Julius Schniewind, Abendmahlsansprache über Psalm 138, 3. 7 (Februar 1945): „‚Wenn ich mitten in der Angst wandle, so erquickst du mich‘, das bedeutet: du machst mich lebendig, du erhältst mich am Leben, du schenkst mir das Leben. Gott hat die Macht, uns aus dem Tode herauszureißen, uns noch mitten im Tode zu erhalten.“

Abendmahlsansprache über Psalm 138,3.7

Von Julius Schniewind

„Wenn ich dich anrufe, so erhörest du mich und gibst meiner Seele große Kraft. Wenn ich mitten in der Angst wandle, so erquickest du mich und streckst deine Hand über den Zorn meiner Feinde und hilfst mir mit deiner Rechten.“ (Ps. 138, 3.7)

1.

Wandeln wir schon mitten in der Angst? Recht in der Mitte der Angst, gleichsam im Sturmzentrum? Manches, was einzelne von uns erlebt haben, deutet schon dahin, vollends, was die Entronnenen erzählen, die mitten aus dem Schrecken kommen. Aber mancher erfährt schon dies „mitten in der Angst“ noch ehe alle Schrecknis sich ereignet. Manchem liegt das Sich-Ängsten, Sich-Sorgen, Sich-Quälen als eine Last auf sein Leben lang, und solche Lagen, wie jetzt die unsere, würden nur deutlich machen, daß dies die wirklich uns gegebene Situation ist, daß alles, was Leben heißt, unter der Todes­angst steht, daß die Todesangst unser ganzes Sein bestimmt. Und vielleicht, wer am stärksten darum wüßte, könnte es auch am stärk­sten begreifen: wenn ich mitten in der Angst wandle, so erquickst du mich. Gott ist viel stärker als alle unsere Angst.

„Wenn ich mitten in der Angst wandle, so erquickst du mich“, das bedeutet: du machst mich lebendig, du erhältst mich am Leben, du schenkst mir das Leben. Gott hat die Macht, uns aus dem Tode herauszureißen, uns noch mitten im Tode zu erhalten. Er hat es uns zugesagt, daß auch unsere Haare auf dem Haupte alle gezählt sind. Sollten wir es ihm nicht aufs Wort glauben? Und gibt unser Leben dem nicht Zeugnis? „Hast du nicht dieses verspüret?“ Noch mitten im Leiden und Sterben ist es Gott, der unsere Schritte lenkt. Wie es noch über der Passion des Heilands steht, da er das Eselein findet zum Einzug und den bereiteten Saal zum Mahle: daß Gott hier jeden Schritt lenkt, gerade da der Weg in den Tod und in die Gottverlassenheit führt. — „Du schenkst mir das Leben“: Er ist der lebendige Gott, und er lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ehe die Erde und die Welt erschaffen wurden, war er; und wenn die Welt vergeht, wird er noch sein. Und wenn wir sterben, und noch mitten in der Todesangst, wird er bei uns sein, der lebendige Gott, der die Quelle des Lebens ist. Wissen wir das nicht? Wollen wir es ihm nicht glauben? Er wird zu seinem Worte stehen, wird noch gerade hier zu diesem Worte stehen: „Wenn ich mitten in der Angst wandle, so erquickst du mich.“ Wenn ich mitten in der Angst wandle, so machst du mich lebendig.

Aber die größte Angst ist eben dies, daß Gott sich uns verbirgt. Und er verbirgt sich uns, weil wir von seinem Leben uns entfremdet haben. „Mitten in der Höllen Angst Unsere Sündʼ uns treiben“. Was wäre der Tod, wenn wir beständig ihm nahe und mit ihm ver­bunden wären, dem lebendigen ewigen Gott. Aber er ist uns fern, und wir fliehen vor ihm, weichen ihm aus, vergessen ihn. Aber daß dies so ist, das macht die Angst eigentlich erst zur Angst. Das macht den Tod zur Hölle, zur ewigen Gottesferne.

Aber Jesus Christus, unser Herr, ist für uns mitten in die Angst gegangen. Er ging für uns in das Zittern und Zagen und Trauern, ward betrübt bis zum Tod, geriet in Entsetzen und Angst, und es kam, daß er mit dem Tode rang. So beschreiben unsere Evangelien, was er im Garten Gethsemane, was er schon sein Leben lang durchlitt. Er ging in unsere Todesnacht, er ging in all unsere Versuchung hinein, er ging in unsere Gottesferne hinein, in die Gottverlassenheit hinein. Und er hat gesiegt. Er ist die Auferstehung und das Leben. Er hat sein Erdenleben, sein „Fleisch“ dahingegeben für das Leben der Welt. Jetzt aber schenkt er uns das ewige Leben. Er, der Lebendige, Gegenwärtige, Auferstandene. Und all das Grauen, das jetzt über die Gemeinde Gottes geht, kann und soll ein Teilnehmen sein an den Trübsalen Christi. In aller Angst und Trübsal, sagt der Apostel Paulus, tragen wir das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu sichtbar werde an unserm sterblichen Fleisch. Und nun steht Jesu Kreuz über all dem Verderben, dem Todesgrauen, dem Entsetzen, der unausdenklichen Schuld. Er ist die Sühne für die Sünden der ganzen Welt, er ist die Versöhnung der Welt mit Gott. Und nun erweist er sich mitten in der Angst, und gerade mitten in der Angst, als der Lebendige, als der Gegenwärtige über allen, die sein Wort vernehmen, über seiner Gemeinde, über uns.

Er verheißt uns seine Gegenwart, wenn wir sein Abendmahl halten. Sein Leib und Blut, seine ganze in Tod und Angst hineingegebene Menschheit ist hier gegenwärtig. Und so schenkt er uns in seiner eigenen Gegenwart die Vergebung der Sünden: die Höllen-Angst wird von uns genommen, die Anklage, die gegen uns steht, wird von uns genommen, so gewiß er selbst all die Angst und Schuld auf sich genommen hat. Und so will er uns in seinem Mahl Erquickung schenken mitten in der Angst, Leben mitten im Tode. „Wo Ver­gebung der Sünde ist, da ist auch Leben und Seligkeit“. Die ersten Christen haben das Mahl des Herrn gefeiert „mit Frohlocken“, und die Christen aller Zeiten haben das Mahl, mit dem wir des Herren Tod verkünden, so gefeiert: denn wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit. „Wenn ich mitten in der Angst wandle, so erquickst du mich.“

2.

Und nun rufen wir ihn an, da wir sein Abendmahl halten. Wir rufen ihn an mit seinem eigenen Gebet, dem Vaterunser, wir rufen ihn an im Beichtgebet. Und er hört uns: „Wenn ich dich anrufe, so erhörest du mich.“ Wir glauben ihm das aufs Wort, wir wissen das auch. Aber ist es denn wahr: „Du erhörst mich und gibst meiner Seele große Kraft“? Erfahren wir nicht immer wieder unsere Schwach­heit, unser Erliegen? Aber vielleicht suchten wir eine unpersönliche Kraft, die wär in Besitz bekämen, über die wir verfügen könnten, gegenüber allen Nöten und Ängsten, Sünden und Versuchungen, gegenüber Fluch und Schrecken. Doch das läßt uns immer wieder im Stich, was wir so an Kraft zu besitzen meinen, und wär werden in unsere Schwachheit, in unsere Angst zurückgeworfen. Aber die Kraft, die uns hier zugesagt wird, ist ja keine unpersönliche Kraft, sondern es ist die Gegenwart des Herrn selbst. Daß wir von seiner rechten Hand gehalten werden an unserer Hand. Daß wir in Angst und Sünde und Fluch dennoch von ihm gehalten werden, und daß er es uns zuspricht: Hier bin ich, hier bin ich, du bist mein.

Wir glauben das, und wir wissen das. Aber dann ist es wirklich so, wie es der Herr seinem Apostel zuspricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig, sie findet ihre Vollendung, gelangt zum Ziel eben an unserer Schwachheit. Diese Kraft ist die Gnade, die uns genügt, die gnädige Herabneigung des Herrn zu denen, die keinerlei Anspruch darauf haben. Darin erfüllt sich die erste Seligpreisung, die Seligpreisung der Armen, der geistlich Armen. Darin erfüllt sich des Herren eigenes Gebet, wie er es in den Tagen seines Fleisches gebetet hat „mit starkem Geschrei und Tränen zu dem, der ihn von dem Tode konnte aushelfen“, und er wurde erhört, befreit von der Furcht, da Gott ihn erhöhte, ihn einsetzte zum Sohn Gottes in Kraft durch die Auferstehung von den Toten. Und so heißt morgen der erste Sonntag der Passionszeit „Invocavit“, „er ruft mich an, so will ich ihn erhören“. So steht es über der Passion unseres Herrn, die sich in der Auferstehung vollendet.

Nun aber, als der Auferstandene, der Erhöhte, kann er selig machen immerdar alle, die durch ihn zu Gott kommen und lebt immerdar und bittet für uns. Durch seine Fürbitte, durch sein Eintreten für uns rufen wir zu Gott, und er erhört uns. Ohne Christi beständige Fürbitte wären wir verloren mit all unsern Sünden in Gedanken, Worten und Werken, im Tun und im Unter­lassen, im Bewußten und Unbewußten unseres Lebens. Ohne Christi beständige Fürbitte wäre unser Gebet verloren. Was sind doch unsere Gebete?! Wie tief reicht unsere Undankbarkeit! Nur „durch Christus“ danken wir Gott recht, nur durch ihn kommt unser Dank vor Gott. Wie zerstreut und verkehrt sind unsere Gedanken! Hat Luther nicht Recht, wenn er sagt, er vermöge nicht Ein Vaterunser recht zu beten? Wie hindert uns äußere und innere Unruhe, Zeit und Sammlung zum Gebet zu finden! Wie unwissend sind wir in dem, was wir beten sollen! In der Für­bitte für alle uns Anvertrauten, im Wissen um das, was dem Ein­zelnen not tut, im Wissen um das, was Gottes Absicht mit uns und den Seinen und mit seinem ganzen Werk ist. Aber dennoch fällt kein Gebet hin. Nicht ein einziges unserer Gebete fällt hin. Wir beten ja nicht in unserer eigenen Vollmacht noch aus unserer eigenen Kraft. Wir beten in Jesu Namen, d. h. wir beten so, daß Jesus selbst an unserer Statt und für uns betet. Wir beten „in ihm“, beten so, daß Jesus Christus uns in sich einschließt, uns zu sich rechnet als Glieder seines Leibes. Und so weiß der Vater im Himmel, was wir bedürfen und begehren, ehe wir ihn bitten, ehe wir noch den Mund auftun. Er kennt das Schreien seines heiligen Geistes in uns, und wäre es nur noch das „Eleison“, das Erbarme dich, erbarme dich; und wäre es nur noch das Abba, lieber Vater; und wäre es nur noch das Stammeln, das sich an irgend ein Wort der Bibel, an irgendeinen Liedervers hält, etwa in den Tiefen der Krankheit, der Arbeit, der Todesgefahr, der Qual, der Schrecken.

Er hört uns wirklich. „Wenn ich dich anrufe, so erhörest du mich“; dies heißt genau: „Am Tage, da ich rief, hörtest du mich“. An jedem Tage neu hört er unser Rufen und erhört es. Jeden Tag neu kommen wir als die Rufenden, Bittenden, Flehenden vor ihn: „Ich bitte dich, du wolltest mich diesen Tag behüten vor Sünden und allem Übel, daß dir all mein Tun und Leben gefalle. Dein heiliger Engel sei mit mir, daß der böse Feind keine Macht an mir finde“. So betet Luthers Morgengebet, und so wird der Inhalt jedes rechten täglichen Gebetes sein, denn so beten wir nach den Richtlinien des Vaterunser. Da beten wir dem Feind entgegen, um die Erfüllung des Willens Gottes, um die Bewahrung vor der Versuchung, um die Erlösung von dem Argen.

„Der böse Feind“: unser Psalmvers redet vom Zorn der Feinde. Es mag wohl sein, daß uns manchmal die Gebete der Psalmen gegen Gottes Feinde für uns nicht passend scheinen. Aber mit den Feinden sind dämonische Menschen gemeint, die gegen Gottes Volk alles Unheil heraufbeschwören. Es gibt in Wahrheit dämonische Menschen und dämonische Mächte. Und nun bitten wir, daß Gott uns nicht in ihre Macht geben möge, daß Gott uns nicht ihrem Zorn übergeben möge. Wir bitten ihn, daß er uns nicht in des Satans Macht, in des Satans Zorn übergeben möge. Die Offenbarung Johannes weiß ge­waltig davon zu reden, wie der Zorn aller Völker gegen Gott ent­brennt, — aber dann bricht Gottes Zorn herein. Oder wie des Satans Zorn entbrennt gegen die, die Gottes Gebote halten und das Zeugnis Jesu haben, gegen die Gemeinde Gottes. Wir hätten es verdient, daß Gott uns in die Versuchung stieße und uns dem Argen übergäbe, das sagen wir, bekennen wir, so oft wir das Vaterunser beten. Aber Christus hat den Satan besiegt, er hat ihm Macht und Recht genommen, hat ihm das Recht, uns anzuklagen, genommen. Und nun hilft er uns durch seine ständige Gegenwart, der Heiland, der Helfer. Darin, daß er gelitten hat und versucht ist, kann er helfen denen, die versucht werden.

Und so also beten wir zu ihm: „Wenn ich dich anrufe, so erhörest du mich.“ Es ist wie das Gebet des alten Elias Schrenck (Traugott Hahn berichtet es uns, ein Gebet, in der Sakristei vor der Predigt gebetet): „Besprenge mich um und um mit deinem Blute, daß der Feind keine Macht an mir finde“. Laß dein Eintreten für mich mich beständig umgeben! Laß dein in den Tod gegebenes Leben mich beständig bewahren! So rufen wir ihn an, da wir sein Abendmahl feiern. Er bereitet uns einen Tisch angesichts unserer Feinde. Sein Neues Testament ist stärker als Anklage und Zorn, das Neue Testa­ment in seinem Blut. Der Fürsprecher ist stärker als der Ankläger. Und so beten wir es vor ihm als Bekenntnis, Gelübde und Dank:

„Wenn ich dich anrufe, so erhörest du mich und gibst meiner Seele große Kraft. Wenn ich mitten in der Angst wandle, so erquickest du mich und streckst deine Hand über den Zorn meiner Feinde und hilfst mir mit deiner Rechten.“ Amen.

Gehalten am Sonnabend, den 17. Februar 1945 in Halle.

Quelle: Julius Schniewind, Nachgelassene Reden und Aufsätze, hrsg. v. Ernst Kähler, Berlin: Töpelmann, 1952, S. 191-196.

Hier die Ansprache als pdf.

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