Die Antiquiertheit des Sterbens (1979)
Von Günther Anders
Im Zeitalter des Machens darf es eigentlich keine ungemachten Geschehnisse geben, mindestens keine, die unverwertbar oder nicht mindestens in ein Produktionsgeschehnis integriert wären. Die Tatsache, daß es noch immer Geschehnisse gibt, die einfach physei da-sind und noch nicht einmal als Material oder Energiequelle dienen (z.B. Sonnenhitze, die sich „nichtsnutzig“ ins All verstrahlt), ist für uns Heutige skandalöseste Verschwendung. In Molussien hat kurz vor dem Untergang der Stadt ein Forscherteam an der Aufgabe gearbeitet, herauszufinden, ob nicht das unprofitable Fortsterben der Bürger irgendwie in Energie umgesetzt werden könnte.
So weit sind wir zwar noch nicht. Aber keine Übertreibung ist es zu behaupten, daß immer weniger von uns einfach an Lebensmüdigkeit oder Altersschwäche sterben. Einfache Sterbefälle sind bereits altertümliche Raritäten. Zumeist wird der Tod hergestellt. Gestorben wird. Nicht Sterbliche sind wir Heutigen, primär vielmehr Ermordbare. Sofern wir nicht durch Napalm, Radioaktivität oder Gas umgebracht werden – die Vergasten sind ja in der Tat schon nicht mehr vergeudet gestorben, ihre Leichname sind ja nicht mehr „nicht-nutzig“ gewesen –, werden wir in verchromte Sterbefabriken verlagert. In diesen werden wir zwar nicht umgebracht (umgekehrt wird ja unser Sterben durch bewundernswerte Manipulation hinausgezögert); aber während dieser Verzögerungszeit werden wir doch so fest in den Apparat eingeschaltet, daß wir zu dessen Teil, unser Sterben zum Teil der Apparatfunktionen und unser Tod zum momentanen Binnenereignis innerhalb des Apparats wird. In der Intensivstation der molussischen Stadt Vaslegas sind diese Apparate an sound tapes angeschlossen, die – man klage nicht über Gemüts- oder Kulturlosigkeit unseres Zeitalters – im Augenblick des eintretenden Todes automatisch die ersten fünf Takte des Chopinschen Trauermarsches auftönen lassen.
Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band II: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, München: C.H. Beck, 1980, S. 247.