Silvesterpredigt über Matthäus 28, 20
Von Rolf Wischnath
Auch heute Abend möchte ich mit Ihnen nur einen Vers aus dem Neuen Testament bedenken. Es lautet JESUS CHRISTUS SPRICHT: „SIEHE ICH BIN BEI EUCH ALLE TAGE BIS AN DER WELT ENDE.“
Dieses Wort ist nach dem Evangelisten Matthäus das letzte Wort des von den Toten auferstandenen Jesus Christus an seine Jünger. Es wird uns zum Ende eines bösen Jahres gesagt. Ich muss da ja jetzt nicht alles Widerwärtige aufzählen. Exemplarisch ist da der verbrecherische Krieg in der Ukraine. Wir wissen wohl alle, wie abgrundtief böse dieser Krieg angezettelt worden ist und nun geführt wird – mit bislang 100 000 Toten auf der einen wie der anderen Seite. Das habe ich nun notwendigerweise gesagt. Und darüber möchte ich jetzt kein weiteres Wort sagen.
Wir wollen nun auch darauf achten, dass wir hier in Berlin wieder ein unglaublich schönes und reiches Jahr hinter uns haben. Schon allein dadurch, dass wohl Jede und Jeder von uns zwölf Monate und 365 Tage hindurch reichlich zu essen hatte, was achthundert-Millionen Menschen auf unserer Erde im globalen Süden nicht haben. Von diesen 8 mit sechs Nullen sterben täglich – nach Feststellungen von UNICEF – 24.000. 24.000! So werden wir täglich gefragt, ob wir nicht nur ein Drittel unserer Lebensmittel wegschmeißen, sondern der Hungernden eingedenk sind. –
Im letzten Wort Jesu auf dem Berg der Bergpredigt und der Himmelfahrt sagt Jesus den Satz: „Ich bin bei euch.“ „Ich bin bei euch“ – das ist im Mund des Auferstandenen die Zusage der gnädigen Gegenwart Gottes in Christus in seiner Gnade und Treue. Es ist gleichsam Gottes Währung. Er selbst ist es in seiner ewigen Bewährung und Bewahrung: „Ich bin bei euch“ – stärkstes Wort des Trostes, das in menschlicher Sprache ausgesprochen und einander zugesprochen werden kann, ein Wort, das die Angst vertreibt, ein Wort, unter dem schon und gerade auch Kinder die Sprache der Hoffnung lernen: „Ich bin doch da, ich bin bei Euch.“ Nichts kann und wird uns mehr von Gott, der in Jesus von Nazareth einen menschlichen Lebensweg mit uns teilt, trennen, keine äußerste Fremde, nicht Schuld und Schulden, nicht einmal „der Sünde Sold“, der Tod.
Machen wir uns klar, dass bei dem Wort „Ich bin bei euch“ der jüdische Hörer in diesem Wort die innige Verheißung des alten Namens Gottes hört. Diesen Namen sprechen Jüdinnen und Juden im Respekt vor der Unfasslichkeit des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs nicht aus, obwohl sie wissen, dass sie täglich aus der Kraft dieses Namens leben. „Ich bin bei euch“ oder „Ich bin doch da“ – das ist die deutsche Übersetzung des Gottesnamens. Der Name Gottes verbindet sich hier mit dem Namen des Auferstandenen, der sein Volk und auch uns errettet von allen seinen Sünden. Und steht der Gottesname schon in der Thora, dem göttlichen Gesetz, für die Menschlichkeit, die das Recht nicht beugt und den Schuldigen und Schwachen nicht von dem Starken unterdrücken lässt, so wird diese Hoffnung im Wort Jesu aufgenommen und bestätigt und zugleich in ein neues Licht gerückt für die Völkerwelt und alle Zeit. Ich weise darauf hin, dass das Versprechen des auferstandenen im Deutschen einen doppelten Sinn hat. Es kann nämlich heißen: Ich bin bei Euch … bis an das Ende der Welt und dann hat es die örtliche, grenzenlose Bedeutung: Ich bin überall bei Euch. Und dann hat es die zeitliche Bedeutung: … aller Tage bis an der Welt Ende, nämlich bis zum Ende aller Zeiten.
Mit diesem Versprechen „Ich bin bei Euch“ machen wir uns auf den Weg in ein neues Jahr 2023. Es gibt uns die Kraft zu trösten, zu ermutigen, nicht aufzugeben. Dieses Versprechen des Auferstandenen lässt uns unser schönes und gefährdetes Leben gestalten und ertragen, zuversichtlich angehen und dankbar wahrnehmen. Es bringt Menschen in der Gemeinschaft des Gottvertrauens und der von ihm gegebenen Verantwortung für das Leben und seine geliebte Welt zusammen. In diesem Sinn ist die Kirche und in ihr jede christliche Gemeinde wie diese Gemeinde in Waidmannslust eine Zusammenbringung von Menschen. Sie werden das in Ihrer evangelischen Gemeinde auch in Waidmannslust immer wieder erfahren: die Wahrheit Gottes in diesem großen Versprechen, die Ermutigung zum Leben und einer getrosten und zuversichtlichen Wahrnehmung unserer menschlichen Verantwortung füreinander und für die Welt.
Ein Jahr geht zu Ende, – ein für viele Menschen (besonderes – besonders ein unvorstellbar bitteres für die Menschen in der Ukraine). Ein neues beginnt. Wird es besser als das 2022. Unter dem Versprechen „Ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende“ erschlagen uns die bitteren Tage nicht. Darum dürfen wir uns bei allen Sorgen dennoch freuen auf das neue Jahr. Es wird ein Jahr der der treuen Gegenwart Gottes ist.
Gehalten am 31. Dezember 2022 in Waidmannslust.
Rolf Wischnath (* 1948) ist Pastor in Gütersloh und Soest.