Thesen und Antithesen, das andere Mal mit Zetteln, da jedes eine De­finition geben mußte, das dritte Mal mit Par­teienbildung. Nach der Diskussion wurde vor­gelesen: Wilhelm Schäfer, Gottfried Keller. Und zum Schluß wurde gespielt. Es ging nicht immer alles glatt, ich mußte ihnen einmal zureden, um einer Schwätzerei willen. Ich fürchtete mich sehr, nicht die richtigen Worte zu finden. Aber dies wurde der schönste Abend; sie blieben bis Mitternacht.

Mein Vorgänger hatte versucht, eine «Ge­meindestube» einzurichten. Es kam aber niemand. Denn es ist Brauch, daß die Männer abends in ihrer Familie bleiben. Der Ge­meindepräsident selber war sehr gegen diese Gemeindestube, aus der Erwägung heraus, daß sie die Männer gewöhne, von zu Hause fort zu sein, und wenn fetzt zu einem guten Zweck, so könne daraus auch die Gewohnheit des ‚Wirtshausbockens werden. Ich versuchte darauf den umgekehrten Weg. Ich band mit den Schülern zusammen soviel Mappen als Haushaltungen sind und lasse nun die Map­pen zirkulieren, mit der Garbe, der Elternzeit­schrift, Leben und Glauben, Heimatstimmen, Schweizerspiegel und Schweizer Hausfrau, je nachdem, was wir geschenkt erhalten. Aber auch das ist nicht einfach, denn es braucht die Disziplin der einzelnen Familie, die Mappe zur Zeit und vollständig weiterzugeben.

Dies ist meine Arbeit in der Gemeinde. Sie ist eigentlich nicht anders als die eines Pfar­rers. Ein Furner hat darum einmal mitten in unserm Kampf kurz und bündig erklärt: «Wenn unser Pfarrer keinen andern Fehler hat als daß er einen Rock trägt, so behalten wir ihn.»

Furna ist gar nicht der erste Fall von Ge­horsamsverweigerung. Die beiden Gemeinden Bondo und Untervaz sind schon diesen Weg gegangen. Bondo hatte einen Waldenserpfarrer gewählt, der damals auch nicht in die Synode aufgenommen werden konnte. Die Gemeinde gab ihren Austritt aus der Landeskirche, kehrte aber wieder zurück, als sie sich mit dem Pfarrer überworfen hatte. Im Fall Untervaz handelte es sich um einen Zürcher, der im Gefängnis gesessen — meiner Meinung zwar zu Unrecht — und darum vom Zürcher Mi­nisterium ausgestoßen war. Ihn wollte die Bündner Synode auch nicht aufnehmen. Unter­vaz trat nicht aus der Kirche aus, sondern ließ sich das Vermögen wegnehmen. Zwei Jahre später wurde der Pfarrer angenommen, und noch später wurde er gar synodaler Stellen­vermittler!

Im Fall Furna begnügte sich die Oberbe­hörde nicht mit der Konfiskation des Kirchen­ver­mögens. Der Kleine Rat drohte: «Sollte aber der ungesetzliche Zustand in Furna trotz Sperrung des Pfrundvermögens weiter beste­hen, so würde der Rat sich weitere Schritte vorbehalten.» Gemeint war offenbar die Ver­siegelung der Kirchentüre. «Wenn das ge­schieht», so meinte ein Furner, «dann wird unsere Pfarrerin ihre Predigten einfach von Stube zu Stube halten.»

Quelle: Greti Caprez-Roffler, Die Pfarrerin. Lebenserinnerungen der ersten Bündner Theologin, in: Bündner Jahrbuch, Band 22 (1980), S. 110-133, hier 124-127.

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