Karl Barth über Sorge und Furcht (Kirchliche Dogmatik, 1942): „In der Sorge geht es ausgesprochen um vorletzte verhältnismäßig übersichtliche Dinge, um die Fragen der künftigen äußeren Lebensgestaltung: der Unsicherheit seiner Zukunft gegenüber möchte sich der Sorgende im voraus sichern, bevor er weitergeht, bevor er dem, wofür er eigentlich leben sollte, weiterhin zu leben sich entschließen will. Der Sorgende argumentiert: primum vivere, deinde philosophari! Auch er fürchtet sich im Grunde.“

Über Sorge und Furcht (Kirchliche Dogmatik)

Von Karl Barth

Man kann sich die gerade in seinem Freiheitscharakter begründete Unbedingtheit des Ernstes und der Strenge des göttlichen Gebotes klar machen, indem man sich die im Neuen Testament so beherrschenden Gebote, daß wir nicht sorgen und daß wir uns nicht fürchten sollen, in Erinnerung ruft. «Sorget nicht für euer Leben!» (Matth. 6, 25). «Sorget nicht für den anderen Morgen!» (Matth. 6, 34). «Sorget nicht darum, wie oder was ihr reden sollt!» (Matth. 10, 19). «Sorget euch um nichts, sondern in allem lasset im Gebet und Flehen mit Danksagung eure Bitte vor Gott kund werden!» (Phil. 4, 6 vgl. 1. Kor. 7, 32). «Alle eure Sorge werfet auf ihn, denn er sorgt für euch!» (1. Petr. 5, 7). Noch häufiger und vordringlicher begegnet uns das Andere: Fürchte dich (oder fürchtet euch) nicht! Es sollen sich Zacharias (Luk. 1, 13), Joseph (Matth. 1, 20), Maria (Luk. 1, 30), die Hirten auf dem Feld (Luk. 2, 10) nicht fürchten angesichts der ihnen unter so außerordentlichen Umständen angekündigten Geburt des Messias, Simon Petrus nicht angesichts des wunderbaren Fischzugs, in dem ihm der Messias offenbar wird (Luk. 5, 10), die Jünger nicht angesichts seiner Erscheinung mitten im Seesturm (Mc. 6, 50) und nicht angesichts seiner Verklärung auf dem Berg (Matth. 17, 7), die Frauen am leeren Grab nicht angesichts seiner Auferstehung (Matth. 28, 5, 10), der Seher Johannes auf Patmos nicht angesichts seiner Erscheinung in der Herrlichkeit (Apoc. 1, 17) – darum dann aber auch die Apostel nicht angesichts seines Weggangs (Joh. 14, 1, 27), die kleine Herde nicht darum, weil sie klein ist (Luk. 12, 32), die Gemeinde nicht vor den Verfolgern, die nur den Leib töten können (Matth. 10, 26 f.) und nicht vor den Schrecken der Endzeit (Mc. 13, 7), Jairus nicht vor dem schon triumphierenden Tode (Mc. 5, 36), Paulus nicht vor seiner Aufgabe in Korinth (Act. 18, 9) und nicht vor der Todesgefahr seiner Seefahrt (Act. 27, 24), die Christen nicht vor den Vertretern der weltlichen Obrigkeit (Röm. 13, 3). Denn «Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und Besonnenheit» (2. Tim. 1, 7). Gott hat «dem Abraham unserem Vater einen Eid geschworen, daß wir ihm, aus der Hand der Feinde errettet, ohne Furcht dienen dürften in Heiligkeit und Gerechtigkeit» (Luk. 1, 73). «Ihr habt nicht einen Geist des Sklavenstandes empfangen, sodaß ihr euch wiederum fürchten müßtet, sondern den Geist der Kindschaft, in welchem wir schreien: Abba, Vater!» (Röm. 8, 15). «Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die wesentliche (τελεία) Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht hat Pein; wer sich aber fürchtet, der ist noch nicht zu der wesentlichen Liebe vorgedrungen» (οὐ τετελείωται ἐν ἀγάπῃ 1. Joh. 4, 18).

Das in so starken Tönen abgewehrte Sorgen und Sichfürchten trifft offenbar darin zusammen, daß der Mensch, indem er sorgt und indem er sich fürchtet, statt in Vertrauen und Hoffnung seinen Weg zu laufen, sich beschweren und aufhalten läßt (sich selbst beschwert und aufhält) durch den Blick auf eine ihm entgegenkommende Bedrohung und durch die Erwägungen, die er sich durch diese Bedrohung aufdrängen läßt: als ob er wüßte, daß ihm diese zur Katastrophe werden könnte oder müßte. Das Verhältnis der beiden Begriffe unter sich ist dabei dieses. daß das Sorgen gewissermaßen die kleine Furcht, die Furcht aber die große Sorge bezeichnet. In der Sorge geht es ausgesprochen um vorletzte verhältnismäßig übersichtliche Dinge, um die Fragen der künftigen äußeren Lebensgestaltung: der Unsicherheit seiner Zukunft gegenüber möchte sich der Sorgende im voraus sichern, bevor er weitergeht, bevor er dem, wofür er eigentlich leben sollte, weiterhin zu leben sich entschließen will. Der Sorgende argumentiert: primum vivere, deinde philosophari! Auch er fürchtet sich im Grunde. Er hat ja die Hand schon vom Pflug zurückgezogen. Er hat ja das Eigentliche, was geschehen müßte, schon zurückgeschoben und ist nun eigentlich und ernstlich nicht mit ihm, sondern durch das Uneigentliche bewegt und in Anspruch genommen, von dem er meint und behauptet, daß es durchaus zuerst geregelt sein müsse, bevor das Eigentliche in sein Recht treten könne. Er wird aber nie zugeben, daß er sich fürchte. Er wird das Eigentliche eben «nur» zurückschieben. Er wird dabei beteuern, daß philosophari eine gute Sache sei, nur eben augenblicklich unzeitgemäß, weil eben augenblicklich das vivere noch dringlicher sei. Er leistet sich, indem er sorgt, die kleine Furcht und verbirgt es sich, daß er sich darum faktisch nicht weniger fürchtet, weil er es nur in dieser Form tut. In der Furcht geht es um einen ernsthafteren Gegensatz. Gegenstand der Furcht ist ja auch im Neuen Testament vor allem Jesus selbst, und zwar gerade Jesus in der Glorie seiner Wunder und seiner Auferstehung und dann, in seltsamem inneren Verhältnis dazu, gewisse Phänomene von sozusagen definitivem Charakter: die schlechthinnige Übermacht der Welt der Gemeinde gegenüber und umgekehrt deren Geringfügigkeit und Ohnmacht, die immer wieder aufstehende Drohung des Gesetzes, der Tod. Furcht ist die Erschütterung durch das vermeintliche Wissen: Ich werde nicht können – nicht sein, nicht tun können, was ich angesichts dessen, was mir da herrlich und furchtbar entgegenkommt, sein und tun sollte; ich werde nicht bestehen, sondern vergehen. Es wird dieses Kommende für mich (positiv oder negativ) einfach zu groß sein. Furcht ist die Antizipation einer vermeintlich gewissen Niederlage. Auch wer sich fürchtet, sorgt also. Auch er verfügt über die Zukunft und unter Berufung auf die Zukunft über sich selbst in dem Sinn, daß er sich selbst dazu verurteilt, das Eigentliche nicht zu sein und zu tun, das in seiner Existenz Ereignis werden sollte. Auch er schiebt das, was geschehen sollte, hinaus, nur daß die Kapitulation, die heimlich schon die Sorge bedeutet, in der Furcht als solche offenbar und wirksam wird. Furcht ist die große, die akut und definitiv gewordene Sorge. Furcht ist der Verzicht, von dem aus es eingestandenermaßen keinen Weg nach vorwärts mehr geben kann. Wer sich fürchtet, der hat auch den Gedanken an eine siegreiche Auseinandersetzung mit dem Bevorstehenden aufgegeben. Er weiß so genau um dieses Bevorstehende, um seine Übermacht und um seine eigene Ohnmacht, daß er, wenn er einer Absicht überhaupt noch fähig ist, nur noch der Begegnung mit diesem Bevorstehenden auszuweichen im Sinne hat.

Sorge und Furcht sind offenbar in dem, was sie gemeinsam haben, wie in ihrer Verschiedenheit, wie in ihrem inneren Zusammenhang das genaue Gegenteil von dem, was das Neue Testament als Freiheit beschreibt und was wir als die dem Menschen durch das Gebot Gottes gegebene Erlaubnis beschrieben haben. Wer sich von der Möglichkeit einer künftigen Katastrophe in der Weise bedroht sieht, daß er die Fortsetzung seines Laufes entweder auf bessere Tage verschieben muß, um sich zuerst mit dieser Möglichkeit zu beschäftigen – oder so, daß er überhaupt darauf verzichten zu müssen meint, ihn fortzusetzen – der ist jedenfalls nicht frei, der hat jedenfalls keine Erlaubnis als Grund seines Lebens. Für ihn bedeutet der Blick auf die Zukunft – ob er nun auf das Brot für den morgigen Tag oder auf Jesus Christus selbst oder auf irgend ein Mittelglied der durch diese Endpunkte bezeichneten Reihe gerichtet sei, ob er sich durch diesen Blick in die Zukunft vorläufig oder definitiv aufgehalten sehe, auf alle Fälle dies, daß er gerade in der Gegenwart – und wir sind und leben doch praktisch immer in der Gegenwart! – nicht frei ist. Er ist vorläufig oder definitiv nicht dem Eigentlichen zugewendet, nicht zu jener wesentlichen Liebe vorgedrungen, sondern er tut in der kleinen Furcht oder in der großen Sorge faktisch das, was man nur aus einem Zwang und Drang, unter dem er sich befindet, aber nimmermehr aus einer ihm gegebenen Erlaubnis verstehen kann. Hätte er Erlaubnis, dann würde er nicht sorgen und sich nicht fürchten. Was ihm Sorge und Furcht einflößt, wäre dann gewiß nicht einfach beseitigt. Indem das Neue Testament die Sorge und die Furcht verbietet, denkt es ja nicht daran, die Existenz des Gegenstandes menschlicher Sorge und Furcht: die tatsächliche Ungesichertheit unserer Zukunft, die Majestät Jesu Christi auf der einen Seite und als ihr Gegenspiel die völlige Preisgegebenheit der Seinigen in Abrede zu stellen. Es würde aber der Mensch, wäre er kein Gefangener, kein Sklave, hätte er Erlaubnis, dem ihm Bevorstehenden auf keinen Fall in Sorge und Furcht entgegengehen; er würde es vielmehr auf die tatsächliche Auseinandersetzung mit ihm ankommen lassen, ohne diese für unmöglich zu halten, und auch ohne sie unter Zeitverlust für die Gegenwart vorwegzunehmen, ohne sich ihnen gegenüber im voraus sicherstellen zu wollen. Indem er es anders hält, ist er nicht frei, ist sein Sein, Denken, Reden und Tun, ob er es sich eingesteht oder nicht, das eines Sklaven. Dieser Sklaverei der Sorge und der Furcht tritt das Gebot Gottes im Neuen Testament entgegen, indem es gebietet: Sorget nicht! Fürchtet euch nicht! Die Trennung zwischen Evangelium und Gesetz dürfte in diesen beiden Imperativen schlechterdings unmöglich sein.

Es ist einerseits klar, daß hier befohlen, daß hier der Mensch im Gegensatz zu dem, was ihm natürlich und naheliegend erscheinen mag, im Gegensatz zu dem, was er immer wieder begehrt und in Fortsetzung seines Versuches, Richter über Gut und Böse zu sein, immer wieder begehren muß, aus einer von Gott verbotenen und seiner selbst unwürdigen Verfassung und Verhaltungsweise herausbefohlen wird. Man würde diese beiden Imperative schlecht verstehen, wenn man die Unbedingtheit des Ernstes und der Strenge, in denen sich hier Gott an den Menschen wendet, übersehen, sie bloß als eine Art Ratschlag oder Angebot auffassen würde, denen gegenüber der Mensch sich seine Stellungnahme vorbehalten könnte. Hier wird die Axt dem Baum an die Wurzel gelegt. Hier ist offenbar gerade der über seine Zukunft und über sich selbst eigenwillig verfügende Mensch – das tut ja der, der sorgt und der sich fürchtet – in Frage gestellt. Radikalste Umkehr wird hier von ihm gefordert. Nur ganzer Gehorsam oder ganzer Ungehorsam kann diesem: Sorget nicht! Fürchtet euch nicht! gegenüber am Platze sein.

Hier ist es aber andererseits ebenso klar: eben das, was damit befohlen wird, ist sachlich schlechterdings die Befreiung des Menschen. So ergibt es sich unzweideutig aus den sämtlichen Zusammenhängen, in denen diese Imperative laut werden. Es ist der Ort, aus dem der Mensch hier herausgerufen wird, in Wirklichkeit kein schöner, kein begehrenswerter Ort, sodaß ihm mit diesen Verboten etwas für ihn Erfreuliches verwehrt würde, sodaß er sich beklagen könnte, ihm werde anstelle eines Besseren ein Schlimmeres, anstelle eines Leichteren ein Schwereres, anstelle des Naheliegenden etwas Fernes und Fremdartiges zugemutet. Was ist schlimmer, schwerer und fremdartiger als ein Leben in Sorge und Furcht, eine von diesen Verhaltungsweisen bestimmte Gegenwart? Und was ist besser, leichter und naheliegender, als ein Leben ohne Sorge und Furcht, eine gerade durch die Befreiung von diesen Verhaltungsweisen charakterisierte Gegenwart? Ist nicht gerade eine in der Sorge verbrachte Gegenwart dasjenige philosophari, dem gegenüber dem vivere allerdings entschlossen der Vorzug zu geben ist? Und gibt man diesem wirklich den Vorzug, ist das dann nicht ein philosophari, dem gegenüber ein vivere in der Sorge vielmehr ein mori wäre? Sollte, wer sich fürchtet, die Furcht selber als die antizipierte Niederlage, die Gegenwart einer immerhin noch ungewissen üblen Zukunft nicht noch mehr fürchten als diese selbst? Würde er also nicht besser tun, sich nicht zu fürchten? Ist die Freiheit jetzt – was immer die Drohung der Zukunft sein mag – nicht das erste und dringendste und auf alle Fälle zu berücksichtigende Anliegen? Hat der Mensch nicht alles Üble zu verlieren, alles Gute zu gewinnen, wenn er jetzt tatsächlich, dem Gebot gehorsam, nicht sorgt, sich nicht fürchtet? Für sich selbst sein zu wollen ist nicht Heil, sondern Unheil und eben von diesem Unheil befreit uns das Gebot. So ist es voll Evangelium, voll Gnade, voll von der Menschenfreundlichkeit Gottes. So ist es in seiner ganzen Unbedingtheit, der gegenüber es zwischen Gehorsam und Ungehorsam kein Drittes gibt, zugleich eine einzige Einladung, gerade das zu tun, was wir im Unterschied zu den Vollbringungen unseres sorgenvollen und furchtsamen Eigenwillens gerne tun können und werden. Hier, hier ist in Wirklichkeit der Baum, der lieblich anzusehen und begehrenswert ist!

Und eben von daher – indem es uns im Gegensatz zu dem, was wir meinen und wollen – das zu tun gebietet, was wir gern tun können und faktisch gern tun werden – hat das Gebot Gottes seine Unbedingtheit, und eben darum gibt es ihm gegenüber nur unstichhaltige und unkräftige Ausreden und Entschuldigungen. Übertreten wir es, bleiben wir dabei, sorgen und uns fürchten zu wollen, dann haben wir ja sicher überhört, daß es Erlaubnis und als solche Gebot ist, überhört, daß Gott für uns ist und daß darum niemand und nichts gegen uns sein kann, daß wir uns darum nicht sorgen sollen, weil unser himmlischer Vater weiß, wessen wir bedürfen, daß wir unsere Sorge auf ihn werfen sollen, weil er sorgt für uns – überhört, daß eben Jesus, den wir als unseren Richter allein zu fürchten hätten, der ist, der uns aufrichtet und zurecht bringt, daß es keine Anfechtung und keine Katastrophe jetzt oder in Zukunft geben kann, die von der Regel Röm. 8, 28 ausgenommen wäre: daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten Beistand leisten müssen. Wie hätte der, welcher, statt sie zu überhören, die Erlaubnis hört, die uns damit gegeben ist, eine Ausflucht vor dem Gebot? Welchen Ort, von dem aus er sich das Gebot vom Leibe halten könnte? Kann er anderswie als im Gehorsam gegen das Gebot den Trost und die Zuflucht finden, um die er sich, indem er ihm ungehorsam ist, vergeblich bemüht, ja die er im Ungehorsam gegen das Gebot notwendig von sich stößt? Das besserwissende Aufbegehren und Rebellieren gegen das Gebot kann und wird freilich nicht aufhören, bevor es uns so nahe getreten, bevor es uns in seinem Charakter als Evangelium und also als Erlaubnis und eben damit als Gottes Gebot: Sorget nicht! Fürchtet euch nicht! offenbar geworden ist!

Quelle: Karl Barth, Kirchliche Dogmatik, BandII-2: Die Lehre von Gott, Zollikon-Zürich: Evangelischer Verlag, 1942, S. 663-667.

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