Walter Krecks Grund zur Freude. Eine Meditation über Philipper 4,4 zur Freiheit der Kirche in der Gesellschaft (1995): „Wenn Paulus von dem »Bür­gerrecht im Himmel« spricht, so ist damit nicht eine abstrakte Trans­zendenz gemeint, die alles Leben auf dieser Erde bagatellisiert, son­dern eher eine Zukunftsperspek­tive, die uns aber schon jetzt bis ins leibliche Leben hinein betrifft.“

Grund zur Freude. Eine Meditation über Philipper 4,4 zur Freiheit der Kirche in der Gesellschaft

Von Walter Kreck

»Freut euch in dem Herrn allezeit!« (Philipper 4,4). Das ist der Grund­ton des Briefes, den Paulus in der Mitte des ersten Jahrhunderts nach Chr. an die Gemeinde in Philippi schrieb.

Dieser Appell ist eine unerhörte Zumutung, denn wie kann ein Mensch, auch wenn er der glück­lichste auf Erden wäre, sich allezeit freuen? Viel ehrlicher erscheint es uns, wenn Goethe von sich bekennt, daß er wohl nur einige Wochen in seinem langen Leben wirklich glücklich gewesen sei.

Paulus aber war kein Dichter­fürst, sondern eine Art Wanderpre­diger, der damals als Gefangener (wohl in Ephesus) einem ungewis­sen Ausgang seines Prozesses ent­gegensah, und die kleine mazedo­nische Gemeinde bangte mit guten Gründen um das Leben des Apo­stels und um ihre eigene gefährdete Existenz. Paulus wußte nicht, ob er mit einem Freispruch rechnen konnte oder dem Todesurteil entge­genging. Er hatte auch mit seinen christlichen Brüdern nicht nur gute Erfahrungen gemacht, sondern er spricht von solchen, die sein apo­stolisches Wirken mit Eifersucht und Neid begleiteten, ja, ihn im Stich gelassen hatten.

Die Gemeinde in Philippi war also nicht nur von außen angefoch­ten, sondern auch von innen. Paulus spricht von »Feinden des Kreuzes Christi«, die mit ihrer Gesetzesfröm­migkeit dem von ihm verkündigten Evangelium von der freien Gnade Gottes widersprechen und für die der Apostel das rote Tuch ist. Also nicht nur sein Leben ist bedroht, sondern auch der Fortgang seines Werkes als Heidenapostel ist ungewiß.

Kurz, es besteht Grund genug, zu klagen und zu resignieren. Aber stattdessen ein zuversichtlicher Apostel, der die Gemeinde aufruft, sich mit ihm zu freuen. Wie ist das möglich?

So fragen wir, die wir doch nach fast 2.000 Jahren Kirchengeschich­te ganz andere Aktivposten zu ha­ben meinen. Statt der kleinen Ge­meinden an den Rändern des Mit­telmeers, die in der Völkerwelt des römischen Reiches kleiner oder nur einer marginalen Notiz gewürdigt wurden und noch lange in ihrer Exi­stenz bedroht waren, leben wir in einer weltweiten ökumenischen Christenheit, die aus der Mensch­heitsgeschichte, an der sie zum Gu­ten oder Bösen vielfältig mitge­wirkt hat, nicht wegzudenken ist.

»Christliche Werte« scheinen ge­fragt zu sein, und die Kirchen haben noch immer gerade in den führen­den westlichen Industrienationen eine beachtliche Stellung, zumal nach dem Zusammenbruch der re­alsozialistischen Staaten.

Und dennoch: Ist die Welt soviel anders geworden seit jenem Imperium Romanum, das durch seine militärische Macht, seine Wirtschaftskraft und seine kultu­relle Herrschaft die Völker im Griff hielt? Ist der Einfluß derer, die mit Ernst Christen sein wollen, auf Krieg und Frieden, auf Produkti­onsverhältnisse und Verteilung von Gütern, auf die Medienwelt und den herrschenden Zeitgeist nicht sehr begrenzt und vor allem die Christenheit selbst so zerrissen und gelähmt, daß man sehr bezweifeln möchte, sie sei – wie ihr verheißen – »Salz der Erde« und »Licht der Welt«?

Zwar ist die Stimme des Evan­geliums nicht zum Schweigen ge­kommen, und der Brief des Apo­stels wie überhaupt die Bibel gehört zur Weltliteratur, aber ist sie für und eine überschwengliche Freuden­botschaft wie für Paulus?

Alles kommt darauf an, zu begrei­fen, wo für den Apostel der Grund seiner Freude liegt, nämlich »in dem Herrn«. Und was er damit meint, das sagt konzentriert das Christuslied Philipper 2,5ff., in dem man wohl mit Recht einen urchristlichen Hymnus erkannt hat. Damals gab es gewiß noch keine systematische entfaltete Christolo­gie, wie sie in den folgenden Jahr- hunderten in Bergen theologischer Literatur entworfen wurde, und dennoch wird das Christusgeschehen hier in wenigen Versen um­schrieben und auf den Punkt ge­bracht, indem die Selbsterniedri­gung und die Erhöhung Jesu Christi besungen wird. Der Grund für die Freude des Apostels ist der hier vollzogene radikale Machtwech­sel. Christus hielt seine »göttliche Gestalt« nicht wie einen Raub fest, sondern entäußerte sich, nahm Knechtsgestalt an und ward gehor­sam bis zum Tod am Kreuz.

Das Neue Testament läßt uns nicht im Zweifel über die einzig­artige Hoheit dieses Gottessohnes – unser Text spricht von seinem »Gottgleichsein«, und die Evange­lien zeichnen ihn als den, der in un­erhörter Vollmacht verkündigte und mit Zeichen und Wundern das Kommende Reich Gottes ansagte.

Aber nicht darauf legt dieser Christushymnus den Akzent, son­dern auf den, der sich aller sichtba­ren Herrlichkeit entäußert, der nicht den Weg nach oben, sondern nach unten geht, in die Tiefe menschlichen Elends und in die Ge­meinschaft mit Ausgegrenzten und Schuldiggewordenen, ja, bis zum Verbrechertod am Galgen.

Deshalb ist das Wort vom Kreuz für uns ein Ärgernis und eine Torheit, weil es unserer rücksichtslosen Selbstbehauptung, unserem Drang nach oben und dem Geist unserer Ellenbogengesellschaft diametral widerspricht und uns mit dem kon­frontiert, der nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben für die Vielen hinzugeben.

Aber gerade diesen Ausgesto­ßenen und Gekreuzigten, also nach menschlichen Ermessen endgültig Gescheiterten, der mit dem Ruf: »Mein Gott, warum hast du mich verlassen?« auf den Lippen stirbt, hat Gott auferweckt, erhöht und zum Kyrios eingesetzt, dessen Namen alle Zungen bekennen und vor dem sich alle Kniee beugen werden.

Als dem Verfolger der Gemein­de, Saulus, dieser Jesus Christus be­gegnete und er die Stimme ver­nahm: »Saulus, was verfolgst du mich«, da brach ihm eine Welt zu­sammen und eine neue Wirklich­keit erschloß sich ihm. Was ihm bisher als Gewinn erschien, seine Abstammung aus dem erwählten Volk, seine Leistung nach dem Ge­setz, seine eigene Gerechtigkeit, das achtete er nun als Schaden und Dreck, gemessen an der Erkenntnis Jesu Christi (Phil 3,5ff). Die Ge­rechtigkeit aus Glauben an Chri­stus, die Macht seiner Auferste­hung und die Gemeinschaft mit sei­nen Leiden – das alles ist der Quell seiner Freude und der Grund seines Rühmens.

Die Berufung auf dies Christusgeschehen ist also für Paulus nicht nur die Erinnerung an ein ergreifen­des Ereignis, an das tragische Schicksal eines großen Propheten und der Appell zur Nachfolge eines selbstlosen Märtyrers, sondern die Proklamation eines Himmel und Erde umspannenden radikalen Machtwechsels. Ja, es geht um mehr als einen Machtwechsel, d.h. eine Revolution, bei der die Macht­haber ausgetauscht werden, denn der Begriff Macht wird ganz neu definiert. Während es bei uns selbstverständlich ist, daß dem die Macht zufällt, der sich selbst durch­zusetzen vermag, der um jeden Preis sein Leben erhalten will, wird sie hier dem zugesprochen, der sich freiwillig dienend hingibt. Hier ist das bei uns herrschende Weltgesetz aus den Angeln gehoben, hier kommt es zur großen Götzendäm­merung, weil die Allmacht des le­bendigen Gottes sich erweist in der Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart.

Paulus spricht zu den Philippern von dieser Macht nicht wie von einer Idee, sondern wie von ei­ner Wirklichkeit, die sie, indem sie Christen geworden waren und sich auf den Namen die­ses Herrn taufen ließen, im Grunde längst anerkannt haben. Wer sich zu dem Gott be­kennt, der den gekreuzigten Chri­stus auferweckt und erhöht hat, dem ist der Star gestochen, der ist aus der Finsternis zum Licht ge­drungen, der ist von neuem gebo­ren. Hier kann man wirklich zur Freude aufrufen, weil es nicht an je­mandes Wollen oder Laufen liegt, sondern an Gottes Erbarmen, denn »Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt« (Phil 2,13).

Der Apostel kann, weil der Grund zur Freude nicht in uns liegt und alles eigene Verdienst ausge­schlossen ist, von der Gotteskind­schaft unbefangen reden und nicht nur von sich sagen, daß ihn Christus ergriffen habe (3,12), sondern auch von dem guten Werk sprechen, das Gott in der Gemeinde in Philippi begonnen habe und auch vollenden werde (1,6).

Aber er redet von alledem nicht wie von »Heilstatsachen«, d.h. von in sich ruhenden, abge­schlossenen, historisch feststellba­ren Fakten, sondern es heißt zu­gleich: »Nicht daß ich schon ergrif­fen habe oder schon vollkommen bin …« (3,12). Und der Gemeinde ruft er zu: »Schafft mit Furcht und Zittern eure Rettung!«, gerade weil es Gott ist, der das Wollen und Voll­brin­gen bewirkt. Weil Gottes Kraft in Christus am Werk ist, darum gibt es keine in ihm, in Paulus, in seinem Glauben und Wirken begründete Sicherheit, keine auf die Glaubens­erfahrung sich stützende Heilsgewißheit.

»Ich kann nicht an meinen Glauben glauben«, sagte Karl Barth einmal, d.h. nicht an den er­fahrenen Glaubensakt, sondern »ich kann meinen Glauben nur glauben«. Aber die von Luther mit Recht so bezeichnete »passive« und »fremde« Gerechtigkeit ist kei­ne abstrakte Idee, sondern die mich ergreifende und verändernde Wirk­lichkeit und der Glaube »ein leben­dig und geschäftig Ding«. »Der Glaube allein rechtfertigt«, so heißt es bei Luther, aber »der Glaube ist nie allein, sondern in der Liebe tä­tig«.

Der Grund seiner Freude wird von Paulus lapidar zusammengefaßt in dem Bekenntnis: Christus ist mein Leben! (1,21). Sein »Leben im Fleisch ist bestimmt, umfangen und beschlagnahmt von Christus, er ist an seine Stelle getreten, so daß – wie es Galater 2, 20 heißen kann – nicht ich eigentlich mehr lebe, son­dern Christus in mir. Das bedeutet nicht eine Auslöschung seiner Exi­stenz, sondern ihre Indienststel­lung, ihre Neugründung und Aus­richtung auf ein Ziel hin, nämlich zur Verherrlichung Jesu Christi. Das Leben der Christen als »lautere und fleckenlose Kinder Gottes mit­ten in einem verkehrten und ver­wirrten Geschlecht«, in dem sie »leuchten wie die Gestirne des Weltraumes«, wenn sie festhalten am »Wort des Lebens« (2,15f.), ist keine Fortsetzung oder Wiederho­lung des einzigartigen Christusgeschehens, seines Todes und seiner Auferweckung und Erhöhung, aber es ist eine Bewegung, die diese gro­ße rettende Tat Gottes verkündigt, ihr in Zeugnis und Dienst ent­spricht, also keine gequälte und verkrampfte Leistung, sondern ein freudiges und verheißungsvolles Beginnen. Das Gelingen hängt nicht vom sichtbaren Erfolg ab, sondern entscheidend ist, daß Rich­tung und Ziel stimmen.

Wenn Paulus die Gemeinde in Philippi zu einem Leben, das »des Evangeliums würdig ist« aufruft (1,27) und dabei auf sein Vorbild hin­weisen kann, so legt er sie damit nicht auf ein christliches Charakter­bild, auf religiöse Bräuche, auf be­stimmte Gemütszustände fest, son­dern er nennt vielmehr konkrete, Verhaltensweisen im täglichen Umgang mit den Mitmenschen, die er als Gemeinschaft mit den Leiden Christi, mit der Schmach des Kreu­zes versteht. Es ist eher ein Abstieg, als ein Weg nach oben, es ist ein Kampf, der mit den eigenen alten Adam geführt werden muß, wenn er vor Ehrgeiz und Prahlerei warnt und zur Hochschätzung des ande­ren und zur Eintracht mahnt.

Wir wissen von Paulus (aus dem 2. Korintherbrief), daß er die Versuchung eines »christlichen« Hochmuts kennt, die gerade den be­droht, der sich tiefer theologischer Erkenntnis und reicher, überschwenglicher Erfahrungen er­freut, so daß er sich seiner hohen Offenbarungen rühmt. Er hat selbst wiederholt Gott gebeten, eine schwere, seinen Dienst als Apostel belastende gesundheitliche Behin­derung von ihm zu nehmen, aber sich sagen lassen müssen: »Meine Gnade genügt dir, denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit« (2. Kor 12,9). Darum kann er barmher­zig mit seinen Nächsten umgehen und es als Gefangener ohne Verbit­terung ertragen, daß christliche Brüder hinterhältig und aus Recht­haberei mit ihm konkurrieren und ihn, den Gefangenen, demütigen wollen (Phil. 1,15ff)

»Wenn nur Christus gepredigt wird, ob in unlauterer oder lauterer Absicht«, kann er sagen in der Gewißheit, daß Gott auch unser un­vollkommenes Werk annehmen und gebrauchen kann und das letzte Wort und Urteil über uns und ande­re Christus sprechen wird.

Aber diese Geduld hat eine unüber­sehbare Grenze, nämlich da, wo die Christusbotschaft im Kern ver­fälscht wird. So stehen mitten in diesem freudigen, zu Demut und Nachsicht aufrufenden Philipperbrief schneidend scharfe Sätze. Der Apostel warnt vor den »Hunden«, den »Werkgerechten«, den »Fein­den des Kreuzes Christi«, deren Ende das Verderben, deren Gott ihr Bauch, deren Herrlichkeit ihre Scham ist, deren Sinn auf das Irdi­sche und nicht auf das »Bürgerrecht im Himmel« gerichtet ist (Phil. 3,2 und 18f.)

Verträgt sich das mit dem Grundtenor dieses Schreibens? So möchte man fragen, wenn wir be­achten, daß hier nicht ein Zornesausbruch des Apostels gegen Laster der heidnischen Umwelt erfolgt, sondern er sich – bei al lern Drängen auf die Gemeinde – unerbittlich ab­grenzt gegen Menschen, die offen­bar Christen sein wollen, ja, die mit besonderem Ernst und Eifer nach Gerechtigkeit trachten, allerdings einer Gerechtigkeit durch Geset­zeserfüllung.

Nicht unmoralische Zuchtlo­sigkeit, nicht sinnliche Genußsucht scheint Paulus hier im Auge zu haben, sondern ein die Glaubensge­rechtigkeit angeblich überbieten­des, aber in Wirklichkeit sie ver­leugnendes religiöses oder sittli­ches Streben, das mit der Botschaft vom Kreuz in unüberbrückbarem Konflikt steht. Also doch nicht all- seitige Verbrüderung, nicht Tole­ranz nach allen Richtungen hin. nicht autonome Freiheit, sondern Prüfung der Geister im Sinn des Wortes: Alles ist euer, ihr aber seid Christi!

Wir wissen, wie rasch oft die Kir­chen in der Geschichte unter Beru­fung auf die gebotene »reine Leh­re« zu Gewissenszwang, zum Damnamus, zur Ketzerverfolgung bereit waren, und freuen uns der in der Moderne zunehmende religiö­sen Toleranz und der verfassungs­mäßig geschützten Glaubens- und Gewissensfreiheit. Aber wir erle­ben es auch in der gewachsenen ökumenischen Bewegung, wie schwer es ist, die ersehnte und ver­heißene Einheit mit der faktischen und auch zu respektierenden Unterschiedenheit in Einklang zu brin­gen.

Die großen kirchlichen Be­kenntnisse haben meist neben der in ihnen enthaltenen Bejahung auch Verneinungen und Abgrenzungen, und es kommt alles darauf an, an welchem Maßstab hier gemessen wird. Für Paulus ist offenbar ent­scheidend, daß das Reden und Han­deln des Christen dem sich ernied­rigenden Christus entspricht, der identisch ist mit dem Auferstande­nen und Erhöhten. Hier im Philipperbrief legt Paulus den Akzent auf die Gemeinschaft mit den Leiden Jesu Christi, der sich diese »Voll­kommenen« entziehen.

Es sind wohl eher die Judaisten und nicht die Libertinisten, denen Paulus hier scharf widersteht, in­dem er all das für Schaden und Kot erklärt, dessen er sich einst als eifri­ger Pharisäer rühmen konnte. Ge­rade jene Vorzüge sieht er nun als Verlust an, und die untadelige Ge­rechtigkeit ist in Wahrheit ein Ver­trauen aufs »Irdische«. Ob man hier (mit Lohmeyer) auch daran denken kann, daß sich judaistische Tenden­zen damals in politischer Bedräng­nis empfehlen konnten, um unter dem Schutzschild der religio licita zu stehen, den das römische Reich dem Judentum gewährte, sei dahin­gestellt. Es geht dem Apostel jeden­falls um eine theologica crucis, die mit jeder theologica gloriae, auch und gerade einer »christlichen«, unvereinbar ist.

»Wo liegen heute die Fronten?«, so fragt H. Iwand angesichts der von Paulus mit Tränen konstatierten »Feindschaft gegen das Kreuz Christi« (Pred. Med. S. 275) und fährt fort:

»sind wirklich all die Beweise des Öffentlichkeitswillens der Kir­che, von denen heute Presse und Reden überfließen – man denke nur an die geradezu zum kirchlichen und politischen Programmpunkt erhobene Formel vom christlichen Abendland! – Zeugnisse des Kreu­zes Christi? Ist diese öffentliche Anerkennung der Kirche, deren wir uns erfreuen, darauf zurückzufüh­ren, daß das Kreuz und die Theo­logie des Kreuzes so hoch im Kurse steht, und zwar jenes Kreuz, das nicht Symbol ist, das man nicht sichtbar tragen und zeigen kann, sondern eben ›das Kreuz Christi‹, das im Leiden und Abbau des natürlichen Menschen wirksam wird, jenes Nadelöhr, durch das jeder­mann hindurch muß und bei wel­chen man alles, was man hat und hatte, auch die Verdienste des Mar­tyriums, hinter sich lassen muß, wenn anders man ganz und allein von Christus und seiner Gerechtig­keit leben will?«

Wird diese Frage nicht heute nach der »Wende«, in der die Kir­che auf dem Wagen des Siegers zu sitzen meinte, und nach der inzwi­schen erfolgten Ernüchterung, in der sie um ihre Sicherheit zu ban­gen beginnt, noch dringlicher, da sie versucht ist, diesen Maßstab der theologia crucis aus dem Auge zu verlieren und zu vergessen, daß ihr »Bürgerrecht im Himmel« ist (3,20)?

Wie kann, so möchte man wohl fragen, eine solche Kreuzestheolo­gie zur Freude führen?

In der Tat gibt es auch eine theologia crucis, die erst recht zu ver­krampfter Gesetzlichkeit neigt und keineswegs befreit. Das ist dann der Fall, wenn vergessen wird, daß der bis zum zum Kreuzestod sich Er­niedrigende zugleich der Erhöhte ist, dem sich alle Knie beugen wer­den.

Wenn Paulus von dem »Bür­gerrecht im Himmel« spricht, so ist damit nicht eine abstrakte Trans­zendenz gemeint, die alles Leben auf dieser Erde bagatellisiert, son­dern eher eine Zukunftsperspek­tive, die uns aber schon jetzt bis ins leibliche Leben hinein betrifft. Wenn er vom »Himmel« redet, so fährt er unmittelbar fort: »Von dan­nen erwarten wir auch Jesus Chri­stus, den Herrn, als Retter, der unse­ren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherr­lichten Leibes, in der Kraft, mit der er sich alles unterwerfen kann« (Phil. 3,21).

Das ist für ihn nicht eine resi­gnierende Vertröstung auf ein fer­nes Ereignis, sondern die Erwar­tung des Kommenden, der bereits vor der Tür steht. »Der Herr ist na­he«, heißt es (4,5), und er spricht damit die glühende Hoffnung der Urgemeinde aus, die dabei nicht nur die Gegenwart des Herrn im heiligen Geist meint.

Ist das nach fast 2.000-jährigen Verzug der Parusie eine überholte Aussage, oder haben die recht, die daran erinnern, daß für Gott 1.000 Jahre wie 1 Tag sind, und in dem »Verzug« die Geduld Gottes am Werk sehen, nicht aber eine Rück­nahme der Verheißung? Sollte hier nicht die Christenheit sich von Wal­ter Benjamin an die Zukunftsauf­fassung des jüdischen Messianis­mus erinnern lassen, denn »in ihr war jede Sekunde die kleine Pforte, durch die der Messias treten konn­te«? (Ges. Schriften I, S. 704). Wichtig ist für Paulus nicht die Spekulation über Endzeittermine, wie er auch nicht darauf fixiert ist, ob sein Märtyrertod nahe bevor­steht oder er weiterwirken darf als Apostel, sondern entscheidend ist, daß Christus verherrlicht wird – durch sein Leben oder durch sein Sterben.

Aus dieser Gewißheit erwächst die Freude, die ihn erfüllt und zu der er die Gemeinde in Philippi ermuntert. Sie erlaubt die große Sorglosigkeit, welche die Anfechtung wohl kennt, aber sie in Bitte und Danksagung zu Gott bringt. Sie macht frei zum offenen und gütigen Umgang mit unseren Mitmenschen und zum dankbaren Anerkennen dessen, was uns an »Gutem« in der Welt begegnet, »was immer wahrhaft, edel, recht, lauter, liebenswert und ansprechend ist« (4,8). Sie gibt uns aber auch die Kraft zum Widerstand gegen die »Feinde des Kreuzes Christi« im frommen Gewand.

In dieser Freiheit können wir auch in einer Gesellschaft, in der man Jesu Wort: »Man kann nicht Gott dienen und dem Mammon« zwar zitiert, aber faktisch ins Gegenteil verkehrt, gegen den Strom schwimmen in der Gewißheit, daß Gott längst darüber entschieden hat, wen alle Zungen bekennen und wem sich alle Kniee beugen werden.

Quelle: Reformierte Kirchenzeitung, Nr. 2 (1995), S. 66-71.

Hier der Text als pdf.

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