Gisbert Greshake, Glück – ein Thema des Glaubens und der Theologie?: „Das „kleine Glück“, das nicht offen ist für das größere Glück und das in seiner Zerbrechlichkeit nicht nach Dauer verlangt, verliert leicht das Glückhafte, es erstickt und bringt seine eigene Grenze leidvoll zum Bewusstsein.“

Glück – ein Thema des Glaubens und der Theologie?

Von Gisbert Greshake

1. Auseinanderbrechen von Glück und Heil

Die Frage der Überschrift ist nicht rhetorisch gemeint. Wenn man in die vorletzte Auflage des prominenten „Lexikons für Theologie und Kir­che“ schaut, findet man unter dem Lexem „Glück“einen Artikel mit der Untergliederung: I. Philo­sophisch, II. Volkskundlich. Ende! Ähnlich ist es mit vielen anderen theologischen Handbüchern. Glück ist, scheint’s, kein Thema der Theologie. Das kommt nicht von ungefähr. Das Motto des 1963 erschienenen Romans von Luis Estang „Das Glück und das Heil“ lautet: „Nie wurde einem Men­schen zuteil, gleichzeitig sein Glück und sein Heil zu erlangen!“ Dieses Motto stellt die beiden Begriffe Glück und Heil in einen radikalen Gegensatz zu­einander: Entweder religiöses Heil oder irdisches Glück. Das ist erstaunlich, denn bis zum Beginn der Neuzeit wurden Glück und Heil noch ununterschieden gebraucht. Beide deutschen Worte geben den einen antiken Begriff eudaimonia bzw. beatitudo wieder. Und wenn man bedenkt, dass „Heil“ seiner indogermanischen Herkunft nach so viel wie Ganzsein bedeutet (die gleiche Wurzel steckt im griechischen holos und englischen whole = ganz), so wird schon von daher eine enge sachliche Nähe zu dem deutlich, was man unter Glück versteht, nämlich lustvolles Ganz-mit-sich-identisch-Sein, Ganz-bei-sich-Sein. Glück und Heil bezeichnen also ursprünglich das Gleiche. Doch in der Neuzeit hat beides sich im­mer mehr und im derzeitigen Sprachgebrauch fast völlig voneinander dissoziiert, beides be­zeichnet zwei ganz unterschiedliche Vorstellun­gen für gelingendes menschliches Leben. Denn zwar gilt: „Alle Menschen streben nach Glück“ – ein Satz, der sich bis aufs Wort gleich bei so unter­schiedlichen Autoren wie Aristoteles, Thomas von Aquin, Augustinus, Kant und Freud findet –, aber wollen auch alle Heil erlangen? Wohl nicht! Denn der Begriff Heil hat sich in der Neuzeit zu einem religiösen Sonderbegriff entwickelt. Er ar­tikuliert vorwiegend die jenseitige, von Gott ge­schenkte Sinnerfüllung des Menschen und steht damit in einem religiösen oder quasi-religiösen Kontext (letzteres z. B. während des NS-Regimes). Dagegen wird unter Glück fast ausschließlich die diesseitig erfahrbare, lustvolle Befriedigung des Lebens verstanden. Und weil das nicht einer lau­nischen Fortuna überlassen bleiben darf, ist es dem glückgestaltenden Tun des Menschen auf­getragen.

In dieser sprachlichen Differenzierung von Glück und Heil spiegelt sich in einem entscheidenden Punkt, nämlich in der Frage nach Sinnerfüllung des menschlichen Lebens, die fundamentale Ent­fremdung von religiösem Glauben und neuzeitlich säkularisierter Welt wider. Der Glaube kündet von einem durch den Menschen nicht machbaren, jen­seitigen Heil von Gott her, die säkularisierte Gesell­schaft dagegen tendiert zu einem selbstbereiteten erfahrbaren Glück in dieser Welt. Ja, solches Glück wird vom Menschen geradezu beansprucht, nicht zuletzt seitens Gesellschaft und Staat. So zählt in der Präambel der amerikanischen Unabhängigkeitser­klärung das Streben nach Glück sogar zu den unalienable rights des Menschen. Das ist noch nicht antireligiös gemeint, da die Väter der Verfassung diesen Glücksanspruch im göttlichen Recht veran­kert sahen. Dennoch ist auch hier schon bedeutsam, dass der neuzeitliche Glücksbegriff nicht mehr die von Gott geschenkte himmlische Seligkeit bezeich­net, sondern das vom Menschen her machbare Glück, das Wohlbefinden des einzelnen und der Ge­sellschaft. So wird konsequenterweise der religiöse Horizont immer mehr abgeworfen, und die Begrif­fe Glück und Heil brechen vollends auseinander.

Im Zuge der Dissoziierung von Glück und Heil trat noch eine weitere Konsequenz ein. Kann die ganze vorneuzeitliche Philosophie darin über­ein, dass Glück wesenhaft in der Erlangung eines objektiv Guten besteht und dieses objektiv Gute mithin Kriterium des Glücks ist, so kehrt sich die Sequenz in der Neuzeit um: Glück wird mehr und mehr zum subjektiven Gefühl, zum psychischen Wohlbefinden, und eben dieses Glück der Luster­fahrung wird zum Kriterium des objektiv Guten und Richtigen. Da aber das, was jeweils Lust oder Unlust auslöst, nicht verallgemeinert werden kann, wird Glück zu einer streng subjektiven Grö­ße, weshalb schon Diderot bemerkte, die zahlrei­chen Traktate zum Thema Glück seien „stets nur die Geschichten des Glücks der jeweiligen Autoren“. Es lag nur in der Logik dieser Entwicklung, dass mit der Gleichsetzung von Glück = Lustgefühl die Glücksthematik zum Gegenstand empirischer For­schung wurde (Psychologie, Demoskopie usw.). So beschreibt etwa die empirische Glücksforschung die vielfachen Interessen der Menschen und for­muliert auf Grund empirischer Informationen so­wie mit Hilfe einer Kalkulation von Lustgewinn und Lustverlust konkrete Handlungsziele, die mehr und mehr auch zur Grundlage politischer Entscheidungen werden. Somit ist das, was ein­mal das A und O aller Philosophie war – Cicero fasst zusammen: „Die Untersuchung des glückli­chen Lebens ist der einzige (!) Gegenstand, den sich die Philosophie zum Zweck und Ziel setzen muss“ –heute aus ihr ausgewandert und geriet gerade­zu in den Verdacht des Unseriösen. Glück = Lust wurde zum Gegenstand der Bedürfnisforschung, der Werbung, der Unterhaltungsindustrie, des Trivialen, mehr noch: es wurde zur Bezeichnung egoistischer Suche nach Wohlbefinden, so dass der bekannte Psychoanalytiker Alexander Mit­scherlich angesichts der heutigen Weltprobleme sagen konnte: „Als Individuum glücklich zu sein, ist in dieser Zeit moralisch unanständig.“ Solche und ähnliche Aussagen sind nur verständlich auf dem Hintergrund der skizzierten neuzeitlichen Reduk­tion von Glück auf private Lust.

Kein Wunder, dass mit all dem die Glücksthe­matik auch aus Glauben und Theologie weit­gehend verschwunden ist. Deshalb besteht heute dringender Bedarf, sie wieder einzuholen und die getrennten Begriffe Glück und Heil erneut aufeinander zu beziehen. Dazu sei im Folgenden ein klassisches geschichtliches Modell von theolo­gischer Reflexion auf Glück und Heil vorgestellt.

2. Die Synthese von Thomas von Aquin

Bei Thomas findet sich der Satz: „Nach Glück streben heißt nichts anderes als danach streben, dass der Wille gesättigt werde.“ Dieser Hunger nach Glück ist aber so unersättlich, dass er nur dann zur Ruhe kommt, wenn er das bonum universale, d. h. alles nur denk­bar Gute, Schöne und Erfüllende zu eigen erhält. Dieses alles umfassende Gute ist jedoch „nirgends im Bereich der Schöpfung anzutreffen; es findet sich allein in Gott.“ Darum kann vollendetes Glück bzw.

Heil nur in der Gemeinschaft mit Gott, in der Teil­habe an seinem Glück bestehen. Hier, in der glück­seligen Erfahrung Gottes, liegt das letzte Glück/Heil des Menschen. Es begreift Lust, Freude, Entzücken mit ein. Dennoch ist es nicht einfach mit Lusterfah­rung identisch. Glück besteht vielmehr im objektiv gegebenen Glücksgut. Zur Illustration: So wie ein Verdurstender primär den Trank sucht und nicht die Lust am Trinken, so erstrebt der Glücksuchende das objektiv Gute, dessen Erlangung dann auch – in Konsequenz – Lust und Freude hervorruft.

Vollendetes Glück ist in diesem Leben nicht erreichbar. Aber deswegen wird der Glück suchende Mensch nicht auf ein „später einmal“ vertröstet. Denn es gibt für Thomas ein „Glück dieser Welt“. Dieses ist zwar unvollkommen, aber es ist nicht etwas neben dem verheißenen vollen­deten Glück/Heil. Der glaubende Mensch vermag vielmehr in allem wahren Glück dieser Welt ei­nen Vorschein des kommenden höchsten Glücks bei Gott zu erfahren. Denn das vollendete Glück bei Gott entwirft sich in diesem irdischen Leben voraus, wird antizipiert als unvollkommenes, aber durchaus reales Glück, als – wie Thomas sagt – Teilhabe, Abbild, gleichnishafte Annähe­rung des kommenden Heils. Auf welche Weise realisiert sich diese Glückserfahrung? Thomas greift zur Antwort die aristotelische Glückslehre auf. Nach Aristoteles ist irdisches Glück gegeben in der Verwirklichung der Tugenden. Tugend ist für uns heute ein antiquierter, missverständlicher und zumeist auf die sogenannten sittlichen Tu­genden verengter Begriff. Gemeint ist damit aber ursprünglich: Da, wo der Mensch sich handelnd selbst verwirklicht, da erfährt er Glück. Und die­ses Glück ist Gleichnis und Vorschein der verhei­ßenen, im Himmel gegebenen Vollendung des Glücks. In den „Tugenden“ wirft also das Endgül­tige seinen Vorschein voraus. Die Tugenden aber werden – wie Thomas sagt – von der Gnade Got­tes eingegossen, ein Bildwort, das sagen will: Die wahren Tugenden als Voraussetzungen glücken­der Selbstverwirklichung sind nicht Ergebnis ei­gener Leistung des Menschen, sondern Geschenk Gottes.

Zweierlei ist also für das thomanische Glücks­verständnis von Wichtigkeit: (1) Glück liegt nicht im Haben von etwas, sondern im Sein, in der befreiten handelnden Selbstverwirklichung. (2) Dieser glückende Selbstvollzug ist Geschenk, d. h. Glück ist nicht machbar, sondern muss empfan­gen werden. Deshalb nehmen bei Thomas auch nicht die sittlichen, sondern die kontemplativen Tugenden, d. h. Empfangen, Hören, Vernehmen, den obersten Rang ein. Im glaubenden Empfang lässt sich der Mensch von Gott (und vom Mit­menschen) vor allem die Grundbejahung seines Lebens schenken: „Du bist gewollt und bist geliebt, und alles ist letztlich gut!“ Es ist eine Bejahung, die den Menschen seinerseits befähigt, „Ja“ zu sich selbst und zur Wirklichkeit zu sagen. In dieser empfangenden und weitergebenden Bejahung – man kann auch sagen: im Empfang und in der Weitergabe der Liebe – liegt das eigentliche We­sen des Glücks. Dieses Glück ist sowohl im Intel­lekt wie im Willen zuhause, weil sich im Emp­fang der Grundbejahung – „Du bist gewollt und bist geliebt und alles ist letztlich gut!“ – die Wahr­heit als gut und das Gute als wahr erweist. Eben diese Einheit von Wahrem und Gutem ist für Thomas das Schöne. Und so gesehen ist für den Aquinaten Glückserfahrung identisch mit Schön­heitserfahrung.

In den Vollzug der kontemplativen Tugenden be­zieht Thomas die ganze Schöpfung mit ein. Denn zum Vollzug der Kontemplation gehört, dass der Mensch alles in der Welt im Licht Gottes, d. h. von Gott her und auf ihn hin, sieht und so selbst das kleinste Gut der Schöpfung in seiner Transparenz auf Gott und damit auf die von ihm ausgehende Grundbejahung erblicken und verstehen kann.

Das heißt: Alles, was in der Welt ist, die Dinge, Er­eignisse und personalen Beziehungen, sind mehr als nur einfach Dinge, Ereignisse, Beziehungen, die sich im bloßen Haben, Gegebensein, Funktionieren und Ablaufen erschöpfen. Nein, sie sind schön oder können schön sein und sich deshalb als glückbrin­gend erweisen, weil sie in ihrem Aufgang auf Gott und eine letzte Erfüllung verweisen und so etwas davon „vorweg“-verwirklichen. Dieses affirmative Verhältnis zur Welt hat nichts mit einem Überse­hen des Negativen oder einer reaktionären Verklä­rung des Bestehenden zu tun. Vielmehr liegt ein grundsätzlich affirmatives Verhältnis jeder Verän­derungspraxis als Grundbedingung voraus. Denn wenn die Welt nicht als von Gott bejaht und als mich bejahend erfahrbar ist, wenn sie umgekehrt nur negativ, chaotisch, sinnlos, absurd wäre, wäre jegliches Verändernwollen a priori aussichtslos und illusionär. Dagegen drängt die kontemplative Erfah­rung von Liebe, Schönheit, Glück gerade ins Tun, in welchem sich die empfangene Glückserfahrung der Bejahung und Liebe in Weltgestaltung und -engage­ment ausdrückt und an andere weitergibt. Und eben dies geschieht in den sogenannten aktiven Tugen­den. Auch in ihnen verwirklicht sich ja der Mensch. Und sie sind nicht zuletzt der Weg dahin, sich selbst und andere auf das Glück des Empfangens auszu­richten. So gesehen hat das Glück aktiven Lebens für Thomas wesentlich vorbereitenden Charakter. Zu diesem Glück gehört auch die Schaffung äuße­rer guter Verhältnisse, eines Raums äußeren Glücks, dessen der Mensch bedarf, um menschlich zu le­ben und so überhaupt erst kontemplatives Glück erfahren zu können, für sich selbst und für andere.

So lässt sich die Glückstheorie des Thomas in zwei Worte zusammenfassen: (1) Gott ist das vollendete Glück des Menschen, weil er von ihm her die Grundbejahung des Lebens, die große Lie­be erfährt; (2) Wie alles irdische geschaffene Gut ein Gleichnis des ungeschaffenen Gutes, also Got­tes, ist, so ist auch jede Erlangung eines geschaffe­nen Gutes ein gleichnishaftes Glück. Nicht also in der Abkehr vom Irdischen und in der inwendigen Welt der Gnade (wie bei Augustinus und in der von ihm geprägten Tradition) gibt es Glück, son­dern auch in der sinnlichen Erfahrungswelt und durch sie vermittelt. Wo immer Glück erfahren wird, vermag der Glaubende zugleich etwas vom letzten Glück und Heil des verheißenen Gottesrei­ches zu erfahren, eben weil jedes wahrhafte irdi­sche Gut Gleichnis und Vorzeichen des kommen­den ist. Deshalb ist die irdische Lebenszeit nicht nur Vorbereitung auf den Empfang der endgülti­gen himmlischen Glückseligkeit, sondern sie ist auch der Prozess des Wachstums jetzt schon emp­fangenen Glücks aus seiner unvollkommenen irdischen Gestalt zur endgültigen Vollendung. Somit finden wir bei Thomas eine – wenn man so will – prozesshafte Vermittlung von irdischem Glück und himmlischem Heil.

3. Neue Fragen

Wir machen einen großen Sprung in die Ge­genwart. Diese ist – wie schon erwähnt – vom Pathos geprägt, höchstmögliches Glück für alle in dieser Welt selbst herzustellen. Doch haben gerade die letzten Dezennien zu einer gewissen Revision dieser Einstellung geführt. So schreibt z. B. Wolfgang Schneider: „Darf ich mich erst glücklich fühlen, wenn ich Indiens letzten Unbe­rührbaren befreit und gesättigt weiß, so habe ich die Erde in der Tat in ein Jammertal verwandelt. Niemals nämlich darf ich glücklich sein, da die Sättigung al­ler Hungernden dieser Erde meine Macht übersteigtund weil, wenn wirklich alle satt und frei wären, die Sterbenden immer noch hungern müssen.“ Deshalb macht sich in letzter Zeit eine andere Haltung breit, die sich – zugleich realistisch wie resignativ – begnügt mit dem sogenannten kleinen, ver­gänglichen, privaten Glück, das sich in ein biss­chen menschlicher Liebe und Wärme, in emotio­nalen Erlebnissen und in faszinierenden Begeg­nungen mit Natur und Kunst und dergleichen erfahren lässt. Doch wird so nicht die Fragmentarität des Lebens besiegelt, wenn der Mensch sich – um Formulierungen von Goethe aufzugreifen – mit der Unbefriedigtheit jedes Augenblicks und der ewigen Verschränkung von „Qual und Glück“ „weise“ abgefunden hat? Und ist solche Selbstge­nügsamkeit widerspruchsfrei praktizierbar? Ist in uns allen nicht eine Schwerkraft, die uns nicht zufrieden sein lässt, sondern nach letztem Glück drängt, das – wenn es dies denn gibt – allein als Gabe Gottes möglich ist. Gewiss wird man keinem Menschen, der solches Glück für unmöglich hält und sich dennoch als einen glücklichen Men­schen einschätzt, das Glück absprechen. Eben weil jedes auch noch so kleine Glück Gleichnis und Realsymbol vollendeten Heils ist, hat es in sich selbst etwas Überzeugendes. Glück ist sich selbst genug. Und in diesem Sinn braucht man Gott nicht, um glücklich zu sein. Aber das „kleine Glück“, das nicht offen ist für das größere Glück und das in seiner Zerbrechlichkeit nicht nach Dauer verlangt, verliert leicht das Glückhafte, es erstickt und bringt seine eigene Grenze leidvoll zum Bewusstsein. Deshalb ist auch die manchmal so leicht geäußerte Meinung, das Dasein sei selbst schon das Glück, im Grunde genommen mit der absurden These identisch, die Stillung des Durstes bestünde in der Weiterexistenz des Dürstenden. Nein, im Menschen ist ein Verlangen nach Glück, das letztlich unersättlich ist und das für den Glau­benden nur von Gott her einzulösen ist.

4. Glück von Gott her

Dieses Glück von Gott her ist aber keine Vertrös­tung, sondern es zeigt seinen Vorschein in den Grundvollzügen des religiösen Menschen in Glau­be, Hoffnung und Liebe. Dazu am Schluss einige konkretere Hinweise.

(1) Glück im Glauben

Im Glauben nehme ich das unbedingte Ja, das Gott in Jesus Christus zum Menschen gesprochen hat, an und kann so aus dieser Grundbejahung heraus le­ben. Damit besitze ich gewissermaßen einen „Ort“, an dem ich unter allen Umständen ein „Zuhause“habe. Mag auch alles in mir und um mich herum zusammenbrechen: Ich bin geborgen in Gott und kann ohne Verzweiflung und Angst leben. Aus dieser Überzeugung, einen festen Lebensgrund zu haben, resultiert eine letzte Freiheit, ein letztes Gelöstsein und Getröstetsein und damit Glück. Von daher konnte der große Philosoph, Mathematiker und Physiker Blaise Pascal schreiben: „Niemand ist so glücklich … wie ein wahrer Christ.

Und weiter: Das Licht des Glaubens befähigt dazu, die Welt neu zu sehen und zu erfahren. Es ist ja ein Allgemeinplatz, dass man ein und denselben Ge­genstand auf verschiedene Weise betrachten und beurteilen kann. Paradebeispiel dafür ist das halb­gefüllte Wasserglas. Man kann dazu sagen: „Das Glas ist schon halbvoll“, oder: „Das Glas ist ja halbleer.“ Analog ist es mit der Welt als ganzer. Man kann sie resigniert und pessimistisch als Raum von Chaos und Gräuel betrachten; man kann sie aber auch als Raum des Glücks erfahren, weil sich in ihr Gottes Gegenwart und Verheißung ausspricht. So war für Jesus alles in der Welt transparent für Gott und sein kommendes Heil. Er sah in den Blumen des Feldes und in der Nahrung, welche die Vögel des Himmels Anden, sowie im Schein der Sonne und den Schau­ern des Regens Zeichen der Liebe und Sorge Gottes für seine Geschöpfe, auch wenn er realistisch ge­nug war, um zu wissen: Blumen verwelken, Spatzen krepieren, glühende Sonne kann fruchtbare Land­schaften in Wüsten verwandeln und der Regen kann Fundamente wegschwemmen. Und dennoch war für ihn die Schöpfung durchsichtig für Gott und seine Liebe. So war er ein glücklicher Mensch.

(2) Glück in der Hoffnung

Auch die Hoffnung auf ein endgültiges kommendes Glück von Gott her vermag jetzt schon den mensch­lichen Erfahrungshorizont so zu qualifizieren, dass er von der Grundhaltung des Glücks bestimmt ist. Denn der Hoffende weigert sich, die Erfahrung von Leid, Not und Unglück als letztbestimmende hin­zunehmen; er setzt auf das verheißene kommende Glück. Schon solche passiv-wartende Hoffnung ist für eine glückhafte Welt- und Lebensgestaltung nicht folgenlos. Denn sie bewahrt vor Resignation und Verzweiflung und gibt damit erst die Freiheit zu einem unverkrampften, sachlichen, geduldigen und gelassenen Handeln in und an der Welt. Aber es gibt nicht nur passiv-wartende Hoffnung. Hoff­nung ist auch eine innere Kraft, die alles verflüssigt und in Richtung auf das Erhoffte hin in Bewegung setzt. Der Hoffende findet sich nicht ab mit dem, was ist und wie es ist; er löst gleichsam Glückspro­zesse aus, in denen er dem erwarteten Heil entge­gengeht.

(3) Glück in der Liebe

Angesichts dessen, dass im Menschen ein unend­licher Durst nach Liebe ist, zwischenmenschliche Liebe aber wesentlich begrenzt und endlich ist, be­deutet die Entgegennahme der grenzenlosen Liebe Gottes nicht nur, dass „später einmal“ der Durst nach Liebe gestillt wird. Vielmehr befähigt der Glaube, von Gott geliebt zu sein, bereits jetzt zu glückenden menschlichen Beziehungen. Denn wer aus der von Gott empfangenen Liebe lebt, wird sich nicht narziss­tisch auf sich selbst zurückziehen, stößt er enttäuscht auf die Gebrochenheit des andern und dessen be­grenzter Liebesfähigkeit. Er wird vielmehr die in der Beziehung zum Partner, zur Partnerin aufleuchten­de unendliche Liebe selbst lieben. Denn das gehört mit zur Liebe, dass man nicht nur den anderen, die andere, sondern die Liebe selbst liebt. „Ich bin verliebt in die Liebe“, ist darum nicht nur ein Gedanke Augus­tins, sondern hieß völlig zutreffend auch ein Schla­ger-Refrain der 70er Jahre von Chris Roberts. Wer in die Liebe verliebt ist, wird auch den andern trotz sei­ner Begrenztheit lieben können. Paul Claudel lässt im „Seidenen Schuh“ Proeza zu Rodigro sagen. „Du wärst bald am Ende mit mir, wenn ich nicht eins wäre mit dem, der keine Grenzen kennt.“ Damit ist zum Aus­druck gebracht, dass eigentlich nur die grenzenlose

Liebe geliebt werden kann – sonst ist man bald „am Ende“ – aber diese „große“ Liebe bringt sich gerade in der Transparenz zwischenmenschlicher Liebe zur Erfahrung und macht, dass diese unter der Verhei­ßung endgültigen Glücks steht.

So vermitteln Glaube, Hoffnung und Liebe das transzendente endgültige Heil in diesseitige Glückserfahrungen hinein. In ihnen wirkt – so Al­bert Ziegler – „das endgültige Heil … voraus und fängt darum an, mich schon hier und jetzt glücklich zu ma­chen. Deshalb vermag ich mich auch am Glück dieser Erde zu freuen und kann ich beglückt und beglückend leben [Sie zeigen auch, dass] das Glück dieser Erde nicht nur das sprichwörtlich ach, so zerbrechliche Glück [ist], dessen allerletzter Tropfen nicht bitterer Wermut ist, sondern unverzichtbare Freude. Dann wird das kleine Glück eine Vorahnung des ewigen Heils; und das ewige Heil istsich selbst vorauseilendim gegenwärtigen Heil [Glück] anfangsweise und als Hinweis schon selber da.

Quelle: reli+plus. Religionspädagogische Zeitschrift für Praxis & Forschung, Nr. 1-2 (2020), S. 4-7.

Hier der Text als pdf.

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