Von Albrecht Grözinger
I.
Hier schreibt ein Mensch in grösster Not. Der Apostel Paulus ist in Gefangenschaft geraten. Er sitzt im Gefängnis und wartet. Das ist nun einfach und schnell gesagt: Paulus sitzt im Gefängnis und wartet. Wir dürfen ja nicht vergessen, dass im Gefängnis festgehalten zu werden, in der Antike etwas ganz anderes war als heute. Zwar sicherte das Römische Recht Gefangenen, soweit sie wie Paulus römische Staatsbürger waren, ein gewisses Mindestmass an zu erwartenden rechtlichen Abläufen zu. Ein Rechtsstaat im modernen Sinne, mit seinem Schutz von Anwälten, Gesetzen und unabhängigen Richtern, war das Römische Reich aber mit Sicherheit nicht. Wer da im Gefängnis sass, der konnte letztlich nicht absehen, was auf ihn zukam.
Und deshalb können wir mit gleichen Recht zur Situation des Paulus sagen: Er sitzt in der völligen Ungesichertheit und wartet ab. Nein – das stimmt so nicht. Sicher wartet Paulus. Es bleibt ihm auch nichts anderes übrig. Aber er wartet nicht einfach ab. Paulus erhebt seine Stimme, indem er an die Gemeinde in Philippi einen Brief schreibt. Wir können also wohl am genausten sagen: Paulus sitzt in der völligen Ungesichertheit und er erhebt seine Stimme.
II.
Es ist die Stimme des gefährdeten Lebens. Dieser Stimme möchte ich heute in meiner Predigt nachspüren. Wenn ich von der Stimme des gefährdeten Lebens spreche, dann sind wir plötzlich nicht mehr nur bei Paulus und seinem Gefängnisaufenthalt. Die Stimme des gefährdeten Lebens ist uns wohl allen aus unserer eigenen Erfahrung vertraut. Es ist unsere eigene Stimme. Diese Stimme verbindet uns mit den anderen Menschen. Die Gefährdungen des Lebens mögen verschieden sein – auch in ihrem Gewicht und ihrer Dramatik. Es das Eine, in eine Prüfungsklausur zu gehen und nicht zu wissen, was dabei herauskommt. Und es ist etwas völlig anderes, in einer Liebesbeziehung zu stehen, deren Scheitern am Horizont aufscheint. Und es ist noch einmal etwas anderes, mit einem Krankheitsverlauf konfrontiert zu sein, von der nicht einmal der Arzt oder die Ärztin sagen kann, ob er zu einer Heilung führt oder nicht. So verschieden die Gefährdungen des Lebens auch sind, mit solchen Gefährdungen sind wir alle vertraut – ich sage es noch einmal: in verschiedenem Gewicht und verschiedener Dramatik.
Der Apostel erhebt in seiner Gefährdungslage seine Stimme. Das ist nicht selbstverständlich. Wie oft vermögen Menschen gerade dies nicht zu tun: in Gefährdungslagen ihre Stimme zu erheben? Und viele unter uns kennen sicher auch solche Situationen des Verstummens in ihrem eigenen Leben. Situationen, in denen nicht einmal mehr die Klage möglich ist. Und deshalb ist es so wichtig, auf diese Stimmen zu hören, wo immer sie inmitten des gefährdeten Lebens erhoben werden. Dass geklagt wird, ist schon ein Ausdruck von Humanität, von Menschlichkeit.
III.
Dabei kann die Stimme des gefährdeten Lebens einen rauhen Klang annehmen. Und an einigen Stellen hat auch die Stimme des Paulus einen solchen rauhen Klang – dort, wo er über seine theologischen Gegner spricht. Die wissenschaftlichen Textausleger machen uns darauf aufmerksam, dass dort, wo Paulus seinen Gegnern Neid, Streitsucht und Eigennutz vorwirft, er auf gängige rhetorische Klischees der Antike zurück greift. Klischees sind aber immer ungerecht, weil niemand unter uns in solchen verallgemeinernden Klischees aufgeht. Das Leben ist immer noch einmal anders, als die Klischees und ansinnen.
Ich mag aber Paulus an dieser Stelle gar nicht kritisieren. Von der Kanzel herab schon gar nicht. Ich selbst weiss nicht, wie ich an der Stelle des Paulus reagiert hätte. Und vor allem höre ich unter der Rauheit seiner Stimme gegenüber den Gegner auch noch einen anderen Klang. „Was tut’s aber?“ unterbricht Paulus sich selbst. Und plötzlich ist da ein anderer Klang: Sie, meine Gegner, verkündigen ja Christus – aus welchen Gründen auch immer. Der sich so unterbrechende Paulus ist mir sympathisch. Vor allem wenn man weiss, wie hochpolemisch Paulus in seinen Briefen sein kann, wenn er für die Sache des Evangeliums kämpft.
An dieser Stelle aber unterbricht sich Paulus. Er fällt sich gleichsam selbst ins Wort – sich selbst und uns zugute. Wieso sage ich: sich selbst und uns zugute? Weil ich genau an dieser Stelle, wo Paulus sich selbst unterbricht, den wärmsten Klang seiner Stimme wahrnehme. Und dieser Klang öffnet uns die Sicht in eine ganz andere Welt hinein: Die Stimme des gefährdeten Lebens wandelt sich. Sie ruft über die Situation der Gefährdung hinaus.
IV.
Die Gefährdung selbst ist damit nicht verschwunden. So etwas tun nur schlechte Tröster, über die Situation hinwegreden. Die Stimme, auf die wir in dieser Predigt hören, weitet sich. Sie weitet damit auch unsere Sicht: „… wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht wird an meinem Leben, es sei durch Leben oder durch Tod.“ Die Stimme des Paulus wird hell und klar, wie ein blankes C-Dur in einem Bach-Choral. Ich höre da kein Triumphieren über irgendwelche Gegner mehr, sondern einen Ernst, der das Leben liebt. Ja, gerade weil diese Stimme vom Leben und vom Tod spricht, spricht sie mitten aus dem Leben für das Leben.
Ich höre aus dieser Stimme jedenfalls keine Todessehnsucht heraus, sondern einen Realismus, der weiss, dass das ein Leben, das den Tod ausblendet, im Grunde ein halbiertes, und deshalb unmenschliches Leben ist. Gewiss, in der Frömmigkeitsgeschichte wurde die Stimme des Paulus immer wieder zu einer Stimme der Todessehnsucht und der Todesverherrlichung gemacht. Und besonders die Religionen in all ihrer Vielfalt sind für solche Tönungen anfällig. Bis in unsere Tage hinein, wo religiöser Fanatismus und Terrorismus den Tod geradezu zelebriert. „Ihr liebt das Leben und wir lieben den Tod“ – so ist es in einem Bekennervideo zu hören, das die Terroristen des Attentates in Madrid vom März 2004 veröffentlicht haben.
„Ihr liebt das Leben und wir lieben den Tod.“ Ich glaube nicht, dass die Menschen, die diesen Satz gesprochen haben, sich auf den Koran berufen können. Sie können sich auf keinen Fall auf den Apostel Paulus berufen. Die Stimme des Paulus ist geradezu die Gegenstimme zu diesem Satz auf dem Bekennervideo.
V.
„Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.“ Diese Worte wurden und werden seither über Jahrhunderte hinweg an Gräbern gesprochen. Sie gehören zu dem was einst mit lauter Stimme – und wir tun dies heute leiser und zögerlicher – das christliche Abendland genannt wurde. Wir sprechen oder hören diese Worte, wenn wir die Menschen zu Grabe tragen, die wir geliebt haben. Und wir sprechen sie mit guten Gründen auch an den Gräbern von Menschen, deren Leben vielleicht gar nicht so liebenswert war.
Gewiss – auch dieser Satz lässt sich missbrauchen, wie sich jede Wahrheit missbrauchen lässt. Aber gegen einen solchen Missbrauch hilft nur das genaue Hin-Hören, das genaue Nach-Buchstabieren dieser Worte.
„Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.“ Das Leben steht hier mit Bedacht am Anfang. Das Leben, wie es die Menschen im Umfeld Jesu von Nazareth erfahren haben. Jesus von Nazareth – der Mensch, dessen Menschlichkeit ihn selbst zu Tode brachte. Und dessen Tod die ersten Christinnen und Christen als den Durchbruch zum Leben erfahren haben. Dieser Tod am Kreuz hat den Tod selbst verändert. Er ist nicht mehr das Letzte, nicht mehr das Ende des Lebens. Sondern dieser Tod ist der Durchbruch zum Leben selbst. Und deshalb, und nur deshalb, kann Paulus sagen: „Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.“
VI.
Der reformierte Heidelberger Katechismus aus dem 16. Jahrhundert hat genau diese Erfahrung mit grösster sprachlicher, menschlicher und theologischer Sensibilität zum Ausdruck gebracht. Die erste Frage des Heidelberger Katechismus lauter nämlich: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ Und er antwortet darauf: „Dass ich mit Leib und Seel, beide im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin.“
Und wie im einem Echo auf diese Sätze hat der lutherische Theologe Paul Gerhardt in einem Passionslied gedichtet:
„Wenn ich einmal soll scheiden,
so scheide nicht vor mir,
wenn ich den Tod soll leiden,
so tritt du dann herfür.
Wenn mir am allerbängsten
wird um das Herz sein,
so reiss mich aus den Ängsten
kraft deiner Angst und Pein.“
Amen.