Ian Buruma über das protestantische Ethos und den Geist der Wokeness
Das ist ein luzider Text von Ian Buruma mit einer Überschrift, die auf Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, anspielt: Doing the Work. The Protestant Ethic and the Spirit of Wokeness, erschienen in der Juli-Ausgabe von Harper’s Magazine. Dass Ian Buruma, Enkel eines mennonitischen Pastors, sich in der reformierten Theologie auskennt, ist 2012 mit der Verleihung des Abraham Kuyper Prize for Excellence in Reformed Theology and Public Life an ihn durch das Princeton Theological Seminary anerkannt worden. Um es kurz zusammenzufassen: Der selbstgerechte Wokismus hat seine Wurzeln in dem Puritanismus einer reformierten Erwählungsgewissheit. Dazu schreibt Buruma:
„Man könnte diese selbstgefälligen Würdenträger des Goldenen Zeitalters der Niederlande der Heuchelei bezichtigen, weil sie ihren Reichtum auf dem Rücken von Kolonialsklaven erwirtschaftet haben und immer noch so tun, als seien sie heiliger als du. Aber man kann Spuren derselben protestantischen Selbstgerechtigkeit (und Heuchelei) im Verhalten vieler Menschen heute erkennen. Vergleichbare Beispiele unter unseren Zeitgenossen sind Phil Knight, der Mitbegründer von Nike, der eine Werbekampagne gegen Rassismus mit dem NFL-Quarterback Colin Kaepernick genehmigte, bevor er rechtsgerichteten republikanischen Politikern Geld spendete. Oder Jeff Bezos, dessen Unternehmen Amazon seine Homepage mit einem Black-Lives-Matter-Banner schmückte und gleichzeitig Gesichtserkennungssoftware an Polizeidienststellen verkaufte.
Anders als während des ersten Großen Erwachens (Great Awakening) ist die gegenwärtige Welle des Puritanismus nicht die Domäne leichtgläubiger Landbewohner, die sich in behelfsmäßigen Gebetszelten versammeln, sondern von hochgebildeten städtischen Sophistiker. Heute die Auserwählten fast ausschließlich in elitären Institutionen tätig: von Banken und globalen Unternehmen über angesehene Kulturstiftungen, Museen und medizinische Einrichtungen bis hin zu Qualitätszeitungen und Literaturmagazinen. Dass es ihnen besser geht als den meisten Menschen, ist jedoch kein Hinderungsgrund, sich tugendhaft zu fühlen, solange sich die Auserwählten öffentlich zu ihrem Streben nach sozialer Gerechtigkeit bekennen.“
Zwei Einsprüche verdient jedoch Ian Burumas Text. Martin Luther taugt nicht als Ahnherr puritanischer Erwählungsgewissheit bzw. konfessorischer Selbstgerechtigkeit. Und die Lehre von der Erb- bzw. der Ursprungssünde befördert per se nicht Selbstgerechtigkeit, im Gegenteil: Wird sie wie bei Luther ernst genommen, leitet sie zu eigener Demut und Buße an. Wo jedoch im reformierten bzw. calvinistischen Kontext die Lehre von der Erbsünde mit einer eigenen Erwählungsgewissheit verknüpft worden ist, entsteht daraus ein selbstgerechter Moralismus bzw. Puritanismus.