Karl Jaspers über seine religiöse Erziehung: „Als wir einmal zu spät zur Unterrichtsstunde gekommen waren, wurden wir bestraft dadurch, dass wir diesmal nicht beteten. Wir verwunderten uns über diese Strafe, die uns völlig gleichgültig war, aber hatten ein Gefühl von Mitleid und respektvollem Schonungsbedürfnis gegenüber dem Pfarrer.“

Über die religiöse Erziehung im Elternhaus schrieb Karl Jaspers 1938:

Wenn Kierkegaard auf die Frage, warum er glaube, einmal antwortet: «Weil mein Vater es mir gesagt hat», so gilt Analoges von uns. Es wurde uns Kindern ein Anspruch selbstverständlich, für dessen Begründung ich ebenso sagen könnte: «Mein Vater hat es mir gesagt.» Das war vor allem von früher Kindheit an der Anspruch uneingeschränkter Wahrhaftigkeit […]. Negativ aber war unsere Erziehung charakterisiert durch ein Ignorieren des Christlichen, ohne Polemik, so daß ich vom Christentum erst in der Schule wie von einem bloßen Lehrgegenstand hörte, als ich schon, wenn auch dunkel, einen anderen Grund meines Lebens gewonnen hatte. Daß ich nicht Christ im Sinne positiven Glaubens bin, hat seinen Grund in dem einfachen: Mein Vater hat es mir nicht gesagt. Unsere Eltern erzogen uns ohne Kirche. Niemand lehrte uns beten. Von Gott war nicht die Rede. In der Schule zwar hörten wir früh die biblischen Geschichten, ohne Reflexion, ergriffen, aber wie Märchen, bei denen die Frage nach Wirklichkeit und Unwirklichkeit gar nicht gestellt wird Später ging durch alle Schuljahre der Religionsunterricht, der zumeist als völlig nebensächlich und lästig behandelt wurde […]. Der Konlirmationsunterricht wurde mitgemacht wie eine Konvention. Der Inhalt des Unterrichts war nunmehr, da wir älter geworden waren, radikal unglaubwürdig, wie wir ohnehin erwartet hallen, der unterrichtende Pfarrer persönlich uns unsympathisch. Daß Sterne niemals Zusammenstößen, sollte ein Beweis für das Dasein Gottes sein, der ihren Lauf regiere […]. Als wir einmal zu spät zur Unterrichtsstunde gekommen waren, wurden wir bestraft dadurch, daß wir diesmal nicht beteten. Wir verwunderten uns über diese Strafe, die uns völlig gleichgültig war, aber hatten ein Gefühl von Mitleid und respektvollem Schonungsbedürfnis gegenüber dem Pfarrer. Für den Konfirmationstag dachten wir, in Hinsicht auf ein Fest, ausschließlich an weltliche Dinge. Ich bekam auf meinen Wunsch kunstgcschichtliche Bücher und einen Abguß des Kopfes des Hermes von Praxiteles […]. Mein Vater war zur Feier nicht mitgegangen. Er könne, so hieß es, wegen seiner Glatze die kalte Kirchenluft nicht vertragen. Der Pfarrer besuchte uns nach der Feier, um zu gratulieren, machte eine wunderliche Figur, wurde mit aller Freundlichkeit empfangen und bewirtet. Auf eine religiöse Sache kam er begreiflicherweise angesichts dieser Umwelt nicht zu sprechen.

Quelle: Karl Jaspers, Elternhaus und Kindheit (1938), in ders.: Schicksal und Wille. Autobiographische Schriften, hg. von Hans Saner (München: Piper, 1967) S. 84f.

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