Theodor Ahrens über Mission: „Theologisch gesehen geht es christlicher Mission nicht um religiöse Vereinnahmung, sondern um Ant­wort auf die Frage, was Christen für die Welt erhoffen. Im Ergebnis hat die moderne Weltmissionsbewegung einer­seits eine Vielzahl neuer Dialekte des Christlichen hervor­gebracht, andererseits das Christentum wirklich zu einer Weltreligion gemacht.“

„Mission“ ist ein Reizwort. Gut, wenn es erklärt wird:

Mission

Von Theodor Ahrens

›Mission‹ (lat. missio = ›Sendung‹, ›Gesandtsein‹) wurde im westeuropäischen Christentum seit dem 16. Jh. zu einem Fach­terminus für kirchlich organisierte Bemühungen, Nicht­christen für das Christentum zu gewinnen. In der Religionswissenschaft bezeichnet ›Mission‹ heute die organisierte und nichtorganisierte Ausbreitung von Religionen wie dem Buddhismus, Hinduismus und Islam (nicht jedoch der Natur- und Nationalreligionen).

Die Mission des Christentums wurzelt der Sache nach im Begriff des Evangeliums. Er besagt, daß Christen ihr Gebet um das Kommen des Reiches Gottes unauflöslich mit dem Gekommensein Jesu Christi verbunden haben. Die österliche Gemeinde verkündet das Wort gewordene Leben Jesu zugunsten aller Menschen als Gottes Tat. Die­se Wahrheitserkenntnis stellt das Christentum von seinen Anfängen her in eine interkulturelle Perspektive.

Das Christentum breitete sich im Anfang v. a. durch das Lebens- und Glaubenszeugnis einzelner Christen und christlicher Gemeinden aus und fand so im 7. und 8. Jh. seinen Weg bis nach Süd- und Ostasien. Später wurde das Mönchtum wichtigster Träger der M.-Bewegung. Seit der europäischen Völkerwanderung betrieb die lateinische Kirche des We­stens die Christianisierung der Germanen (Bonifatius, iroschottische Mönche). Die Isolierung Westeuropas durch den sich ausbreitenden Islam führte im Mittelalter zur Gleich­setzung von Christentum und Europa (Corpus Christianum). Vor diesem Hintergrund überließ die Kurie die Ver­ant­wortung für ihre Mission den iberischen Kolonialmächten wäh­rend deren Expansion nach Lateinamerika (Bulle Inter Cetera u. a., 1493). Diese Entscheidung brachte den Typ der Patronatsmission mit ihrer Praxis religiöser Unterwerfung hervor. In Süd- und Ostasien hingegen entwickelten Jesui­ten, die die Wendung des röm. Katholizismus zur Weltkir­che entscheidend mitgestalteten, eine Missionspraxis, in der der Dialog mit fremden Kulturen und Religionen praktiziert wurde. Die Einrichtung der Propaganda Fide durch die Kurie (1622) war durch das Interesse bestimmt, den Köni­gen die Verantwortung für die Verbreitung des Glaubens »bis an die Enden der Erde« (Apg 1,6) zu entwinden. Der europäische Protestantismus vollzog seine Wendung zur Weltkirche verspätet, zögerlich und unkoordiniert. Theo­logische Grundlegungen, die mit dem reformatorischen Ansatz gegeben waren (Glaube als Befreiung von der Ge­setzlichkeit des Religiösen), wurden in der protestantischen Ortho­doxie vorerst überlagert, kamen hier und da (Philipp Ni­colai) mit dem Motiv der Ausdehnung des Reiches Gottes zum Vorschein. Sie gewannen später im Pietismus als Unternehmen der Bekehrten zur Bekehrung der Nichtchristen an Bedeutung. Die vereinsrechtlich organisierten konfessionalistischen Missionsunternehmungen des 19. Jh. be­tonten, daß Mission durch die Kirche auf Kirchengründung hin geschieht. Im Ergebnis erschließen sie dem damals noch staatskirchlich verfaßten Protestantismus den Anschluß an die moderne Weltmissionsbewegung. Anders betrachtet sind sie ein Respons auf die sich abzeichnenden Globali­sierungsprozesse. Manche Mission, besonders in den USA und England, verbinden und verbünden sich mit dem Fortschrittsbewußtsein, rezipieren den Menschenrechtsgedan­ken, jedenfalls in seiner kleinbürgerlichen Verarbeitung, kurz, machen das Christliche als Sozialkritik geltend. Das Reich-Gottes-Motiv blieb in unterschiedlichen Verarbei­tungen virulent. Theologisch gesehen geht es christlicher Mission nicht um religiöse Vereinnahmung, sondern um Ant­wort auf die Frage, was Christen für die Welt erhoffen. Im Ergebnis hat die moderne Weltmissionsbewegung einer­seits eine Vielzahl neuer Dialekte des Christlichen hervor­gebracht, andererseits das Christentum wirklich zu einer Weltreligion gemacht. Die interkulturelle Dynamik des Christlichen facht den Streit über die Identität des Christ­lichen immer neu an. Die protestantische Weltmissionsbewegung der Neuzeit ist eine wichtige Wurzel der Ökumenischen Bewegung. Diese bietet die Foren an, in de­nen der ökumenische Streit um eine kontext- und evangeliumsgemäße Repräsentanz des Christlichen ausgetragen wird. Die Bibel bleibt der einzige gemeinsame Nenner, der die Christen in ihrer Verschiedenheit verbindet.

Die Missionswissenschaft entwickelte sich seit Beginn des 19. Jh. in Deutschland, Schottland, Nordamerika als Re­flexion auf vorausgegangene Missionspraxis. In Deutschland wurde sie 1896 durch Gustav Warneck in Halle als theolo­gisches Fach etabliert. Seit einigen Jahrzehnten wird sie auch an theologischen Hochschulen der nicht-westlichen Welt als eigenständige Arbeitsrichtung gepflegt. Während Warneck Mission als Funktion der Kirche verstand, die auf Bil­dung neuer (Volks-)Kirchen zielt und zwar dort, wo es sie bisher nicht gab (Evangelische Missionslehre, 3 Bde., 1892-1903), kritisierte Johannes Christian Hoekendijk (»Zur Fra­ge einer missionarischen Existenz« und »Rück­blick«, in: J. Ch., Kirche und Volk in der deutschen Missi­onswissenschaft, 1967) die Kirchenzentriertheit dieses An­satzes. Die Kirche sei weder letztes Ziel noch hauptsächli­cher Träger der Mission. Hoekendijk versteht Mission als Wirken Gottes selbst, der seinen Schalom, die Verheißung des Le­bens, in den geschichtlichen Umbrüchen der Gesellschaf­ten heraufführt. Missionswissenschaft erforscht Prozesse inter­kultureller Auffächerung des Christentums, beobachtet christliche Gemeindebildungen in komplexen gesellschaft­lichen Transformationen und deren Kehrseite, die Trans­formationen des Christlichen, wie sie sich aus dessen Inter­aktion mit fremden kulturellen und religiösen Traditionen ergeben. Missionswissenschaft verfolgt ebenso empirisch-beschreibende, historisch-rekonstruierende wie praktisch-theologische und hermeneutische Interessen. Im Ergebnis bringt eine ökume­nisch ausgerichtete Missionswissenschaft die theologischen Implikationen der faktisch hergestellten Globalität des Christlichen in den theologischen Diskurs.

Lit.: Walter Freytag: Reden und Aufsätze. Bd. 2. München 1961. S. 181-217. – Giancarlo Collet (Hrsg.): Theologien der Dritten Welt. Immensee 1990. – Karl Müller / Werner Ustorf (Hrsg.): Einleitung in die Missionsgeschichte. Tradition, Situation und Dynamik des Christentums. Stuttgart 1995. – Uwe Becker [u. a.] (Hrsg.): Mission? Mission! Hinter­grundmaterial und Unterrichtsbausteine. Bremen 1998. (Reliprax. 7) – Theodor Ahrens: Mission nachdenken. Studien. Frankfurt a. M. 2002.

Quelle: Alf Christophersen/Stefan Jordan (Hrsg.), Lexikon Theologie. Hundert Grundbegriffe, Stuttgart: Reclam, 2004, 202-205.

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