Hans Graf von Lehndorff, Vom Sinn der Barmherzigkeit in der modernen Welt (1969): „Wie muss ein Mensch beschaffen sein, damit er Aufgaben an seinen leidenden Mitmenschen in sinnvoller Weise wahrnehmen kann? Wenn man mich fragen würde, welche menschliche Eigenschaft ich in diesem Zusammenhang für die wichtigste halte, würde ich ohne Zögern sagen: die Dankbarkeit. Dankbarkeit äußert sich darin, dass diese Wohltat weiterwirkt, sei es auf den Wohltäter zurück oder, was das Größere ist, in die Weite hinaus auf Menschen, die ihrerseits besondere Hilfe nötig haben.“

Vom Sinn der Barmherzigkeit in der modernen Welt (1969)

Von Hans Graf von Lehndorff

Barmherzigkeit — wenn ich dieses Wort höre und mir durch den Sinn gehen lasse, erhebt sich bei mir die Frage, ob es eigentlich noch seine alte Gültigkeit hat. Oder besser ge­sagt: ich weiß nicht, ob dieses Wort eine sehr glückliche Bezeichnung ist für das, worum es uns heute geht. Klingt es nicht etwas zu pathetisch? Ich glaube, wir täten heute keinem Menschen, insbesondere keinem jungen Menschen, mehr einen Gefallen, wenn wir ihn als barmherzig bezeich­neten oder ihm nachsagten, daß sein Einsatz, den er leistet, auf Barmherzigkeit gegründet sei. Er würde uns wahr­scheinlich als taktlos empfinden.

Ebenso läßt sich, wie ich meine, der Ausdruck „barmherzige Schwester“, wie er für eine Nonne oder Diakonisse heute noch üblich ist und gebraucht wird, nur noch als traditio­nelle Amtsbezeichnung ertragen, nicht aber als besondere Charakterisierung der Arbeit, die getan wird und noch weniger als eine Charakterisierung der Person, die sie tut. Man würde heute auch kaum mehr auf den Gedanken kommen, ein Krankenhaus oder eine ähnliche Pflegestätte „Haus der Barmherzigkeit“ zu nennen, wie das in früheren Jahrzehnten und um die Jahrhundertwende noch gang und gäbe war. Denn inmitten der großangelegten sozialen Ein­richtungen des Staates, die es heute gibt, und angesichts der behördlich geregelten Arbeitsbedingungen, an die wir gebunden sind, müßten wir fürchten, uns mit einem sol­chen Anspruch lächerlich zu machen. In einem geordneten Gemeinwesen, wie dem unseren, gibt es eben theoretisch nie­mand mehr, der auf Barmherzigkeit angewiesen wäre. Viel­mehr hat jeder sein institutionell begründetes Recht auf aus­reichende Versorgung in gesunden wie in kranken Tagen. Daß es damit in der Praxis anders aussieht, als der Durch­schnittsbürger denkt, daß nämlich noch sehr viel zu tun bleibt, damit der einzelne auch wirklich zu seinem ver­brieften Recht kommt, ist ein Problem für sich, dessen Ausmaß und Vielschichtigkeit nur denen bekannt ist, die sich auf dem sozialen Sektor mitverantwortlich wissen. Für das Element, das hier zum Tragen kommen muß, damit die Menschen auch wirklich so leben können, wie es für sie vorgesehen ist, würde ich also für die heutige Zeit lieber ein einfacheres, anspruchsloseres, nicht mit so viel auffälli­ger Würde belastetes Wort wählen wie gerade das Wort „Barmherzigkeit“. Aber das Wort Barmherzigkeit sagt nun einmal etwas aus, was durch ein anderes Wort nicht gleich­wertig bezeichnet werden kann.

Erlauben Sie mir deshalb, es zu umschreiben und zu sagen: bei dem, was wir hier zu verhandeln haben, geht es um die Fähigkeit, den Mitmenschen in seiner Not zu erkennen, und um die Bereitschaft, ihm darin beizustehen. Beides sind, wie wir wissen, keine Selbstverständlichkeiten, die sich etwa automatisch aus der Tatsache unseres Menschseins ergeben, sondern sie müssen in uns geweckt, gefördert und immer wieder von neuem aufgerufen werden, damit sie lebendig bleiben. Das ist von jeher so gewesen und ist auch heute nicht anders. Deshalb kann man sagen, daß unser Thema heute so aktuell ist, wie eh und je.

Zunächst will ich versuchen, über die besonderen Nöte un­serer Zeit etwas zu sagen. Welches sind sie, wo kommen sie her, wie äußern sie sich? Was gibt es für Möglichkeiten, den Menschen darin beizustehen oder, besser noch, ihnen herauszuhelfen? Und dann möchte ich auf das eingehen, was wohl das Wichtigste ist, nämlich auf die Frage: Wie wecken und fördern wir in uns selbst und in unseren Mit­menschen die soeben näher bezeichneten Gaben des Her­zens, die in jedem von uns irgendwo angelegt sind, zu denen es aber keinen allgemein anerkannten Weg gibt, der etwa mit staatlichen Mitteln gefördert oder geebnet werden könnte?

Was die Nöte der Menschen betrifft, so sind, wie zu allen Zeiten, auch heute die körperlichen am augenfälligsten. Auch könnte ich aus der Erfahrung einiges über das Wesen der Arbeit an Körperbehinderten und hilflosen Menschen sagen, denn ich wohne in einer Stadt, in der es besonders viel alte Leute gibt. Ich sehe, wie sie sich schinden müssen, weil die meisten von ih­nen alleinstehend sind und nur selten jemand haben, der willens oder in der Lage wäre, ihnen beizustehen und zu helfen. Wenn sie dann schließ­lich ganz hilflos geworden sind, so daß man sie gern in einem Pflegeheim unterbringen möchte, dann entstehen erneut große Schwierigkeiten, nicht etwa deswegen, weil es keine Pflegeheime gibt, sondern weil die Menschen, die dort arbeiten, bereits völlig überfordert und überlastet sind. Das Fehlen von Helfern gerade auf diesem Gebiet nimmt täglich zu und wird sich voraussichtlich bald zu einer Kata­strophe auswachsen. Denn die Menschen werden immer älter, die Krankheiten, die ihnen ihre Selbständigkeit rau­ben, also insbesondere die Gefäßerkrankungen, werden nicht weniger, und die Zahl der zur Verfügung stehenden Pflegekräfte wird sicher nicht so wesentlich ansteigen, daß man davon eine spürbare Hilfe aus dieser Not erwarten könnte. Wer sollte sich auch ohne Not dazu veranlaßt fühlen, einen so anstrengenden, körperlich und seelisch belastenden Beruf zu wählen, wie gerade den pflegerischen, wo es doch so viele andere und bequemere Möglichkeiten für Männer und Frauen gibt, ihr Leben zu gestalten und auszufüllen? Es müßte schon eine Art Wunder geschehen oder eine neue Notzeit anbrechen, wenn die Neigung zu den pflegerischen Berufen plötzlich so ansteigen sollte, daß daraus eine wirklich fühlbare Entlastung hervorginge.

Der Arzt und der andere

Das Ausmaß der diagnostischen und therapeutischen Mög­lichkeiten ist derart angewachsen, daß der einzelne Arzt kaum mehr in der Lage ist, zu einer Gesamtschau des kran­ken Menschen durchzudringen. Seine Kapazität ist weit überfordert. Die ehemaligen Spezialgebiete haben sich weiter unterteilt. Aus dieser Entwicklung haben sich für die Verantwortung des Arztes neue schwer zu lösende Pro­bleme ergeben. Einmal ist es sehr viel schwieriger geworden, zu sagen, wo eigentlich das „Jenseits der Medizin“ anfängt. Denn da, wo früher noch Grenzen gesetzt waren, die als schicksalhaft angesehen werden konnten und mußten, weil darüber hinaus keine direkte Einwirkung mehr möglich war, gibt es heute überall breite Durchbrüche. Eine Fülle von Maßnahmen und Behandlungsmethoden bietet sich an, mit deren Hilfe körperliche und seelische Leiden, deren Ablauf man früher hinnehmen mußte, geheilt, gebessert oder wenigstens erträglich gemacht werden können.

Ich denke da zum Beispiel an die moderne chirurgische und internistische Therapie des Blutgefäßsystems oder an den Ersatz von Organen und anderen Körperteilen durch leben­des oder totes Material. Ebenso an den Einsatz der Psycho­pharmaka bei entsprechenden Zuständen und Krankheiten. Dem Arzt sind heute sehr viel mehr mechanisch wirkende, wertneutrale Hilfsmittel in die Hand gegeben, mit denen er Menschen wieder auf die Beine bringen kann, als das zu meiner Lehrzeit der Fall war. Das hat aber notwendiger­weise auch zur Folge gehabt, daß es zu einer weiteren inne­ren Distanzierung zwischen Arzt und Patient gekommen ist. Der Arzt findet heute viel mehr Anlaß und Gelegen­heit, sich hinter seinen Medikamenten und Therapiemetho­den zu verschanzen oder sich auf die Grenzen seines Spe­zialgebietes zu berufen. Er ist immer in der Lage, sein Gewissen zu entlasten, indem er Patienten, die ihm Mühe machen, an andere Ärzte überweist. Auf diese Weise ge­wöhnt er es sich allmählich ab, seinen Patienten als ein Ganzes zu sehen und sich für ihn innerlich zu engagieren. Das bedeutet aber, daß in unseren Krankenhäusern die Person des Kranken immer mehr in den Hintergrund ge­drängt wird. Denn hinter dem gewaltigen Apparat, der da in Bewegung gesetzt wird, verschwindet erfahrungsgemäß der eigentliche Herr des Krankenhauses, nämlich der lei­dende Mensch, immer mehr. Was von ihm übrigbleibt, ist ein reparaturbedürftiger Gegenstand, dem man sich ledig­lich im Rahmen der zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten verpflichtet weiß. Bekommt man ihn wieder in Gang, ist es gut, wenn nicht, hat er Pech gehabt. Weitere Bindungen werden nicht eingegangen.

Die Gefahr einer solchen Routine-Einstellung zum Kranken ist natürlich nicht neu. Es hat sie immer gegeben. Noch nie aber ist sie, wie mir scheint, mit einer solchen Selbstver­ständlichkeit hingenommen worden wie in unseren Tagen. Zu allen Zeiten wurde gegen sie zu Felde gezogen durch entsprechende Erziehung von Ärzten und Schwestern, durch das Vorbild der geistlichen Orden oder einzelner Persönlich­keiten, die sich einer besonderen Verantwortung für ihre Mitmenschen bewußt waren. Heute aber scheint man sich damit abfinden zu wollen, daß der Trend zur Vermas­sung nicht aufzuhalten sei. Und wenn etwa in einer großen Klinik durch Umfrage festgestellt wird, daß rund 80 von hundert Patienten im unklaren darüber bleiben, was eigent­lich mit ihnen unternommen wird, so wundert sich darüber jedenfalls von denen, die dafür zuständig sind, niemand mehr. Es ist eben einfach nicht mehr drin, daß mit den Patienten gesprochen wird.

Natürlich wird man einwenden können, daß es sich bei einer ganzen Reihe von Fällen, die etwa auf einer chirurgi­schen Station behandelt werden, lediglich um Reparaturen handelt, und daß die Persönlichkeit des einzelnen hier nicht so ins Gewicht fällt. Dennoch möchte ich den Arzt sehen, der sich unwidersprochen nachsagen ließe, er spiele in sei­ner Klinik nichts weiter als die Rolle eines gehobenen Klempners oder Installateurs. Genau das aber wird wahr­scheinlich in der Praxis herauskommen, wenn man den Dingen weiter ihren Lauf läßt wie bisher. Man fragt sich manchmal schon, ob eigentlich all der medizinische und technische Aufwand, der da in Gang gesetzt wird, noch in einem angemessenen Verhältnis zu unserer armseligen menschlichen Körperlichkeit steht, der er doch dienen soll, oder ob er nicht schon längst dabei ist, über sein eigent­liches Ziel hinauszuschießen, um einem nicht mehr erkenn­baren Selbstzweck zu dienen. Wenn er nämlich verhindert, daß mit dem Kranken ein persönlicher Kontakt gepflegt wird, wenn seinetwegen eine individuelle Behandlung nicht mehr möglich ist, dann hat er zum mindesten einen Teil seines Sinnes eingebüßt. Ist der Kranke erst ganz zum Objekt des wissenschaftlichen Fortschritts geworden, dann gibt es auch keine Handhabe mehr, zu entscheiden, was eigentlich für ihn persönlich das Richtige ist.

Diese Entscheidung aber gehört nun einmal zu den Dingen, die wir unseren Kranken schuldig sind. Denn alle Menschen über einen Kamm zu scheren, hieße, den meisten von ihnen Gewalt anzutun. Und wenn auch die Wissenschaft immer tiefer und tiefer in das Innere des Menschen eindringt und seine Reaktionen, seine Regungen und Funktionen immer besser kennenlernt, so weiß sie doch immer weniger dazu zu sagen, wer er in Wirklichkeit ist und was ihm nottut. Das ist nämlich eine Sache, die nur in der persönlichen Be­gegnung entschieden werden kann. Und wo es zu einer solchen nicht mehr kommt, kann auch von einem verant­wortlichen Handeln nicht mehr die Rede sein.

Vor allem wird eins nicht mehr möglich sein, was in un­seren kleineren und bescheideneren Krankenhäusern doch immer noch irgendwie einzurichten ist, und worauf wohl keiner von uns gern verzichten möchte, wenn es mit ihm selber einmal soweit ist, nämlich ein menschenwürdiges Sterben. Denn dazu bedarf es ja doch immer noch eines Menschen, der jenseits der Erfordernisse des Apparates, den er zu bedienen hat, noch für ein menschliches Wort an­sprechbar geblieben ist. Daß eine derartige Distanzierung von der Persönlichkeit des Kranken nicht ohne Rückwir­kung auf die allgemeine Situation des Krankenhauses und diejenigen, die in ihm arbeiten, bleiben kann, versteht sich von selbst. Wie soll der Mensch Befriedigung finden in der Arbeit, wenn er nur den materiellen Lohn dafür einsteckt, sich aber den ideellen, der nur aus der Begegnung mit dem kranken Menschen kommen kann, entgehen läßt? Woher soll ein gutes oder auch nur erträgliches Betriebsklima kom­men, wenn die Sorge um Schicksal und Ergehen des Kran­ken nicht mehr das Element ist, das die Mitarbeiter und ihre verschiedenen Ämter und Funktionen einander orga­nisch zuordnet? Wie soll man einander überhaupt noch aus­stehen können, wenn das Leiden, dem man ständig beizu­wohnen hat, keinen Niederschlag mehr findet in den Lebensäußerungen und Mitteilungen, die im Rahmen einer Gemeinschaftsarbeit wie der unseren schließlich unvermeid­bar sind? Ist doch das Leid des Menschen keine neutrale Angelegenheit, d. h., wir können ihm gegenüber nicht die­selben bleiben, die wir sind. Lassen wir uns von ihm an­rühren, stellen wir uns ihm, versuchen wir das Leiden, an dem wir teilhaben, zu verarbeiten — dann wird es unserem Leben Tiefgang geben. Schirmen wir uns aber dagegen ab, nehmen wir trotz unmittelbarer Nähe keine Notiz davon, dann wird es dazu beitragen, uns zu Rohlingen zu machen. Beide Vorgänge lassen sich durch zahllose Beispiele belegen. Die Weltgeschichte und die Weltliteratur sind voll davon. Man muß sie nur einmal daraufhin studieren.

Hier geht es also nicht nur um die Kranken allein, sondern es geht auch um diejenigen, die an ihnen zu arbeiten haben. Auch die letzteren werden durch die Entwicklung der Dinge in eine Notlage hineinmanövriert, deren Ursachen wir er­kennen müssen, um ihnen in der richtigen Weise zu begegnen. In den Vereinigten Staaten von Amerika, dem Land, das für unsere Begriffe am weitesten fortgeschritten ist auf dem Wege der Technisierung und Automation, hat man längst begriffen, daß es viele Kranke und Krankheiten gibt, die mit Hilfe von Robotern nicht zu heilen sind. Des­halb macht man dort große Anstrengungen, um die Kon­taktmöglich­keiten zwischen Patienten und Pflegepersonal wieder zu erweitern. Ein Bemühen, das natürlich ganz andere Kräfte erfordert, als diejenigen, die zur Durchfüh­rung der Automatisierung notwendig waren. Auch bleibt der Erfolg solcher Bemühungen zweifelhaft. Denn um die entstandene Lücke wieder füllen zu können, genügt es nicht, daß man die zeitlichen und räumlichen Voraussetzun­gen für eine besondere Kontaktnahme schafft. Wem es ein­mal abgewöhnt worden ist, den ihm anvertrauten Kranken persönlich zu begegnen, der wird sich nicht so leicht wieder dazu bereit finden, weil die Fähigkeit, subtilere menschliche Aufgaben zu erfüllen, inzwischen bei ihm verkümmert ist. Vielmehr wird es neuer Impulse bedürfen, die dazu geeig­net sind, in uns und in unseren Mitmenschen die einge­schläferten Gefühle der Verantwortung füreinander wieder zu erwecken. Ich glaube, daß wir erst auf diesem Weg wieder zu den Ausgangspunkten kommen können, die uns ein wirksames Vorgehen in der Richtung auf eine Humani­sierung unserer Krankenhausbetriebe möglich machen.

Einsamkeit — eine Krankheit

Lassen Sie mich aber nicht bei den Krankenhäusern bleiben. Grundsätzlich finden wir überall das gleiche Problem vor: Wissenschaft und Technik, die auf der einen Seite so viel Erleichterung schaffen, so viel Lebensraum eröffnen und so viel Kraftquellen erschließen, führen auf der anderen Seite Zustände herauf, unter denen der Mensch in einer neuen Weise zu leiden hat. Noch nie hat es wohl so viele einsame Menschen gegeben, wie in unserer Wohlstandswelt, und so viele Krankheiten und krankheitsähnliche Zustände, die aus dieser Einsamkeit entstehen. Infolge der uns zur Verfügung stehenden Kräfte und Hilfsmittel sind wir so selbständig und verwöhnt, daß wir es nicht nötig haben, auf andere Menschen Rücksicht zu nehmen und uns innerlich auf sie einzustellen in unserem Alltag. Wir brauchen den anderen Menschen einfach nicht, jedenfalls nicht, solange es uns gut geht. Und das führt dazu, daß wir einander fremd werden. Jeder sieht den anderen nur so weit, wie er ihm nützlich ist und ihm die Grundlage für seine eigene Existenz und Daseinsberechtigung bietet. Das rächt sich in dem Augen­blick, in dem wir hilfsbedürftig werden oder aus irgend­einem anderen Grund nicht mehr so können, wie wir wollen. Dann ist auf einmal niemand mehr da, an den wir uns halten können, keiner, mit dem man sich einmal richtig aussprechen kann. Denn dazu bedarf es eines Menschen, der Zeit hat und ein Ohr, das hören kann. So etwas aber gibt es in unserer Welt nur selten.

Die Einsamkeit ist im übrigen ein Zustand, der den Men­schen unserer Zeit nicht erst dann überfällt, wenn er hilfsbedürftig wird. Vielmehr ist sie eine, wie ich glaube, unver­meidliche Begleiterscheinung der geistigen Entwicklung unserer Zeit. Irgendwo will der Mensch ja an Grenzen stoßen, die außerhalb seiner selbst liegen, damit er sich in seiner Welt orientieren und zurechtfinden kann. Heute aber findet er diese Grenzen nicht, denn alle menschlichen Auto­ritäten, die einmal Gültigkeit hatten, sind ausgehöhlt und zerbrochen, und alle geistlichen sind zumindest in Frage gestellt. Er sieht sich also gezwungen, seinen Weg allein zu suchen und sich seine Grenzen selbst zu setzen. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als ein sogenannter „mündiger Mensch“ zu sein, von dem ja heute so viel die Rede ist.

Aber das ist eine Anforderung, der nur die wenigsten von uns gewachsen sind. Nur wenige halten diese Forderung aus, ohne innerlich zu resignieren. Viele lassen sich treiben und versuchen, ihre daraus entstehenden Ängste durch all die Reize zu betäuben, die von der Unterhaltungs- und Genußmittelindustrie über uns ausgegossen werden. Angst und Einsamkeit setzen sich aber immer wieder durch und lösen Reaktionen aus, an denen uns die ganze Brüchigkeit unserer noch bestehenden Ordnung deutlich werden kann. Das gilt insbesondere für die Jugend, also für Menschen, die noch etwas mehr von ihrem Leben erwarten, als nur Unterhaltung und äußeres Fortkommen. Für sie ist die geistige Heimatlosigkeit, die Ungewißheit über eine sinn­volle Zukunft, die Angst davor, nicht selber entscheiden zu können, sondern manipuliert zu werden, ein im höchsten Grade dynamisches Problem, das uns in nächster Zeit sicherlich noch erheblich zu schaffen machen wird. Wir Älteren tun jedenfalls gut daran, über die uns vielfach un­verständlichen und zum Teil krankhaft erscheinenden Aus­drucksformen dieser Not nicht zu erschrecken oder uns gar zu empören, sondern ihren Ursachen auf den Grund zu gehen und eine Haltung einzunehmen, die es ermöglicht, wenigstens einen Teil dessen, was da an ungenutzten Kräften und Leidenschaften am Werk ist, in sinnvolle Bahnen zu lenken. Ich erhebe durchaus nicht den Anspruch, ein Allheilmittel gegen diese bedrohlichen Erscheinungen empfehlen zu können. Nach meinen persönlichen Erfahrun­gen mit der Jugend glaube ich aber sagen zu können, daß vielen jungen Menschen entscheidend geholfen werden könnte, wenn es gelänge, sie aus ihrer utopischen Theorie vom unterdrückten und benachteiligten Menschen in die Wirklichkeit des leidenden Menschen zu führen. Der soziale Sektor bietet auch heute noch und heute wieder so viele An­satzpunkte für eine vernünftige, sinnvolle, den ganzen Menschen fordernde Betätigung, daß, wer einmal hier Fuß gefaßt hat, kaum noch auf den Gedanken kommen wird, er würde etwa nicht gebraucht. Das gilt nicht nur für die pflegerische Betreuung einzelner oder ganzer Gruppen, sondern darüber hinaus für das Auffinden neuer Wege, das Planen neuer Institutionen, die Heranziehung und Aus­bildung weiterer Helfer, sowie das wissenschaftliche Stu­dium ganzer Komplexe von Mißständen, — alles mit dem Ziel, den Menschen, die sich nicht selber helfen können oder die der Strom unserer modernen Wohlstandgesell­schaft irgendwo an den Rand gespült hat, zu einem erträg­lichen Dasein zu verhelfen.

Wer einmal seine Nase in diese Probleme gesteckt hat, der wird sich ihrer Dringlichkeit kaum mehr entziehen können. Um nur einige Beispiele zu nennen, erinnere ich etwa an die Contergankinder, Tausende von intelligenten Geschöpfen, denen Arme und Beine fehlen, die doch zur menschlichen Gesellschaft vollständig dazugehören; an die sogenannten Sozialwaisen und sonstigen Heimkinder, deren Zahl in die Millionen geht, die ohne Nestwärme aufwachsen müssen und von denen man weiß, daß deshalb Eigenschaften, die für ihr weiteres Leben entscheidend sind, einfach nicht ent­wickelt werden. Oder ich denke an die mehr oder weniger schwachsinnigen, die mongoloiden, die durch Nervenkrank­heiten geschädigten Kinder, die es ebenfalls in riesiger Zahl gibt. Sie kommen in den normalen Schulen nicht mit, sind für Hilfsschulen oft nicht geeignet, und Ausbildungsstätten, die auf ihre besonderen Schwächen zugeschnitten sind, gibt es nicht mehr, als man an einer Hand abzählen kann. Vor­bildliche Modelle dafür haben die Anthroposophen ge­schaffen.

Weiter erinnere ich an das vielschichtige Problem der soge­nannten Asozialen, also der Menschen, die in den Rand­gebieten unserer Großstädte ein nur von weitem romantisch anmuten­des, in Wirklichkeit aber trostloses und allen negativen Einflüssen ausgesetztes Dasein fristen. Es gibt wohl ein paar Menschen, die seit Jahren dabei sind, diesem mit der Zeit immer größer werdenden Problem auf den Grund zu gehen, und die in etwa zu sagen wissen, wie es entsteht und was man tun muß, um zumindest einer weite­ren Ausbreitung vorzubeugen. Aber in das Bewußtsein der offiziellen Gesellschaft hat die Dringlichkeit dieser Not noch keinen Eingang gefunden. Deshalb stehen die paar Vor­reiter, von denen ich eben sprach, noch auf einsamem Posten und mühen sich um ein Verständnis dafür, daß man die Fragen, die hier anstehen, nicht pauschal regeln und auch nicht den normalen Sozialämtern überlassen kann, sondern daß vielseitig geschulte Menschen gebraucht werden, wenn man weiterem Verfall begegnen will.

Schließlich erwähne ich noch ein Gebiet, das mit dem zuletzt genannten in einem gewissen Zusammenhang steht, das aber in letzter Zeit ganz anders in die Öffentlichkeit ge­drungen ist. Ich meine den Strafvollzug, wie er zur Zeit in der Bundesrepublik immer noch gehandhabt wird. Sie wissen, daß Bestrebungen im Gange sind, die darauf aus­gehen, die Art des Strafvollzuges zu modernisieren, d. h., den Forderungen und Erkenntnissen unserer Zeit anzu­passen. Einige unserer Nachbarländer, vor allem die nörd­lichen, sind uns darin weit voraus. Sie haben sich dazu entschlossen, schuldig gewordene Menschen nicht grund­sätzlich als Verbrecher anzusehen, sondern ihnen während ihrer Haftzeit eine Behandlung und Erziehung angedeihen zu lassen, die ihnen Abwehrkräfte vermittelt gegen die Versuchungen und Reize, die ihnen in der Freiheit begeg­nen, und die sie davor bewahren soll, nach ihrer Entlassung wieder rückfällig zu werden, was sonst bei den meisten der Fall ist. Zu einer solchen Schulung braucht man natür­lich Geld und Menschen — Ärzte, Pädagogen, Pastoren, technische Helfer — ganze Teams, die auf eine derartige Gemeinschaftsarbeit vorbereitet werden müssen. Aber die Erfahrungen, die mit dieser erzieherischen Behandlung ge­macht werden, sind so überzeugend, daß man nicht mehr an ihr vorübergehen kann. Zu dieser Arbeit gehört selbst­verständ­lich auch, daß man den Strafgefangenen nach ihrer Entlassung Arbeitsplätze besorgt, daß man die Vorurteile abbaut, die in der Bevölkerung gegenüber Vorbestraften bestehen, ja, daß man dort, wo gefährdete Menschen be­merkt werden, bereits vorbeugend tätig wird. So wird sich auch hier bald ein Arbeitsgebiet auftun, das vielseitigen Einsatz erfordert und verantwortungsfreudigen Menschen echte Befriedigung zu geben verspricht. Denn es gibt doch nichts Beglückenderes, als wenn es gelingt, fehlgeleitete Menschen wieder auf den rechten Weg zu bringen.

Ich möchte die Aufzählung der Tätigkeitsfelder nicht ab­schließen, ohne die Aufgaben zu erwähnen, die uns aus der Tatsache erwachsen, daß wir ein reiches Land sind, nämlich die Entwicklungshilfe und die Sorge um den Hunger in fremden Ländern. Dazu kommt die Arbeit in den Organi­sationen, die der Versöhnung mit den vom zweiten Welt­krieg betroffenen Nachbarvölkern dienen.

Welche Voraussetzungen muß der Helfende mitbringen?

Unsere Fragen hierzu sind nun: Wie muß ein Mensch be­schaffen sein, damit er Aufgaben an seinen leidenden Mit­menschen, wie sie soeben skizziert wurden, in sinnvoller Weise wahrnehmen kann? Welches sind die Triebkräfte, die ihn dazu bereitmachen, und wie können wir, die wir an diesen Problemen so leidenschaftlich interessiert sind, dazu beitragen, daß solche Kräfte nicht behindert werden, son­dern in vollem Umfang zur Auswirkung kommen?

Wenn man mich fragen würde, welche menschliche Eigen­schaft ich in diesem Zusammenhang für die wichtigste halte, würde ich ohne Zögern sagen: die Dankbarkeit. Dankbar­keit äußert sich nämlich nicht darin, daß man für eine emp­fangene Wohltat einfach Dankeschön sagt, sondern darin, daß diese Wohltat weiterwirkt, sei es auf den Wohltäter zurück oder, was das Größere ist, in die Weite hinaus auf Menschen, die ihrerseits besondere Hilfe nötig haben. Wir wissen, wie es in der Welt mit der Dankbarkeit bestellt ist. Das Neue Testament bringt ein sehr typisches Beispiel da­für: An der Straße nach Jerusalem wartet eine Gruppe von Leprakranken auf Jesus. Als er vorüberkommt, rufen sie ihn an, und er heilt sie alle miteinander, d. h., er schickt sie zu den Priestern und die stellen fest, daß sie von ihrem Aus­satz geheilt sind. Aber nur einer von den zehn Geheilten macht sich die Mühe, zu Jesus zurückzukehren und ihm zu danken, dazu noch der, von dem man es am allerwenigsten erwarten konnte; denn er gehört zu einem Volk, das religiös nicht anerkannt ist.

Ähnlich geht es uns ja auch mit den Menschen, an denen wir zu arbeiten haben. Diejenigen, mit denen wir uns die meiste Mühe geben, nehmen es als Selbstverständlichkeit hin, wenn sie wieder gesund werden. Und diejenigen, vor denen wir ein schlechtes Gewissen haben, weil wir uns nicht genug um sie gekümmert haben oder ihnen nicht so helfen konnten, wie wir es gewünscht hätten, die beschämen uns durch ihre Dankbarkeit. Dankbarkeit ist eine Eigenschaft, die wichtige Schlüsse auf die innere Beschaffenheit eines Menschen zuläßt. Zunächst ist sie ein Zeichen dafür, daß der Mensch verstanden hat, was mit ihm geschehen ist. Wer unter uns einmal von einer schweren Krankheit genesen ist, der wird vielleicht noch dunkel in Erinnerung haben, daß das Gesundwerden ein beglückendes und tiefgreifen­des Erleben war. Und er wird es bedauern, daß er von diesem Hochgefühl, das er damals gehabt hat, so wenig in die gleichförmige Gegenwart seines Alltags hat hinüber­retten können.

Der Dankbare hat ein solches Bedauern nicht nötig. Er weiß noch genau, wie es in den schweren Tagen war und was an ihm geschehen ist, damit er wieder gesund werden konnte. Es ist ihm völlig gegenwärtig, wie sein Leben wieder neu wurde und er neue Erkenntnisse gewann. Denn er ist in der Tat dadurch verwandelt worden, und seine Dankbarkeit ist nichts anderes als der Ausdruck für diese Verwandlung. Dankbarkeit ist aber auch ein Beweis dafür, daß der Mensch sich nicht scheut, eine Bindung einzugehen. Er macht sich ganz bewußt abhängig von der Kraft, die ihm geholfen hat, und er dokumentiert diese Abhängigkeit durch sein dankbares Handeln. Damit zeigt er aber noch ein Weiteres: daß er nämlich eine Freiheit gewonnen hat, eine Freiheit des Seins und des Tuns, eine Freiheit von sich selbst und von der Zufälligkeit des jeweiligen Augenblicks. Wer danken kann, beweist damit, daß er nicht manipuliert wird, sondern selbst zu entscheiden vermag. Er weiß auch, daß es nicht eigene Kraft ist, die er weitergibt, sondern empfangene. Deswegen wird er nachsichtig sein den Mit­menschen gegenüber, er wird sich durch Enttäuschungen, die er mit ihnen erlebt, nicht umwerfen lassen und er wird warten können, wenn die Früchte seines Tuns nicht so schnell reifen, wie er es vielleicht gehofft hat.

Ein Mensch, der danken kann, hat auch Zeit. Er nimmt sie sich: Zeit für Wesentliches, Zeit für den andern. Er weiß, daß die Frage: Wer ist denn mein Nächster? keine Grund­satzfrage ist, die durch eine Antwort erledigt werden könnte, sondern daß sie eine Existenzfrage ist. Wenn er etwa die Geschichte vom barmherzigen Samariter hört und über sie nachdenkt, dann sieht er sich selbst nicht etwa in der Rolle eines von denen, die da helfen oder hätten helfen können, sondern er sieht sich in der Rolle dessen, der da am Boden liegt. Denn auch ihm wurde ja geholfen, und wie sollte er seine Dankbarkeit anders zum Ausdruck bringen, als dadurch, daß er das gleiche an einem anderen Menschen tut? Er weiß, in welche Tiefen ein Mensch fallen kann und was dazu gehört, ihn wieder herauszuholen.

Es würde sich lohnen, das von dem Arzt Lukas berichtete Gleichnis Jesu und den Zusammenhang, in dem es vor­kommt, einmal von dieser Seite aus zu betrachten. Es ist nämlich in der Tat so, daß der unter die Räuber gefallene Mensch, der da am Boden liegt, nicht eine Nebenfigur in dieser Geschichte ist, sondern die Hauptperson. Der Phari­säer, mit dem Jesus das bekannte Gespräch führt, fragt ihn: „Wer ist denn mein Nächster?“ Und Jesus stellt, nachdem er die Begebenheit auf dem Wege nach Jericho erzählt hat, die Gegenfrage: „Wer war denn der Nächste für den, der unter die Räuber gefallen war?“

Auf den Pharisäer bezogen heißt das aber zweifellos: „Wer ist denn dein Nächster, wenn du unter die Räuber fällst?“ Der Pharisäer wird also aufgefordert, die Situation einmal von der Seite des Hilfsbedürftigen zu sehen. Und er ant­wortet ja auch ganz folgerichtig: „Der die Barmherzigkeit an ihm tat.“ Wenn wir den wohl bekanntesten aller Bibel­texte einmal aus dieser Perspektive ansehen, dann verliert er sogleich alles Moralisierende, das wir mit ihm zu ver­binden gewohnt sind und das uns schon so oft gestört hat. Es führt nämlich zu nichts Positivem, wenn man sich nur mit einem der beiden frommen Juden verglichen sieht, die da vorübergehen und nicht helfen. Denn uns innerlich mit dem Samariter an die Seite zu stellen, der von seinem Reittier steigt und hilft, würden wir ja doch nie wagen. Vom Stand­punkt dessen, der am Boden liegt, bekommt aber die ganze Erzählung eine Ordnung, in der wir sie, wie ich meine, gern akzeptieren werden, namentlich dann, wenn wir sel­ber einmal am Boden gelegen haben und wieder aufgerichtet worden sind.

Um zu unserem Thema zurückzukommen, möchte ich noch einmal wiederholen: Die Dankbarkeit ist für mich der Schlüssel für alles, was dazugehört, um sich seinen Mit­menschen in der richtigen Weise zuzuwenden, sei es, daß es darum geht, auf einem der vorhin genannten Arbeitsgebiete seinen Mann zu stehen, oder daß es sich nur darum handelt, einen menschlicheren Ton in seine eigene Umwelt zu brin­gen. Was sonst an Gaben und Eigenschaften erforderlich ist, darauf will ich mich nicht weiter einlassen. Denn ich kann mir keine menschliche Kraft und auch keine mensch­liche Schwäche vorstellen, die nicht in irgendeiner Weise dem erträglicheren Zusammenleben auf dieser Erde dienst­bar gemacht werden könnte. Es kommt immer nur auf das Vorzeichen an. Und wenn es uns gelänge, unter unseren Mitmenschen die Dankbarkeit zu fördern, dann brauchten wir nicht so viel Phantasie und Geld für die Werbung aus­zugeben — eine Sache, bei der wir um das schlechte Gewis­sen doch nicht herumkommen. Entweder verstoßen wir dabei gegen das 10. Gebot, das bekanntlich die Abwerbung verbietet, oder es ist mit den Versprechungen, die wir machen, in der banalen Praxis unseres Dienstes doch nicht so weit her, wie wir vorgeben.

Beispiele nachahmen — Vorbild sein

Was können wir aber nun wirklich dafür tun, damit in unserer Umgebung der Blick für die Not des Mitmenschen geweckt und die Bereitschaft zum Helfen gefördert wird? Meiner persönlichen Erfahrung nach gibt es auch da nur ein Mittel, das mit Sicherheit wirksam ist, nämlich das Vor­bild. Ich selber wüßte nicht, was man als Arzt, als Schwe­ster, als Krankenpfleger für einen Kranken bedeuten kann, wenn ich es nicht in den Jahren meiner Ausbildung an einigen wenigen Vertretern dieser verschiedenen Zweige unserer gemeinsamen Arbeit gesehen und erlebt hätte. Diese Persönlichkeiten stehen mir immer lebendig vor Augen in ihrer Güte, ihrer Geduld, ihrem Einfühlungsver­mögen, ihrer Weisheit; und sie mahnen mich, wenn ich es meinen Patienten gegenüber an solchen Eigenschaften fehlen zu lassen drohe.

Wie das wirkt, wenn ein Mensch ganz für den anderen da ist, hat sich mir unvergeßlich eingeprägt in einem kleinen Erlebnis, von dem ich hier kurz berichten will. Als ich noch ein junger Arzt war, hatte eine Bekannte von mir mich ge­beten, sie bei meinem damaligen Chef zur Sprechstunde an­zumelden, weil sie sich krank fühle. Ich tat es, und einige Tage später fragte mich mein Chef: „Sagen Sie mal, was wollte eigentlich diese junge Frau von mir? Wir hatten noch kaum ein Wort miteinander gesprochen, da brach sie schon in Tränen aus, bedankte sich und lief aus dem Zim­mer.“ Als ich meiner Bekannten dann wieder begegnete, fragte ich sie, wie es ihr ginge. Sie antwortete: „Ich bin eine vollständig gesunde dumme Gans. Das habe ich in dem Augenblick gemerkt, als dieser ruhige, gütige Mann nur seinen Blick auf mich richtete.“

Von Schwestern und Pflegern könnte ich ähnliche Dinge erzählen, die für mich einfach maß­gebend geworden sind. Und ich bin sicher nicht der einzige hier unter uns, dem solche Vorbilder den Weg gewiesen haben. Im Gegenteil, ich glaube, daß es fast immer ein Mensch ist, der durch sein Beispiel dem anderen die Tür zu seinen Mitmenschen auf­schließt. Und daraus ergibt sich für mich die außerordent­liche Bedeutung unsres eigenen Verhaltens im Alltag un­seres Berufes. Wir können nicht erwarten, daß unsere Mit­arbeiter Befriedigung in ihrem Beruf finden, wenn wir ihn selber ohne Hingabe betreiben. Das gilt wohl für keinen Beruf so folgenschwer, wie für den Mangelberuf der Schwe­ster und des Pflegers.

Die Kirche — ohne Impulse zur Diakonie?

Der dritte Faktor, der uns bei unseren Bemühungen, Men­schen zum Helfen willig zu machen, wichtig sein sollte, ist unsere evangelische Kirche. Es läßt sich nie sagen, in wel­chem Umfang auch heute Menschen durch die Predigt des Evangeliums eine neue Beziehung zu ihren Mitmenschen gewinnen. Man muß aber leider doch feststellen, daß unsere Kirchengemeinden heute keinen wesentlichen Beitrag leisten zu dem, was an praktischer Hilfe gefordert ist. Wahrschein­lich hat das Streben nach der sogenannten reinen Verkündi­gung, das die Kirche der Reformation charakterisiert, schon immer zu einer Vernachlässigung, gelegentlich sogar zu einer Verdächtigung der Werke geführt. Denn die Impulse zur Diakonie sind auch früher schon nicht von der Kirche direkt ausgegangen, sondern von verschiedenen Strömun­gen in ihr, insbesondere vom Pietismus und ich glaube, das ist immer noch so. Heute aber scheinen Theologie und Dia­konie weiter auseinanderzuklaffen als je zuvor. Manchmal hat man den Eindruck, als sei die reine Verkündigung in Gefahr, zu einer sterilen Verkündigung zu werden. Wenn mich nicht alles täuscht, wäre heute so etwas wie eine dia­konische, auf die Praxis gerichtete Theologie nicht nur ge­boten, sondern auch aktuell. Wir sehen es an vielen Er­scheinungen, daß unsere Kirche in mancher Hinsicht zu arm geworden ist für die heutige Zeit. Die Menschen verlangen nach Einsatz, nach Bewältigung der Gegenwart durch sinn­volles Tun, und die Kirche kann ihnen keine Wege zeigen. Daher das viel zitierte „Unbehagen an der Kirche“, daher das Ausweichen von der Theologie in die Soziologie, daher das Suchen nach Gott in der Mitmenschlichkeit, wie es heute propagiert wird.

Es wäre töricht, wenn wir die Armut unserer Kirche zum Anlaß nähmen, uns innerlich von ihr abzuwenden und eigene Wege zu gehen. Wir sollten ihr im Gegenteil zu Leibe rücken und das von ihr fordern, was uns zur Ver­kündigung des Evangeliums heute notwendig erscheint. Denn Jesus Christus ist nun einmal der Herr unserer Kirche, auch dieser Kirche, und jeder von uns ist ein ver­antwortlicher Teil von ihr, dem es nicht zukommt, die Segel zu streichen, sondern der gehalten ist, mit dafür zu sorgen, daß ein Kurs eingeschlagen wird, der zum Ziel führt.

Lassen Sie mich zum Schluß noch einmal auf den Ausgangs­punkt zurückkommen. Es ging um den Sinn der Barm­herzigkeit in unserer modernen Welt. Was ich gebracht habe, sind Einzelheiten, die mir von meiner Praxis her wichtig geworden sind. Sollte der Eindruck erweckt worden sein, daß es mir im wesentlichen um die Beseitigung von Mißständen geht, so würde mir das leid tun. Denn ich weiß wohl, daß in einer kleinen und unscheinbaren Geste des Verstehens mehr Barmherzigkeit liegen kann, als in großen Aktionen. Im übrigen bin ich mir bewußt, daß der größte Mißstand, mit dem wir es zu tun haben, nämlich das Leiden schlechthin, niemals beseitigt werden kann, und zwar deshalb nicht, weil es ein Element unseres Mensch­seins ist. Tief verankert in der Schöpfungsordnung Gottes und geheiligt durch das Leiden Jesu Christi entzieht es sich unserem Zugriff, um an uns und in uns zu wirken. Es setzt die Akzente und Zäsuren in unserem Leben, es hebt den Menschen aus der Uniformität der Masse heraus und um­gibt sein Dasein mit dem Hauch der Einmaligkeit. Schließ­lich macht es ihn fähig, den Trost des Evangeliums zu ver­stehen und macht ihn dazu bereit, diesen Trost anzuneh­men. Darum gebührt es uns, dem Leiden mit Ehrfurcht zu begegnen, namentlich dort, wo wir mit unseren Mitteln und Kräften nichts dagegen auszurichten vermögen. Viel­leicht findet menschliche Barmherzigkeit auch heute ihren höchsten Ausdruck dort, wo wir mit machtlosen Händen bei dem Leidenden ausharren und gegen allen Augenschein darauf vertrauen, daß Gottes Barmherzigkeit ihr Werk an ihm bereits begonnen hat.

Vielleicht findet menschliche Barmherzigkeit auch heute ihren höchsten Ausdruck dort, wo wir mit machtlosen Händen bei dem Leidenden ausharren und gegen allen Augenschein darauf vertrauen, daß Gottes Barmherzigkeit ihr Werk an ihm bereits begonnen hat. Ich schließe mit einem kleinen neuzeitlichen Adventslied:

1. Komm in unsere stolze Welt, Herr, mit deiner Liebe Werben.
Überwinde Macht und Geld, daß die Völker nicht verderben.
Wende Haß und Feindessinn auf den Weg zum Frieden hin!

2. Komm in unser reiches Land, Herr, in deiner Armut Blöße,
daß von Geiz und Unverstand willig unser Herz sich löse.
Schaff aus unserm Überfluß Rettung dem, der hungern muß!

3. Komm in unsere laute Stadt, Herr, mit deines Schweigens Mitte,
daß, wer keinen Mut mehr hat, sich von dir die Kraft erbitte,
für den Weg durch Lärm und Streit hin zu deiner Ewigkeit.

4. Komm in unser festes Haus, der du nackt und ungeborgen.
Mach ein leichtes Zelt daraus, das uns deckt kaum bis zum Morgen;
denn wer sicher wohnt, vergißt, daß nur unterwegs er ist.

5. Komm in unser dunkles Herz, Herr, mit deines Lichtes Fülle,
daß nicht Hochmut, Angst und Schmerz deine Wahrheit uns verhülle,
die auch noch in tiefer Nacht Menschenleben herrlich macht.

Vortrag gehalten im März 1969 in den v. Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel bei Bielefeld. Ursprünglich veröffentlicht in: Bethel. Beiträge aus der Arbeit der v. Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel bei Bielefeld, Heft 5 (Juli 1969), S. 12-26.

Quelle: Hans Graf von Lehndorff, Humanität im Krankenhaus. Christliche Vorschläge für den Umgang mit Kranken, München-Luzern: Rex-Verlag, 1975, S. 27-46.

Hier der Text als pdf.

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