Friedrich Wilhelm Graf über Paul Tillich in der ZIG: „der aus einem deutschnationalen Pfarrhaus in der preußischen Provinz stammende, seit 1900 in Berlin aufgewachsene Pfarrer, Marburger Extraordinarius der Systematischen Theologie, Dresdner Ordinarius für Religionswissenschaften, Frankfurter Ordinarius für Philosophie und Soziologie einschließlich Sozialpädagogik, Professor of Philosophical Theology in New York, University Professor in Harvard und Nuveen Professor of Theology in Chicago dürfte unter den deutschen Intellektuellen im «Jahrhundert der Extreme» die Ehrentitel eines Genies der Ambivalenz und Heroen der Ambiguitätstoleranz verdient haben.“

In der Zeitschrift für Ideengeschichte (ZIG), Heft VIII/2 Sommer 2014 (1914), schreibt Friedrich Wilhelm Graf zu „Tillichs Durchbruch“ in der Einleitung:

Wie eine Mischung aus Chamäleon und Schlangenmensch vermochte Tillich sich allen möglichen Lebenswelten einfühlsam anzupassen. Liebesbeziehungen zu oder sexuelle Kontakte mit Hunderten, manche Freunde und Biographen schätzen: Tausenden von Frauen, wohl auch einige homoerotische Kontakte im Berlin der zwanziger Jahre, während einer großen Japan-Reise 1960 mehrfach nächtliche Besuche des 74-jährigen von berühmten Gay Bars in Roppongi Akasaka und Shimbashi, den bekanntesten Vergnügungsvierteln Tokios, intensiv ausgelebte sado-masochistische Neigungen, Sammeln von pornographischer Literatur, sexuelle Übergriffe (jedenfalls nach den in US-Universitäten heute geltenden moralischen Standards) auf zwei weibliche Studierende in seinem Arbeitszimmer im Union Theological Seminary in New York, sehr viel Freude am Alkohol und in den letzten zwei Lebensjahrzehnten wohl massiver Alkoholismus – der aus einem deutschnationalen Pfarrhaus in der preußischen Provinz stammende, seit 1900 in Berlin aufgewachsene Pfarrer, Marburger Extraordinarius der Systematischen Theologie, Dresdner Ordinarius für Religionswissenschaften, Frankfurter Ordinarius für Philosophie und Soziologie einschließlich Sozialpädagogik, Professor of Philosophical Theology in New York, University Professor in Harvard und Nuveen Professor of Theology in Chicago dürfte unter den deutschen Intellektuellen im «Jahrhundert der Extreme» die Ehrentitel eines Genies der Ambivalenz und Heroen der Ambiguitätstoleranz verdient haben. Aber darüber mag man angesichts der intellektuellen Adaptionselastizität diverser anderer Geistesvirtuosen streiten. Doch gewiss ist Paul Tillich einer der besonders chancenreichen Kandidaten für den Academy Award immer neuer Selbststilisierung. Vieles, Entscheidendes will er sehr viel früher, tiefer, klarer erkannt haben als andere in seiner Generation, der «Frontgeneration» derer, die als knapp Dreißigjährige 1914 in den Krieg ziehen. Gerade die retrospektiven Selbstdeutungen seiner harten, traumatisierenden Kriegserfahrungen als Feldprediger an der Westfront lassen erkennen, dass Erinnern oft nur jene mentale Aktivität ist, in der man sich vorgaukelt, einst einen klaren Blick gehabt zu haben.

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