Nerses IV. Schnorhalis Worte aus seiner „Elegie über Edessa“ (1145) im Hinblick auf die Vertreibung der Armenier aus der Region Bergkarabach: „Mein Herz ist in Ängsten / und ich ringe mit mir selbst / und bin schmerzlich mit mir selbst gequält. / Und meine Seele und Geist sind in Aufruhr, / wenn ich mir den letzten unseligen Tag in Erinnerung rufe / und das Morgen, das so dunkel ist.“

Aus der Elegie über Edessa

Von Nerses IV. Schnorhali

Nach der Vertreibung der Armenier aus der Region Bergkarabach im September 2023 durch Aserbeidschan haben Nerses IV. Schnorhalis Worte aus seiner „Elegie über Edessa“ eine neuen Klang gewonnen. Dieses Gedicht, bestehend aus 2690 Zeilen erzählt die Geschichte der Zerstörung der Stadt Edessa mit dem Massaker an der christlichen Bevölkerung durch Zengi, den muslimischen Herrscher von Aleppo (1144):

Klagt, o ihr Kirchen,
Bräute der Hochzeitskammer,
meine geliebten Schwestern und Brüder,
die ihr zerstreut seid in der ganzen Welt,
Nationen und Rassen, die es auf der Welt gibt,
an Christus Gläubige
und Anbeter seines Kreuzes! […]

Aber ich lade auch dich ein,
o du östliche Stadt Ani!
Denn in vergangener Zeit kamst auch du
als huldvoll angenommene Braut unter den Schleier,
zum Wohlgefallen derer, die nachbarlich wohnten,
ersehnt von denen, die ferne waren …
Und so richte ich an dich meine Worte,
o Kirche der Armenier,
auf welche die Strahlen himmlischen Lichtes fallen. […]

Mein Herz ist in Ängsten
und ich ringe mit mir selbst
und bin schmerzlich mit mir selbst gequält.
Und meine Seele und Geist sind in Aufruhr,
wenn ich mir den letzten unseligen Tag in Erinnerung rufe
und das Morgen, das so dunkel ist. […]

Nerses beschließt seine Elegie mit folgender Vision:

Sie sollen kommen von allen Orten,
wohin sie, jetzt verfolgt, flohen und zerstreut wurden.
O meine Kinder, die ihr so weit weggelaufen seid
und von mir getrennt wurdet!
Ihr werdet wiederkommen, auf Reisewagen sitzend,
von Pferden gezogen.
Indem ich meine Augen vom hohen Aussichtspunkt erhebe,
sehe ich euch alle versammelt und bin erfüllt von Entzücken.
Ich schließe euch in meine Arme.
Ich werfe die Trauerkleider weg.
Ich ziehe andere Kleider an, rot und grün.

Quelle: Friedrich Heyer (Hrsg.), Kirche Armeniens. Eine Volkskirche zwischen Ost und West, Stuttgart: Evangelisches Verlagswerk, 1978, S. 64f.

Hier der Text als pdf.

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