John Donne, Eine Anatomie der Welt (1611): „So ist die Welt, wie Menschheit, ganz zerstört, / Aus den Fugen, fast lahm bei ihrer Schöpfung. / Denn eh’ Gott alles andre vollendet, / Kam schon Verderben, verdarb das Beste zuerst; / Es griff die Engel an, und dann die Welt, / Noch in der Wiege, stürzte, fiel zu Boden, / Verdreht’ den Sinn, nahm allgemeinen Schaden, / Verrenkte jedes Glied im Weltenbau. / Der edelste Teil, Mensch, fühlte’s zuerst; / Dann Fluch der Tiere, Pflanzen, durch des Menschen Fluch. / So fault die Welt seit ihrer ersten Stund’; / Der Abend war der Anfang ihres Tags. / Und nun die Frühling’, Sommer, die wir sehn, / Sind wie die Söhne von Frauen nach fünfzig.

EINE ANATOMIE DER WELT (An Anatomy of the World)
worin, anlässlich des frühzeitigen Todes der Frau
Elizabeth Drury, die Gebrechlichkeit und der Verfall
dieser ganzen Welt dargestellt wird
DAS ERSTE JAHRESGEDÄCHTNIS (1611)

Von John Donne

Als jene reine Seele, die zum Himmel ging,
Die alle preisen, die ihr eigen wissen
(Denn wer weiß sicher, dass er eine hat,
Wenn sie nicht sieht, was recht, und Tugend liebt?
Wer dies nicht tut, mag eine Seele halten,
Doch ist sie nicht die seine, fremd nur, kalt.)
Als diese Königin die Zeit vollendet,
Und heimwärts stieg zum ew’gen Haus, bereitet,
Wo sie, die Heil’gen nicht lang harren lassend,
Nun selbst Teil ist des Chors und Lobgesangs –
Da lag die Welt in großem Beben darnieder,
In Tränen schwamm sie, blutend, gramzerrissen,
Die stärksten Lebensgeister aus sich ziehend;
Doch dann ergriff sie zweifelvolle Frage:
Verlor die Welt durch dies, oder gewann sie?
(Denn nun bleibt kein Weg mehr, sie zu schauen,
Als selbst durch Tugend, die ihr gleich, zu streben.)
Dies große Siechtum ward zum Fieberwandeln,
Die Welt bekam ihr Weh: sie jauchzt’, sie klagte.
Und wie man meint, ein Fieber heile Krankheit,
Und, wenn’s vorbei, die Sorgfalt gleich versiegt –
So irrst du, kranke Welt, und wähnst dich heil,
Doch ach, du liegst in schwerem Todesschlafe.

Ihr Tod verwundet’ und bezwang dich damals,
Da konntest du die Sonn’ entbehr’n, nicht sie.
Die Wunde tief – doch größer noch das Leid,
Dass du Gefühl und Erinn’rung verloren.
Schon schwer war’s, deine Klage zu vernehmen,
Doch schlimmer nun: du bist ganz sprachlos worden.
Vergaßest deinen Namen, den du trugst;
Du warst nur sie – und sie hast du verloren.
Denn wie ein Kind, das ungetauft verharrt,
Bis ein erhoffter Prinz erscheint, zu weihen –
So lagst du namenlos in öder Nacht,
Bis sie dich kam, ihr Palast hier zu werden.
Ihr Name gab dir Form und Wesen, Glanz,
Und du vergisst, ihn nun zu feiern ganz.

Schon Monde sind’s, seit sie verschied (doch Tote
Zählt keine Zeit mehr, die gestorben ist).
Lang schon, ach lang ist sie dahin – doch niemand
Will sagen, wer uns ging, wer fehlt so sehr.
Wie Staaten, zweifelnd an dem künft’gen Erben,
Wenn Krankheit ohne Heil den Fürsten schwächt,
Nicht hören wollen: „Er siecht hin“ oder „stirbt“ –
So fühlt die Menschheit nun ein allgemein Erweichen,
Das starke Vorbild fort, das galt wie Recht,
Der Kitt, der alle Tugend einst verband,
Gelockert, schwach – und hält’s für Frevel nun,
Zu sagen, sie sei tot, dass unser Schwäche
Sich im Geständnis zeigt; drum schweigt man still,
Nur Zungen klagen, da die Seele fehlt.

Doch ob’s zu spät ist, dir zu helfen, Welt,
Ja, Tote, ja, Verweste – denn sie,
Dein inner Balsam, dein Bewahrungsgeist,
Kann nie erneuert werden, du nie leben –
So will ich, da kein Mensch dich retten kann,
Durch deine Zergliedrung Gewinn erspähen.
Ihr Tod lehrt teuer: selbst im reinsten Teil
Bist du vergänglich, faul, dem Tod geweiht.
Kein Mensch soll sagen, weil die Welt nun tot,
Sei’s Müh’ verloren, ihre Schwachheit kundzutun,
Da keiner lebe, der dies Sezieren lerne –
Denn eine Art von Welt bleibt dennoch wach.
Obwohl, die sie beseelt und ganz erfüllt,
Nun fort ist – wandelt doch in dieser Nacht
Ihr Geist umher, ein schwacher Schimmer nur,
Ein mattes Lieben zu dem Guten, Tugend,
Das von ihr strahlt auf jene, die sie kannten.
Und ob sie schon den Tag verschlossen hat,
So bleibt der Abendschein ihr Angedenken,
Der, frei vom alten Weltenleib, erschafft
Eine neue Welt und neue Wesen weckt.
Der Stoff daraus ist ihre Tugend rein,
Die Form ist unser Tun, ihr nachzustreben.

Doch ob dies Elementarisch-Sein bewahrt
Vor inn’rem Schaden, heimisch-bösem Trieb
(Die all’ erhoben zu solch hoher Würde
Sind wie ein Paradies, frei von Unkraut,
Das von sich aus kein giftig Laster trägt,
Es sei denn, eine Schlange brächt’ es ein) –
Doch weil der Sturm von außen stärker bricht,
Und Stärke selbst durch Sicherheit erliegt,
Mag diese neue Welt gewarnt bestehn,
Kennt sie des Alten Krankheit nun und Fall.
Denn maßvoll handeln wir, wenn wir erst wissen,
Was wahrer Wert ist – meiden oder suchen.

Kein Heil gibt’s; Ärzte sagen, bestenfalls
Genießen wir nur schwankend Gleichgewicht.
Doch gibt’s ein schlimmres Leiden, als zu wissen,
Dass wir nie heil sind, noch es je sein können?
Wir kommen sündig schon zur Welt; die Mütter
Klagen, dass Kinder nicht recht, nicht ganz gebären,
Es sei denn, kopfüber, stürzend gleich
In unheilvolle Hast und Missgeschick.
O schlaues Unheil! Wie es drängt und quält
Die Menschheit! Selbst Gottes Plan durchkreuzend,
Machte es Weib, zum Trost dem Mann gesandt,
Zum Grund nun seines Siechtums, seiner Qual.
Sie sollten Gutes – tun es noch in Teilen,
Doch sind sie Haupt und Mittler auch im Bösen.
Die erste Ehe ward uns Leichenzug;
Ein Weib, ein Schlag – und tötete uns all.
Und einzeln nun, nach und nach, töten sie uns.
Wir lassen freudig uns dem Siechtum hin,
Und blind verschwenderisch vernichten wir
Uns selbst, um unste Art fortzupflanzen.
Und doch tun wir’s nicht ganz; wir sind nicht Menschen.
Nicht mehr besteht das Menschentum von einst,
Als noch die Sonn’ und Mensch im Wettstreit lagen
(Mitbewohner der Welt), wer länger lebte;
Als Hirsch und Rabe und der langleb’ge Baum
Verglichen mit dem Menschen früh schon starben;
Als, wenn ein träger Stern dem Blick entschwand,
Der Beobachter zweihundert Jahre warten
Konnt’, ihn zu sehn – und dann erst Schluss zu machen;
Als, wie das Alter lang, die Größe war
(Des Menschen Wachstum zeugte für die Nahrung),
So stattlich, weit, dass jede Seele gleich
Ein ganzes Reich, ein weites Land regierte;
Und als die aufrechte Gestalt allein
Die Seele schon zum Himmel wies, empor.

Wo ist dies Menschentum nun? Wer lebt so lang,
Dass Methusalem ihn zum Pagen nähme?
Ach, wir leben kaum, um zu erproben,
Ob eine Uhr recht geht oder falsch tickt.
Die Alten klagen über gestern gramvoll,
Und für die Kinder sparen wir das Morgen.
So kurz das Leben, dass der Bauer strebt,
In baufäll’gem Haus, Feld, drei Leben zu haben.
Und wie im Dauern, so in Länge schrumpft
Der Mensch zum Zoll, der eine Spanne war.
Denn ging ein Mensch einst in den Wäldern irre,
Oder schiffbrüchig – einer wettete,
Dass Elefant oder ein Wal, der ihn traf,
Nicht gleich ihn angriff, seinesgleichen sehend.
Doch jetzt, ach, Elfen, Zwerge mag man glauben,
So schwindet Menschheit – kaum noch Schatten sind wir
Der Väter, die mittags lang warf. Nur Tod
Fügt uns an Länge; und wir wachsen erst
Zur vollen Größe, wenn wir nicht mehr sind.

Doch wär’ dies leicht, trüg’ unser kleiner Band
Den alten Text ganz, oder hätt’ wir Silber
Zu Gold gemacht, oder in klein’re Gläser
Den Geist der Tugend, der zerstreut nun ist.
Doch ist’s nicht so; wir sind nicht abgetreten,
Nur matt; wie unsre Leiber, so der Geist.
Es ist das Schrumpfen, nicht das dichte Weben,
Das uns so klein in Leib und Sinn gemacht.
Wir scheinen ehrgeizig, Gottes Werk zu zerstören;
Aus Nichts schuf er uns, und wir streben auch,
Zu Nichts zurückzukehren – tun, was wir
Vermögen, um’s so schnell wie er zu tun.
Mit neuen Krankheiten bekriegen wir uns,
Und neue Heilkunst schafft nur schlimmres Werkzeug.

So ist der Mensch, des Weltalls Vizekaiser,
In dem all Fähigkeit, all Anmut wohnt
(Und zeigt sie sich in andern Kreaturen,
Sind’s nur sein Diener, seine Boten dort,
Zu dämpfen ihre Aufruhr, sie zu zähmen,
Zu seinem Nutzen, zu der Zivilisation) –
Dies Mensch, den Gott umwarb, und ungeduldig,
Bis er emporstieg, selbst zu ihm herabkam –
Dies Mensch, so groß, dass alles, was ist, sein –
O welch ein Nichts, ein armes Ding ist er!
War er je etwas, jetzt ist er nichts.
Hilf ihm, gib wenigstens noch Zeit zu schwinden
Für seine andern Mängel – doch als er
Mit ihr, die wir beweinen, ging, verlor er
Sein Herz. Sie, von der Alte weissagten,
Als sie die Tugend „Sie“ benannten; sie,
In der so viel Tugend war verfeinert,
Dass sie das schwache Geschlecht nur annahm
Als Beimischung zu ihrem reinen Geist;
Sie, die den Gift-Trank, Evas Makel, trieb
Aus ihren Taten, ihren Gedanken, läuternd
Alles durch wahrhaft fromme Alchemie –
Sie, sie ist tot. Wenn du dies weißt, erkennst du,
Wie arm, wie nichtig doch der Mensch ist,
Und lernst durch unsre Zergliedrung dies Eine:
Ist erst das Herz verdorrt, bleibt kein Teil heil.
Und dass, nährst du dich nicht (nicht schmausend) von
Der übernatürlichen Speis’, Religion,
Dein bessres Wachstum welkt, verkümmert, schwindet –
Sei mehr als Mensch, sonst bist du weniger als Ameis’.

So ist die Welt, wie Menschheit, ganz zerstört,
Aus den Fugen, fast lahm bei ihrer Schöpfung.
Denn eh’ Gott alles andre vollendet,
Kam schon Verderben, verdarb das Beste zuerst;
Es griff die Engel an, und dann die Welt,
Noch in der Wiege, stürzte, fiel zu Boden,
Verdreht’ den Sinn, nahm allgemeinen Schaden,
Verrenkte jedes Glied im Weltenbau.
Der edelste Teil, Mensch, fühlte’s zuerst;
Dann Fluch der Tiere, Pflanzen, durch des Menschen Fluch.
So fault die Welt seit ihrer ersten Stund’;
Der Abend war der Anfang ihres Tags.
Und nun die Frühling’, Sommer, die wir sehn,
Sind wie die Söhne von Frauen nach fünfzig.

Die neue Philosophie stellt alles infrage,
Das Feuerelement ist ganz erloschen,
Die Sonn’ ist fort, die Erde – keines Menschen Weisheit
Weiß sicher, wo er sie noch suchen soll.
Und offen sagen Menschen, diese Welt sei alt,
Wenn sie nach neuen in den Sternen spähen;
Sie sehn, wie diese hier zerfällt in Atome.
Alles in Stücken, aller Halt dahin,
All Ordnung, alle Beziehung schwand;
Fürst, Untertan, Vater, Sohn – vergessne Dinge,
Denn jeder meint, er sei allein ein Phönix,
Und dass von seiner Art nichts sein kann außer ihm.

Dies ist der Welt Zustand nun. Und nun sie,
Die alle Teile wieder hätte einen können,
Sie, die allein magnetische Kraft besaß,
Getrenntes zu verein’n, zu einen Band –
Sie, die die weise Natur schuf, als sie sah,
Dass alle Menschen auf dem Meer der Welt
Ihr Ziel verfehlten, einen neuen Kompass
Nötig hatten – sie, das erste Urbild
All schöner Abbilder, Schicksals Verwalterin;
Sie, deren reiche Augen, Brust das Westland
Vergoldet’, östlich duftend machte; deren Hauch
Den Inseln Würze gab, die ewig duften;
Und jenes reiche Indien, das Gold birgt,
Ist nur geringes Geld, von ihr geprägt –
Sie, der die Welt sich selbst muss unterordnen,
Als Vorstadt oder Mikrokosmos ihr –
Sie, sie ist tot. Wenn du dies weißt, erkennst du,
Wie lahm ein Krüppel diese Welt nun ist.

Hier das englischsprachige Original An Anatomy of the World.

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