Von Georg Kretschmar
1. Die Synode von 325 war historisch gesehen das Werk Konstantins. Daß Konzilien die der Kirche eigentümliche Autorität zur Entscheidung von Streitfragen mit übergemeindlicher Bedeutung seien, erfuhr der Kaiser 312 bei seinen Versuchen, das donatistische Schisma zu schlichten. Zwar löste auch die schließlich 314 nach Arles einberufene Synode diese Aufgabe nicht, sie ermöglichte aber der westlichen Kirche, andere nach den Wirren der diokletianischen Verfolgung und durch den Regierungswechsel notwendig gewordene Regelungen gemeinsam zu treffen, und wurde so zur Vorstufe von Nicäa. Nach dem Sieg über Licinius 324 traf Konstantin im Osten wieder auf eine ähnliche Lage. In Ägypten hatten sich — wie in Afrika die Donatisten — die Meletianer als „Märtyrerkirche“ etabliert; in Antiochien gab es offenbar Unruhen mit den Resten der früheren Gemeinde des Paul von Samosata; und vor allem zerriß der arianische Streit die ganze östliche Kirche. Auch hier sollte nun ein Konzil Frieden und Ordnung wiederherstellen. Die unmittelbare Initiative ging wohl von Bischof Ossius v. Cordova aus, dem damals einflußreichsten theol. Berater Konstantins. Er war früh auf die Seite des alexandrinischen Bischofs getreten, und unter seinem Einfluß hat im Frühjahr 325 eine Synode in Antiochien ein klar antiarianisches Bekenntnis angenommen und drei Fürsprecher des Arius — darunter Euseb von Caesarea — vorläufig bis zum für Ankyra geplanten großen Konzil ausgeschlossen. Eine wesentliche Vorentscheidung war damit bereits gefallen.
2. Der Kaiser verlegte den Tagungsort später nach N., um selbst teilnehmen zu können. Damit gab er der Synode einen neuen Sinn: über die Einheit der Kirche hinaus sollte sie die Einheit von Kirche und Reich darstellen und damit das Friedenswerk des Kaisers krönen. Deshalb stellte er den Teilnehmern für die Reise die kaiserliche Post zur Verfügung und ließ die Sitzungen in einem kaiserlichen Palast stattfinden. Konstantin leitete die Verhandlungen als Herrscher und „Mitknecht“ zugleich und hat die Beschlüsse durch staatliche Maßnahmen abgesichert, ja teilweise durch eigene Briefe bekanntgemacht und kommentiert. Erstaunlicherweise erhob sich nirgends ein Widerspruch gegen diese damit vom Kaiser ausgeübte Synodalgewalt.
3.a) Da keine Konzilakten vorhanden sind, ist der Verlauf nicht sicher zu rekonstruieren. Teilnehmer kamen bis aus Persien und von der Krim, die Orientalen überwogen weit; sogar Schismatiker wie die Novatianer waren geladen. Zunächst sollte die Glaubenseinheit mit breiter Mehrheit unter Ausschluß der Extremisten wiederhergestellt werden. So wurden die in Antiochien Ausgeschlossenen schon auf der Eröffnungssitzung (wohl 20.5.) rehabilitiert. Dagegen setzte der Kaiser die Verurteilung des Arius durch, wohl weil er durch ihn den Monotheismus gefährdet sah, und forderte (beraten durch Ossius?) gegen die theol. Überzeugungen der Konzilmehrheit die Aufnahme des όμοούσιος in das zu verabschiedende Symbol. Mit Ausnahme zweier Bischöfe unterschrieben alle, kaum aus Furcht, aber fasziniert von Konstantin und dem neuen Bild der Symphonie von Kirche und Reich. Am 19.6. wurde das Nicaenum verkündet.
b) Auch zur Heilung der Schismen schlug man einen mittleren Weg ein: meletianische (und novatianische) Kleriker sollten nachordiniert und dann in den kath. Klerus aufgenommen werden; Bischöfe behielten allerdings nur den Titel, konnten aber beim Tode des kath. Bischofs dessen Nachfolger werden. Bei den „Paulianern“ war vorher eine Nachtaufe erforderlich. Erreicht haben diese (im einzelnen etwas differenzierteren) Beschlüsse freilich wenig.
c) Ausdruck der neugewonnenen Kircheneinheit sollte auch ein gemeinsamer Termin für das Osterfest sein, offenbar ein besonderes Anliegen des Kaisers, der sich für die ordnungsgemäße Gottesverehrung verantwortlich wußte. Gegen die Praxis der Quartadecimaner sollte es immer an einem Sonntag gefeiert werden, durfte datumsmäßig auch nicht mit dem jüdisches Passa zusammenfallen. Grundsätzlich gilt diese Regelung bis heute; ein Ausgleich zwischen dem röm. und alexandrinischen Zyklus wurde damals aber noch nicht erreicht.
d) Mit am nachhaltigsten haben die Beschlüsse zur Kirchenverfassung gewirkt: im Anschluß an die Reichsprovinzen entstanden Kirchenprovinzen als Synodalgemeinschaften unter dem Bischof der Hauptstadt, dem Metropoliten. Da die alten Rechte von Alexandrien, Rom und Antiochien nicht angetastet werden sollten, zeigen sich hier auch schon die ersten Ansätze zur Anerkennung der späteren Patriarchate. Die dadurch entstandenen Rangstufen der Bischöfe und Synoden bestimmen die Verfassung vieler Kirchen bis zur Gegenwart.
e) Wahrscheinlich ist die Synode (oder ein Ausschuß) 327 noch einmal zusammengetreten, um auch Arius und seine Freunde wieder aufzunehmen und dadurch die Befriedungsaktion abzuschließen. Aber der arianische Streit ging weiter und zeigte, daß auch die theol. Fragen noch nicht geklärt waren.
4. Ihre unmittelbare kirchliche Aufgabe hat die Synode also nur zum Teil lösen können. Trotzdem wurde Nicäa über die schon genannten Nachwirkungen hinaus zum Urbild eines ökumenischen Konzils überhaupt und trotz der engen Verflechtung von Kaiser und Kirche, die von nun an Byzanz prägt, hat der gesamtkirchliche Anspruch der Synode die Grenzen des Röm. Reiches noch überspringen können. Ihr Bekenntnis und ihre Kanones wurden bis Persien rezipiert und überall Grundlage der Theologie und des Kirchenrechts. Zumindest durch seine dogmatische Entscheidung bildet das Konzil noch heute ein Einheitsband zwischen den großen Konfessionen.
Lit.: A. E. Bum: The Council of Nicaea, London 1925 ·— V. C. De Clercq: Ossius of Cordova, Washington 1954 — Μ. Goemans OFM: Het algemeen concilie in de vierde eeuw, Diss. kath. Univ. Nijmegen 1945, S. 26-52 (gibt ältere Lit.) — H. U. Instinsky: Bischofsstuhl u. Kaiserthron, 1955 (Deutung d. Zeremoniells) — H. Kraft: Kaiser Konstantins religiöse Entwicklung, 1955 (u. a. ausführl. Interpretation d. Briefe K.s im Zshg. d. Konzils) — H. Lietzmann: Gesch. d. Alten Kirche, Bd. 3, 1938, S. 100ff. — F. Loofs: Paul v. Samosata (TU 44,5), 1924 (zum antiochen. Schisma) — W. Telfer: Meletius of Lycopolis and episcopal succession in Egypt, in: HThR 48, 1955, S. 227-237 (zum melet. Schisma).
EKL2, Bd. 2 (1962), Sp. 1584-1586.
Lieber Jochen, was ist in Nizäa wirklich passiert ist, lässt sich nur verstehen, wenn man Peterson, Monotheismus zusammen auch mit Moltmann, Trinität und Reich Gottes liest. Es geht paradoxerweise doch um das Ende der monarchisch okkupierten politischen Theologie. Es ist das Ende von Carl Schmitt und Co., ein weltgechichtliches Ereignis, das die Ökumene in seiner politischen Tragweite leider immer noch nicht realisiert hat, sonst würden die Orthodoxen (Kyrill) Putin vom „Thron“ stoßen. Hans G Ulrich