Johannes Rau, Im Rat der Brüder: „‚Consolatio fratrum‘ sagte man wohl in der alten Kirche. Rat der Brüder. Ich habe lernen können, weil ich erfahren konnte, daß es das noch heute gibt. Dass Menschen sich anhö­ren, sich zuhören, sich einander öffnen und dann einander wägend raten, das ist eine richtunggebende Erfahrung meines Lebens.“

Im Rat der Brüder

Von Johannes Rau

Unter meinen Geschwistern galt ich als „die Leseratte“, weil ich nie genug bekommen konnte und weil ich wahllos las, was mir in die Hände fiel. Das hat meine Berufswahl be­stimmt, obwohl mir das Mißverständnis an jedem Tag der dreijährigen Lehre vor Augen geführt wurde. Ich hatte ge­glaubt, meinem Lesehunger am besten Nahrung verschaffen zu können, wenn ich meine Ausbildung da suchte, wo Bücher gemacht werden: Ich lernte in einem Fachverlag für evangeli­sche Theologie in meiner Heimatstadt Wuppertal. Der Weg zum Lesen wurde immer weiter. Was zu tun war und wovon ich glaubte, man müsse es gar nicht lernen, das war unmu­sisch und nichts für jemanden mit zwei linken Händen und einer ungezügelten Phantasie: Pakete so packen, daß sie un­beschädigt ankamen, Posttarife lernen und anwenden, Rech­nungen schreiben und mit Lieferscheinen vergleichen, das mühsam erbrachte Tagewerk pünktlich und mit dem „Boller­wagen“ zum Postamt bringen. Und ich hatte geglaubt, ich würde zum Entdecker von Bestsellern und zum Richter über literarische Werke ausgebildet! Daß ich im zweiten Lehrjahr Korrekturen mitlesen und im dritten Werbetexte für Rund­schreiben an den Buchhandel entwerfen durfte, daß ich im dritten Lehrjahr selbständig mit den Kunden, den Buchhänd­lern korrespondieren durfte, das alles war wie eine Folge längst erwarteter Ritterschläge. „Lesen als Beruf“ – das hatte ich erhofft; „Beruf statt Lesen“ – das war meine Situation.

15 Jahre lang habe ich danach angewendet und weitergege­ben, was ich gelernt hatte. Ergänzt habe ich es hoffentlich auch. Da konnte ich selber einem Verlag sein Gesicht geben, Autoren umwerben und suchen, fördern und bekanntma­chen. Da mußte ich wieder, was ich gewollt hatte: Lesen. Aber das war nicht mehr kindliches Abenteuer, sondern harte Arbeit. Muß das, was der Autor sagt, gesagt werden? Muß es so gesagt werden? Wie könnte er es anders, besser, verständ­licher sagen und doch er bleiben, unverwechselbar? Wer sind die Menschen, die das lesen sollten, und wie erreiche ich sie? Wie macht man einen Autor, ein Buch, ja einen Verlag be­kannt und gibt ihm Gesicht? Zwei von bisher fünf Lebens­jahrzehnten – haben sie eine Richtung gehabt? Ich will sie nicht vergessen, auch wenn ich heute wie ein Fremdling sehe und höre, wie anders heute andere meine Fragen von damals für sich beantworten.

Junge Leute lernen heute – oder sie sollten es doch ler­nen –, daß der Wechsel des Berufs zum Regelfall werden kann. Daß ich meinen Beruf gewechselt habe, war nicht und von niemandem geplant. Es geschah. Anfang der fünfziger Jahre geriet die Politik zum Streit und ich spürte, daß da meine Sache verhandelt wurde. Politik war offenbar nicht bloß und nicht zuerst, was irgendwer nach langen Diskussio­nen entschied, sondern Bestimmung von Richtung. Hatten Christen dazu etwas Spezifisches zu sagen? Gab es christliche Politik? Wie kam es, daß Christen in der Politik unterschiedli­che Wege gingen? Durften oder mußten wir den Weg der (einseitigen?) Westpolitik Adenauers mitgehen oder hatten wir zuerst den Weg der Versöhnung mit dem Osten zu su­chen und zu gehen?

Nächtelang haben wir das diskutiert – in Kirchengemein­den und „Jugendkreisen“, an Stammtischen und bei öffentli­chen Foren. Durften wir, die wir uns als evangelische Chri­sten verstanden, bei der so oft verhängnisvoll gewordenen Tradition bleiben, daß uns bloß das ewige Heil des Menschen anginge und nicht sein gegenwärtiges Wohl?

Lesen mußte man auch, wenn man diesen Streit verstehen und in ihm einen Standort finden wollte, aber das reichte wohl nicht. Karl Barth oder Walter Künneth? Helmut Thielicke oder Helmut Gollwitzer? Hermann Ehlers oder Gustav Heinemann? Der Riß ging tief. Ich zählte mich zu den Freun­den von Hermann Ehlers, der aus der evangelischen Schüler­arbeit kam wie ich, und ich verstand und stützte Heinemanns Engagement dafür, daß wir zuerst Versöhnung suchen und nicht zuerst rüsten sollten. Wie konnten zwei Männer glei­chen Glaubens und gleicher Glaubwürdigkeit so an einen Scheideweg geraten?

Ich kann hier die Argumente nicht aufreihen und die Streit­linien nicht nachzeichnen, die jene Jahre bestimmten. Aber ich machte eine Erfahrung, die ich weitergeben möchte: Es waren schließlich nicht die Bücher, die meinem Leben Rich­tung gaben, sondern Menschen. Einzelne Menschen mit Pro­fil und Gesicht, Erfahrung und Temperament und mit der Gabe, andere mitzunehmen auf ihren Weg.

Solchen Menschen bin ich begegnet. Wollte ich sie in kur­zen Skizzen darstellen, dann entstünden viel zu knappe Schwarzweiß-Zeichnungen, die ungerecht oder doch unzu­länglich wären. Da war Gustav Heinemann, dessen Satz beim Essener Kirchentag 1950 „Eure Herren gehen, unser Herr aber kommt“ wie ein Glaubensbekenntnis gegen allen Fatalis­mus und alle falsche Theorie von der angeblichen Zwangsläu­figkeit der Weltläufte steht. Liebenswürdigkeit lag ihm nicht, aber daß er unter den Menschen und den Zeitgenossen nicht bloß und nicht zuerst für die eintrat, die keinen Anwalt brauchten, das spürte man ihm an. Da war der temperament­volle Soziologieprofessor Johannes Harder, der in meiner Heimatstadt Wuppertal lehrte und von dem ich gelernt habe, was die Reich – Gottes – Theologie Blumhardts wollte und wo­hin Kierkegaards Schärfe zielte, daß es neben der offiziellen Geschichte der Kirche auch die der Ketzer und der Propheten gab, neben Luther auch Thomas Müntzer. Da gab es Johannes Schlingensiepen, den heimlichen und oft strengen und ab­weisenden Vater der rheinischen Kirche, der den Widerstand (weniger) evangelischer Christen gegen Hitler miterlebt und mitgestaltet hatte, der sich dabei riskiert hatte und der noch als 80jähriger die Friedens – und Befreiungsakzente lateiname­rikanischer Theologie besser verstand als viele intellektuelle Rezensenten der großen Zeitungen.

„Consolatio fratrum“ sagte man wohl in der alten Kirche. Rat der Brüder. Ich habe lernen können, weil ich erfahren konnte, daß es das noch heute gibt. Daß Menschen sich anhö­ren, sich zuhören, sich einander öffnen und dann einander wägend raten, das ist eine richtunggebende Erfahrung meines Lebens. Die Worte „Bruder“ und „Brüderlichkeit“ haben heute einen oft frömmelnden, sentimentalen Klang. Wer leibliche Brüder hat, versteht das nicht. Er weiß, daß Brüder sich kennen und daß Brüder sich nichts vormachen können. Er weiß, daß aus Brüdern Konkurrenten werden und daß Nähe und Stallgeruch lästig werden können. Aber er kann auch er­fahren, daß Verlaß ist auf den Bruder.

Inzwischen bin ich nicht mehr bei den Büchern. Ich arbeite als Ministerpräsident des Landes, in dem die meisten Bürger leben: 17 Millionen. Ich habe nicht bloß „Brüder“. Ich habe Kollegen und Partner, Mitarbeiter und Gegner, Freunde und Bekannte. Vielleicht auch Feinde? Die Welt besteht nicht nur aus Brüdern und ich gelte nicht allen als einer. Wie kann man da Richtung behalten und erkennbare Wege gehen? Die Zeit für Gespräche – in Ruhe und ohne Ergebniszwang – wird knapper, die Zahl der Briefe größer. Ob ich genug Antworten habe? Erfolge habe ich gefeiert und Niederlagen eingesteckt. Vielleicht habe ich auch manchmal versucht, Niederlagen als Teilerfolge darzustellen. Mit meinem Amt liegen ja auch meine Schwä­chen offen zutage. Die Briefe sagen und zeigen mir, daß unsere Welt (nicht nur die große, weite) voller Hoff­nungen und Erwartungen, voller Wünsche und Sehnsüchte ist. Und voller Angst. Das Defizit an Zuwendung, das unsere Alltage bestimmt, bedrückt mich, weil es viele allein sein läßt und viele einsam. Manche sind einsam, ohne allein zu sein. „Sinndefizit“ ist längst ein Schlagwort geworden. Ich bin ja auch keiner, dessen Richtung anderen und ihm selbst immer gradlinig erschien. Wolfgang Borchert wollte ein „Leucht­turm“ sein und sah sich selber als „Schiff in Not“. Für mich liegt ein Teil der Antwort, der Zipfel der Wahrheit da, wohin eigene Selbstdarstellung und Selbststilisierung nicht hin rei­chen; sie liegt nicht einmal bei den „Brüdern“.

Wenn Brüder den Vater erkennen, wird Richtung sichtbar. Ich habe das „von Kind auf“ gelernt und buchstabiere immer noch daran herum, daß „wie sich ein Vater über seine Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr“. Paulus, der Weltmissio­nar, war sich seiner Sache auch nicht immer ganz sicher. „Nicht, daß ichʾs schon ergriffen hätte, ich jage ihm aber nach.“ Im Nächsten will Gott sichtbar werden: im Gegner und im Feind, im Bekannten und im Fremden, in dem, der mir lä­stig wird und in dem, nach dem ich mich sehne. Da braucht man wache Sinne und scharfe Augen, damit man ihn nicht übersieht und verpaßt.

Quelle: Was meinem Leben Richtung gab. Bekannte Persönlichkeiten berichten über entscheidende Erfahrungen, Herderbücherei, Bd. 940, Freiburg i.Br.: Herder, 1982, S. 115-119.

Hier der Text als pdf.

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