Ute Schmidt, Religiöse Motive für die Einwanderung württembergischer Kolonisten nach Bessarabien zu Beginn des 19. Jahrhunderts: „Eine Auswanderung der »Zioniten« nach Palästina auf direktem Weg war freilich unter den dort herr­schenden Verhältnissen nicht möglich. Daher galten die chiliastischen Hoffnun­gen einem anderen Ziel, nämlich einem Zufluchtsort außerhalb Palästinas, an dem sich die Gläubigen auf das Kommen des Herrn vorbereiten sollten. Aller Augen richteten sich nun nach Osten: Im Kauka­sus, in der Nähe des Berges Ararat, dem Bergungsort der Arche Noah, sollten die Gläubigen der letzten Tage die verheißene Zuflucht finden und an diesem einsamen Ort als Gemeinde des Herrn aus den Drangsalen des Antichrist errettet werden.“

Religiöse Motive für die Einwanderung württembergischer Kolonisten nach Bessarabien zu Beginn des 19. Jahrhunderts

Von Ute Schmidt

»Chiliasten« und »Separatisten«

Ebenso wenig wie die gewachsenen Struk­turen seines Landes interessierten den württembergischen König Friedrich I. (Herrschaft von 1797 bis 1816) die tradierten Formen der Volks­frömmigkeit. Für den Pietismus und erst recht für die »separatistischen« Strömun­gen zeigte er keinerlei Verständnis. Dabei waren es gerade die staatskirchlich verord­neten Eingriffe in das kirchliche Leben, die die religiösen Dissidenten zwangsläufig in Opposition nicht nur zur kirchlichen, sondern auch zur staatlichen Obrigkeit brachten. So wurden den Gemeinden im Jahr 1791 ein neues Gesangbuch und 1809 eine Liturgiereform aufgezwungen. Pro­teste und offener Widerstand waren die Folge. Es gab Separatisten, die es in Kauf nahmen, für zwanzig Jahre im Gefängnis auf dem Hohenasperg eingesperrt zu sein, weil sie sich weigerten, ihre Glaubens­grundsätze preiszugeben.

Die separatistische Bewegung war an­fangs zahlenmäßig nicht sehr stark. Es gab einige Kerngruppen, die allerdings sehr geschlossen und aktiv auftraten. Ihre Dynamik erhielt sie durch die es­chatologische Stimmung, die sich um die Jahrhundertwende in den pietistischen Zirkeln und anderen frommen Kreisen verbreitete. Die gewaltigen politischen Erschütterungen nach der Französischen Revolution und zu Beginn des 19. Jahr­hunderts, die bedrückenden wirtschaft­lichen und sozialen Verhältnisse sowie das Eintreffen mancher Ereignisse, die der württembergische Theologe Johann Albrecht Bengel für die Epoche vor dem nahen Weitende vorausgesagt hatte, nährten Endzeit-Erwartungen und die Hoffnung auf ein Zukunftsreich, wie es in der Offenbarung des Johannes ange­kündigt worden war. Napoleon, der Eu­ropa mit seinen Kriegen überzog, er­schien vielen geradezu als die Verkörpe­rung des geweissagten Antichrist. Ihm gegenüber erstrahlte der fromme russi­sche Kaiser Alexander I., der die »Heilige Allianz« initiierte und verwirklichte, als der »weiße Adler« (nach Jesaja 41,11 und 48,14), als Retter in dieser Zeit.

Mit der »Heiligen Allianz« hatten die Monarchen von Russland, Österreich und Preußen am 26. September 1815 in Paris ein Bündnis geschlossen, das die europäischen Staaten nach christlichen Grundsätzen leiten und den Frieden nach Europa bringen sollte. Einen Beweis für die Läuterung Alexanders 1. erblick­ten die »Chiliasten« auch darin, dass sich der Zar, selbst durch den Brand von Moskau (1812) zutiefst erschüttert, eingehend mit der Heiligen Schrift befasste und die Arbeit der neu gegründeten »Russischen Bibelgesellschaft« tatkräftig förderte. Er bot nun den Gläubigen einen Zufluchtsort in seinem Reich an.

Eine besondere Vermittlungsfunktion kam der baltischen Baronin Juliane von Krüdener zu. Die »Frau aus dem Norden«, wie ihre Anhänger aus der süddeutschen Erweckungsbewegung die neue Prophe­tin nannten, lernte 1808 den populären Dichter Heinrich Jung-Stilling kennen. Er machte sie mit seiner Gedankenwelt und seinen Schriften (Szenen aus dem Geisterreiche, Der graue Mann, Heimweh u. a.) vertraut und brachte seine Schüle­rin auch mit den führenden pietistischen und separatistischen Kreisen im Elsass, in Württemberg und in der Schweiz zusam­men, in denen sie hohes Ansehen gewann. Frau von Krüdener übte zeitweise großen Einfluss auf Zar Alexander 1. aus und war auch mit seiner ebenfalls mystisch ge­stimmten Gattin Elisabeth befreundet.

»Chiliasten« und »Zioniten«

Die vom Pietismus geprägten »Chilias­ten« glaubten an die baldige Wiederkunft Christi, der ein Tausendjähriges Friedens­reich (griech. chilia ete = tausend Jahre) errichten und dort über die Frommen re­gieren werde. In dieser Zeit komme es zu einer letzten Auseinandersetzung, in der die widerchristlichen Mächte unterwor­fen und die Gläubigen gesammelt und auferweckt würden. Die Anfänge des Chiliasmus, der im 18. Jahrhundert in Württemberg zahlreiche Anhänger fand, führen in die Vorstellungswelt der früh­christlichen Kirche und in die jüdische Apokalyptik zurück. Die Gedanken des württembergischen Theologen Johann Albrecht Bengel und seines Schülers Friedrich Christoph Oetinger zu diesem Zukunftsreich waren, nicht zuletzt durch die populären Schriften Heinrich Jung- Stillings, zu Beginn des 19. Jahrhunderts weit verbreitet. Bengel sah die Endzeit der Welt nahe und hatte den Anbruch des »Tausendjährigen Reiches« für das Jahr 1836 vorhergesagt.

Als Schauplatz dieser Wiederkunft und Fluchtpunkt all derer, die auf das kom­mende Reich warteten, waren zunächst das »Neue Jerusalem« und der »Berg Zion« ge­dacht. Hier würde der Sitz der Herrschaft Gottes und der Mittelpunkt der Weltge­schichte sein. Eine Auswanderung der »Zioniten« nach Palästina auf direktem Weg war freilich unter den dort herr­schenden Verhältnissen nicht möglich. Daher galten die chiliastischen Hoffnun­gen einem anderen Ziel, nämlich einem Zufluchtsort außerhalb Palästinas, an dem sich die Gläubigen auf das Kommen des Herrn vorbereiten sollten. Aller Augen richteten sich nun nach Osten: Im Kauka­sus, in der Nähe des Berges Ararat, dem Bergungsort der Arche Noah, sollten die Gläubigen der letzten Tage die verheißene Zuflucht finden und an diesem einsamen Ort als Gemeinde des Herrn aus den Drangsalen des Antichrist errettet werden.

Wesentlichen Anteil an der Entfachung des Auswanderungsfiebers hatte der Bengel-Schüler Johann Jakob Friederich. Als Pfarrer von Winzerhausen war Frie­derich, weil er die neue Gottesdienstord­nung ablehnte, im Jahr 1810 suspendiert worden. Seine 1800 erschienene Schrift Glaubens- und Hoffnungs-Blick des Volks Gottes in der antichristlichen Zeit […] gewidmet all denen, die auf das Reich Gottes warten hatte die bildlichen Vorstellungen der pietistischen Schwaben vom Tausend­jährigen Reich stark angeregt. Sie zählte zu den Standardwerken, die die frommen Auswanderer auf ihrem Weg nach Kauka­sien im Gepäck trugen. Zu ihrer Grund­ausstattung gehörten – neben der Bibel und den Büchern der Reformatoren – au­ßerdem die Werke Philipp Jakob Speners, die Schriften August Hermann Franckes, das Andachtsbuch von Johannes Goßner sowie die Lieder und Choräle von Philipp Friedrich Hiller. Die Prägekraft dieser Schriften war im religiösen Leben der Kolonisten-Gemeinden am Schwarzen Meer, auch und gerade in Bessarabien, noch bis ins 20. Jahrhundert zu erkennen.

Nicht zuletzt dem Wirken der Baronin Krüdener ist es zuzuschreiben, dass das Auswanderungsziel Kaukasien in den Zukunftsvisionen der schwäbischen Chi­liasten eine solche Bedeutung gewann. Ihre Sehnsucht, die sich jetzt zusehends auf einen »Bergungsort« in Südrussland richtete, traf sich mit den Kolonisations­plänen der russischen Regierung. In die­ser Koinzidenz lag eines der wichtigsten Motive der religiösen Auswanderung aus Südwestdeutschland.

Wirtschaftliche Gründe für die Auswanderung

Auch die schwierige wirtschaftliche Lage, in der sich Handwerker und Bau­ern zu Beginn des 19. Jahrhunderts be­fanden, förderte die Auswanderungsbe­reitschaft im deutschen Südwesten. Der Bevölkerungszuwachs und die immer weiter voranschreitende Aufteilung der Bauernhöfe hatten eine Überbesetzung im handwerklichen Bereich zur Folge. Selbst die besten Handwerker und Ge­werbetreibenden fanden oft nicht genü­gend Arbeit, um ihre Familien ernähren zu können. Die Bauern litten schon seit den neunziger Jahren des 18. Jahrhun­derts unter den Requirierungen und Plünderungen durchziehender franzö­sischer Heere und Besatzungstruppen, die allenthalben schwere Verwüstungen hinterließen. Einquartierungen, Vor­spanne und Fronen hinderten die Land­wirte zudem daran, ihre Felder zu be­stellen.

Zu den Kriegsfolgen kam eine ganze Serie von Missernten in den Jahren 1809 bis 1815, die die Bauern vollends ins Elend stürzten. In früheren Jahren angelegte private und gemeindliche Vorräte waren durch die Kriegsjahre aufgezehrt. Einen totalen Ernteausfall bei Getreide, Wein, Obst und Futterpflanzen gab es im Ka­tastrophenjahr 1816 infolge von extremer Nässe und Kälte. Zwei Drittel des Viehs starben oder mussten wegen Futterman­gels notgeschlachtet werden. Die Men­schen ernährten sich von Gras und Heu und buken Brot aus Baumrinde, Stroh und Kleie. Ein zeitgenössischer Bericht schildert die völlig anomale Wetterlage in diesem Jahr:

„Am Neujahrstag war es heiß wie im Sommer. Im März donnerten Wetter am Himmel, als an Jakobi. Im Mai war es kalt wie sonst im Februar. Die Brun­nen sind zugefroren, das man kein Wasser holen konnte. Im Juni setzte dann ein Regen ein, der nicht enden wollte. Auf den Feldern verfaulte das Korn. Im Juli vernichtete ein Hagel alles, was gewachsen war. Mäuseplagen tra­ten auf […].“ (zit. n. Stumpp, Die Auswanderung aus Deutschland, S. 28)

Die schwere Hungersnot in den Jahren 1816/17 dürfte nicht wenigen Schwaben den letzten Anstoß zur Auswanderung gegeben haben. So verwundert es nicht, dass das Angebot Alexanders I. mit den Hauptprivilegien Steuerfreiheit, Befreiung vom Militärdienst, Religionsfrei­heit und kommunale Selbstverwaltung eine große Anziehungskraft auf viele Württemberger ausübte. Sie verabschie­deten sich von ihrer Heimat, in der sie sich nicht mehr zu Hause fühlten.

Der große Chiliastenzug von 1817

Vor ihrer Ausreise schlossen sich die württembergischen Chiliasten in »brü­derlichen Auswanderungsharmonien der Kinder Gottes« zusammen. In der Regel waren dies Familienverbände, die sich aus den heimatlichen Brüdergemeinden kannten und untereinander in Verbin­dung standen. Diese Auswanderungsge­sellschaften verstanden sich als christli­che Gesinnungsgemeinschaften. Ihre Mit­glieder unterstützten einander, um auch den Ärmeren unter ihnen die Mitreise zu ermöglichen. Manche Gruppen führten nach dem Vorbild der urchristlichen Ge­meinden die Gütergemeinschaft ein. Andere traten einen prozentualen Anteil ihres Vermögens an die allgemeine Rei­sekasse ab oder schrieben den weniger Bemittelten den für die Ausreisegeneh­migung erforderlichen Betrag zumindest formell gut. Den »Harmonien« schlossen sich aber auch Fremde an, die nur eine günstige Gelegenheit zur Ausreise suchten und mit den »Brüdern« ansonsten nichts gemein hatten.

Sammelplatz der Auswanderer war die Stadt Ulm. Hier trafen auch separatis­tische Auswanderergruppen aus Baden, dem Elsass und der Schweiz ein, die zu­sammen mit den Württembergern nach Kaukasien ziehen wollten. Die Auswan­dererzüge erregten unterwegs großes Auf­sehen. Schaulustige verglichen den Mas­senexodus mit dem »Auszug der Kinder Israels« und überhäuften die Emigranten­kinder mit Geschenken.

Von Ulm ging die Reise auf den »Ulmer Schachteln« donauabwärts bis nach Wien. Hier wurden die Auswandererscharen mit ihrer gesamten Habe auf andere Donauschiffe umgeladen. Die Weiterbe­förderung der Passagiere auf den auch »Zillen« genannten Kähnen übernahm jetzt die Schifffahrtszunft. Da diese nach Schiffen und nicht nach »Köpfen« abrech­nete, waren die kleinen Schiffe bereits bei der Abreise völlig überfüllt. Manchmal drängten sich bis zu 430 Personen auf den Kähnen, die nur für 150 Passagiere eingerichtet waren. Nicht selten wurden Familien und Harmonien auseinander gerissen. Um den Strom der Auswande­rer zu entzerren, bildeten die Behörden 14 Kolonnen, die in der Zeit von Mai bis August 1817 im Abstand von einer Woche in Ulm eingeschifft wurden.

Der russische Gesandte in Wien hatte den Anführern der Harmonien zuvor geraten, doch lieber den Landweg über Galizien zu nehmen. Offenbar nahmen diese die Warnung aber nicht ernst, zumal die Donaufahrt der ersten Aus­wanderergruppe im September 1816 ge­glückt war. Die wochenlange Reise auf der Donau verlief zunächst noch glimpf­lich – trotz der Zustände auf den vollge­pferchten Schiffen, der Schwierigkeiten durch Pass- und Zollbehörden sowie der gefährlichen Wasserstrudel. Es dauerte aber nicht lange, bis – infolge der unge­sunden Verhältnisse auf der langsamen Flussfahrt, des ungewohnten Wechsels von glühender Hitze, Gewitterstürmen und nächtlicher Kälte, vor allem aber durch das unsaubere Trinkwasser und die drangvoll engen Unterkünfte – Fieber und Krankheiten um sich griffen und die ersten Todesfälle auftraten.

Zur Tragödie kam es jedoch erst, nach­dem die Schiffe die russische Grenze überquert hatten und in Bessarabien ein­trafen. Hier mussten die Passagiere auf Anordnung der russischen Einwande­rungsbehörden eine Quarantäne durch­laufen, die sieben Wochen und länger dauern konnte. Manche Gruppen saßen hier noch vom Spätherbst bis in den ein­setzenden Winter hinein fest.

Da in der Grenzstadt Galatz die Pest ausgebrochen war, wurden die Auswan­derer vor der nächsten bessarabischen Donaustadt Ismail auf einer Insel aus­gesetzt, auf der keinerlei Vorbereitungen für sie getroffen waren und wo sie unter freiem Himmel bei Sturm und Regen ausharren mussten. Auf dieser Insel wa­ren nach der Eroberung Ismails durch die russische Armee 1790 und 1808 die Leichen von rund 20 000 gefallenen Sol­daten nur oberflächlich verscharrt wor­den. Als die erschöpften Auswanderer ihre Zelte aufstellen wollten, stießen sie auf Berge von Skeletten und Knochen, die überall aus der Erde ragten. Schwär­me von Insekten verbreiteten Krank­heitskeime. Wind und Wetter, der Man­gel an Nahrung und sauberem Wasser, Kleidung und Arzneimitteln sowie die schlechten Unterkünfte auf der Toten – insel hatten die Widerstandskräfte der Auswanderer weitgehend aufgebraucht. Jetzt brachen Epidemien aus, denen ein großer Teil der Emigranten zum Opfer fiel. Nicht wenige Harmonien verloren die Hälfte ihrer Mitglieder. Nach den Be­richten von Augenzeugen waren in Ismail innerhalb von 24 Tagen 1328 Menschen gestorben und in Massengräbern beer­digt worden. Vertreter der Harmonien be­richteten den russischen Behörden, dass rund 3 000 Auswanderer den Strapazen der Reise erlegen seien, bevor sie Odessa erreichten.

Ein aus der Schweiz stammender Chronist hielt in seinem Tagebuch die Verzweiflung fest, die Ende September 1817 auf der Donaufahrt bei Galatz und Ismail herrschte:

„Bevor wir noch nach Galatz kamen, erfuhren wir zu unserem größten Schre­cken, daß dort die Pest sehr stark herr­sche und wir deswegen nicht in die Stadt und deswegen auch die Contu­maz [Quarantäne] daselbst nicht hal­ten dürfen. Wir mußten also noch un­gefähr dreißig Stunden weiterfahren, nämlich bis nach Ismael. Es verhielt sich wirklich so und doch mußten wir uns drei Tage lang bei Galatz aufhal­ten. In die Stadt durften wir nicht, wir mußten unser Lager eine halbe Stunde von der Stadt entfernt auf einer Steppe aufschlagen. Hier war alles ziemlich teuer, denn es war nur ein einziger Marketender da, welcher jede Ware im höchsten Preis verkaufte, indem er wohl sähe, daß wir Lebensmittel haben mußten und somit ganz in sei­ner Gewalt standen. Es war auch ein Schiff von Schwarzwälder Kolonisten da, welches beinahe ganz vermittelst des hitzigen Fiebers ausgestorben war. Einige waren sogar von der Pest an­gesteckt.
Hier wurden auch viele auf un­serem Schiff krank, indem das Klima sehr ungesund ist. Der Boden liegt schneeweiß über und über von Sal­peter, so daß man ganze Hände voll aufschöpfen kann und auf diesem Bo­den mußten wir drei Tage liegen. Ich war bis hieher Dank der Ewigen und Allgütigen Vorsehung gesund. Allein, nun kam die Reihe auch an mich, und ich bekam das hitzige Fieber und wur­de sehr krank. […]
Wir bekamen nun den 20. Septem­ber die Erlaubnis von Galatz abzu­fahren und kamen am 23. in Ismael an. Vier Tage mußten wir eine Stun­de von der Stadt entfernt uns lagern, wo wir fast keine Lebensmittel vor’s Geld bekamen, Brot bekamen wir da gar keines und mußten uns begnügen und dabei noch glücklich schätzen, mit dem elenden Zwieback von ganz rauhem schwarzem Mehl; und dieses war auch sehr teuer. […]
Nun bekamen wir Befehl weiter zu reisen, nämlich dahin, wo die Kolo­nisten, welche vor uns hier waren, ihren Platz hatten. […] Es sähe da we­gen den vielen Zelten und Baracken aus gleich einer großen Stadt. Viele hundert, ja zu tausenden Auswande­rer hatten da auf dieser Steppe nahe bei der Stadt ihr Lager. Wir durften aber zu keinem dieser Leute, welche vor uns da waren, weil diese schon ei­nen Teil vom Kontumaz zurückgelegt hatten. Es wurden deswegen Seiler gespannt wieweit wir gehen durften und allenthalben waren Wachen von Militär. […]
Was nun nicht gesund war, musste in die Spitäler. Diese Spitäler sind nur so große Hütten, ganz von Schilfrohren gemacht. […] Viele neben uns starben. […] Unsere Quarantäne dahier währ­te 49 Tage lang, nämlich vom 23. Sep­tember bis zum 8. November. […] Wir mussten beständig unter dem freien Himmel liegen, Kälte und Regenwet­terwechselten beständig miteinander. Selten hatten wir einen schönen Tag. Es regnete bisweilen so stark, dass das Wasser unter unsern Betten hindurch lief. Gegen Ende Oktober gab es auch Schnee. Fast immer ging ein kalter Wind und oft so heftig, dass wir be­fürchten mußten, er werfe unser Zelt um. […]
In unserem Lager der Quarantäne in Ismael sind überhaupt sehr viele Menschen gestorben. Da gab es Witwer, Witwen und Waisen sehr viele. Zum öftern starben in einem Tag zehn bis zwanzig, auch bisweilen dreißig Per­sonen.“ (Fiechtner, Merkwürdige Reisebeschreibung, S. 41 ff., 46 ff., 55.)

Anfang November 1817 wurden die Über­lebenden auf Befehl eines russischen Kommissars aus Odessa auf Ochsen­karren verladen und von moldauischen Fuhrleuten auf einer tagelangen und be­schwerlichen Reise bei Frost und Schnee durch die bessarabische Steppe bis zum Dnjestr-Liman nach Akkerman gebracht. Von hier aus setzten sie dann auf das an­dere Ufer, nach Ovidiopol, über, wo sie, kurz vor ihrem Ziel Odessa, nochmals drei Tage in einem Quarantänelager zu­bringen mussten. Hier wiederholte sich das Massensterben. So war auf ihrem Weg zur Schwelle des »Tausendjährigen Reiches« in nur wenigen Wochen fast die Hälfte der Pilgerscharen ums Leben ge­kommen.

Die russische Kolonialbehörde ver­suchte, dem Elend entgegenzusteuern und wies den Ankömmlingen Win­terquartiere in den schon bestehenden deutschen Kolonien im Odessaer Gebiet zu. Sie begann damit, für die in Odessa Angekommenen geeignete Ländereien in den neurussischen Gouvernements Cherson und Taurien ausfindig zu ma­chen und sie von ihrem ursprünglichen Plan einer Weiterreise in den Südkau­kasus abzubringen. Jene, die sich noch in Galatz und Ismail aufhielten, sollten sich in Bessarabien ansiedeln. Dieser Vorschlag wurde jedoch nur von einer kleinen Gruppe von rund 300 Familien angenommen. Sie trennten sich im Au­gust 1817 nach wochenlanger Quarantä­ne in Ismail von ihren Glaubensbrüdern. 98 von ihnen wies die Kolonialbehörde ein Steppental am Fluss Kogelnik zu, wo sie 1817/18 die deutsche Kolonie Teplitz in Bessarabien gründeten.

Quelle: Ute Schmidt, Bessarabien. Deutsche Kolonisten am Schwarzen Meer, Deutsches Kulturforum östliches Europa e.V., 2008, S. 71-80.

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