Totengebet
Von Georg Kafka
Sieh, Herr, die Toten kommen zu Dir.
Die wir geliebt, sind allein
und sehr weit.
Nun müssen wir ihre Munde sein
und beten zu Dir,
Du Ewigkeit.
Nimm ihr müdes Herz in die gütige Hand.
Da wird es still.
Eine Schwalbe, die ihre Heimat fand
und schlafen will.
Auf ihre Augen, die müde vom Licht
leg Dein Kleid,
daß sie träumen von Deinem Angesicht,
Du Dunkelheit.
Ihre Lippen laß schweigen, wie Glocken von Erz
zur Mittagszeit,
wenn die Stunden schlagen und Abschied und Schmerz
eine Mutter verzeiht.
Und ihre Hände, die immer bereit,
Dein Werk zu tun,
o Gott, Du ewige Erntezeit,
laß sie ruhn.
Wir aber leben und dürfen nicht
die Tage versäumen.
Wir tragen geduldig das schwere Gewicht
zu Deinen Träumen.
O Herr, die Lebenden kommen zu Dir.
Die wir geliebt, sind allein.
Wir finden sie nicht.
Du aber wirst die Erleuchtung sein.
Du Licht.
Verfasst im KZ-Ghetto Theresienstadt 1943.