Hans G. Ulrich, Predigt zu Markus 8,31-38: „Wir sprechen viel von Menschenwürde, auch von menschenwürdigem Sterben. Doch worin besteht diese Würde, die es zu wahren gilt? Hier wie in der ganzen Bibel heißt Menschenwürde einfach, Du bist, wie jeder Mensch, von Gott gewürdigt, dass er mit Dir zusammenleben will, auf Ewigkeit – durch das Sterben und den Tod hindurch. Die Hoffnung darauf macht Deine Würde aus.“

Predigt zu Markus 8,31-38

Von Professor Dr. Hans G. Ulrich, Erlangen

Der heutige Text zur Predigt ist eigentlich der Text für den nächsten Sonntag, dem Sonntag Estomihi – und der für heute ist dann am nächsten Sonntag Predigt-Text. Der Sonntag „Estomihi“ ist nach dem Psalm 31 benannt, der mit der Bitte an Gott beginnt: „Sei mir … Sei Du mir (das ist lateinisch estomihi), sei Du mir Gott … ein „starker Fels und eine Burg, dass Du mir helfest.“

Es ist ein Gebet an Gott, dass er wie ein starker Fels festen Halt gibt, in all dem, was uns Angst macht, was uns unsicher sein lässt und ohne Perspektive. Kein Gebet in der Bibel ist so eindringlich wie dieser Psalm und ausschließlich auf Gott gerichtet – als den Gott, der dort, wo es keinen Halt gibt, dort, wo es niemanden gibt, auf den ich mich wirklich verlassen kann, wo es nichts gibt, auf das ich mich stützen kann, wo ich ins Leere greife, … der dort festen Halt gibt.

Wir sind mit diesem Sonntag esto mihi in der Zeit vor der Passion – und so erinnert dieser Psalm daran, dass ein Mensch, der so verlassen und ohne Rückhalt war, ein Mensch, der niemanden hatte, der ihm noch Halt gegeben hätte – ein Mensch in dieser Verlorenheit Jesus selbst war. Dieser Jesus hat Verlassenheit erfahren – ja auch Gottverlassenheit. Jesus selbst hat erlebt, was es heißt, sich auf nichts, auf keinen Menschen, kein Recht oder Menschenrecht stützen zu können, und nicht auf eigene Kräfte oder auf irgendetwas, was zu tun wäre … so hat es Jesus erfahren, in seinem völligen Ausgeliefert-Sein –

Und davon spricht Jesus in dem heutigen Predigttext, um das mit uns zu teilen – hier redet Jesus selbst zu seinen Hörern und so direkt auch zu uns, hier erklärt er einmal von sich aus, was die Geschichte ist … die da mit ihm vor sich geht –.

Und so hören wir Jesus seinen Hörern sagen: 31 (Und Jesus fing an, sie zu lehren:)

Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten und den Hohen Priestern und den Schriftgelehrten verworfen und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.

So fasst Jesus zusammen, was ihm bevorsteht – ja bis zu dem Ende, das Gott vorgesehen hat – bis zu seiner Auferweckung von den Toten. Es ist die ganze Geschichte – von seinem Gekommensein, seinem Ausgeliefertsein, seinem Tod und seiner Auferstehung. Es ist die Geschich­te, in der sich Jesus weiß – von menschlichem Machtkampf und Gewalt gefangen genommen und getötet – aber nicht einem Weltgeschehen ausgeliefert, das auf Machtkampf und Gewalt beruht.

Jesus weiß sich aufgehoben in der bestimmten Geschichte, die Gott in der ihm eigenen Macht selbst in die Welt gebracht hat, die bei Gott ihren Anfang genommen hat und bis in den Himmel reicht bis in die Auferstehung und alle Ewigkeit hinein.

Hört her, das ist meine wirkliche Geschichte – sagt Jesus – hört her und seht, was Gott hier mit mir vorhat. (Der Menschensohn) [Ich] muss vieles erleiden – verworfen und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.

Und so ist es ja auch geschehen. So direkt hat Jesus sonst kaum von seiner Geschichte mit Gott gesprochen – er sprach ganz frei – berichtet Markus. Er tut er es in aller Deutlichkeit und aller Direktheit – damit seinen Hörern damals – wie uns heute – eines ganz klar ist:

In dieser Lebensgeschichte Jesu ist Gott am Werk, hier verfolgt Gott seine eigene Geschichte – und: Gott will eben diese Geschichte mit jedem Menschen weiterführen. Alles geht darum, sagt uns Jesus – dass Ihr Euch mitnehmen lasst – und so mir nachfolgt – ich bin vorausgegangen. Ich bin Euch vorausgegangen in der Geschichte, die Gott mit jedem Menschen, mit jedem von Euch – bis in alle Ewigkeit fortführen will.

Gott will mit seinen Menschen, mit jedem seiner Menschen zusammenleben über den Tod hinaus. Das ist das ganze Evangelium, Gott will die Geschichte, die er mit seinen Menschen angefangen hat, nicht im Nichts verlaufen lassen, er will nicht aufgeben müssen, er will durch den Tod hindurch jedem in alle Ewigkeit zusammen sein. Ihr seid für diese Ewigkeit bestimmt. Setzt alles darauf …

Und so fährt Jesus in seiner Rede fort:

Wenn einer mir auf meinem Weg folgen will, verleugne er sich und nehme sein Kreuz auf sich, und so folge er mir.

35 Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren, wer aber sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, wird es retten. 36 Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und dabei Schaden zu nehmen an seinem Leben? 37 Was hätte ein Mensch denn zu geben als Gegenwert für sein Leben?

Das ist die Predigt Jesu auf seinem Weg nach Jerusalem, „Wer mir nachfolgen will, … nehme sein Kreuz auf sich“ …

Wer hat nicht diesen Satz schon gehört? Kaum ein Satz in der Bibel bringt so den wirklich harten Kern der Botschaft Gottes an uns auf den Punkt. „Nimm Dein Kreuz auf DichDas ist keine Aufforderung, die irgendein Mensch einem anderen zu sagen hätte – wer hätte die Autorität dazu? Das ist eine Aufforderung, die einzig und alleine dieser Jesus aussprechen kann, dieser Jesus, der selbst sein Kreuz getragen hat, das Kreuz seiner absoluten Verlassenheit, das Kreuz eines Menschen, der alles darauf ankommen ließ, was Gott mit ihm vorhat.

Nimm Dein Kreuz auf Dich …

Ganz oft ist dies so verstanden worden als würden Menschen zu einem besonderen Kraftakt aufgefordert, auf sich zu nehmen, woran sie leiden, – doch dies ist so unmittelbar, so direkt nicht gemeint. Es geht nicht darum, einfach Leiden auf sich zu nehmen – nein durchaus nicht. Es gilt immer zu versuchen, Leiden zu lindern und Krankheiten zu heilen. Jesus selbst heilt selbst immer wieder Menschen von ihrem Leid und ihrer Krankheit. Das Kreuz, das Jesus trägt, das meint vielmehr die ganze Geschichte, die Gott mit ihm vorhat – in diese Geschichte fügt er sich und wehrt sich nicht dagegen.

Von Markus wird berichtet, dass Petrus versucht hat, eben diese Geschichte abzuwenden. Jesus weist ihn zurück. „Geh weg von mir, Satan!“ Jesus weist das so scharf zurück, weil es um das alles Entscheidende geht – nämlich wirklich Gott handeln zu lassen und darauf zu vertrauen, dass ER – was auch immer geschieht und einem Menschen widerfährt – keinen Menschen aufgibt, dass er seine Geschichte weiterverfolgt mit ihm.

Jesus sagt hier: „verleugne Dich“ … das heißt, lass los … Du magst um vieles kämpfen, und wirst es auch weiterhin, du magst um vieles kämpfen, Du wirst auch gegen Leid ankämpfen – aber versuche nicht, darum zu kämpfen, dass Dein Leben die Erfüllung findet, die Du Dir vorstellst, oder dass das Leben nach irgendeinem Maßstab als lebenswert erscheinen soll – wer könnte darüber urteilen? – einzig und alleine kommt alles darauf an, was es für Deine Lebensgeschichte bedeutet, dass Gott sie mit Dir teilt und sie nicht im Nichts verlaufen lässt.

Wer sein Leben retten will, wird es verlieren, wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es retten

In unseren Bibeln steht das deutsche Wort „Leben“ für „Psyche“ im griechischen Text … Psyche meint das menschliche Leben in seinem vollen Sinn, ein menschliches Leben, das in sich selbst erfüllt ist … ein wirkliches Leben, ein erfülltes Leben. Aber eben das musst Du nicht erreichen wollen.

Du darfst Deine Psyche, du darfst deine „Seele“, Du darfst dieses Leben mit all dem, was es bedeuten kann, Gott anvertrauen – ja ihm ausliefern. Überlasse ihm Dein Leben … wie ich – sagt dieser Jesus … überlasse es Gott, was aus Deinem Leben wird …

„Und so folgst Du mir nach“ … sagt dieser Jesus … ich gebe Dir mein Wort, meine Geschichte geht durch den Tod hindurch, aber meine Geschichte endet nicht in dem Tod, den alle Menschen sterben müssen. Ich gebe Dir mein Wort – auch Deine Geschichte endet nicht mit dem Tod. Verlasse Dich darauf, ich gebe Dir mein Wort.

Du weißt es selbst: alles, woran Du Dich hältst, kann Dir wieder entgleiten, kann sich in Nichts auflösen, nichts von Deiner Lebensgeschichte wird Dich über den Tod hinaustragen … verlass Dich auf mein Wort: ich gebe Dir mein Wort, dass Du nicht verloren gehst … nimm es auf Dich, zu glauben.

Nimm auf Dich, dass nichts in der Welt Dich über den Tod hinaus trägt, an welchem Punkt Du auch bist, nimm diese Ungewissheit auf Dich, mein Wort trägt Dich in alle Ewigkeit –

Alles auf dieses Wort vom Kreuz setzen, alles auf dieses Wort setzen, das Jesus uns da gibt – heißt Glauben und Hoffen, heißt, einen Glauben zu finden, den wir nicht aus uns selbst schöpfen müssen – wir dürfen wirklich diesen Jesus beim Wort nehmen – und so gibt Er uns sein Wort: Folgt mir nach in meiner Geschichte, sie endet nicht im Tod. Das dürft ihr glauben.

Gott selbst steht dafür ein, er allein steht dafür ein. Wie ER diesen Jesus auferweckt hat, so wird er uns auferstehen lassen. Dahin, in dieser Geschichte, die bis in die Ewigkeit reicht, dürfen wir Jesus nachfolgen. Unser Leben bleibt darin aufgehoben –

So wie die Frage 1 im Heidelberger Katechismus lautet (jeder kennt sie):

Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?

Und die Antwort lautet:

Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre. [Röm 14, 8, 1. Kor 6, 19, 1. Kor 3, 23]

In dieser Gewissheit zu leben heißt nachfolgen. Ja, durchaus mit keiner anderen Gewissheit als mit diesem Glauben unterwegs sein.

Für uns beginnt hier beginnt hier das Evangelium. Dieser Jesus hat sein Ausgeliefert-Sein an Gott auf sich genommen – und Gott hat ihn vom Tod auferweckt. – In diese Geschichte sind wir aufgehoben. An Jesus hat Gott gezeigt, was die wirkliche Geschichte ist, die er mit uns verfolgt. Verlasst Euch darauf.

So haben wir also ein Evangelium davon, dass unsere Geschichte, die Geschichte von jedem, was immer sein Leben bestimmt, beschwert bedrängt – mit allem, was dieses Leben mit sich gebracht hat – und allem, was noch kommen wird, mit allen Ungewissheiten und Unsicherheiten – in Gottes Geschichte aufgehoben ist.

Alles geht darum, in diesem Vertrauen zu bleiben – wie der Katechismus sagt – im „Leben und im Sterben“ …

Wir befinden uns in einer Zeit, in der vieles, was zu uns Menschen gehört, zu einer Sache wird, die wir nicht als gegeben hinnehmen, sondern die wir – wie viele sagen – gestalten und selbst bestimmen wollen. Wie das Leben, so auch das Sterben. „Selbstbestimmtes Sterben“ heißt das Stichwort, es soll möglich sein, zu entscheiden, wie das „Sterben“ gut wird, wie das Sterben gut wird auch mit der Hilfe anderer Menschen, mit ihrer Begleitung, mit all dem, was medizinisch möglich ist und mit allem auch, was von der Seelsorge erwartet werden darf. Eine immense Aufgabe ist da gegeben. Doch: all diese menschliche Hilfe beim Sterben lebt davon, dass Menschen für das Leben und Sterben eines Menschen nicht selbst einstehen müssen, die Hilfe lebt davon, dass die Geschichte dieses Menschen, jedes einzelnen Menschen, dem wir helfen wollen, in Gottes Hand ist, aufgehoben, ihm überlassen.

Dieses Vertrauen kann niemand sich oder anderen abverlangen. Wer könnte dem anderen schon sagen: nun sei geduldig?! Wer hat schon die Autorität zu sagen, „es wird alles gut“!

Jesus – so hören wir – in der Erzählung bei Markus – ist gekommen, um uns ein ganz bestimmtes Vertrauen zu bringen, ein Vertrauen nicht in irgend etwas Unbestimmtes, sondern das Vertrauen in diese Geschichte, die Gott mit Jesus in die Welt gebracht hat. Folgt mir in dieser Geschichte nach verkündet Jesus – wie Markus sagt – selbst ganz im Vertrauen darauf, dass Gott seine Geschichte mit ihm weiterführt. Wir können dieses Vertrauen nicht aus uns schöpfen – wir brauchen diesen Zeugen Jesus. Wir brauchen ihn, der uns das vorlebt und verkündet – so direkt an jeden von uns gerichtet, wie in dieser Predigt Jesu. Jesus ist der Zeuge – und so endet seine Predigt –

Er setzt darauf, dass auch wir dies nun anderen Menschen bezeugen – dass wir ein Zeugnis von diesem Glauben und dieser Hoffnung geben. Es ist das Zeugnis davon, dass Gott seine Geschichte weiterführt mit jedem bis in alle Ewigkeit.

Dies gilt es jedem Menschen mitzuteilen, das muss (die) jedem Menschen verkündet werden – diese Botschaft steht jedem zu. Niemand hat die Autorität zu sagen, der Tod ist das Ende und niemand hat die Autorität zu sagen, der Tod ist die große Befreiung. Niemand hat die Autorität zu sagen, sich den Tod zu geben ist die große Freiheit des Menschen. Mit solchem Reden wird Menschen die Würde genommen, die ihnen verliehen ist – die Würde, dass Gott sie nicht aufgibt, dass Gott ihr Leben in seiner Hand hält und niemand sich mit dem Tod alleine auseinandersetzen muss.

Bekennt das vor allen Menschen – sagt Jesus – wenn Ihr dies anderen Menschen nicht bezeugt, wenn Ihr dazu schweigt – dann verurteilt ihr mich auch zum Schweigen, so hart es klingt: und so sagt Jesus weiter:

Wer sich meiner und meiner Worte schämt in diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlecht, dessen wird auch der Menschensohn sich schämen, wenn er kommt in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.

Wir sprechen viel von Menschenwürde, auch von menschenwürdigem Sterben. Doch worin besteht diese Würde, die es zu wahren gilt? Hier wie in der ganzen Bibel heißt Menschenwürde einfach, Du bist, wie jeder Mensch, von Gott gewürdigt, dass er mit Dir zusammenleben will, auf Ewigkeit – durch das Sterben und den Tod hindurch. Die Hoffnung darauf macht Deine Würde aus. Du darfst hoffen – Du bist ein Mensch, der Grund hat zu hoffen, das macht Deine Würde aus. Die darfst Du mit Dir herumtragen. Diese Würde kann Dir niemand nehmen. Und so kommt alles darauf an, Menschen dieses Vertrauen zu bezeugen – das sind wir schuldig zu bezeugen, nicht im Schweigen verfallen. Welche Würde hätten wir Menschen noch, wenn nur irgendeine Freiheit, aber nicht diese Hoffnung hätten? Wie armselig wären wir Menschen, wenn wir nicht diese Hoffnung hätten – die wir an andere weitergeben können – so schreibt Paulus an seine Gemeinde.

Ja, welch eine Würde hat uns der Vater verliehen, dass er wie mit Jesus so mit uns auf Ewigkeit zusammenleben will – darin dürfen wir Jesus nachfolgen. Amen.

Gehalten am 20. Februar 2022 in der Hugenottenkirche in Erlangen.

Hier die Predigt als pdf.

1 Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s