Der folgende Text von Karl Barth ist wohl zu nicht zu dessen Lebzeiten veröffentlicht worden:
Von Karl Barth
Im Herbst 1964 werden es 60 Jahre her sein, dass ich mich dem Studium der Theologie zugewendet habe. Die Anregung dazu verdankte ich praktisch entscheidend meinem von einem damals in Bern tätigen und mit Recht eifrig gehörten Prediger, Pfarrer Robert Aeschbacher empfangenen Konfirmandenunterricht, der mich in seiner Freiheit und Entschiedenheit so mit den Voraussetzungen und Problemen des christlichen Erkennens bekannt machte, dass ich mich aufgerufen fand, ihnen weiter nachzugehen. In diesem dunklen Drang – weniger nach Verkündigung als nach besserem Verstehen! – ging ich an die Universität. Meine Lehrer wurden zunächst (ausser meinem mir lebenslang ehrwürdig gebliebenen Vater, dem Kirchenhistoriker Fritz Barth) der Alttestamentler Karl Marti, ein strammer Schüler Wellhausens – der Neutestamentler Rudolf Steck, ein letzter, schärfster Vertreter der Tübinger Schule, der auch die vier paulinischen Hauptbriefe für „unecht“ hielt – und der Systematiker Hermann Lüdemann, der uns unter bitterer Polemik gegen Ritschl und seine Nachfolger über das, was der Christ „kraft seines religiösen Bewusstseins“ nicht nur glaubt, sondern weiss, genau zu unterrichten wusste. Was man gegen „die alte Orthodoxie“, gegen allen unkritischen Biblizismus usw. auf dem Herzen haben kann und dass alle Wege Gottes bei Kant anheben und womöglich auch zum Ziel kommen müssen, das habe ich mir in meinen Berner Semestern ernstlich sagen lassen und angeeignet. Das Bild veränderte sich (ohne ein ganz anderes zu werden) als ich in Berlin bei Harnack, Kaftan und Gunkel und später in Marburg bei Herrmann, Jülicher, Heitmüller, Rade und Stephan weiter studierte. Die Möglichkeit religionsgeschichtlichen Verständnisses der Bibel leuchtete mir ein und Schleiermacher trat jetzt neben Kant deutlicher als zuvor in mein Bewusstsein. Bezeichnend für den damaligen Stand meiner Erkenntnis war, dass ich in Tübingen mit Schlatter nicht das Geringste anzufangen wusste. An gläubiger Gutheissung der Elemente der damals „modernen“ Theologie liess ich mich am Ende meiner Studienzeit kaum von einem meiner Altersgenossen übertreffen. In den damit angedeuteten Gesinnungen bin ich 1909 ins Pfarramt übergegangen.
Ein relativ neues Bildungselement wurde mir hier der Sozialismus und speziell der „religiöse“ Sozialismus, dieser vorzugsweise in seiner von Hermann Kutter vertretenen Gestalt. Von daher wurde [2] mir das Verhältnis zwischen meiner Predigt und der Bibel, über deren Texte ich ja wie jeder Pfarrer allsonntäglich zu predigen hatte – wurde mir zunächst mein individualistischer Religionismus und Moralismus in steigendem Masse problematisch. Beim Ausbruch des ersten Weltkriegs kam es dann zu einer Krise meines bisher ungebrochenen Vertrauens zu der Güte der Exegese, Dogmatik und Ethik, die meinen einstigen Lehrern ihre mir tief befremdliche Stellungnahme „für Kaiser und Reich“ offenbar nahe zu legen schienen. Natürlich hatte ich in einer gewissen Ausbreitung auch Luther und Calvin studiert. Indem ich das aber durch die Gläser der mir von meinen Lernjahren her eigentümlichen Brille getan hatte, waren es fürs erste nicht sie, sondern Blumhardt, Dostojewski, Kierkegaard – eine Zeitlang merkwürdigerweise auch J.T. Beck – bei denen ich jetzt positive Belehrung, Anleitung suchte und auch ein gutes Stück weit fand. Gott und sein Reich traten gegenüber der mir zuvor allein vertrauten Welt menschlicher Frömmigkeit und Sittlichkeit mächtig in den Vordergrund meines Denkens. In der Zeit dieses Durchbruchs entstand – ursprünglich aus Schreibübungen, in denen ich zunächst nur mir selbst und einigen Freunden über meinen veränderten Stand und Ort Rechenschaft ablegen wollte! – der „Römerbrief“, der 1919 in einer noch reichlich wolkig spekulativen Gestalt in eine beschränkte, 1922 gänzlich umgearbeitet in scharf konturierter Antithetik an die grosse Oeffentlichkeit trat. Ich fand mich – bisher in der Höhle meines schweizerischen Landpfarrhauses verborgen – zu meinem eigenen Erstaunten plötzlich sozusagen „berühmt“ geworden und alsbald als akademischer Lehrer zu erweiterten Verantwortungen im Raum der deutschen Nachkriegszeit aufgerufen. Jetzt erst bekam ich die Reformatoren und ihre Botschaft von der Rechtfertigung und Heiligung des Sünders, vom Glauben, von der Busse und von den Werken, vom Wesen und von der Grenze der Kirche usw. richtig in Sicht. Ich hatte von ihnen Vieles ganz neu zu lernen und hatte mich gleichzeitig auch mit Kant und Schleiermacher und mit den anderen Vätern der theologischen Neuzeit noch einmal auseinander- und zusammenzusetzen. Indem ich auf „die reformatorische Linie“, wie man damals sagte, einschwenkte, sah ich mich doch bald genötigt, sie auch fortzusetzen: das Verhältnis von Gesetz und Evangelium, von Natur und Gnade [3] von Erwählung und Christologie und so auch von Philosophie und Theologie genauer und insofern anders zu ordnen, als ich sie im 16. Jahrhundert geordnet fand. Zudem ich aber kein orthodoxer „Calvinist“ werden konnte, vermochte ich einem enthusiastischen Konfessionalismus erst recht keine Sympathie entgegenzubringen. Und in dem allem hatte ich meinerseits insofern ein zweites Mal umzulernen, als ich bei der theoretisch-praktischen Diastase zwischen Gott und Mensch, bei der ich in der Zeit des „Römerbriefs“ eingesetzt hatte, ohne sie preiszugeben, doch nicht einfach stehen bleiben konnte. Ich hatte Schritt für Schritt die freie Liebe des hohen Gottes, seinen Bund mit dem elenden Menschen, aber auch des Menschen Bestimmung, Verpflichtung und Befreiung zu seiner Bezeugung – kurz, ich hatte Jesus Christus zu begreifen und vom Rand in die Mitte meines Denkens zu rücken. Zudem ich die Subjektivität nicht für die Wahrheit halten kann, habe ich mich von Kierkegaard nach kurzer Berührung wieder entfernen müssen. Von da her habe ich dann auch die mir nach meinen Erfahrungen und Taten als sozialistischer Pfarrer – indem ich zeitlich und kräftemässig zunächst anders in Anspruch genommen war – etwas vernachlässigte Wendung von der Kirche zur Welt neu zu vollziehen: in der Hitlerzeit als Berater der Bekennenden Kirche tätig zu werden, nachher auch in der Schweiz zum inneren Widerstand gegen die politische Drohung vom Norden meinen Teil beizutragen und nach 1945 in die mir so sehr verübelte Opposition gegen den „Kalten Krieg“ zwischen Ost und West in allen seinen Formen (bis hin zu dem Wahnsinn der Vorbereitung des Atomkrieges) einzutreten. Den grössten Teil meiner Zeit und meiner Kräfte hatte ich, nachdem mir durch die Beschäftigung mit Anselm von Canterbury weiteres wichtiges Licht aufgesteckt worden war, von 1932 an doch immer wieder in den Dienst der „Kirchlichen Dogmatik“ zu stellen.
Es konnte in dem allem ohne viel Gegensätze zu alten Göttern und Freunden, aber auch ohne allerhand Scheidungen von früheren scheinbar oder wirklich in derselben Wendung begriffenen Weggenossen nicht abgehen. Die wichtigste unter ihnen war in der zweiten Nachkriegszeit die von Rudolf Bultmann. Was mich ihm gegenüber zur Zurückhaltung nötigte und noch nötigt, ist viel weniger seine von der Mehrzahl seiner Gegner beanstandete „Entmythologisierung“ des Neuen Testamentes, als seine „Existentialisierung“ von dessen Aussagen, in der ich die Theologie nur eben neu in die Sackgasse einer philosophischen Anthropologie laufen sehe, aus der ich sie nun seit vier Jahrzehnten herausrufen zu sollen gemeint habe. Dass „von Gott reden“ mehr heisse als: „in etwas erhöhtem Ton vom Menschen reden“ das war doch einst (in mildester Formulierung bezeichnet) mein (und ich dachte: nicht nur mein) [4] kritischer Ausgangspunkt gewesen. Eben ihn sehe ich nun aufs neue preisgegeben. Ich verkenne nicht, dass Bultmann und seine Schüler dabei mehr mit dem Wind der Zeit segeln können als ich, sodass ich mich damit abfinden muss, mit meinem Einspruch gegen ihre Lehre manchen Schichten der noch jüngeren Generation nur eben erstaunlich zu sein. Verwundern darf ich mich wohl darüber, aber nicht ärgern, da ich doch meine Stunde und Gelegenheit noch hatte und da ich mich im Übrigen bis hinein in die Kreise der römisch-katholischen Theologie und bis hin nach Amerika und Japan so viel verständnisvoller Aufmerksamkeit und Mitarbeit erfreuen darf. Gegen den Wind segelnd habe ich meine neue Fahrt einst angetreten und eben so will ich sie nun auch entschlossen, aber dankbar und darum friedlich fortzusetzen und zu beendigen suchen.
Hinsichtlich der Zukunft dessen, was ich in der Theologie unternommen habe, wage ich keinerlei Vermutung. „Alles Ding hat seine Zeit“. Ich kenne wenigstens einige der schwächeren Stellen meines Könnens und Vollbringens. Und so bin ich wirklich ferne davon, das, was ich gewollt und vorgelegt habe, in seiner Ausführung für unübertrefflich zu halten, sondern habe von Anfang an damit gerechnet, dass einmal mit anderen Mitteln und Methoden Alles besser gemacht werden könnte als es mir möglich war. Wie sollte ich es ungern haben dürfen, es nicht vielmehr um der Sache willen begrüssen müssen, wenn ich es noch erleben sollte, mich in Vertretung dieser Sache wirklich überholt und abgelöst zu finden.
Die Bedingungen, unter denen ich mich in diesem Sinn für legitim ersetzt erkennen könnte, müssten freilich die folgenden sein: Es müsste ein neues theologisches Programm (1) im Blick auf den Ursprung, Gegenstand und Inhalt aller ihres Namens werten Theologie bei aller Freiheit meinen besonderen Entwürfen gegenüber deren Grund Intention nicht verleugnen, sondern in besserer Gestalt aufnehmen. Es müsste sich (2) als neues Programm damit ausweisen, dass es in besserer Ausfüllung dieser Grundintention nach vorwärts und nicht etwa nach rückwärts zeigen und führen, zur Fortsetzung des Auszugs aus Aegypten und also nicht etwa wie das Programm der Juden in der Spätzeit des Jeremia zur Rückkehr in jenes Land aufrufen und anleiten würde. Und es dürfte (3) kein blosses (in immer neuen Wendungen sich ankündigendes) Projekt sein – es müsste vielmehr in derjenigen einigermassen [5] folgerichtigen und vollständigen Ausführung auf den Plan geführt werden, die dem, was ich vorzulegen versucht habe, auch formal entsprechen würde. Ich mag schwerhörig geworden sein, aber das diesen Bedingungen entsprechende, dem Herrn zu singende neue Lied hat meine Ohren bis jetzt nicht erreicht. Und so darf ich mich in aller Bescheidenheit vorläufig noch nicht für überholt und abgelöst halten. Aber wie dem auch sei: Dominus providebit. Mir bleibt nur übrig, der systematischen Theologie zu wünschen, dass sie (was auch aus meinem Beitrag werde) in der nächsten und in aller ferneren Zukunft die bescheidene, aber freie, kritische aber fröhliche Wissenschaft bleiben oder eben wieder werden möge, als die sie mir durch alle Peripetieen und Anfechtungen hindurch lieb geworden und der Mühe wert gewesen ist.
Karl Barth
Fünfseitiges, handschriftlich korrigiertes Typoskript.
Quelle: Karl-Barth-Archiv (KBA), Nr. 870; vgl. KBA Nr. 11294.