Die letzte Frage und Antwort (Weihnachten 1938)
Von Karl Barth
Die «Schweizer Zeitung am Sonntag» will an der Weihnacht nicht ohne ein ausdrückliches Wort zur Weihnacht selber erscheinen. Das ist so recht und in der Ordnung. An ihrem Kopf ist nun einmal ziemlich groß und sogar doppelt unterstrichen das Wort «Sonntag» zu lesen, das — ich irre mich doch nicht? Nein, ich irre mich nicht! — auch darauf hinweist, daß die Zeitung in und mit dem Werktäglichen, das sie als politische Zeitung zu sagen hat, auch etwas ausgesprochen Sonntägliches sagen will. Damit hängt es offenbar zusammen, daß in ihren bisher erschienenen Nummern, neben viel Anderem und teilweise in [415] merkwürdiger Gesellschaft, auch immer wieder von der Kirche und doch auch von der Botschaft der Kirche die Rede war. Es gibt Leute, die sich darüber geärgert haben. Manche wohl darum, weil es sie stört und langweilt, mitten unter den politischen Überlegungen, Mitteilungen und Aufrufen, um derentwillen sie die Zeitung lesen, auf einmal auf allerlei «fromme» Worte, Bibelstellen und dergleichen zu stoßen und damit ungewollt an ihren Konfirmandenunterricht und an andere, vielleicht noch unangenehmere Beziehungen zu diesem ganzen Bereich erinnert zu werden. Manche, ich weiß es, darum, weil sie sich gerade umgekehrt daran stoßen, heilige Dinge auf einmal in engsten Zusammenhang mit der «Demokratie im Angriff», mit dem Streit gegen Hitler, mit der Kritik unseres Bundesrates, mit dem «trojanischen Pferd» und dergleichen, in eine Reihe oder Spalte mit allerlei gelegentlich etwas rauhen und auch sonst, wie es in einer solchen Zeitung nicht anders sein kann, nicht durchweg auf der Goldwaage zu wägenden Äußerungen gebracht zu sehen. Aber da hilft nun schon [416] nichts. Der Ärger auf beiden Seiten muß in Kauf genommen werden — wenn er sich nicht vielleicht auf freundliches Zureden auf beiden Seiten auch legen will. Die braven Leute, die um keinen Preis «Stündeier» werden möchten (was ja auch gar nicht von ihnen verlangt ist!), und die noch braveren, die die Perlen nicht vor die Säue geworfen haben [vgl. Mt. 7, 6] möchten (was denn auch niemandes Absicht ist!), müssen sich schon daran gewöhnen, daß die SZ — so wie ich sie verstehe, aber ich erlaube mir anzunehmen, daß ich sie richtig verstehe — tatsächlich, ohne deshalb ein «Sonntagsblatt» zu sein, etwas sehr Sonntägliches — und man kann ruhig sagen: das (doppelt unterstrichen!) Sonntägliche zu sagen hat. Gar nicht nur so nebenbei — «religiöse Betrachtungen» liest man ja auch in anderen Blättern —, sondern gerade in und mit dem Entscheidenden, was sie werktäglich und also politisch zu sagen hat! Ob sie es immer sagt, ob sie es richtig und ob sie es so sonntäglich sagt, wie es eigentlich gesagt werden müßte, ist eine andere Frage. Aber das kann wieder nichts daran ändern, daß es in der Sache so ist: sie hat in ihrer Weise und also werktäglich das Sonntägliche zu sagen. Darum wird in der SZ jener ganze Bereich von Kirche, Theologie, Bibel wohl auch in Zukunft — niemandem zuliebe, niemandem zuleide — immer wieder sichtbar werden müssen. Und darum ist es recht und in der Ordnung, daß jetzt in der SZ auch ein ausdrückliches Wort zur Weihnacht gesagt wird.
Ich habe als Titel geschrieben: «Die letzte Frage und Antwort». Und damit meine ich folgendes: Hinter den wahrhaftig ernsten, wichtigen, brennenden politischen Fragen, die in der SZ bewegt werden, steht eine letzte, eigentliche, entscheidende Frage, die selber keine politische Frage mehr ist, und sie ist’s, die jenen ihr eigentümliches Gewicht gibt. Und hinter den sicher ebenso ernst gemeinten und ernst zu nehmenden politischen Antworten, die die SZ auf jene politischen Fragen zu geben versucht, muß eine letzte, eigentliche, entscheidende Antwort stehen, die selber keine politische Antwort mehr sein kann und ohne die doch auch die politischen Antworten ihren eigentlichen [417] Sinn und die ihnen nötige Durchschlagskraft nicht haben können. Das ist es, kurz zusammengefaßt, was in der SZ zur Weihnacht gesagt und sogar sehr laut gesagt werden muß: Es hängt alles daran, daß wir in den vorletzten, den politischen Fragen und Antworten als solchen nicht etwa stecken bleiben, sondern, indem wir sie ehrlich bewegen, uns zugleich die letzte Antwort geben und dann auch die letzte Frage uns stellen lassen.
Man sieht: nun habe ich die Reihenfolge schon umgekehrt und zuerst von der Antwort und dann von der Frage geredet. Und so muß es auch sein, wenn das Gesagte wirklich ein Wort zur Weihnacht sein soll. Daß uns eine letzte, eigentliche, entscheidende Antwort gegeben ist, das ist dann das Erste und Wichtigste, ohne das wir gar nicht auf das Zweite, die letzte, eigentliche und entscheidende Frage stoßen und dann auch in den vorletzten Fragen und Antworten uns nicht zurechtfinden könnten. Das ist die Weihnachtsbotschaft, beschlossen in dem Namen Jesus Christus, die man nicht trotz der Politik, sondern gerade wegen der Politik, gerade um der rechten Politik willen gerade heute nicht überhören darf: Mit dem menschlichen Leben steht es so, daß uns, bevor wir noch dies und das gefragt, geschweige denn die letzte Frage uns gestellt haben, schon geantwortet, im voraus geantwortet ist und daß wir, was auch aus unseren Fragen werden möge, von dieser Antwort und in dieser Antwort leben dürfen wie die Fische im Wasser und wie die Vögel im Luftraum. Diese letzte Antwort, mit der in Wirklichkeit alles anfängt, lautet: Gott ist nicht ohne den Menschen, wie er es wohl sein könnte, weil er nicht weniger Gott wäre, auch wenn er den Menschen sich selbst überließe. Gott ist aber auch nicht gegen den Menschen, wie der Mensch es sehr wohl verdient hätte, weil der Mensch im Kleinen und Großen immer gegen Gott ist. Sondern Gott ist mit dem Menschen und für den Menschen. Für alle Menschen. Für jeden Menschen. «Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren soll» [Lk. 2, 10]. Ist er auch für die, die nicht in die Kirche gehen? Ja, auch für sie. Auch für die «Stündeler»? Ja, auch für sie, nicht weil sie es besonders verdient hätten, aber weil sie auch Menschen sind. Auch für die, denen allerlei vorzuwerfen ist und die sich wohl auch in der Stille selbst allerlei vorzuwerfen haben? Ja, gerade auch für sie. Wie, auch für die Kommunisten und für die heute so besonders fatalen Nazis, für «Alibaba» und seine Gesellen? Es hilft [418] nichts: auch für sie, und es soll nur keiner von uns so grämlich und verstockt sein, bei seinem Weihnachtsbaum oder — sei es denn — Weihnachtsschoppen nicht ernstlich auch dies zu bedenken, daß Gott zweifellos auch für die Nazis ist. Auch für die Dummen und Feigen, auch für die alten und jungen Spießbürger, deren ahnungslose Bösartigkeit uns heute so viel Mühe macht, die wir rütteln und schütteln möchten, damit sie aus dem Schlaf aufwachen, bevor es zu spät ist? Es geht nicht anders: die Weihnachtsbotschaft sagt es nun einmal, daß Gott auch für sie ist. Je mehr sie — oder wollen wir nicht lieber gleich sagen: je mehr wir? — es nötig haben, um so mehr! Was das bedeutet, daß Gott gegen alle Teufeleien, gegen alle Tyrannei und Anarchie, gegen allen Nihilismus ist, das versteht man doch gründlich erst dann, wenn man versteht, daß er für den Menschen, für alle, für jeden Menschen und darum gegen alle Teufeleien ist, die wir Menschen einander bereiten, die wir Menschen voneinander zu erleiden haben. Und wenn wir selber den Teufeleien nun auch nicht weichen, sondern widerstehen, wenn wir uns vor der Riesenschlange mit dem bösen Blick und vor dem «trojanischen Pferd» in Acht nehmen, wenn wir alles tun sollen, um diesen Bestien Abbruch zu tun, so versteht man doch auch das erst dann gründlich, wenn man die letzte Antwort, die Freudenbotschaft der Weihnacht versteht: daß auch wir dabei im Grunde für den Menschen, für alle Menschen, für jeden Menschen sein dürfen. Es ist nicht einzusehen, wie es von daher — nämlich von daher, daß die Weihnachtsbotschaft gehört und verstanden ist — nicht alsbald zu einem sehr gründlichen politischen Denken, Reden und Handeln kommen müßte. Es ist aber auch nicht einzusehen, wie es zu gründlicher Politik anderswoher als eben von daher kommen sollte! Je besser man das weiß und je fester man sich daran hält, daß Gott für den Menschen ist und daß wir auf alle Fälle auch für den Menschen sein dürfen, um so besser wird man gerade politisch zu denken, zu reden, zu handeln in der Lage sein. [419]
Die SZ gibt auf die schweren politischen Fragen des Tages die Antwort, daß es nötig und geboten sei, für die Erhaltung, nein, für die Wiederherstellung und Neubegründung einer Ordnung des Rechtes, der Freiheit und des Friedens und darum und so für unseren schweizerischen Staat, für unsere schweizerische Heimat und zur Verhütung eines neuen 1798 alles und jedes zu tun. Diese politische Antwort ist dann gut, kräftig und lebendig, wenn sie beruht auf der allen Menschen in der Weihnachtsbotschaft gegebenen ganz unpolitischen letzten Antwort, wenn sie eine Erklärung und Anwendung dieser letzten Antwort ist: daß Gott für uns ist — für uns, für die Feinde, für die Neutralen. Dieser Gott, der Gott, der in Jesus Christus selbst Mensch geworden ist, sagt uns und ihnen, wie es in einem Weihnachtslied heißt: «Lasset fahren, liebe Brüder, was euch quält!» Das bedeutet Kampf und Negation, und die sind heute bitter nötig: wir dürfen — und wirklich auch die anderen dürfen! — fahren lassen, was uns und sie quält. Und Gott sagt uns und den anderen: «Was euch fehlt, ich bring alles wieder!», und das bedeutet Aufbau und Position, und die sind auch heute noch nötiger, und er, er, der für uns ist — der aber immer auch für die anderen ist — bringt wirklich wieder, was ihnen und uns fehlt. Das ist der Boden, auf dem man gerade mit der politischen Antwort der SZ [420] stehen und gehen kann. Man sollte sich aber gerade bei der politischen Antwort der SZ nicht täuschen, daß man sie inhaltvoll und wirksam nur auf diesem Boden geben kann. Gerade die guten politischen Antworten — die schlechten haben ein viel zäheres Leben! — ertragen es nicht, von ihrer Wurzel in der letzten Antwort abgeschnitten zu werden und dann wie eine Art — Weihnachtsbäume in der guten Stube zu stehen. Man weiß, wo und wie gerade die schönen Weihnachtsbäume zu endigen pflegen!
Es steht aber mit den politischen Fragen als solchen nicht anders. Es beunruhigt uns mit Recht, daß so viele schon die rechten Fragen, die uns heute gestellt sind, immer wieder verfehlen und mißverstehen: daß sie etwa den Zusammenhang zwischen dem offenkundig gefährlichen deutschen und einem blöden, aber vorläufig noch harmlosen schweizerischen Nationalismus, oder den Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Barbarei, oder den Zusammenhang zwischen einer wirksamen Landesverteidigung und einer energischen Inangriffnahme des Arbeitslosenproblems, oder den Zusammenhang zwischen der Sache unserer Freiheit und der der Freiheit in ganz Europa so gar nicht sehen und dementsprechend auch lauter törichte Antworten geben. Aber wie viele solche Zusammenhänge haben wir alle noch nicht oder noch nicht ernstlich genug gesehen! Und nun gibt es letztlich nur einen Weg, um auch nur an die rechten vorletzten Fragen dieser Art heranzukommen. Und das ist der Weg, der von der letzten Frage herkommt. Die letzte Frage steht aber der letzten Antwort direkt gegenüber. Man versteht sie als Frage merkwürdigerweise sogar erst dann, wenn man zuerst (zuerst!) die letzte Antwort gehört und verstanden hat. Die letzte Frage ist aber die Frage nach dem Glauben an den Gott, der laut der Weihnachtsbotschaft für den Menschen ist. Es gibt auch einen Zusammenhang zwischen dem Glauben und den recht — und zwischen dem Unglauben, Irrglauben und Aberglauben und den falsch gestellten politischen Fragen! Und eben nach diesem Zusammenhang fragt uns die letzte Frage, wenn wir die letzte Antwort in der Weihnachtsbotschaft gehört und verstanden haben. Die letzte Frage ist also wiederum sehr unpolitisch eine persönliche Frage. Denn der Glaube und sein Gegenteil ist eine persönliche Sache. Es sollte aber niemand — [421] besonders nicht unter denen, die die SZ gerne lesen — der Erkenntnis ausweichen, daß die politischen Fragen sich letztlich in der Beantwortung dieser persönlichen Frage entscheiden. Die persönliche Frage lautet, ob wir als solche, die das nicht verdient haben, von Gottes Gnade leben wollen, um ihm als seine Kinder gehorsam zu sein? Als solche werden wir die rechten politischen Fragen bestimmt weder ganz verschlafen noch ganz mißverstehen.
Ursprünglich erschienen in: Schweizer Zeitung am Sonntag, Basel, Nr. 9 (25.12.1938), S. 1f.
Quelle: Karl Barth Gesamtausgabe, Predigten 1935-1952 (GA I.26), hrsg. von Hartmut Spieker und Hinrich Stoevesandt, Zürich: Theologischer Verlag Zürich 1996, S. 414-421.