Karl Barth über die Macht (KD III/4, § 55): „Die nicht von Gott, sondern von anderswoher empfangene Macht hat immer und notwendig den Charakter solcher den Menschen scheinbar erhöhenden, in Wirklichkeit tief erniedrigenden, scheinbar befreienden, in Wirklichkeit gefangensetzenden Lügen- und Todesmacht. Wer Macht will, sehe wohl zu, daß es nicht etwa diese Macht sei.“

Über menschliche Macht

Von Karl Barth

Wir schließen unsere Übersicht über den dem Menschen gebotenen Willen zum Leben, indem wir ihn (in etwas gewagter Formulierung) als Willen zur Macht bezeichnen. Wir meinen damit: des Menschen Entschlossenheit Gebrauch zu machen von seinem Vermögen, sich mit dem ihm von außen zukommenden Lebensförderungen und Lebenshemmungen auseinander zu setzen, sich jene zunutze zu machen, diese abzuwehren oder doch zu ertragen. Zur Wirklichkeit des Lebens gehört auch dieses Vermögen. Und indem Gott den Menschen ins Leben ruft, indem er und solange er ihn als lebendigen Menschen anredet, will er, daß der Mensch dieses Vermögen, die ihm gegebene Macht, Kraft und Gewalt, nicht vernachlässige, sondern bejahe, wolle, annehme.

Was wir Jes. 40, 29 f. lesen, hat auch die Kraft eines Imperativs: «Er gibt dem Müden Kraft und dem Ohnmächtigen mehrt er die Stärke. Jünglinge werden müde und matt, Krieger straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, empfangen immer neue Kraft, daß ihnen Schwingen wachsen wie Adlern, daß sie laufen und nicht ermatten, daß sie wandeln und nicht müde werden.» Und Ps. 118, 17 redet auch von Gehorsamsbereitschaft: «Ich werde nicht sterben, ich werde leben und die Taten des Herrn verkünden.»

Wir haben diesen Imperativ und den ihm entsprechenden Gehorsam bei all dem, was wir vom Leben als Triebleben, als gesundes, als freudiges, als eigenes Leben gesagt haben, vorausgesetzt. Wenn es in allen diesen Richtungen einen gebotenen Lebenswillen gibt, dann muß er umschlossen und getragen sein von des Menschen Willen, das ihm verliehene Lebenkönnen, die ihm gegebene Macht im Verhältnis zu den Mächten der Außenwelt nicht zu ignorieren, nicht zu verneinen, sondern zu bejahen und von ihr Gebrauch zu machen. Er darf sich, indem er Gottes Gebot hört, diesen fremden Mächten gegenüber nicht fallen lassen; er darf sich von ihnen, ob sie ihm günstig oder ungünstig seien, auch nicht beherrschen und treiben lassen. Er ist, indem er Gottes Gebot hört, aufgerufen, ihnen als Subjekt und also in der ihm gegebenen Macht, im Maß seines Vermögens und Könnens zu begegnen. Jeder Mensch hat als solcher ein bestimmtes Maß von der zu solcher Begegnung nötigen Erlebnis-, Erkenntnis- und Handlungsfähigkeit. Um dieses sein «Potential» geht es. [446] Es gehört zu dem ihm als Gottes Geschöpf anvertrauten «Talent», für dessen Verwaltung er verantwortlich, nach dessen Verwendung er gefragt ist. Alles, was er tut oder läßt, hat auch den Charakter von Treue oder Untreue, von Irrtum und Betrügerei oder von Klarheit und Redlichkeit, von Gebrauch oder Mißbrauch seines Umgehens mit diesem seinem Potential.

Es geht also nicht abstrakt um Macht an sich und als solche. Derartige Macht: Macht zu allem und jedem ist auch die Allmacht Gottes nicht, gerade sie zu allerletzt! Indefinite Macht, Macht zu allem und jedem, ist vielmehr die böse Ohnmacht, die ein Attribut des Nichtigen, des Chaos, der Lüge und ihrer «Mächte» ist. Unqualifizierte Macht ist per se Macht der Verneinung, der Zerstörung, der Auflösung. Der dem Gebot Gottes gehorsame Mensch kann und wird selbstverständlich niemals solche Macht wollen.

Von der «Macht an sich» haben im 19. Jahrhundert zwei berühmte Männer je die entgegengesetzte Meinung vertreten, Fr. Nietzsche: sie sei in Naturund Geisteswelt das Gute, der Wertmaßstab im Leben des Einzelnen, der Gesellschaft, der Völker, «Wille zur Macht» schlechthin also der Inhalt des neuen, besseren Gebotes, das im 20. Jahrhundert die christliche Moral ablösen und zur Herrschaft kommen werde; Jakob Burckhardt: Macht an sich sei böse, ihr Kultus die Quelle des großen Unheils, das er von demselben 20. Jahrhundert erwartete. Im Blick auf dasselbe historische Phänomen, nämlich auf die fürstlichen und päpstlichen Gewaltmenschen der italienischen Renaissance sind beide – beide an A. Schopenhauer orientiert (der Eine im Gegensatz zu ihm, der Andere ihm zustimmend) und beide hier in Basel! – zu ihren Sätzen gekommen. Beider Prophezeiung hinsichtlich des 20. Jahrhunderts ist denn auch bis jetzt pünktlich in Erfüllung gegangen.

Es gibt wohl keinen biblischen Zusammenhang, in welchem die Macht als solche – ob es nun physische, geistige oder politische Macht sei, als ein Gut oder gar als ein erstrebenswertes Gut, geschweige denn als das höchste gepriesen wird. Im Gegenteil: «Dem König hilft nicht seine große Macht, der Held rettet sich nicht durch seine große Stärke. Trügerische Hilfe ist das Roß, mit seiner großen Kraft errettet es nicht» (Ps. 33, 16 f.). «Nicht durch Heeresmacht und nicht durch Gewalt, sondern durch meinen Geist!» lautet das Wort des Herrn über Serubbabel (Sach. 4, 6). Allein dieser «Geist des Herrn» wird denn auch in den altertümlich wilden Texten Richt. 13-16 als das freie Geheimnis der Stärke des Simson angegeben. Und vollends der Philister Goliath ist 1. Sam. 17 von Anfang an als eine gerade in ihrer leeren Mächtigkeit tief problematische, dem Untergang geweihte Figur gezeichnet. Darum: «Der Weise rühme sich nicht seiner Weisheit, der Starke rühme sich nicht seiner Stärke, der Reiche rühme sich nicht seines Reichtums!» (Jer. 9, 23). Noch mehr: Gott macht «die Starken zu Schanden» (1. Kor. 1, 27). Der Herr hat laut des Lobgesanges der Maria im Kommen seines Reiches «Macht geübt mit seinem Arm. zerstreut die hochmütig sind in ihres Herzens Sinn; er hat Gewaltige vom Thron gestoßen und Niedrige erhöht» (Luk. 1, 51 f.). «Macht an sich» haben nach dem Neuen Testament eben nur jene Engelkarikaturen, die Chaosmächte, die ἐξουσίαι heißen und in der unkräftigen Kraft der Lüge auch sind, in Jesus Christus aber schon zum Sturz verurteilt, ja schon gestürzt und jedenfalls des Respektes und der Furcht nicht mehr würdig sind.

Die Macht, die zu bejahen, zu wollen, zu gebrauchen dem Menschen geboten ist, erkennt man im Unterschied von aller bloßen Goliathsmacht an folgenden Kriterien: [447]

1. Sie ist dem Menschen gegebene, und zwar von Gott gegebene Macht: ihm gegeben mit der Leihgabe seines Lebens überhaupt und als solchen. Leben heißt auch Können, was zum Leben zu können nötig ist. Leben besteht in der Aktualisierung dieses Könnens. Diese Aktualisierung zu vollziehen, ist dem Menschen aufgegeben. Das Können aber, um das es dabei geht, ist nicht sein Verdienst, sein Werk, sein Besitz. Dieses Können ist ihm anvertraut. Er ist mit ihm beliehen. Indem Gott ihn ins Leben ruft, vollzieht er diese Beleihung und jede Anrede Gottes ist immer eine ausdrückliche Bestätigung, eine neue Erläuterung und insofern eine Erweiterung dieser Beleihung. So charakterisiert sich auch die rechte Bejahung dieses Könnens, der rechte Gebrauch dieser rechten Macht als ein Akt der Dankbarkeit. Er ist von daher notwendig. Er kann also nicht willkürlich unterlassen werden. Er kann aber von da aus auch kein selbstherrlicher Akt sein. Er kann nur als sorgfältiger Umgang mit einem anvertrauten Gut vollzogen werden. Und nun muß hervorgehoben werden: die Macht, die der Mensch bejahen, wollen, üben darf und soll, muß ihm von Gott gegeben und von ihm als von Gott gegeben erkannt sein. Er könnte nämlich auch andere Mächte von ganz anderswoher empfangen und in sich aufgenommen haben, bejahen, wollen und gebrauchen: kraft seiner Sünde und also kraft seiner verderblichen Beziehung zur Welt des Nichtigen allerlei Mächte eben dieser, der Chaoswelt. Sie könnten tief und herrlich sein, so jedenfalls sich ihm und Anderen darstellen. Er könnte meinen, was er von der ihm von Gott gegebenen Macht sicher nicht meinen kann: sie zu besitzen, und würde gerade in dieser Meinung in Wahrheit ein von ihnen Besessener sein. Durch sie zu wirken, und zwar in großem Stil zu wirken, könnte er meinen und wieder gerade in dieser Meinung nur ein von ihnen Getriebener, ihr Sklave sein. Er würde dann viel können, er würde dann nämlich mit gewaltiger Wissenschaft, Kunst und Technik lügen, sein Leben, der Art jener Mächte entsprechend, zu einer großen triumphalen Lüge gestalten können. In deren ohnmächtiger Macht könnten ihm dann eindrucksvolle Erfolge, gewaltige Beherrschungen von Menschen und Dingen zufallen – aber lauter solche, in denen er faktisch doch nur ein Störer und Zerstörer, zuerst und vor Allem seines eigenen Lebens, sein könnte. Und in ihrer Vollendung müßte und würde er bestimmt dem ewigen Tode verfallen. Die nicht von Gott, sondern von anderswoher empfangene Macht hat immer und notwendig den Charakter solcher den Menschen scheinbar erhöhenden, in Wirklichkeit tief erniedrigenden, scheinbar befreienden, in Wirklichkeit gefangensetzenden Lügen- und Todesmacht. Wer Macht will, sehe wohl zu, daß es nicht etwa diese Macht sei. Will er die Macht, von der er faktisch nur besessen und getrieben sein kann, dann handelt es sich um die Macht, die er gerade um keinen Preis wollen sollte. Die von Gott gegebene Macht, die man nicht willkürlich, nicht selbstherrlich wollen, mit der man nur als mit einem anvertrauten [448] Gut umgehen kann, ist Wahrheitsmacht und Lebensmacht. Sie ist, gerade indem sie nur in Demut bejaht und gebraucht werden kann, wirklich erhöhende und wirklich befreiende Macht. Man sehe zu: wo immer es (auch im Feinsten und Kleinsten!) um unser menschliches Können und Vermögen geht, fällt heimlich oder offen (öfter heimlich als offen!) auch diese Entscheidung. Wir haben sie entweder von oben oder von unten. Ein Drittes gibt es hier nicht.

Gerade das Neue Testament redet nicht selten von menschlicher Stärke, Macht und Gewalt, zu der der Mensch Ja sagen darf und soll. Es läßt aber eigentlich nirgends im Zweifel darüber, daß es darunter exklusiv die dem Menschen von Gott verliehene Stärke versteht. «Stark» sind jene Jünglinge 1. Joh. 2, 13, weil und sofern das Wort Gottes in ihnen bleibt, und sie den Bösen überwunden haben. Abraham «wurde stark (ἐνεδυναμώθη) im Glauben, indem er Gott die Ehre gab» (Röm. 4, 20). Darum das Gebet, daß der Vater es den Christen «verleihe, durch seinen Geist mit Kraft gestärkt zu werden am inwendigen Menschen» (Eph. 3, 16). Und darum die Mahnung: «Wachet, stehet fest im Glauben, seid männlich, seid stark!» (ἀνδρίζεσθε, κραταιοῦσθε 1. Kor. 16, 13) und: ἐνδυναμοῦσθε ἐν κυρίῳ καὶ ἐν τῷ κράτει τῆς ἰσχύος αὐτοῦ (Eph. 6, 10 vgl. 2. Tim. 2, 1). Darum Paulus von sich selbst: πάντα ἰσχύω ἐν τῷ ἐνδυναμοῦντί με (Phil. 4, 13 vgl. 1. Tim. 1, 12). Weil diese Texte die menschliche Macht nur in ihrer Beziehung zu ihrem Ursprung in Gott, in Christus, im Geiste sehen, darum können sie unbefangen von ihr reden, darum können sie den Willen zu menschlicher Macht geradezu zum Gebot machen. Den δυνάμεις und ἐξουσίαι, von denen ganz anders geredet werden müßte, ist in diesen Texten offenkundig der Rücken gekehrt worden.

2. Die Macht, die der Mensch wollen und gebrauchen darf und soll, ist immer die von Gott gerade ihm, diesem Menschen, gegebene Macht. Was wir von der Besonderheit des Lebens und Charakters jedes einzelnen Menschen gesagt haben, gilt auch von seiner Fähigkeit zum Leben: sie besteht nur als Unikum, nur als die Summe gerade seiner Möglichkeiten. Sein Wille zur Macht kann sich nur in der ihm damit gesetzten Schranke bewegen. Es gibt und er gewahrt Möglichkeiten Anderer, die ihm als solche gefallen mögen, über die er wohl gerne auch verfügen möchte – ihre Augen und Ohren, ihre Sprache, ihre Freiheit, sich zu bewegen, ihre Art zuzugreifen und loszulassen, ihr Geschick, mit Menschen und Dingen umzugehen, ihre Art und Kunst, Einfluß zu gewinnen – die nun eben nicht die seinen sind und auch nie die seinen sein werden. Würde er dennoch nach ihnen greifen, so würde er zum Hochstapler, als der er (vielleicht nach einigen Anfangs- und Scheinerfolgen) bestimmt nicht mächtig, den Lebensförderungen und Lebenshemmungen, wie sie nun eben auf ihn zukommen, unmöglich gewachsen sein könnte. Indem er nach fremdem Gut griffe, müßte er ja notwendig das ihm anvertraute loslassen: das einzige, das ihm wirklich hilfreich sein kann. Denn nicht mit irgendwelchen an sich noch so großen und wirkungsvollen Fähigkeiten und Künsten kann der Mensch den auf ihn zukommenden Förderungen und Hemmungen begegnen, sondern wirklich nur mit seinen eigenen: mit seinem Seh- und Hörvermögen, mit seinem Herzen und Verstand, mit seiner Entscheidungs- und Tatkraft, mit seiner Aufnahme- und [449] Leistungsfähigkeit. – Nicht daß er die Grenzen dieser seiner Macht je endgültig zu kennen meinen sollte und also fixieren dürfte oder von Anderen fixieren lassen müßte!

Es gibt ein schreckliches Buch von Aldous Huxley: Brave New World, die Schilderung einer zukünftigen Menschheitsepoche, in der die künstliche Zeugung und Aufzucht des menschlichen Embryo allgemeines Gesetz ist und fabrikmäßig betrieben wird – und das so, daß die menschlichen Individuen, planmäßig abgestuft als Alpha-, Beta- oder Gamma-Menschen, mit für jede Klasse besonders equilibrierten physischen und psychischen Eigenschaften und Möglichkeiten in je bestimmter Zahl serienweise produziert werden und nachher endgültig in der damit gegebenen Determination nebeneinander zu existieren haben. Prächtige neue Welt, weil es in ihr einem Jeden in seinen Grenzen von Haus aus – oder vielmehr: von der Flasche her, in der er präpariert wurde – schlechterdings wohl sein muß, alle ernstliche Konkurrenz und gar jeder soziale Konflikt zum vornherein – nämlich wieder von der Flasche her – ausgeschlossen ist! In Wahrheit natürlich abscheuliche, zutiefst gottlose Welt, weil es in ihr nur noch Menschen ohne Weg und Zukunft geben würde!

In Wirklichkeit ist das Vermögen jedes einzelnen Menschen so unübersichtlich und unverfügbar wie eben er selbst als solcher. Für alles andere Wissen und Beschließen als das Gottes nämlich! Wer «Ich kann nicht» sagt, sehe wohl zu: er könnte vielleicht heute sehr wohl können, was er gestern ehrlich noch nicht zu können meinte. Aber auch wer: «Ich kann» sagt, sehe wohl zu: er kann vielleicht heute und endgültig nicht, was er noch gestern getrost zu können gemeint hatte. Beide haben vielleicht noch nicht erkannt, was gerade ihnen tatsächlich gegeben ist. Beide müssen vielleicht hinsichtlich ihres wirklichen Vermögens weitere Entdeckungen machen: positiver oder eben negativer Art. In ihrem Verhältnis zu Gott, der sie geschaffen hat, erhält, führt und kennt, muß sich Beides für beide entscheiden. Echte Lebenskunst erlernt sich auf dem Wege solcher menschlichen Entscheidungen im Verhältnis zu Gott, solchen Entdeckens der Grenzen, innerhalb derer ein Mensch darum mächtig sein darf, jenseits derer er sich darum nur zur Ohnmacht verurteilen könnte, weil Gott sie ihm gesetzt hat und vorzeichnet. Er weiß um eines Jeden Grenze. Er hat sie einem Jeden gesetzt, indem er gerade ihm gerade dieses Leben und kein anderes verliehen hat, ihm immer wieder verleiht, ihm auch immer wieder über sich selbst Bescheid sagt. Des Gott gehorsamen Menschen Sache aber ist es einmal: zu bedenken, daß seine Fähigkeiten, mögen sie ihm auch unabsehbar sein, jedenfalls nicht grenzenlos sind – sodann: sich seine Fähigkeiten, indem er sie übt, und seine Unfähigkeiten, indem sie zutage treten, von Schritt zu Schritt zeigen zu lassen – und endlich: eben in dieser doppelten Erfahrung es immer wieder anzunehmen, daß Gottes eigener unendlicher Reichtum gerade dessen gewisses ewiges Erbe ist, der sich jetzt und hier an der Verwaltung des nun eben ihm zugemessenen endlichen, begrenzten und insofern armen Reichtums ohne Seitenblick genügen und der es an der Treue in dessen Verwaltung nicht mangeln läßt. [449]

3. Ein wichtiges Moment der Macht, die der Mensch wollen und üben soll, ist weiter dies, daß sie den Charakter des ihm Notwendigen hat. Sie ist gerade ihm nicht als Luxus gegeben, sondern weil er sie braucht. Und so ist es auch nicht Eitelkeit, wenn er sie will und anwendet. Freilich: was dem Einen Luxus ist (etwa Kunst und Wissenschaft im engeren Sinn dieser Begriffe), das kann dem Anderen lebensnotwendig sein und umgekehrt. Es gibt also keinen allgemeinen Begriff des Notwendigen. Es gibt aber die hinsichtlich aller denkbaren menschlichen Möglichkeiten an jeden Menschen zu richtende Frage: Muß das und das von dir aus und für dich, damit du leben kannst, wirklich sein? Etwa daß du das und das durchaus gesehen und gehört haben, oder lernen mußt? Oder daß du dieses und dieses theoretische oder praktische Problem durchaus meistern, oder daß du dich in dieser und dieser Sache mit deiner Meinung und Absicht durchaus durchsetzen mußt? Du kannst ja, aber wollen sollte man genau genommen nur, was man muß. Es gibt falsche Tendenzen: für einen Menschen darum falsch angesetzt, weil in ihrer Richtung für ihn nun einmal «nichts zu wollen» ist, weil ihnen zu folgen für ihn nicht notwendig, sondern Luxus ist, Zufall und Willkür, Zeitund Kraftverlust. Es wird wohl so sein, daß faktisch jeder Mensch auf dem Umweg über unzählige zeitund kraftkostende Experimente mit dem Wollen von allerlei unnötiger Macht und darum über unzählige Enttäuschungen zum Wollen dessen, das er nötig hat, zur Bejahung seiner ihm wesentlichen Fähigkeiten erst vordringen muß. Aber eben die Frage nach den ihm wesentlichen Fähigkeiten wird sich Keiner früh und oft und ernsthaft genug stellen können. Es ist nämlich eben der Wille zu aller dem Menschen unnötigen, unwesentlichen Macht das Vakuum, in das die böse, die chaotische, die dämonische «Macht an sich» früher oder später, so oder so, einzuströmen pflegt.

Man kann sich das im Großen – es gilt aber auch im Kleinen – an dem bekannten Problem der neuzeitlichen Technik klar machen: Wie ein Wunder begann es der westlichen und beginnt es nun immer mehr bald der ganzen Menschheit vor Augen zu treten: ihr eigenes Können, ihre Regimentsfähigkeit und Verfügungsgewalt gegenüber den Stoffen und Kräften der Natur in der ganzen Mannigfaltigkeit ihrer Hervorbringungen und Gestalten. Und wie im Sturm kam es zu einem entsprechenden umfassenden Wollen dieser Macht, dem das Vollbringen denn auch auf allen Gebieten folgte und unter Eröffnung der phantastischsten Zukunftsprospekte immer weiter zu folgen scheint. Eines aber hat mit dieser ganzen Entwicklung keineswegs Schritt gehalten, nämlich das gewissenhafte Antworten auf die einfache Frage nach der Lebensnotwendigkeit all dieses Könnens und Wollens. Es ist freilich Tatsache, daß die Fülle der technischen Möglichkeiten, die unser Leben vor dem unserer Väter und Vorväter voraus hat, einer entsprechenden Fülle von Bedürfnissen gerufen hat, die jenen ebenfalls fremd waren. Aber wieviele von unseren modernen Bedürfnissen sind nun eigentlich notwendige: gerechtfertigte, gesunde und auch nur echt empfundene Bedürfnisse? Sind uns – um nur Eines zu nennen – alle die Verkehrsbeschleunigungen, die uns heute angeboten sind, wirklich unentbehrlich? Wegen der Zeit. die wir damit gewinnen? Als ob die vernünftigen Menschen vergangener Tage bei weniger raschem Verkehr für das wirklich [451] Notwendige nicht genug Zeit gehabt hätten! Und als ob die Unvernünftigen unserer Tage nicht für das Notwendige bei aller Raschheit unseres Verkehrs immer noch zu wenig Zeit hätten! Ist es nicht klar, daß zwischen dem heutigen technischen Können, Wollen und Vollbringen und seinem Angebot auf der einen, und dem echten menschlichen Bedarf, der ernsthaft so zu nennenden Lebensnotwendigkeit auch des heutigen Menschen auf weiten Gebieten die seltsamste Kluft besteht? Wir können, wir wollen, wir vollbringen viel, immer mehr, aber die Räder laufen heimlich weithin leer, weil wir eine Macht wollen und brauchen, deren wir im Grunde durchaus nicht bedürfen, die wir teilweise vielleicht zu unserem Heil besser nie kennen gelernt, geschweige denn gewollt und entfesselt hätten. Es kann nicht anders sein: die unsere wirkliche Lebensnotwendigkeit überschießende Macht, die Technik, die im Grunde sich selber Sinn und Zweck ist, die, um bestehen und um sich weiter verbessern zu können, immer neue problematische Bedürfnisse erst hervorrufen muß, muß wohl das Ungeheuer werden, als das es sich heute weithin darstellt, muß schließlich, absurd genug, zur Technik der Störung und Zerstörung, des Krieges und der Vernichtung werden. Aber der Mensch sollte nicht die Technik als «seelenlos» anklagen, sondern sich selbst, seinen vernunftlosen Willen zur Macht. Er selbst ist das Problem der neuzeitlichen Technik. Was ist das für eine Machtfreude, in deren Genuß – und was ist das für eine Macht, in deren Besitz und Ausübung er nun wie ein Betrunkener irgendeinem kollektiven Abgrund entgegenzutaumeln scheint?

Es gibt keinen allgemeinen Begriff der dem Menschen nötigen Macht, sagten wir. Es gibt aber in der Frage nach diesem Nötigen eine klare Führung, und das wird wiederum der Begriff des Dienstes sein. Dienst ist ja auch die entscheidende Befreiung von allem leeren Machthunger irgendwelcher Art und von dessen leeren und letztlich sicher falschen Befriedigungen. Wer im Dienst steht, wer – in umfassendem Sinn verstanden – einen Beruf hat und in diesem Beruf lebt, der ist in der Wurzel bewahrt vor dem Willen zu solcher Macht, die für ihn Luxus wäre, für die er keine ernsthafte Verwendung hat. Wer beschäftigt ist, weiß, was er braucht und will nicht, was er nicht braucht. Wir betonen jetzt noch das Erste. Er weiß, was er braucht, und eben das will er dann auch. Er hat einen Auftrag, in dessen Erfüllung er nicht alle, aber bestimmte Dinge können, meistern, beherrschen muß. Eben von seinem Auftrag her ist dieses Können für ihn lebensnotwendig, gehört es für ihn zum täglichen Brot, um das er bitten, für das er aber auch arbeiten muß. Es gibt mancherlei Dienst, Beruf und Auftrag und darum läßt sich auch unter diesem Gesichtspunkt nicht etwa allgemein sagen, was für einen Jeden das Nötige ist. Er wähle und wolle entschlossen nun eben die Macht, deren eben er bedarf, um an seinem Ort treu und gehorsam zu sein! Sie darf er nicht nur, sondern sie soll er wählen und wollen, und wenn sie inmitten dessen, was andere an ihrem Ort wählen und wollen müssen, noch so singulär und seltsam wäre. Aber daß er im Dienst, Beruf und Auftrag lebt, daß er die Weisheit hat, zu wählen, was gerade ihm dazu nötig ist, und schließlich die Entschlossenheit, dieses dann auch ernstlich zu wollen, das kommt – um vom Vollbringen nicht zu reden – von Gott, so daß sein Verhältnis zu ihm letztlich auch hier das Kriterium aller Kriterien ist.

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4. Die Art der jedem Menschen nötigen Macht muß Gott überlassen bleiben. Wer im Gehorsam mächtig sein will, wird sich nicht auf das versteifen dürfen, was er unter Macht, Können, Vermögen versteht: nicht darauf also, daß er bestimmte Ziele erreichen, gewisse Leistungen vollbringen, gewisse Werke auf den Plan stellen kann. Das ist zwar die eine Art von Macht, die der Mensch nötig hat. Es gibt aber eine Form menschlichen Lebens und Dienens, in der der Mensch etwas Anderes können müßte, was auf den ersten Blick gar nicht wie ein Können aussieht, sondern gerade sein Gegenteil zu sein scheint, weil es mit dem Erreichen von Zielen, mit dem Vollbringen von Leistungen und Werken nun gerade nichts zu tun hat. Der Mensch muß nämlich, wenn er im Dienste Gottes steht, ganz bestimmt gelegentlich und vielleicht für lange, vielleicht einmal auch endgültig, auch verzichten, abwarten, schweigen, leiden und dabei sein sonstiges Können entbehren können. Auch das ist Macht, auch das ist ein Können. Es kann für bestimmte Menschen in bestimmtem Dienst zu bestimmter Stunde eben das das Können sein, dessen sie bedürfen, die Macht, die sie nun wählen müssen. Es wird ihnen diese Wahl und dieses Wollen auf den ersten Blick schwerlich einleuchten und sicher nicht leicht fallen. Aber ob ein Mensch wirklich weise und entschlossen gewesen ist in seinem sonstigen Wählen und Wollen, das entscheidet sich gerade in den Augenblicken und Situationen, wo sein Weg ihn um die scharfe Ecke in diesen Bereich der Unansehnlichkeit, der Stille und des Entbehrens führt. Nochmals: es geht auch hier um Macht. Wer weiß, ob die dem Menschen gegebene Macht nicht sogar erst in diesem Bereich, wo sie eben nur noch Ohnmacht zu sein scheint, in ihrer Eigentlichkeit sichtbar wird und also erst recht mit allem Ernst zu ergreifen ist. Sicher ist, daß die Macht, die wir wollen sollen, auch die Art hat, in der sie in diesem Bereich sichtbar wird. Denn die Macht Gottes selbst, die sich in der Macht spiegelt, die er dem Menschen gibt, ist ja die Macht Jesu Christi und also die Macht des Lammes ebenso wie die Macht des Löwen, die Macht seines Kreuzes wie die seiner Auferstehung, die Macht der Erniedrigung wie die der Erhöhung, die Macht des Sterbens wie die des Lebens. Dem entspricht bestimmt auch die Art, in der Gott dem Menschen Macht, Können, Vermögen gibt. Die von ihm kommende Macht ist das Vermögen, hoch und niedrig, reich und arm, weise und töricht zu sein – das Vermögen, Erfolg und Mißerfolg zu haben, mit dem Strom oder gegen ihn zu gehen, in der Reihe zu stehen oder einsam zu sein: für einige scheinbar fast nur das Eine, für die Anderen scheinbar fast nur das Zweite, in der Regel wohl für Alle Beides in Folge und Wechsel. Aber immer als Vermögen, immer als Gottes gute Gabe, immer als das, was er einem Jeden zudenkt, weil er zu seinem Dienst gerade das nötig hat. Gott verlangt Dienst, der im Licht geleistet werden soll, und anderen Dienst, der nur im Schatten geleistet werden kann. Darum verteilt er nach seinem Wohlgefallen dieses verschiedene [453] Können. Gnade ist beides und für einen Jeden immer gerade das, was Gott ihm zuteil werden läßt. Der uns gebotene Wille zur Macht wird also immer der getroste Wille zu der Art von Macht sein dürfen, die uns eben jetzt zugewiesen ist. Er wird kein starrer, sondern ein beweglicher, ein wendiger Wille sein, nicht nur in der Richtung, in die wir zunächst denken, wenn wir von Willen zur Macht reden, sondern auch in der anderen, wo die Kraft nach 2. Kor. 12, 9 in der Schwachheit zur Vollendung kommt.

Quelle: Karl Barth, Kirchliche Dogmatik, Bd. III/4 (Zollikon-Zürich 1951), § 55 Freiheit zum Leben, Seiten 445-453.

Hier der Text als pdf.

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