Von Karl Barth
Man hat mich eingeladen, an dieser Stelle etwas von der Theologischen Fakultät unserer nun bald in Glanz und Glorie ihr Jubiläum feiernden Mutter Universität zu erzählen. Sie ist wohl für die meisten Mitbürger eine ziemlich unbekannte und für nicht wenige unter ihnen auch eine etwas verdächtige Sparte unserer Hochschule. Wir sind ja, auch im Hinblick auf unsere Studentenzahl, die kleinste aller Fakultäten. Was geht bei uns eigentlich vor? Es gibt auch hochgebildete Personen, die sich vorstellen, dass wir mit einer Art von Märchengeschichten beschäftigt seien. Es gibt andere, die, wenn sie nur das Wort «Theologie» hören, schaudernd an die Verbrennung des Servet und ähnliche Exzesse denken, deren wir, wenn man uns machen liesse, wohl auch heute noch fähig sein möchten — wieder andere, die meinen, dass wir wenigstens untereinander in dauerndem unfruchtbarem Streit über Fragen, die doch niemand beantworten könne, begriffen seien — und noch andere, die der Ansicht sind, dass, was wir da treiben, jedenfalls des hehren Namens einer «Wissenschaft» nicht würdig sei. Kein Wunder, dass in Basel vor drei oder vier Jahrzehnten ernsthaft zur Diskussion gestellt wurde, ob es nicht am Platze sein möchte, diese dunkle Fakultät kurzerhand abzuschaffen. Es kam nicht so weit. Der Rektor dieses Jubiläumsjahres ist ein Theologe. Und die Zahl der in Basel Theologie Studierenden war nun seit Jahrzehnten immerhin erheblich viel grösser als in längsten Zeiten zuvor.
Zunächst einige Andeutungen über das, was wir faktisch treiben: Unsere Aufgabe besteht — ganz entsprechend der der anderen Fakultäten — schlicht darin, die künftigen Pfarrer mit dem zur Ausübung ihres Berufes nötigen Schulsack und mit der ihnen zur Anwendung von dessen Inhalt nötigen Kopfklärung zu versorgen. Sie werden in ihrem Beruf viel noch Wichtigeres als das nötig haben. Sie werden aber auch des Schulsacks und der Kopfklärung bedürfen, und das oder doch einen Anfang dazu — sie sollen ja auch später studieren! — können und sollen wir ihnen bieten. Sie werden dereinst christliche Predigten zu halten, christlichen Unterricht zu geben, christliche Seelsorge zu üben, christliche Gemeinde zu leiten oder doch massgebend zu beraten haben. Dazu müssen sie vor allem die Bibel kennen: ihre Sprachen, ihre geschichtliche Gestalt, ihre entscheidende Aussage. Sie müssen sie sachgemäss verstehen und auslegen lernen. Dazu müssen sie wenigstens ein Stück weit in die heute sehr ausgebreitete alt- und neutestamentliche Wissenschaft eingeführt werden. Sie werden aber auch eine einigermassen deutliche Vorstellung davon haben müssen, was aus der Aussage der Bibel in all den Jahrhunderten bis in die Gegenwart hinein geworden ist, wie sie hier verstanden und in die Tat umgesetzt, dort missverstanden und missbraucht, wie sie in den verschiedenen Phasen der Welt- und der Geistesgeschichte gehört oder auch überhört wurde. Dazu müssen sie wenigstens in den Umrissen die sogenannte Kirchengeschichte studieren. Sie werden sich als Pfarrer immer wieder darin üben müssen, die Aussagen der Bibel selbständig durchzudenken, um sie — ihr, aber auch den Menschen des 20. Jahrhunderts gegenüber verantwortlich — weiterzugeben. Dazu kann ihnen ein bisschen «systematische» Besinnung und Arbeit, wie sie die Aufgabe der sogenannten Dogmatik und der sogenannten Ethik bildet, nicht erspart bleiben. Sie werden endlich Klarheit über das nötige haben, was eine gute Predigt, guter Unterricht, gute Seelsorge, gute Tätigkeit in einer modernen christlichen Gemeinde sein und nicht sein möchte. Darüber sind sie in der wie alle anderen vielgliederigen Disziplin der sogenannten «praktischen» Theologie so weit wie möglich zu unterrichten. Das sind — hier absichtlich etwas nüchtern beschrieben — die Ziele und Wege unseres Anteils an der Pfarrerausbildung. Daneben betreuen wir dann immer wieder auch solche junge Leute, die den theologischen Doktorgrad erwerben möchten, um gegebenenfalls einst selber theologische Lehrer zu werden.
Einige Worte über den Ursprung und Gegenstand der Theologie dürften aber nun doch ratsam und geboten sein. Ihr Ursprung ist jene – aus der Nähe gehört freilich sehr vielstimmige, aber letztlich einhellige — «Aussage der Bibel». Sie redet — von vielen Menschen aller Zeiten und Zonen vernommen — von dem von Gott mit dem Menschen aufgenommenen Gespräch und Verkehr, von der Begründung, von der Erfüllung, von der Geltung dieses Bundes für alle Menschen. Die Bibel redet — der Name ist unvermeidlich, weil er die Sache selbst ist — von Jesus Christus. Dieser Ursprung der Theologie (man kann auch sagen: das «Evangelium») ist wie der Ursprung so auch der Gegenstand der Theologie. Auf diesen ihren Gegenstand ist sie (wie alle an der Universität betriebenen «Wissenschaften» auf den ihrigen!) angewiesen. Ohne ihn könnte und müsste sie sich im Nu in ein bisschen dilettantisch betriebene Geschichtskunde, Philosophie, Psychologie usw. auflösen. An ihn ist sie gebunden — will sagen: sie kann sich so wenig wie etwa die Augenheilkunde (sie ist übrigens selbst eine Art Augenheilkunde inklusive gelegentlicher Staroperationen!) nach Belieben ein anderes Thema wählen. Sie sucht die Wahrheit (es gibt nur eine Wahrheit!) in der Gestalt dieses ihres Gegenstandes. Sie lässt sich ihre verschiedenen Aufgaben immer neu durch ihn stellen. Sie lässt sich auch ihre Methoden erstlich und letztlich nur durch ihn vorschreiben. In der selbstverständlichen Bindung an ihn ist sie aber nach allen Seiten freie Forschung und Lehre — «über meiner Mütze nur die Sterne» —, nimmt sie keine Vorschriften und Weisungen von keiner Seite entgegen, dient sie auch der Kirche in der Unabhängigkeit ihrer eigenen Verantwortlichkeit. Und weil der «Gott», von dem sie ihren Namen hat, kein Diktator ist, kann sie sich auch ihrerseits nicht diktatorisch gebärden. Nur durch seinen Gegenstand gebunden, aber auch befreit, kann und will der theologische Lehrer nur im selben Sinn freie Schüler erziehen und haben. Bietet er ab und zu einen anderen Aspekt, so mag das — er ist ja auch kein Engel — seine eigene Schuld sein. Es mag aber auch an gewissen Zerrspiegeln liegen, in denen ferne Betrachter ihn zu sehen zum vornherein entschlossen sind.
Aber zurück zum Konkreten! Die Arbeit unserer Fakultät spielt sich wie die der anderen zum Teil unsichtbar in unseren Studierzimmern, zum Teil sichtbar in unseren Vorlesungen, Seminaren und Übungen ab. In den Studierzimmern schreiben wir unsere Bücher — und dass wir zu wenig oder zu dünne Bücher schreiben, kann man uns heutigen Basler Theologen jedenfalls nicht vorwerfen, ist doch die Kunde von unseren Taten auf diesem Feld nicht nur bis nach Amerika und Japan, sondern bis in den Vatikan gelangt. Hoffentlich machen wir dem altehrwürdigen, aber wie ich denke, noch immer lebensfähigen Institut der «Vorlesungen» wie unsere Kollegen von den anderen Fakultäten damit Ehre, dass wir unsere Studenten am lebendigen Fortgang unserer eigenen Arbeit teilnehmen lassen, ihnen also nicht etwa aus alten Heften Dinge «vorlesen», die sie ebensogut oder besser in diesen oder jenen Büchern selbst lesen könnten. Doch dürfte sich vielleicht gerade in unserem Bereich eine gewisse Gewichtsverlagerung in der Richtung «Arbeitsschulunterricht» mit der Zeit nahe legen. In unserem in der alten Universität am Rheinsprung eingerichteten Seminar ist es uns allen, Studenten und Dozenten, besonders wohl, und wir sind froh, dass die Gefahr, wir könnten durch die ausgestopften oder noch vegetierenden Lebewesen des Zoologischen Instituts von dort vertrieben werden, vorläufig abgewendet scheint. Über unsere Texte gebeugt, haben wir den weiten Ausblick auf‘ den Rhein und den Schwarzwald und doch auch auf die Fabrikschlote und Hochhäuser des modernen Kleinbasel sicher besonders nötig.
Als Eigenart kann erwähnt werden, dass unsere, wie erwähnt, relativ bescheidene Studentenzahl den Vorteil hat, dass der persönliche Verkehr zwischen Dozenten und Studenten und der der Studenten untereinander bei uns wohl etwas lebhafter ist als in den grossen Fakultäten. Problematischer ist die Tatsache, dass wir Dozenten zwar in völligem Frieden — ich habe in bald 25 Jahren meines Dabeiseins nur einen einzigen richtigen Streit miterlebt — aber nun doch ein wenig arg ohne Kontakt und Austausch nebeneinander her und aneinander vorbei leben und lehren. Eine weitere Merkwürdigkeit unserer Fakultät ist ihr ausgesprochen internationaler Charakter. Finden sich schon unter uns sieben Ordinarien ein Franzose, ein Holländer und ein Schwede, so haben unter unseren Studenten die Ausländer, voran die Deutschen, aber auch eine zahlreiche Gruppe von Amerikanern, seit dem Kriegsende die überwiegende Mehrheit. Das Gerücht ging, es gebe Schweizer, die aus diesem Grund nicht gern nach Basel kämen! Schlimmes in dieser Richtung ist schon darum nicht zu befürchten, weil die Theologische Fakultät in Zürich unterdessen ebenfalls eine gewisse Anziehungskraft gerade nach Deutschland hin auszuüben begonnen hat. Sollte es den Schweizer Studenten, die ja im späteren Leben noch lange genug unter sich und in der Mehrheit sein können, nicht ganz heilsam sein, sich in ihren Universitätsjahren auch auf eigenem Boden von einigen fremden Winden kräftig anblasen zu lassen? Nein, wir möchten alle diese Gäste hier nicht missen: die von jenseits des Atlantiks nicht, und die von jenseits des Rheins erst recht nicht, sondern freuen uns des Eifers, mit dem sie nun gerade nach Basel kommen wollen, der Anregung und des Beitrags, den sie gerade für unsere Basler Arbeit bedeuten, und der Dankbarkeit, mit der sie nachher, wie wir aus vielen Zeugnissen wissen, gerade an Basel zurückdenken.
Ganz beiläufig: Ein nicht zu spärlicher Fonds zu gelegentlicher Unterstützung bedürftiger Studenten — sie leben hier nicht selten unter sehr prekären Umständen — auch zur Beihilfe, zum Druck von Dissertationen, die für manche eine allzu peinliche Belastung bedeutet — auch zur reichlicheren Versorgung unserer Seminarbibliothek wäre eine schöne Sache. Welche freundliche Persönlichkeit oder Firma könnte anlässlich des Jubiläums auf die Idee kommen, ausser an die mehr im Licht der Oeffentlichkeit stehenden Institutionen der grossen Fakultäten auch einmal an uns zu denken? Doch es stünde uns als Theologen schlecht an, die Hoffnung auf einen guten Fortgang unseres Tuns von der Erfüllung solcher Wünsche abhängig zu machen. Unser Thema verbietet uns das «Sorgen» um die Zukunft. In einer grösseren oder kleineren Ecke der Universität wird es — von allen gerechten und ungerechten Ausrufzeichen und Fragezeichen umgeben, wie es sich gehört — immer auch das geben: eine Schar von alten und jungen «Schriftgelehrten», hoffentlich (nach Matth. 13, 52) wenigstens ein bisschen: «zum Himmelreich gelehrt».
Sonntagsbeilage der «Basler Nachrichten» vom 26. Juni 1960: 500 Jahre Universität Basel