Karl Barth über Humor und Lachen in seiner Ethik-Vorlesung 1928/29: „Ein befreites Lachen ist ein solches Lachen, das aus dem Wissen kommt, wie wir trotz des gegenteiligen Aspektes der gegenwärtigen Wirklichkeit letztlich dran sind. Auch vom Humor gilt, dass er echt nur ist, wenn er aus dem Leid geboren ist. Hinter ihm steht ja wahrhaftig gerade, wenn er stark ist, die ganze Not des Seufzens unter den Leiden, unter der ganzen grausigen Unerlöstheit unserer Gegenwart, die ganze Fragwürdigkeit unserer geschöpflichen Existenz und die ganze Aufgehobenheit unserer Existenz als Sünder, die von Barmherzigkeit leben. Wer darum nicht weiß, wer nicht weiß, dass wir nichts zu lachen haben, wie sollte der lachen können, wie man es als Kind Gottes allerdings können muss?“

Dialektisches über Humor und das Lachen der Kinder Gottes

Von Karl Barth

Humor bedeutet also fraglos ebenso wie Kunst ein gewisses letztes Nicht-Ernstnehmen der Gegenwart, nicht weil sie an sich nicht ernst genug wäre, aber weil die in die Gegenwart hineinragende Zukunft Gottes noch ernster ist. Humor bedeutet eine große Einklammerung des Ernstes der Gegenwart. Eben darum in keiner Weise — der wüßte nicht, was Humor ist, der es so auffassen wollte — eine Aufhebung, eine Beseitigung dieses Ernstes. Humor gibt es nur, darf es nur geben im Ringen mit dem Ernst der Gegenwart. Aber über und in diesem Ringen können wir als Kinder Gottes unmöglich ganz ernst bleiben. Die Zukunft Gottes meldet sich eben, wie sie sich ganz anders auch im Gewissen meldet, wie sie sich in der Kunst explizit meldet, so implizit als jenes Lächeln unter Tränen, als jenes «Gerne», jene Freiwilligkeit und Freudigkeit, in der wir über die Gegenwart hinwegsehen, in der wir die Gegenwart ertragen und als solche innerhalb der Klammer ernstnehmen können, weil sie ja die Zukunft schon in sich trägt. Ein befreites Lachen ist ein solches Lachen, das aus dem Wissen kommt, wie wir trotz des gegenteiligen Aspektes der gegenwärtigen Wirklichkeit letztlich dran sind. Auch vom Humor gilt, daß er echt nur ist, wenn er aus dem Leid geboren ist. Hinter ihm steht ja wahrhaftig gerade, wenn er stark ist, die ganze Not des Seufzens unter den Leiden, unter der ganzen grausigen Unerlöstheit unserer Gegenwart, die ganze Fragwürdigkeit unserer geschöpflichen Existenz und die ganze Aufgehobenheit unserer Existenz als Sünder, die von Barmherzigkeit leben. Wer darum nicht weiß, wer nicht weiß, daß wir nichts zu lachen haben, wie sollte der lachen können, wie man es als Kind Gottes allerdings können muß? Man wird immer beobachten, daß gerade die Menschen, denen es irgendwie zu gut geht, die sich vor den Rätseln des Daseins die Augen verschließen, die sich in der Gegenwart aus irgendeinem Grund sehr wohl im Sattel fühlen und von ihrer Rolle durchaus befriedigt sind, keinen Humor haben, sondern daß man diesen bei den Angefochtenen, bei denen, die nach Luthers Wort «wohl durch die Rolle gezogen sind», bei den Leidenden vom Schlage des Hiob und des Predigers Salomon, suchen muß. Dadurch wird sich denn auch der echte Humor vom unechten, vom Karnevalshumor z.B., unterscheiden, daß er das Wissen um das Leid nicht ausschließt, sondern zur Voraussetzung hat. Und dadurch ganz unzweideutig, daß er sich nicht mit Vorliebe an den Anderen, sondern mit ganz besonderer Vorliebe an sich selber übt, daß man die Klammer sieht, in der man sich selber befindet, das Fragezeichen und Ausrufzeichen, das zu der eigenen, im übrigen vielleicht höchst gewichtigen und ernsthaften Existenz vom Himmel aus gesetzt ist. Darum und so wird er dann etwas Lösendes und Befreiendes, und nicht Gift und Galle, auch dann bedeuten, wenn er sich gegen Andere richtet. Wer sich selber zuerst ausgelacht hat, der darf dann auch einmal Andere auslachen und wird als letzte Probe auch die freudig überstehen, selber ausgelacht zu werden, eine Probe, in der mancher angeblich Humorvolle schmählich durchzufallen pflegt.

Quelle: Karl Barth, Ethik II: Vorlesung Münster, Wintersemester 1928-1929, wiederholt in Bonn, Wintersemester 1930-31, hrsg. von Dietrich Braun, Zürich: Theologischer Verlag, 1978, S. 445f.

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