Aphorismen über Gott und die Welt
Von Nicolás Gómez Dávila (1913-1994)
Unsere letzte Hoffnung liegt in der Ungerechtigkeit Gottes.
Wenn Gott das Ergebnis eines logischen Schlusses wäre, verspürte ich nicht das Bedürfnis, ihn anzubeten. Aber Gott ist nicht nur die Substanz dessen, was ich erhoffe – er ist die Substanz dessen, was ich lebe.
Weisheit besteht darin, Gott nicht lehren zu wollen, wie man die Dinge zu machen hat.
Der Mensch erschafft seine Götter nicht nach seinem Ebenbild – er entwirft sich selbst nach dem Ebenbild der Götter, an die er glaubt.
Die Verzweiflung ist die düstere Schlucht, durch die die Seele emporsteigt zu einem Universum, das die Gier nicht mehr trübt.
Der größte Irrtum der Moderne ist nicht, den Tod Gottes zu verkünden, sondern zu glauben, der Teufel sei gestorben.
Das Paradies verbirgt sich nicht in unserer inneren Dunkelheit, sondern auf den Terrassen und in den Bäumen eines geordneten Gartens, im Licht des Mittags.
Was von Gott entfernt, ist nicht die Sinnlichkeit, sondern die Abstraktion.
Lieben heißt, den Grund zu verstehen, den Gott hatte, das zu erschaffen, was wir lieben.
Der moderne Christ bittet nicht darum, dass Gott ihm vergibt, sondern dass er anerkennt, dass Sünde nicht existiert.
Viele lieben den Menschen, nur um Gott mit gutem Gewissen zu vergessen.
Der Tod Gottes ist eine interessante Meinung, aber sie betrifft Gott nicht.
Das religiöse Leben beginnt, wenn wir entdecken, dass Gott nicht ein Postulat der Ethik ist, sondern das einzige Abenteuer, bei dem es sich lohnt, uns zu riskieren.
Der moderne Mensch vertreibt Gott nicht, um die Verantwortung für die Welt zu übernehmen, sondern um sie nicht übernehmen zu müssen.
Die Poesie ist der Fingerabdruck Gottes im menschlichen Ton.
Der Glaube an Gott löst die Probleme nicht, aber er macht sie lächerlich. Die Gelassenheit des Gläubigen ist nicht eine Anmaßung von Wissen, sondern eine Fülle von Vertrauen.
So groß ist der Abstand zwischen Gott und der menschlichen Intelligenz, dass nur eine kindliche Theologie nicht kindisch ist.
Gott ist die Wahrheit aller Illusionen.
Wenn der Prediger des Reiches Gottes nicht Christus predigt, predigt er am Ende das Reich des Menschen.
Das beste Mittel gegen die Angst ist die Überzeugung, dass Gott Humor hat.
Wenn wir nicht an Gott, sondern an seine Gerechtigkeit appellieren, bringen wir ihn unweigerlich vor das Tribunal unserer Vorurteile.
Die Menschheit braucht das Christentum nicht, um die Zukunft zu gestalten, sondern um ihr begegnen zu können.
Der Atheismus einer Philosophie besteht weniger in der Leugnung Gottes als darin, keinen Platz für ihn zu finden.
Die Lösungen, die der Mensch findet, sind immer weniger interessant als die Probleme. Die einzigen interessanten Lösungen sind die, die sich Gott vorbehält.
Nichts ist lächerlicher, als die Namen berühmter Gläubiger als Zertifikate für die Existenz Gottes anzuführen.
Wir glauben an viele Dinge, an die wir nicht glauben.
Mehr als ein vermeintliches „theologisches Problem“ rührt nur daher, dass Gott unseren Vorurteilen nicht mit Respekt begegnet.
Das Schwierige ist nicht, an Gott zu glauben, sondern zu glauben, dass er sich um uns kümmert.
Die Geschichte des Christentums wäre verdächtig menschlich, wenn sie nicht das Abenteuer eines fleischgewordenen Gottes wäre. Das Christentum nimmt das Elend der Geschichte auf sich, so wie Christus das Elend des Menschen auf sich nimmt.
Zwischen dem Menschen und dem Nichts liegt der Schatten Gottes.
Wer es wagt, zu verlangen, dass der Augenblick anhält und die Zeit ihren Flug aussetzt, gibt sich Gott hin; wer zukünftige Harmonien feiert, verkauft sich an den Teufel.
An Gott glauben, auf Christus vertrauen, mit Bosheit rechnen.
Der unverschämte Versuch, „die Wege Gottes zu den Menschen (the ways of God to man)“ zu rechtfertigen, verwandelt Gott in einen bestürzten Pädagogen, der didaktische Tricks erfindet, die zugleich grausam und kindisch sind.
Die Einsamkeit, die erstarrt, ist nicht die Einsamkeit ohne Nachbarn, sondern die gottverlassene Einsamkeit.
Der Subjektivismus ist die Garantie, die der Mensch erfindet, wenn er aufhört, an Gott zu glauben.
Über Gott zu sprechen ist anmaßend, über Gott nicht zu sprechen ist dumm.
Der Rivale Gottes ist niemals das konkrete Geschöpf, das wir lieben. Was in der Abtrünnigkeit endet, ist die Verehrung des Menschen, die Anbetung der Menschheit.
Sich intensiv um das Wohl des Nächsten zu kümmern, erlaubt es dem Christen, seine Zweifel über die Göttlichkeit Christi und die Existenz Gottes zu verbergen. Die Nächstenliebe kann die subtilste Form der Apostasie sein.
Vielleicht bin ich mehr als ein Christ, vielleicht bin ich ein Heide, der an Christus glaubt.
Die Scholastik hat gesündigt, indem sie vorgab, den Christen in einen Besserwisser zu verwandeln. Der Christ ist ein Skeptiker, der auf Christus vertraut.
Das Christentum lehrt nicht, dass das Problem eine Lösung hat, sondern dass die Anrufung eine Antwort hat.
Der Christ weiß, dass er nichts beanspruchen kann, aber alles erwarten darf.
Moderne Theologien sind in der Regel die Verrenkungen des Theologen, um sich seinen Unglauben nicht eingestehen zu müssen.
Die Hölle ist ein Ort, der nur vom Paradies aus identifizierbar ist.
Was gegen die Kirche gedacht wird, wenn es nicht von der Kirche her gedacht wird, ist uninteressant.
Die Aufgabe der Kirche ist nicht die Anpassung des Christentums an die Welt, nicht einmal die Anpassung der Welt an das Christentum, ihre Aufgabe ist es, eine Gegenwelt in der Welt zu erhalten.
„Der größte Irrtum der Moderne ist nicht, den Tod Gottes zu verkünden, sondern zu glauben, der Teufel sei gestorben.“
Der größte Irrtum ist, zu glauben, daß es solche „Wesen“ wie Gott oder den Teufel gäbe. Das sind nichts weiter als Hirngespinnste.