Über die Politik des modernen Russlands (Revelations of the Diplomatic History of the 18th Century, 1857)
Von Karl Marx
Eine einfache Ersetzung von Namen und Daten wird beweisen, dass zwischen der Politik Iwans III. und der des modernen Russlands nicht bloß Ähnlichkeit, sondern Identität besteht. Iwan III. seinerseits vervollkommnete nur die überlieferte Politik Moskaus, die ihm von Iwan I. Kalita vererbt worden war. Iwan Kalita, der mongolische Sklave, erlangte Größe, indem er die Macht seines größten Feindes, der Tataren, gegen seine geringeren Widersacher, die russischen Fürsten, einsetzte. Doch diese Macht konnte er nur unter falschen Vorwänden gebrauchen. Da er vor seinen Herren die eigene wachsende Stärke verbergen musste, musste er seine Mitknechte mit einer Macht blenden, die er gar nicht besaß. Um dieses Problem zu lösen, entwickelte er alle Listen der erbärmlichsten Knechtschaft zu einem System und führte es mit der geduldigen Arbeit eines Sklaven aus. Selbst offene Gewalt konnte in diesem System aus Intrigen, Bestechung und heimlicher Machtergreifung nur als Verschwörung wirken. Er konnte nicht zuschlagen, ohne vorher vergiftet zu haben. Ein einziger Zweck erforderte bei ihm doppelzüngiges Handeln.
Die feindliche Macht trügerisch für eigene Eroberungen zu nutzen, sie durch eben diesen Gebrauch zu schwächen und sie schließlich mit den Waffen zu stürzen, die sie selbst geliefert hatte – diese Politik wurde Iwan Kalita durch den besonderen Charakter der herrschenden wie der dienenden Rasse eingegeben. Sie blieb auch die Politik Iwans III. Sie ist noch heute die Politik Peters des Großen und des modernen Russlands, mag die feindliche Macht, die es sich zunutze macht, auch Namen, Sitz und Wesen gewechselt haben. Peter der Große ist zwar der Erfinder der modernen russischen Politik, doch nur, weil er die alte moskowitische Methode der Machterweiterung von ihrem bloß lokalen Charakter und zufälligen Beimischungen befreite, sie zu einer abstrakten Formel veredelte, ihr Ziel verallgemeinerte und ihr Streben von der Beseitigung bestimmter Machtgrenzen zum Trachten nach unbegrenzter Macht erhob. Er verwandelte Moskau in das moderne Russland, indem er dessen System verallgemeinerte – nicht durch bloße Hinzufügung einiger Provinzen.
Zusammenfassend: In der grausamen und erniedrigenden Schule der mongolischen Knechtschaft wurde Moskau großgezogen. Es gewann Kraft, nur indem es zum Virtuosen der Sklaverei wurde. Selbst nach seiner Befreiung spielte Moskau weiter die traditionelle Rolle des Sklaven – nun als Herr. Schließlich verband Peter der Große die politische List des mongolischen Knechts mit dem stolzen Ehrgeiz des mongolischen Herrn, dem Dschingis Khan testamentarisch die Eroberung der Erde vermacht hatte.
Quelle: Karl Marx, Revelations of the Diplomatic History of the 18th Century (1857)