Homo oeconomicus und Menschenbild
Von Karl Homann
Die Standardkritik besonders von Theologen und Philosophen an der Ökonomik lautet, sie arbeite mit einem ‚verkürzten Menschenbild‘: Der homo oeconomicus verfehle sowohl empirisch wie auch normativ den ‚wirklichen‘ Menschen. Zum Beleg für ihr Verständnis von Ökonomik können die Kritiker auf die ökonomische Literatur verweisen. So halten M. Tietzel, G. Kirchgäßner und B. S. Frey den homo oeconomicus für eine empirisch grundsätzlich zutreffende Auffassung vom Menschen, auch wenn Frey dies auf den großen mittleren Bereich einer als Normalverteilung gedachten Population beschränken will, während sich außen die anomalen Fälle des „gutartigen“ und „bösartigen“ Menschentyps befinden. H. Giersch argumentiert normativ: Er sieht die „Moral der offenen Märkte“ am besten im „Menschenbild“ des homo oeconomicus expliziert, insofern dieser bereit ist, „sich eigene Zwecke und Ziele zu setzen“ und dafür die Verantwortung zu übernehmen, und Giersch setzt, sich der Tragweite seiner Ausführungen durchaus bewußt, hinzu: „teils auch im Gegensatz zum Zoon politikon“. Die Grundbestimmung der abendländischen Philosophie vom Menschen als Gemeinschaftswesen wird so auf dem Altar der Marktwirtschaft geopfert.
Für uns stellt der homo oeconomicus kein Menschenbild im Sinne der Theologie und Philosophie dar, das den Menschen in der ganzen Fülle seiner gegenwärtigen und historischen Existenz beschreiben soll; so verstanden, wäre der homo oeconomicus empirisch vielfach falsifiziert und normativ abzulehnen. Der homo oeconomicus stellt ein Modell vom Menschen dar, das nur zu ganz spezifischen Forschungszwecken entwickelt worden ist und nur für diese eingeschränkten Forschungszwecke mehr oder weniger tauglich sein kann. Selbst wenn die Ökonomik – zumindest implizit – ein Menschenbild verwendet, kann man es keinesfalls im homo oeconomicus suchen oder finden; man ist hier an der falschen Adresse.
Der Forschungszweck, der A. Smith und nach ihm die klassische ökonomische Theorietradition veranlaßt hat, implizit bzw. später dann explizit das Modell des homo oeconomicus zu verwenden, ist die komparative Institutionenanalyse. Deren Kernfrage lautet: Wie soll das Institutionensystem einer Gesellschaft gestaltet werden? Diese Frage zieht die nächste Frage nach sich: Wie reagieren die Individuen auf alternative institutionelle Arrangements? Um diese Kernfragen der klassischen Ökonomik zu beantworten, muß man die in den alternativen Institutionen inkorporierten Anreizstrukturen untersuchen. Dahinter steht die Auffassung, daß Institutionen in einer komplexen Gesellschaft nur dann in der gewünschten Weise funktionieren, wenn man zur Erreichung dieses Zwecks – man könnte sagen: des Gemeinwohls – auf individuelle Anreize als den Motor der Handlungen der vielen einzelnen setzt und nicht auf normative Postulate. Um die Funktions- Probleme gesellschaftlicher Institutionen ins Zentrum der Analyse zu rücken, argumentiert die ökonomische Institutionenanalyse so, daß sie die permanente Nutzenmaximierung durch den einzelnen in seinen Handlungen – wenn man will: kontrafaktisch – unterstellt. In die Modellsprache transformiert, arbeitet die Einzelwissenschaft Ökonomik in diesem Kontext mit dem folgenden Erklärungsschema: Akteure maximieren ihren erwarteten Nutzen unter Nebenbedingungen.
Dieser soeben angeführte Satz weist methodologisch zwei entscheidende Charakteristika auf: Zum einen ist er keine empirische Aussage, sondern ein präempirisches Schema zur gedanklichen Strukturierung bei der Erforschung der Empirie – analog der Kategorie der Kausalität bei I. Kant; dieser Satz ist nicht Resultat empirischer Forschung, sondern die Voraussetzung empirischer Forschung in der Ökonomik. Zum zweiten ist er eine Modellaussage, die nicht dahin mißverstanden werden darf, daß Menschen, lebensweltlich gesprochen, nach utilitaristischer Auffassung immer nur rast- und ruhelos „maximieren“; diese Vorstellung ist wissenschaftlich nicht ernst zu nehmen, sie wäre eher ein dankbarer Stoff für eine Satire.
Wenn man die in der Sprache einzelwissenschaftlicher Modelle durchgeführten Analysen der ökonomischen Institutionenanalyse in der Ethik und in lebensweltlichen Argumentationen verwenden will, ist daher eine Übersetzung in deren andere Redeweisen vorzunehmen. Auf die ethische und lebensweltliche Redeweise umformuliert, bedeuten diese Analysen: Wenn die durch bestimmte institutionelle Arrangements gesetzten Sanktions- und Belohnungssysteme von der Art sind, daß moralisches Verhalten – nicht im Einzelfall, sondern – systematisch und dauerhaft mit ökonomischen Nachteilen ‚bestraft‘ wird, dann wird die Moral in einer komplexen, durch tiefe Arbeitsteilung und anonyme Austauschbeziehungen gekennzeichneten Welt sehr schnell erodieren; sie kann keinen Bestand haben. Unter Wettbewerbsbedingungen fühlen sich dann genau diejenigen, die moralisch handeln, ausgebeutet, sie müssen sich vorkommen wie der sprichwörtliche ‚dumme August‘, und daß sie diese Rolle auf Dauer (er-)tragen, ist weder generell zu erwarten noch auch moralisch zumutbar. Die „Nutzenmaximierung“ der Modellsprache ist lebensweltlich zu verstehen nicht als Aktion aller, sondern als Re-Aktion des einzelnen auf das Verhalten anderer, das ihn in Nachteil bringt. In modernen Gesellschaften gibt es immer einzelne Defektierer, die dem Gemeinwohl schaden. Das Problem der Ökonomik besteht darin, ob dieses Defektieren Schule macht, d.h. die Institutionen zerstört. Dafür muß man die von den Institutionen bestimmte Anreizstruktur für den einzelnen untersuchen. Wenn sich das Defektieren ökonomisch lohnt, können einzelne Defektierer gemäß der Logik des Gefangenendilemmas eine ganze Gesellschaft auf den Weg der Defektion ‚zwingen‘, und die Institutionen würden erodieren.
Der homo oeconomicus stellt daher die Sonde dar, mit deren Hilfe der Ökonom die dauerhafte Funktionsfähigkeit von Institutionen angesichts der immer wieder auftretenden Defektionen untersucht. Der homo oeconomicus stellt die Heuristik dar, mit der der Ökonom seine spezifischen Forschungsfragen beantwortet. Nur wenn ein vorgeschlagenes oder etabliertes institutionelles Arrangement auch dann stabil bleibt, wenn – gedanklich – in dieses Arrangement der homo oeconomicus eingesetzt wird, kann der Ökonom die Etablierung oder Beibehaltung dieses Arrangements empfehlen. Aufgrund der Strukturen moderner Gesellschaften – anonyme Austauschbeziehungen, zunehmende Interdependenzen, mangelnde unmittelbare soziale Kontrolle – müssen alle Institutionen dem Homo-oeconomicus-Test, dem H-O-Test, unterworfen werden. Nur solche institutionellen Arrangements, die h-o-resistent sind bzw. sich h-o-resistent ausgestalten lassen, können von Ökonomen empfohlen werden.
Es ist also unrichtig, wenn K.-O. Apel, J. Habermas und im Anschluß an beide P. Ulrich der Ökonomik vorwerfen, sie bleibe in der Werthierarchie bei lediglich „strategischer Rationalität“ stehen. Der Ökonomik geht es um das Gemeinwohl, um die Solidarität aller Menschen, um die Entwicklung der individuellen Freiheit aller in Gemeinschaft mit anderen: Über das Ziel gibt es keinen Dissens. Unter den Bedingungen der modernen Wirtschaft und Gesellschaft bedarf die Implementation dieses Ziels jedoch besonderer Vorkehrungen, da systematisch Dilemmastrukturen auftreten. Das bedeutet, daß ein einzelner Defektierer das institutionelle Arrangement kippen kann. Um des Ausbaus der Solidarität willen sind die auftretenden Dilemmastrukturen nicht zu fürchten, es gilt vielmehr, sie beherrschbar zu machen, um einen kontrollierten Umgang mit ihnen zu ermöglichen, damit das außerordentliche Produktivitätspotential, das in ihnen liegt, ausgeschöpft werden kann. Wir hatten oben in 2.1.3 entwickelt, daß dieser kontrollierte Umgang mit Dilemmastrukturen bedeutet, sie je nach Bedarf entweder zu etablieren (Wettbewerb) oder zu überwinden (Rahmenordnung). Gerade weil wir die moderne Wirtschaft und Gesellschaft zunehmend von Dilemmastrukturen gekennzeichnet sehen, sind wir der Auffassung, daß die Realisierung moralischer Intentionen – in Habermasscher Terminologie: von kommunikativer Rationalität – durch eigeninteressiertes Handeln abgearbeitet wird, was bedeutet, daß geeignete institutionelle Arrangements getroffen werden müssen, die h-o-resistent sind. Hierzu ist der ökonomische Forschungsansatz, der mit strategischer Rationalität arbeitet, unverzichtbar.
In dieser Weise interpretiert, leistet die Ökonomik einen fundamentalen Beitrag zur Ethik unter den Bedingungen einer komplexen Gesellschaft. Abendländische Ethik ist paradigmatisch eine Kleingruppenethik. Unter den Bedingungen großer, anonymer Gruppen kann das moralisch gewünschte Resultat zunehmend weniger über individuelle Moral und individuelles Gewissen erzielt werden. Aus diesem Grund ging A. Smith in „Wealth of Nations“ an die Erforschung der Anreizwirkungen alternativer institutioneller Arrangements, womit er der neuen Einzelwissenschaft Ökonomik ihre Fragestellung vorgegeben hat.
Man kann dieselbe Problematik auch an der Einschätzung von T. Hobbes verdeutlichen. In dieser Weise interpretiert, spricht er in seinen bekannten Formulierungen „homo homini lupus“ und „bellum omnium contra omnes“ nicht über ,den Menschen‘, sondern über die Re-Aktion von einzelnen Menschen in bestimmten Problemsituationen, in jenen Problemsituationen nämlich, die man heute als Gefangenendilemmasituationen expliziert. Dann vertritt er nicht ein pessimistisches, sondern eher ein optimistisches Menschenbild: Wenn es vorteilhaft für die Gesellschaft ist, durch bestimmte Arrangements der Zusammenarbeit in großen Gruppen Produktivitätssteigerungen zu realisieren, und wenn diese dann Gefangenendilemmastrukturen mit sich bringen (z.B. allgemeine Abrüstung, Rechtsordnung, Wettbewerbsordnung etc.), dann kann nach Hobbes die Gesellschaft dies riskieren, ohne die ruinösen Konsequenzen von Gefangenendilemmasituationen befürchten zu müssen. Denn der Mensch ist nach Hobbes „durch Vernunft und gewissermaßen auch durch seine Leidenschaften“ in der Lage, diese Gefangenendilemmasituationen zu beherrschen. So zeigt er, wie das öffentliche Gut „Friede“ dadurch realisiert werden kann, daß ein Gewaltmonopol etabliert wird mit der Aufgabe, Verletzungen der Friedensordnung durch einzelne Defektierer zu sanktionieren. Durch Vernunft können wir die gesellschaftliche Ordnung so gestalten, daß die entstehenden Gefangenendilemmasituationen entweder von vornherein vermieden oder so überwunden werden, daß sie nicht jene destruktive Kraft entwickeln, auf die die Ökonomik mit Hilfe des Modells des homo oeconomicus hinweist. Durch Vernunft können wir aber auch, dies ist die Botschaft von A. Smith, Gefangenendilemmasituationen bewußt etablieren und aufrechterhalten (Wettbewerb), damit dem Gemeinwohl bzw. der Solidarität aller Menschen gedient wird.
Nachdem klargestellt ist, daß der homo oeconomicus nicht als ‚Menschenbild‘ zu verstehen ist, kann man jetzt mit guten Gründen argumentieren, daß diese Ökonomik gleichwohl, zumindest implizit, so etwas wie ein ‚Menschenbild‘ verwendet. Dieses ‚Menschenbild‘ der Ökonomik steht eher im Hintergrund und wird nur selten expliziert. Es ist auch nicht sehr elaboriert und daher auch nicht sehr profiliert. Es ist eher ein Durchschnittsverständnis vom Menschen, ein lebensweltliches Verständnis vom Menschen. Es ist zudem noch möglichst sparsam gehalten, es verzichtet bewußt auf alle problematischen Aussagen über den Menschen, um den Vorteil ‚schwacher‘ Argumentationsvoraussetzungen, nämlich die möglichst breite Akzeptanz, nutzen zu können. Hinsichtlich der positiven Theorie scheinen uns die folgenden Bestimmungen zu diesem impliziten Menschenbild der Ökonomik zu gehören: (1) Der Mensch kann kalkulieren und planen, er hat in diesem Sinne Vernunft. (2) Der Mensch hat – innerhalb bestimmter Restriktionen – eine ökonomisch relevante Entscheidungsfreiheit. (3) Er hat individuelle Bedürfnisse, Präferenzen, Interessen. (4) Er ist ein soziales Wesen, ein Wesen, das sich in seinem Verhalten am Verhalten anderer orientiert. (5) Er ist in der Lage, sein Verhalten auch durch moralische Normen, Ideale zu steuern.
Diese Liste ist sehr vorläufig; vielleicht enthält sie sogar noch Redundanzen. Es ist unwahrscheinlich, daß sie bei genauerer Betrachtung umfassender wird, denn ihrer Rolle gemäß soll sie gar nicht umfassender werden, das wäre für den Forschungszweck: Gestaltung der Ordnung einer modernen, pluralistischen Gesellschaft, kontraproduktiv. Sie enthält bewußt keine metaphysischen oder theologischen Aussagen, sie enthält keine weiteren Werte, keine Weltanschauung o.ä. Sie schließt allerdings nicht aus, daß einzelne Menschen oder Gruppen von Menschen solche Auffassungen haben und sich in ihrem Verhalten nach ihnen richten, ja, für bestimmte Zwecke ist die Ökonomik sogar auf den Input metaphysischer oder moralischer Überzeugungen von einzelnen oder Gruppen angewiesen. Aber als Wissenschaft bezieht sie in diesen Fragen keine inhaltliche Position. Dies gilt auch für das normative Verständnis vom Menschen: Außer der offenen „Solidarität aller Menschen“ kann die Ökonomik keine präziseren Bestimmungen geben.
Quelle: Karl Homann/Franz Blome-Drees, Wirtschafts- und Unternehmensethik, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1992, S. 92-98.