Claus Westermann, Ein Rückblick: „Ich werde den Augenblick nie ver­gessen, als die schwere Eisentür hinter mir zuknallte und der Wärter den Schlüssel umdrehte. Man kann das Gefühl nicht erklären. Man nahm mir etwas von der Menschenwürde. Und natürlich wußten alle Beteiligten, daß es keine gerechte Strafe war, sondern brutale Gewaltausübung. Wir blieben zwar nur etwas über eine Woche im Gefängnis (und wurden dann ohne Begründung herausgelassen), aber es war etwas zerbrochen.“

Ein Rückblick

Von Claus Westermann

Ihrem 50. Geburtstag, Herr Haacker, möchte ich Ihnen, verbunden mit guten Wünschen, etwas weitergeben von dem, was ich als Theologe erfahren und gedacht habe.

Das Theologie-Studium

Ich kann nicht sagen, daß mein Theologie-Studium die Grundlage für mei­ne spätere Lebensarbeit gewesen ist. Es hatte für mich eher den Charakter einer Episode. Eigentlich war es auch nicht mein Wunsch gewesen, Theo­logie zu studieren. Mein erstes theologisches Examen machte ich in Berlin beim Evangelischen Konsistorium im Jahr 1933, dem Jahr der Machter­greifung des Nationalsozialismus.

Nach bestandenem Examen wurden wir von der Kirchenleitung ge­fragt, ob wir als Vikare zu einem Pfarrer der Bekennenden Kirche oder zu einem der Deutschen Christen in den Dienst eintreten wollten. Ich melde­te mich zu einem der ersteren, kam nach Arnswalde, nicht weit von Stet­tin, jetzt in Polen. Dort tat ich meinen Dienst schlecht und recht, vielleicht mehr schlecht als recht.

Dann wurde ich von der Kirchenleitung in ein Predigerseminar in Frankfurt/Oder befohlen, das damals neu eingerichtet war unter der Lei­tung von deutsch-christlichen Pfarrern mit dem Auftrag, die Kandidaten dazu zu nötigen, zum Teil unter massiven Drohungen, eine Unterschrift zur Unterordnung unter den neuen „Reichsbischof“ Müller zu geben. Wir wurden dazu zu Einzelgesprächen mit dem Direktor des Seminars aufge­fordert, bei denen wir entsprechend bearbeitet wurden. Bei mir war es ein­fach: ich lehnte es ab, und damit hatte es sich. Bei anderen, die auf Unter­stützung angewiesen waren, wurde es sehr schwierig, man hat sie brutal unter Druck gesetzt. Währenddessen wurde Unterricht gehalten, durch den wir für die deutsch-christliche Richtung beeinflußt werden sollten. Das waren Stunden leidenschaftlichen Kämpfens, und hierbei begriff ich seit Beginn meines Studiums zum erstenmal, worauf ich mich bei diesem Studium eingelassen hatte. Unter uns 21 Kandidaten kam es zu einer Spal­tung. 13 von den 21 waren zum Widerstand gegen die deutsch-christliche Leitung des Seminars bereit, einige waren bis zuletzt unentschieden, die anderen entschieden sich für die deutsch-christliche Leitung, und zwar eindeutig nicht aus theologisch-kirchlichen, sondern aus politischen Gründen. Es kam zu schweren Auseinandersetzungen, aber sie blieben verbal. Als der Druck, uns mit Unterschrift zur Unterordnung unter den Reichsbischof zu verpflichten, nicht nachließ, zogen wir 13 eines Tages aus dem Seminar aus. Das bedeutete, daß wir als Vikare und als Pfarrer kein Gehalt mehr bekamen. Es war für die ganz Mittellosen unter uns sehr schwer. Wir 13 fuhren mit Gepäck nach Berlin zu dem damals in der Beken­nenden Kirche, der Kirche im Widerstand gegen den Reichsbischof führen­den Pfarrer Niemöller in Berlin-Dahlem. Er brachte es fertig, schon am nächsten Tag, am Tag nach unserer Ankunft ein Seminar der Bekennenden Kirche in seinem Gemeindehaus in Berlin-Dahlem einzurichten. Berliner Pfarrer wurden mit dem Unterricht beauftragt, aber mehrere Stunden am Tag hatten wir Arbeitsgemeinschaften, die wir selbst bestritten.

Es blieb nicht bei diesem improvisierten Seminar. Die schlesische Kir­chenleitung hatte den Direktor eines schlesischen Predigerseminars, Dr. Gloege, abgesetzt; da sie ihn jedoch als Pfarrer nicht absetzen konnte, blieb er in seinem Pfarrhaus, das sich im Gebäude des Seminars befand, und wandte sich an die Leitung der Bekennenden Kirche, das war wieder Pastor Niemöller. Der gab ihm den Bescheid: „Das ist sehr einfach: Sie haben ein Seminargebäude ohne Kandidaten, ich habe Kandidaten ohne Seminar. Also bekommen Sie die ehemals Frankfurter Kandidaten.“ Schon am nächsten Tag fuhren wir 13 mit unserem neuen Direktor Gloege, der sich uns vor der Abreise am Anhalter Bahnhof vorstellte, sehr vergnügt nach Naumburg (in der Nähe von Görlitz) zu dessen Seminargebäude. Aber wir hatten nicht mit der Staatspolizei der Nazis gerechnet. Empfangen wurden wir, in Naum­burg angekommen, von Polizisten, einem großen Hund und dem im Frank­furter Seminar verbliebenen Rest von Seminaristen, die nach einem zuvor abgehörten Telefonat den Befehl erhalten hatten, uns am Betreten des Naumburger Seminars zu hindern. Uns blieb nichts anderes übrig, als alle­samt in das Pfarramt des Direktors einzuziehen und uns dort notdürftig ein­zurichten. Ich sehe es noch vor mir, wie wir uns aus Apfelsinenkisten Bü­cherbretter zimmerten. Aber am nächsten Tag ging trotz aller Aufregung und Bedrängnis der Unterricht des Seminars weiter.

Die anderen, die Deutschen Christen, hatten den Eingang, der vom Pfarrhaus in die Seminarräume führte, verbarrikadiert. Gearbeitet haben sie nicht, aber viel Bier getrunken.

Da Dr. Gloege der einzige war, der uns unterrichten konnte, mußten wir unter uns Arbeitskreise bilden, bei denen jeweils einer von uns die Leitung übernahm. Ich erinnere mich an einen Arbeitskreis über die Psalmen, in dem es immer wieder um die Frage ging, ob wir die Psalmen als Teil unserer christlichen Bibel verstehen und anerkennen könnten, denn das war ja da­mals der strittige Punkt zwischen den beiden Richtungen; die Deutschen Christen lehnten das Alte Testament als Teil der christlichen Bibel ab. Wir haben jeden der Psalmen, über die wir arbeiteten, aus dem Hebräischen übersetzt und dann ausgelegt, so gut wir das konnten. Für mich war das die erste ernsthafte Begegnung mit den Psalmen und dem Alten Testament überhaupt; während des Studiums hatte ich eine solche intensive Beschäfti­gung nicht kennengelernt. Es war schon deswegen anders, weil es für uns dabei ja um die eigene Existenz ging. Eine Fortsetzung fand diese Beschäfti­gung unter sehr anderen Umständen während des Krieges und in der russi­schen Kriegsgefangenschaft, und diese führte auf Umwegen zu meinem spä­teren Lehramt.

Dieses wurde im Naumburger Predigerseminar auch auf andere Weise vorbereitet: in unseren Arbeitsgemeinschaften; dort wurde ich eigentlich erst zum Theologen. Ich meine damit: die Leidenschaft für das theologi­sche Fragen und Forschen erlebte ich dort zum erstenmal und sie packte mich so, daß ich von ihr nicht wieder loskam. Natürlich war damals an ein reguläres Lehramt überhaupt nicht zu denken. Die Kirche wurde von der Nazi-Regierung bedrängt, und es gab schon damals Pläne, sie völlig auszu­schalten. Das Alte Testament, für das ich mich besonders interessierte, war verhaßt als ein Judenbuch, es sollte unbedingt zum Schweigen gebracht werden. Aber diese aussichtslose Lage konnte nichts daran ändern, daß das theologische Fragen und Forschen, und zwar ein ausdrücklich auf die Bi­bel gerichtetes Fragen und Forschen, mich nicht mehr losließ. Und noch etwas gehörte dazu: In unseren Arbeitsgemeinschaften in Naumburg wur­de nicht doziert, es wurden keine Vorlesungen gehalten. Die eigentliche Arbeit vollzog sich im Gespräch. Wir waren ja auch – abgesehen von unse­rem Direktor – alle gleichgestellt.

Im Gefängnis

Die „Deutschen Christen“, die die Räume des Seminargebäudes besetzt hielten, gaben es bald auf. Sie gaben den Schlüssel des Seminars beim Bür­germeister ab und verschwanden. Damit war der erste und einzige Versuch der Nazi-Kirche, ein eigenes Seminar aufzumachen, gescheitert. Wir konnten aus der drangvollen Enge des Pfarrhauses in die Räume – es war das Gebäude eines sehr alten Nonnenklosters – des Seminars umziehen und ungestört Weiterarbeiten.

An einem Sonnabend rief der Pfarrer von Tiefenfurt, etwa 20 km ent­fernt, an, er bitte um eine Vertretung für den Gottesdienst am nächsten Tag, er selber sei in Haft und dürfe den Gottesdienst nicht halten. Grund dafür war eine Abkündigung der Kirche der altpreußischen Union, in der den Gemeinden gesagt werden sollte, der „Deutschglaube“ sei keine christliche Religion. Alle Pfarrer, die diese Abkündigung halten wollten, wurden verhaftet. Ich wurde dazu bestimmt, zu der Vertretung nach Tie­fenfurt zu fahren. Als ich im dortigen Pfarrhaus ankam, wurde ich von dem wachhabenden Polizeibeamten gefragt, ob ich bereit sei, den Gottes­dienst ohne die Abkündigung zu halten. Ich sagte, daß auch ich die Ab­kündigung verlesen würde. Darauf wurde mir erklärt, daß ich unter Haus­arrest sei. Am Sonntag kamen viele Leute zum Gottesdienst. Er wurde mit Bibellesung, Gebet und Gesang gehalten, geleitet von der Pfarrfrau und ei­nem Kirchenältesten. Der Pfarrer und ich hielten währenddessen eine An­dacht im Amtszimmer des Pfarrhauses, zusammen mit dem Polizisten. Am Sonntagnachmittag kam ein höherer Polizeioffizier aus Liegnitz und brachte uns in das dortige Gefängnis. Ich werde den Augenblick nie ver­gessen, als die schwere Eisentür hinter mir zuknallte und der Wärter den Schlüssel umdrehte. Man kann das Gefühl nicht erklären. Man nahm mir etwas von der Menschenwürde. Und natürlich wußten alle Beteiligten, daß es keine gerechte Strafe war, sondern brutale Gewaltausübung. Wir blieben zwar nur etwas über eine Woche im Gefängnis (und wurden dann ohne Begründung herausgelassen), aber es war etwas zerbrochen.

Ich war später noch ein paarmal kürzer in Haft, einmal in einen Draht­käfig in der Ecke eines großen Büroraumes gesperrt; daneben liefen die Leute frei herum, und da war es wieder: das Gefühl tödlicher Ohnmacht und Entwürdigung. Ich wünsche das niemandem.

Dann kam der Krieg, und ich wurde bald nach dessen Beginn eingezogen. In einer Beziehung wurde er mir zum Lehrmeister, wenn auch zu einem harten Lehrmeister. Ich hatte nur das Neue Testament mit Psalmen bei mir, das ich auch bis in das russische Gefangenenlager bei mir behielt. Die Bibel war mir jetzt nicht mehr ein Erbauungsbuch wie in meiner Kindheit und in meinem Elternhaus. Dazu war das Leben zu hart geworden. Es hat­te nur noch Bestand, was aus der Bibel direkt in meine jetzige Existenz hinein sprach. Dazu gehörten in erster Linie die Psalmen. Jetzt wirkte es sich aus, daß ich mich in der Zeit des Kirchenkampfes schon intensiv mit den Psalmen beschäftigt hatte: im Zusammenhang der Frage nach der Zu­gehörigkeit des Alten Testaments zur Bibel und nach ihrer Gegenwartsbe­deutung. Jetzt, unter dem Eindruck des Krieges und der Kriegserfahrun­gen, wurde mir deutlich, daß die Menschen, die die Psalmen gedichtet und gebetet hatten, das Gebet anders verstanden, als wir es gewöhnlich verste­hen. Es war dem Leben, der Wirklichkeit, die sie lebten, näher als es uns ist. Für uns ist Gebet etwas, was ein Mensch tut oder was er zu tun ermahnt wird, ein menschliches Handeln. In den Psalmen aber erwächst das Rufen zu Gott unmittelbar aus dem Leben heraus, es ist Reaktion auf das, was sie erleben, was sie erfahren. Sie rufen zu Gott so, wie es ihnen ums Herz ist. Darum sind die meisten Psalmen Klagepsalmen oder Lobpsalmen, denn die Klage ist die Sprache des Leides, und das Loben ist die Sprache der Freude. Dies ist für mich eine der wichtigsten Erkenntnisse aus der Bibel geblieben bis zum heutigen Tag, und vieles andere hat sich mit daraus erge­ben.

Eine weitere Erkenntnis, die mir aus den Erfahrungen des Krieges er­wuchs, war, daß mir wie niemals vorher aus den Psalmen aufging, wie sie von Gott in seiner Beziehung zum Ganzen unserer Wirklichkeit reden. Sie sagen nicht nur, daß Gott der Schöpfer ist, sondern reden von einer Bezie­hung Gottes zu seiner Schöpfung. Und Schöpfer und Schöpfung, das sind für sie nicht nur abstrakte Begriffe; die Geschöpfe sind in den Psalmen da­bei, der Himmel, die Erde, die Sterne, die Pflanzen, die Bäume und die Tiere, die kleinen Kinder und die alten Leute. Es bedurfte wohl der er­schütternden Erfahrungen des Krieges, daß ich den 148. Psalm, den Ruf zum Lob an die Kreatur, an alle Kreaturen, mit tiefer Bewegung las oder den 8. Psalm: „Was ist der Mensch…“ und daß mir dabei aufging: Es war eine Verengung der Bibel, daß sie in unseren Gottesdiensten weitgehend beschränkt wurde auf eine nur geistige Beziehung zwischen Gott und Mensch oder auf Gott und die Seele; die Bibel ist reicher, ist weiter, denn Gottes Wirken umfaßt die ganze Schöpfung, vom Anfang bis zum Ende, und das ganze Menschenleben.

Es mag dazu auch beigetragen haben, daß ich während des Krieges fast nie ein Dach über dem Kopf hatte. Das Bergende eines Hauses, das Häusli­che, das Gefühl, in den eigenen vier Wänden zu sein, kannte ich nicht mehr. Stattdessen habe ich den Reiz des ungeborgenen Lebens kennenge­lernt, die nomadische Lebensweise, in der das Besorgen des Haushaltes wegfiel, in der es keine Diebe oder Einbrecher gab und keine Hauspflege. Es gab nur den weiten Himmel und das Wetter, die Sonne, die Wolken und die Sterne, die Wege, die Pflanzen, die Tiere. Ich fand es gut, daß man durch die ständigen Wachen Tag und Nacht zusammen erfuhr und die Übergänge von der Nacht zum Tag, von dem Tag zur Nacht und dann im­mer wieder die Nacht mit Mond und Sternen oder die schwarze Nacht. Das romantische Verhältnis zur Natur verging einem bei diesem Leben; man bewunderte keinen Sonnenuntergang und sah das Sonnenblumenfeld mit nüchternen Augen. Aber man gehörte dazu, und es gehörte zu einem selbst.

Zugleich begriff ich, daß der Schöpfer zugleich der Segnende ist und was es bedeutet, daß das erste, was Gott „am Anfang“ tut, dies ist, daß er seine Schöpfung segnet. Ich habe fortan immer wieder versucht darauf hinzu­weisen, daß das segnende Wirken Gottes, das sich auf die ganze Schöpfung erstreckt, gleichgewichtig ist mit seinem rettenden Wirken, und zwar im Neuen wie im Alten Testament, aber das ist nicht gehört worden.

Die Gefangenschaft

Nach der deutschen Niederlage kam ich in russische Gefangenschaft. Daß dies eine noch härtere Schule war, brauche ich nicht zu betonen. Ich be­greife bis heute nicht, wie ich lebendig da herausgekommen bin. Auch wenn einen dort der Kampf um das Überleben vollständig in Anspruch nahm und alle Kräfte erforderte, konnte ich doch nicht aufhören, zu fragen und nachzudenken. Ich beobachtete, wie die Sprache der Häftlinge sich auf das unbedingt Notwendige reduzierte, wie man nur noch in kurzen Hauptsätzen redete, wie die Sprache primitiv sich um das Materielle dreh­te, wie z.B. das Danken völlig aufhörte. Ich dachte darüber nach und fand, daß es in den Psalmen ein Wort für ‚danken‘ nicht gab! Überhaupt wurde mir hier noch deutlicher, daß die Sprache der Bibel der Wirklichkeit näher ist als die Sprache der Kirche, und ich fragte mich, warum das so sei. Bei den Andachten, die wir manchmal auf dem Gefängnishof hielten (- sie wa­ren verboten), spürte ich den bedrückenden Abstand unserer Kirchen­sprache von der Wirklichkeit der Gefangenen, wenn einer von ihnen zu unserem Kreis trat, einige Minuten zuhörte und sich dann mit verschlosse­nem Gesicht wieder abwandte.

Ich dachte weiter über die Psalmen nach und versuchte, meine Ge­danken zu ihnen während der Kriegsjahre in einen Zusammenhang zu bringen. Dabei saß ich auf einem Holzklotz und schrieb auf einem Brett auf meinen Knien. Manchmal besorgte ich mir Papier für Brot. So ent­standen die Anfänge meines späteren Buches „Das Loben Gottes in den Psalmen“, ohne hebräischen Text, ganz ohne Bücher. – Ich bin den Psal­men auf eine absolut unakademische und unwissenschaftliche Weise be­gegnet im Krieg, und dabei war es mir sehr wichtig, daß es einfache Men­schen waren, unter denen diese Psalmen entstanden waren, durchaus nicht, wie wir sagen, „geistig hochstehende“ Menschen, sondern Men­schen, die einfache Gedanken hatten und mit ihrer Hände Arbeit ihr Le­ben erhielten, darum auch der Erde, den Gestirnen, den Kreaturen nahe waren, wie die Psalmen das ja bezeugen. Ich dachte danach auch so, wie die Frauen und Männer in den Psalmen dachten, und das ist mir bis heu­te geblieben. Man bedenke nur dies – ich mußte es für mich selbst erst entdecken: Dem, der die Psalmen liest, begegnet auf Schritt und Tritt die Welt, in der er selbst lebt: die Erde, die Bäume und Häuser, die Äcker und die Arbeit, das Weinen und das Lachen; insofern sind die Psalmen in hohem Maße weltlich.

Da gibt es Psalmen, die einem intensiven Nachdenken erwachsen sind (wie z.B. der 8. oder 139. Psalm), und in denen doch kein einziger theologi­scher Begriff vorkommt, sondern tiefste Gedanken in einer einfachen Sprache begegnen. Die Psalmen haben mir gezeigt: Betont theologische Begriffe ebenso wie betonte Häufung frommer Ausdrücke können eine trennende, absondernde Wirkung haben, denn sie sind vielen fremd und ungewohnt. – Überhaupt fehlen verallgemeinernde oder abstrakte Begrif­fe fast völlig; was von den Menschen in ihrem Tun und Denken wie von ih­rer Gottesbeziehung gesagt wird, ist konkret, treffend und darum von un­gezählten Menschen als wirklich trostbringend erfahren worden: „Ich lie­ge und schlafe ganz in Frieden, denn du, Herr, hilfst mir, daß ich sicher ru­he.“

Als ich dann sehr viel später den Auftrag erhielt, einen Kommentar über die Genesis zu erarbeiten und der Arbeit an diesem Kommentar zwanzig Jahre meines Lebens widmete, erhielt, was ich aus den Psalmen gelernt hatte, eine Erweiterung und eine Vertiefung. Eine Erweiterung darin, daß es für die Erklärung der Genesis notwendig war, die Geschichte der Reli­gionen der Umwelt und der Vorwelt Israels zu erschließen – auch wenn das nur Stückwerk war und die Kräfte eines Einzelnen weit überstieg – und ein kleines Stück weiter zu erkennen, wie die frühen Völker, nicht nur des vorderorientalischen Raumes, sondern weit darüber hinaus, Erkennt­nisse gewonnen und weitergegeben haben, die in vielem mit dem überein­stim­men, was die Bibel in den ersten elf Kapiteln, in ihrer Urgeschichte sagt: daß von einem Schöpfer der Welt und einem Schöpfer der Mensch­heit an vielen Stellen auf der ganzen Erde geredet worden ist und noch ge­redet wird und daß dem Reden von den Anfängen ein Reden vom Ende der Welt und der Menschheit entspricht, so wie sich in der biblischen Ur­geschichte die Schöpfung und die Flut einander entsprechen.

Eine Vertiefung meines bisherigen Wissens gewann ich aus der Erfor­schung vor allem darin, daß der Menschheit über die ganze Erde hin viel mehr gemeinsam ist, als ich vorher geahnt hatte und was das für unser Re­den von Gott, für unsere Theologie bedeutet. Nicht nur, daß die Bibel, wenn sie von Gott redet, das Ganze meint („Von Gott reden heißt vom Ganzen reden“), wie es die Urgeschichte zeigt, sondern darüber hinaus, daß das Reden von Gott zu der Erkenntnis führt, daß es wirklich eine allen Menschen gemeinsame Menschheitsgeschichte gibt und in einer wie wun­derbaren Weise in der der Urgeschichte folgenden Vätergeschichte die Geschichte der menschlichen Gemeinschaft von ihren Grundzügen her entfaltet wird: in der Geschichte von Abraham die Urbeziehung von El­tern und Kindern, in der Geschichte von Jakob und Esau die von Brüdern (und Schwestern) zueinander und in der Joseph-Erzählung die Beziehung Eltern-Bruder-Brüder. Es hat mir einen tiefen Eindruck gemacht, daß hier, wo von den Grundbeziehungen der menschlichen Gemeinschaft ge­redet wird, zum erstenmal einer der Brüder bereit ist, für einen anderen ein schweres Leiden auf sich zu nehmen. Als ich dann einen Kommentar über den Propheten Deuterojesaja schrieb (Jesaja 40-65), begegnete mir als Ziel von dessen Botschaft nach dem Zusammenbruch des Staates und des Kö­nigtums das Wort vom Gottesknecht: „Die Strafe liegt auf ihm, damit wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ – Für den Zu­sammenhang des Alten mit dem Neuen Testament bedeutet das: Daß ei­ner stellvertretend das Leid für das Ganze, für die ganze Menschheit trägt und diesen Frieden ermöglicht, bezieht sich auf deren ganze Geschichte, wie sie im Alten Testament in großen Linien, dazu in kleinen Erzählungen dargestellt ist. Es ist ein Weg, der von der Erschaffung der Menschheit durch alle Formen menschlicher Gemeinschaft, von der Familie an bis zu den Großreichen führt. Schon am Ende der Vätergeschichte kann der Frie­de nur noch dadurch bewahrt werden, daß einer für die anderen die Strafe, die Schuld und das Leid auf sich nimmt. Und der vielfach verzweigte und verworrene Weg der Menschheit in allen ihren Gemeinschaftsformen mit dem immer wiederkehrenden Zerbrechen des Friedens führt dann zu dem einen, der für die anderen starb.

Erst sehr spät, nach meiner Emeritierung, habe ich mich intensiv mit der Weisheit beschäftigt. Ich bedaure, daß ich die Schätze, die in der biblischen Weisheit verborgen liegen, erst so spät entdeckt habe. Auch, daß die Weis­heit in hohem Maße das Alte mit dem Neuen Testament verbindet; etwa 100 der Worte Jesu in den Synoptikern stammen aus der Weisheit des Vol­kes Israel. Neben vielen anderen wurden mir hier zwei frühere Erkenntnis­se bestätigt und erweitert: der Zusammenhang von Weisheit und Segen, denn Weisheit wächst und Weisheit reift. Dazu, daß der universalen Weite des Urgeschehens die Universalheit der Form des Weisheits­spruches ent­spricht, der in der ganzen Menschheit bekannt ist; des Weisheitsspruches, der aus der Weisheit des einfachen Volkes erwächst, während die Schul­weisheit erst eine spätere Stufe ist. Auch was die Weisheitssprüche von Gott sagen, sollte mehr beachtet werden, insbesondere was sie von der Grenze des menschlichen Erkennens sagen, was einem betagten Theolo­gen zu betonen wohl ansteht.

Diese wenigen Hinweise sollen zeigen, daß mir von Anfang an die Bibel Alten und Neuen Testaments eine Einheit war und ich eine „Biblische Theologie“ nicht erst zu erfinden brauchte. Daß man eine Methode für das Alte und eine andere Methode für das Neue Testament anwenden müsse, um sie zu verstehen (und eine dritte, um sie beide miteinander verbinden zu können), erschien mir von Anfang an töricht und kurzsichtig. Darüber hinaus ist mir das Haschen nach immer neuen Methoden der Auslegung in den letzten Jahrzehnten, die dann, wenn sie jemand proklamierte, auch gleich einen neuen Namen erhalten mußte (der meist irgendwo entliehen war), immer mehr als ein Haschen nach Wind erschienen. Ebenso das gie­rige Greifen der Theologen nach neuen Fremdworten, die sie irgendwo fanden oder selber erfanden. Die frühesten Schichten des Alten wie auch des Neuen Testamentes sind in einer einfachen, schlichten und alltäglichen Sprache gesprochen; die mehr abstrakten und sublimierten Schulsprachen begegnen erst in den späteren Schichten, sie verbinden nicht, sie trennen. Auch das ist im Neuen Testament nicht anders als im Alten. Wenn man nach dem Gemeinsamen, nach dem Verbindenden fragt, findet man es nicht in den späteren, sondern in den früheren Schichten in einfacher Spra­che.

Ein weiterer Gesichtspunkt ist mir erst spät aufgegangen: Bei vielen exegetischen Monographien, insbesondere bei Dissertationen, bewegt sich die Sprache des Auslegenden auf einem so hohen, abstrakten und sub­limierten Niveau, daß es zwischen der einfachen Sprache der Texte, die der Auslegende doch erklären will, und der der Auslegung keine Brücke mehr gibt. Damit aber hat die Auslegung ihren Sinn und ihre Funktion verloren. Der Auslegende legt dabei nicht mehr den Text aus, sondern das, was er sich über den Text ausgedacht hat. Leider ist das keineswegs ein seltener Tatbestand. Solche Auslegungen sind als Textauslegungen wertlos!

Ich schließe eine dritte Überlegung an. Die Werkzeuge, mit denen wir bei unseren Auslegungen arbeiten, sind zum allergrößten Teil griechisch-lateinische Begriffe, auch bei der Auslegung des Alten Testaments. Viele dieser Begriffe sind aus der Auslegung des Neuen Testaments übernom­men worden, viele auch aus der mittelalterlichen Dogmatik. Daß dies be­rechtigt, daß es sachgemäß sei, ist niemals angezweifelt worden, denn es sind ja die wissenschaftlichen Begriffe, die die Auslegung des Alten Testa­ments scheinbar zu einer Wissenschaft machen, die dieser Auslegung den wissenschaftlichen Charakter geben. Wenn ich dies manchmal im Kreis der Kollegen oder der Studenten anzweifelte, wurde ich merkwürdig an­gesehen. Z.B. ist der Begriff „Eschatologie“ (Calov 1677) für die Ausle­gung des Alten Testaments unnötig und unangemessen. Es kennt keine Eschatologie; was es von der Zukunft oder dem Zukünftigen sagt, hat an keiner Stelle die Gestalt einer Lehre, sondern steht in vielen verschiedenen Zusammenhängen und ist nur aus diesen jeweils zu verstehen und zu er­klären. Z.B. sind Ankündigung, Erwartung und Schilderung von Zukünf­tigem (in der Apokalyptik) sehr verschiedene Dinge, die sich niemals in den geschlossenen logischen Zusammenhang einer Eschatologie hinein­zwängen lassen, wie es dieser Begriff vortäuscht. Braucht man einen zu­sammenhängenden Begriff, so reicht „Reden von der Zukunft“ oder „Re­den von Zukünftigem“ völlig aus und stellt keine unzutreffenden Ansprü­che.

Die Epoche, in der eine durch die griechisch-lateinische Sprache und durch griechisch-latei­nische Begriffe geprägte wissenschaftliche Ausrü­stung eine Selbstverständlichkeit war, geht zu Ende. Ich nenne zwei Ge­sichtspunkte: Forscher am Alten Testament in der westlichen Welt haben endlich angefangen, auf die lange vernachlässigte jüdische Auslegung des Alten Testaments zu hören. Diese gebraucht nur in sehr geringem Maß oder gar nicht die lateinisch-griechische Apparatur. Ich nenne als Beispiel den Genesis-Kommentar von Benno Jacob, den ich bei der Arbeit an mei­nem Kommentar gründlich studiert habe. (Niemand wird behaupten kön­nen, dies sei kein wissenschaftlicher Kommentar. Ich habe wohltuend an ihm wahrgenommen, daß er in seiner Argumentation weitgehend frei ist von einer einseitigen Begriffssprache, die, wie er erkannt hat, dem Alten Testament nicht gemäß ist.)

Es ist mir wohl bewußt, wie weit die Folgerungen, die ich hier andeute, reichen können; sie heben ab auf die Wissenschaftlichkeit der Theologie als solche. Theologie als Wissenschaft erwuchs im 3.-4. Jahrhundert aus dem Anspruch einer weltweit wachsenden Kirche, in ihrem Reden den Ansprüchen der griechisch-römischen Wissenschaft gewachsen zu sein. Das war damals berechtigt und notwendig. In einer gewandelten Situation der Kirche sind Ansprüche, die die Theologie für den wissenschaftlichen Rang ihrer Sprache erhebt, nicht mehr am Platze; sie würden auch wenig Eindruck machen. Zum auch heute unerläßlichen Gespräch mit den übri­gen Wissenschaften, das zum Dienen, Helfen und Lernen bereit sein sollte, bedarf die Theologie höchster wissenschaftlicher Strenge, eigener wissen­schaftlicher Kompetenz und der Rückbesinnung auf ihren biblischen Auf­trag, der ihr Existenzrecht begründet und sie zu ihrem ursprünglichen und eigentlichen Charakter als biblischer Theologie zurückfinden läßt.

Dazu ein anderer Gesichtspunkt. In einer sich ökumenisch entwickelnden Christenheit ist es nicht mehr zumutbar, das Studium des Alten Testa­ments auf den abendländischen, westeuropäischen Umweg über die latei­nische und die griechische Sprache einzuengen, so daß die das Alte Testament in Indien oder Zentralafrika Studierenden nur mitreden können, wenn sie sich in der westlichen Begriffssprache auskennen. Eine wissen­schaftliche Sprache, die diese für unentbehrlich hält, wird in kurzer Zeit ihre Bedeutung schon deshalb verlieren, weil es zu wenige gibt, die daran noch interessiert sind.

An einer Stelle wird es besonders problematisch, daß die Theologie in der Auslegung der Bibel zu selbstverständlich die wissenschaftliche Spra­che der Aufklärung übernommen hat: bei dem Begriff der Geschichte, des Historischen. Es ist nicht länger möglich, als Theologe mit einem Begriff von Geschichte zu arbeiten, für den es Gott oder ein Wirken Gottes nicht gibt (vgl. FS für S. Herrmann, 1991, S. 425-429).

Zum Abschluß deute ich eine weitere Folgerung aus meinen Erfahrungen und dem, was ich gelernt zu haben meine, an. Die immer weitere Differen­zierung in den Disziplinen der Theologie, die wir in den letzten Jahrzehn­ten erleben, ist ein Irrweg, und zwar ein äußerst gefährlicher Irrweg. Er kann zur völligen Zersetzung der wissenschaftlich betriebenen Theologie führen. Es ist jetzt schon so, daß sich die in den verschiedenen Disziplinen Arbeitenden und Hörenden weitgehend nicht mehr verstehen, selbst da, wo sie die gleichen Vokabeln gebrauchen. Dieser Weg einer immer weiter­gehenden Verzweigung und Entfremdung muß verlassen, er muß aufgege­ben werden. Ein Zeichen der Hoffnung ist das Entstehen einer biblischen Theologie, die wenigstens einen Graben überbrücken will. Aber eine wirkliche Umkehr ist das noch nicht. Die kann erst da einsetzen, wo alle Fächer der wissenschaftlich betriebenen Theologie sich als biblische Theo­logie verstehen und als biblische Theologie in der gleichen Richtung gehen.

Theologische Beiträge 23 (1992), S. 223-232.

Hier der Text als pdf.

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