Von Martin Luther
Die Welt ist jetzt so böse und wird immer schlimmer, dass es notwendig ist, den Menschen mit aller Kraft und Beharrlichkeit die Beispiele von Gottes Gericht und Zorn vor Augen zu führen. Vielleicht hilft es ja, dass sie sich davor entsetzen und sich wenigstens ein wenig bessern.
Selbst die weltlichen Herrscher klagen heute darüber – die doch das Schwert und den Zorn Gottes in der Hand haben und von Gott den Befehl, die Bösen zu bestrafen –, dass die Welt immer mutwilliger wird und das Regieren immer schwerer und mühsamer geworden ist. Denn der Teufel ist so mächtig geworden, dass sogar viele Herrscher selbst sich in größtem Übermut verhalten – obwohl sie die Bosheit eigentlich bestrafen sollten. Stattdessen geben sie nicht nur ein schlechtes Beispiel, sondern sind selbst Anführer und Anstifter zu allem Unheil. Man kann deutlich erkennen, dass es nicht lange so weitergehen kann, sondern dass es eines Tages zusammenbrechen muss.
So erging es auch Jerusalem, bevor es ins babylonische Exil geführt wurde. Der Prophet Hesekiel gab dafür folgendes Gleichnis: Jerusalem sei wie ein Topf, an dem Fett und Salz so tief eingebrannt seien, dass man ihn weder schrubben noch reinigen könne – deshalb müsse er ins Feuer geworfen werden, um vollkommen geschmolzen und neu gemacht zu werden. Ebenso sprach der Prophet Jeremia, dass Gott mit Jerusalem verfahren werde wie ein Töpfer mit einem missratenen Gefäß: Er zerschmettert es und knetet den Ton neu. So hat es sich dann auch erfüllt.
Solche Gleichnisse haben jedoch noch eine gewisse tröstliche Seite: Der verdorbene Topf wird wieder neu gegossen, und das missratene Gefäß wird zu einem neuen geformt. Denn Jerusalem wurde nach dem Elend in Babylon wieder aufgebaut, und aus dem alten Ton und Erz wurde ein neuer Topf gemacht. Doch wenn es nach dem Gleichnis Jesajas geht, in dem das böse Gefäß so zerschlagen wird, dass nicht einmal eine Scherbe übrig bleibt, mit der man noch Wasser schöpfen oder Feuer tragen könnte – das ist erschreckend. So ist es bei der endgültigen Zerstörung Jerusalems geschehen: Der Topf wurde zu Asche, und der Kessel zu Schlacke. Doch damals wollten die Menschen das nicht glauben, bis ihnen der Glaube zur Wirklichkeit geworden ist.
Ich sage solche Dinge ungern voraus – ich möchte auch nicht weissagen. Denn was ich prophezeie, besonders wenn es etwas Schlimmes ist, trifft meist schneller ein, als mir lieb ist. Ich wünschte oft mit dem Propheten Micha, dass ich ein Lügner und falscher Prophet wäre. Doch weil ich Gottes Wort verkünde, muss es geschehen. Ich fürchte und sorge mich jedoch, dass es unserem deutschen Land eines Tages ebenso ergehen könnte wie Jerusalem. (Ach Gott, hilf, dass meine Sorge unbegründet ist und meine Prophezeiung falsch!)
Das Unheil steht vor unserer Tür: So wie die Türken Griechenland durch Gottes Zorn verwüstet haben und bis an Deutschland herangerückt sind. Aber wir achten es ebenso wenig wie die Juden damals den Zorn der Römer beachtet haben. Wir sündigen immer weiter, bis wir zu einem verdorbenen Topf und Kessel geworden sind.
Darum ist es gut, dass man die Beispiele der Zerstörung Jerusalems (wie diese Predigt es tut) unserem Volk vor Augen führt – zusammen mit anderen Beweisen für Gottes strafenden Zorn. Vielleicht hilft es ja doch ein wenig, und durch Buße könnte das endgültige Unglück und Verderben hinausgezögert werden. Gottes Wort wirkt schließlich etwas unter den Menschen. Und manchmal trifft das göttliche Gericht auch die halsstarrigen, mutwilligen Sünder, sodass sie doch erschrecken müssen.
Denn gewiss hat der Teufel einen besonderen Plan für uns Deutsche im Sinn – weil er unter uns das Wort Gottes findet, das er nicht ertragen kann. Und wenn wir es nicht besser zu schätzen wissen, sondern es weiterhin verachten und mit Undankbarkeit behandeln, dann wird es heißen: „Du hast die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt.“ [Lukas 19,42]
Dann ist es zu spät, und der Teufel hat bereits gewonnen. Denn wenn wir das Wort Gottes verachten, dann verachtet es uns auch und verlässt uns – so wie wir uns von ihm abgewandt haben. Möge uns Gott davor bewahren – zumindest in unserer Zeit. Amen.
WA 50, S. 666f.