Karl Löwith, War Jesus ein Gentleman? (1948): „Der ‚christliche Gentleman‘ ist ein Widerspruch in sich selbst, denn ein Gentleman ist ein Mann von Welt, während der Christ ein Nachfolger Christi ist.“

War Jesus ein Gentleman?

Von Philosophieprofessor Karl Löwith (Universität Heidelberg)

Professor Karl Löwith, 70, ein Schüler der Philosophen Husserl und Heidegger, kehrte 1952 aus der Emigration nach Deutschland zurück und übernahm einen Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Heidelberg. Er ist durch seine Arbeiten über die Philosophie des 19. Jahrhunderts sowie über das Verhältnis der modernen protestantischen Theologie zur Philosophie der Gegenwart international bekanntgeworden. In seinem unlängst im W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart, erschienenen Buch „Zur Kritik der christlichen Überlieferung“ (290 Seiten, 24 Mark) widmet Löwith einen Beitrag der Frage: „Kann es einen christlichen Gentleman geben?“ Der Arbeit, die Löwith in englischer Sprache veröffentlicht, sind die folgenden Auszüge entnommen. Die Übersetzung Helmut M. Braems wurde von dem Heidelberger Philosophen autorisiert.

Das gesellschaftliche Phänomen des christlichen Gentleman, wie wir es in England und New England beobachten können, hat zwei Grundzüge, die auf den ersten Blick als vereinbar erscheinen; denn es ist gerade die Errungenschaft des christlichen Gentleman, das Christliche mit dem Benehmen des Gentleman derart zu verbinden, daß das Ergebnis wie eine vollkommene Harmonie erscheint. Um den grundsätzlichen Unterschied zwischen einem Gentleman und einem Christen aufzuzeigen, sei mit einer historischen Betrachtung begonnen.

Das Ideal des Gentleman ist nicht christlichen Ursprungs. Viele hohe Kulturen vor Christus und außerhalb der christlichen Welt haben ein solches Ideal als Muster vollkommenen Verhaltens aufgestellt und entwickelt, vor allem die Chinesen. In der Anthologie des Konfuzius charakterisieren viele Abschnitte den Gentleman als Chün-Tzu. Chün bedeutet Herrscher, Chün-Tzu Sohn eines Herrschers. Als Angehöriger der Oberklasse unterscheidet er sich von der Unterklasse der „kleinen Leute“. Er ist überlegen durch Geburt, Charakter und Benehmen. Er ist einem bestimmten Kodex der Lebensart und Moral verpflichtet. Er ist von ausgeglichenem Temperament und Charakter. ein Mann perfekter Selbstkontrolle. Dank seinem moralischen Training kennt er weder Furcht noch unduldsame Gereiztheit. Er ist gleichgültig gegen Erfolg und Mißerfolg.

Ein wahrer Gentleman ist bedächtig und ungezwungen, der kleine Mann ist gereizt und verkrampft. Der Gentleman ist würdevoll, aber nicht hochmütig, der gemeine Mann ist hochmütig, aber nicht würdevoll. Dem wahren Gentleman ist leicht zu dienen, aber er ist schwer zufriedenzustellen; dem gemeinen Mann ist schwer zu dienen, aber er ist leicht zufriedenzustellen.

Der Gentleman vermeidet alle Extreme wie Verschwendung und Sparsamkeit; er geht den Mittelweg zwischen zuviel und zuwenig. Diese Maxime ist nicht nur typisch für Konfuzius, sondern allen rationalen Sittenlehren gemeinsam; sie ist am klarsten in der klassischen Ethik der Griechen entwickelt.

Der griechische Terminus für den Gentleman ist „kaloskagathos“. Die Hellenen empfanden den Unterschied zwischen dem Wohlerzogenen und dem „banausos“, zwischen dem Edlen und dem Vulgären besonders scharf. Der Gentleman ist wohlerzogen, sieht gut aus, besitzt vollkommene Proportionen, während die Manieren des „banausos“ so vulgär sind wie die der Handwerker, Türhüter und Sklaven. In Platos Idealstaat beginnt die Erziehung zum Gentleman, wenn das Kind zu spielen beginnt. Die dem Sitzen oder vielmehr Niederliegen und Aufstehen, dem Haarschnitt, der Fußbekleidung, dem Gewand und der Körperhaltung geltende Etikette gehört zu dieser Erziehung.

Hochherzigkeit kann sich nur in großem Maßstab und in großem Rahmen entfalten. Kleine Leute mögen ordentlich und anständig, können aber niemals schön und hochherzig sein. Der Gentleman zeigt gesunden Stolz sowohl beim Vergeben wie beim Annehmen von Ehrungen. Er wird es jedoch vorziehen, sie zu vergeben, denn er bleibt dabei unabhängig, während er beim Annehmen sich anderen verpflichtet. Er wird nur selten um etwas bitten, jedoch gern Hilfe gewähren. Er ist bescheiden gegenüber der Mittelklasse, aber voller Stolz gegenüber Menschen mit großem Vermögen und hoher Position. Triviale Komplimente von trivialen Leuten beachtet er nicht. Er macht keine billigen Komplimente, noch spricht er schlecht von anderen, nicht einmal von seinen Feinden, es sei denn absichtlich, um sie zu beleidigen. Er ist durch und durch aufrichtig, offen in Liebe und Haß.

Der griechische Gentleman ist, wie der chinesische, gelassen in seinen Bewegungen, und sein Gebaren kennt keine Hast; er wird nie eilen und sagen: „Ich habe keine Zeit.“ Er verliert nie den Maßstab. Er hat die Gabe, die richtigen Dinge zu tun und zu sagen, und die richtige Art, sie zu tun und zu sagen, und die richtige Gesellschaft, in der er sie tut und sagt. Seine Nächsten sind nicht die Nachbarn, sondern seinesgleichen. Er ist ein Mann von Geschmack und sein eigener Gesetzgeber, in sich selber ruhend und sich selbst genug wie die ewige Kreisbewegung der himmlischen Sphären. Das Leben eines Gentleman wird sich nie um eine andere Person drehen, es sei denn um seinesgleichen oder einen Freund.

Für Aristoteles ist dieser wohlausgewogene Stolz „die Krone der Tugenden, deren Preis die Ehre ist“. Gemessen an den Maßstäben des heiligen Paulus und Augustinus sind alle diese Tugenden nichts als „glänzende Laster“, verfeinerter Ausdruck menschlichen Stolzes, wenn auch eines Stolzes, der diszipliniert und ausgewogen ist.

Der Gentleman ist kein Geschöpf des Christentums, sondern der hohen Kultur, selbst wenn diese die Tugenden des Christentums nachahmt. Für den Gentleman ist der Ursprung des Gewissens nicht der Wille Gottes, sondern das Diktat seiner eigenen kultivierten Verfassung. Er ist gewissenhaft aus Selbstachtung, aber Selbstachtung ist keine christliche Tugend. Und wenn er unrecht tut, empfindet er nicht Reue gegenüber Gott, sondern er hat das Gefühl, sich selbst erniedrigt zu haben. Er ist bescheiden, und seine Bescheidenheit mag wie Demut scheinen, aber christliche Demut ist die schwierigste aller Tugenden für einen Menschen, der sich selbst achtet.

Die Bescheidenheit des Gentleman ist ein zeitweiliger Verzicht auf die Privilegien seines Standes; sie ist ein Akt der Herablassung zu den unter ihm Stehenden, doch als Gentleman behält er immer seine Überlegenheit, die sogar wächst durch den Stolz, sich solche Herablassung leisten zu können. Diese Art von Bescheidenheit Demut zu nennen, wäre Heuchelei. Es liegt ein weltweiter Unterschied zwischen der umsichtigen Mäßigung, Bescheidenheit und Herablassung des Gentleman einerseits und den „Zwölf Stufen“ der Demut andererseits[1]. Aber selbst ein Heiliger ist nie dagegen gefeit, daß sich der natürliche Stolz in seine Selbsterniedrigung einschleicht. Wenn ein Gentleman mit sich selber übereinstimmt, wird er zugeben müssen, daß seine Maßstäbe nicht jene eines Nachfolgers Christi sind, sondern die Maßstäbe eines Weltmannes, nämlich Ehre und Anstand, Selbstachtung und Würde.

Vornehmlich die Selbstachtung ist es – „der wahre Hausgott der guten Gesellschaft“, wie Newman sie nennt –, die sein Handeln bestimmt. Dean Inge[2] meinte einmal: „Wenn man zu einem anglikanischen Bischof sagte, du bist kein Christ, wäre er kaum erstaunt. Es wäre ein Diskussionsthema. Sagte man aber zu ihm, du bist kein Gentleman, spräche er wahrscheinlich nie wieder mit einem.“

Viel kann zugunsten kultivierter Selbstachtung, manches aber auch dagegen gesagt werden. Denn ihre Kehrseite ist die Angst davor, sich bloßzustellen. Der sich selber achtende Gentleman ist ein Feind jedweder Exhibition und Extravaganz. Er scheut Szenen und macht keine Bekenntnisse. Er hat sich stets unter Kontrolle und unterdrückt seine Erregungen. Er vermeidet sorgfältig alles, was Leute seines Schlages verletzen könnte. Er vermeidet aufreizende Themen, Meinungsverschiedenheiten, Gefühlskollisionen und alles, was als unpassend gilt. Er verletzt nie die Gefühle eines andern, weil er selbst nicht verletzt werden will.

Jesus hat sich zweifellos bloßgestellt, Mißbilligung hervorgerufen und die Gefühle anderer verletzt, vor allem bei seinen jüdischen Genossen, denn er war leidenschaftlich direkt, seine Botschaft war radikal und für einen dezenten Römer schockierend. Wie Nietzsche in seinem „Anti-Christ“ sagt: Es gibt im ganzen Neuen Testament nur einen Gentleman, nämlich den skeptischen römischen Statthalter Pilatus.

Der „christliche Gentleman“ ist ein Widerspruch in sich selbst, denn ein Gentleman ist ein Mann von Welt, während der Christ ein Nachfolger Christi ist. Der schlagendste Beweis für diese Unvereinbarkeit des einen mit dem andern ist das Leben eines christlichen Heiligen, der ein Gentleman war – nämlich ehe er Christ wurde! Der heilige Franziskus war durch Geburt, Erziehung und Auftreten ein junger Gentleman. Nach seiner Bekehrung und seinem Entschluß, Jesus nachzufolgen, wurde er ein Vagabund, kümmerte sich nicht mehr um seinen einstigen gesellschaftlichen Rang und um gute Manieren; statt dessen übte er sich in strengster Askese. Er praktizierte die christlichen Tugenden der äußersten Demut und Nächstenliebe, der Hoffnung und des Glaubens.

Diese christlichen Tugenden sind weit entfernt von einem rationalen Mittelweg zwischen den Extremen. Die christliche Ethik ist voll von paradoxen Spannungen zwischen solchen Extremen wie Leben und Tod (das Leben retten, indem man es verliert), Sünde und Gnade, Verzweiflung und Glaube, Sorge und Freude, Macht und Schwäche, Kreuz und Krone. Die christlichen Tugenden sind nicht natürliche und vernünftige Tugenden der Mitte, sondern insgesamt radikal und extrem.

Demut bedeutet mehr als Bescheidenheit, Nächstenliebe mehr als Wohlwollen, Hoffnung mehr als Erwartung und Glauben mehr als vernünftiges Fürwahrhalten. Wenn man nur jenen, die es verdienen, Nächstenliebe entgegenbrächte, dann wäre das nicht Nächstenliebe, sondern schlichte Gerechtigkeit; Nächstenliebe brauchen vielmehr jene, die sie nicht verdienen; Hoffnung bedeutet, etwas wider alle empirische Evidenz erhoffen, wenn die Lage hoffnungslos ist; christliche Hoffnung ist nicht der natürliche Ausfluß eines heiteren Temperaments, sondern religiöse Pflicht; ihre Substanz ist der Glaube an Unsichtbares. Und Glauben haben bedeutet, an das Unglaubliche glauben. Ein Gentleman mag gerecht und großmütig sein, doch die paradoxe Gerechtigkeit und scheinbare Ungerechtigkeit in den Gleichnissen vom verlorenen Sohn und den Arbeitern im Weinberg betreffen ihn nicht.

Andererseits ist es unmöglich, sich die Apostel und das „geistige Proletariat“ der ersten Christen als Gentlemen vorzustellen. Diese Menschen, welche die römische Welt der Eroberer eroberten, hätten nicht die geringste Aufmerksamkeit erregt, weder Feindschaft noch Begeisterung, wären sie so klug und philosophisch gewesen wie der Gentleman, der so sehr auf Schicklichkeit bedacht und daher nicht willens ist, sich zu exponieren und seine Mitmenschen herauszufordern. Es ist unmöglich, ein christlicher Gentleman zu sein, weil es unmöglich ist, als Gentleman Jesus Christus nachzufolgen. Geburt, Leben und Tod Jesu Christi sind alles andere als gentlemanlike; Geburt, Leben und Tod eines Gentleman sind alles andere als christgemäß.

Wenn es dennoch so scheint, als vereinte der christliche Gentleman die rationalen Tugenden des einen mit den Paradoxen des andern, dann ist der Grund für diesen Trugschluß, daß sowohl die Lebensweise des Gentleman als auch die des Christen entartet und abgesunken sind auf das Niveau durchschnittlichen Anstands. Die moderne Christenheit ist degeneriert, weil sie nicht nur in dieser Welt leben, sondern auch zu ihr gehören und von ihren Einrichtungen profitieren will. Und die Gentleman-Kultur ist degeneriert, weil die moderne Welt zur Massengesellschaft geworden ist, die keinen Platz hat für den verfeinerten, distinguierten, wohlgeborenen Gentleman.

Wäre „christlich“ nicht zum Adjektiv für „Religion“ geworden, sondern bezeichnete es nach wie vor einen bedingungslosen Glauben, dann würde sich die Frage, ob ein vollkommener Mann von Welt als solcher auch ein Christ sein könne, von selbst erledigen. Denn wie ließe sich je Selbstachtung mit Selbsthingabe vereinen? Wenn etwas im Alten und Neuen Testament nicht anzuzweifeln ist, dann der Nachdruck auf eine bestimmte Diskrepanz: im Alten Testament zwischen dem Auserwählten Volk und den Heiden, im Neuen Testament zwischen dem Reich Gottes und den Maßstäben dieser Welt und in der gesamten Bibel zwischen dem Willen Gottes und dem Eigensinn des Menschen.

Um in einer Welt der Sünde und des Todes das Evangelium zu verkünden, bedarf es nicht der Anpassung, sondern der kritischen Distanz und Ungebundenheit. Die Kirche kann die Welt nicht religiös und wirkungsvoll ansprechen, wenn sie keinen klaren Angriffspunkt besitzt, von dem aus sie sich an die Welt zu wenden vermag; statt dessen gibt sie vor, ihr zu gleichen, und bietet ihr eine christliche Version moderner weltlicher Kultur an. Die „Welt“ hat sich seit den Tagen der ersten Christengemeinden nicht wesentlich verändert, wenn man ihre Weltlichkeit an dem bemißt, was die Christenbotschaft verkündet, die nicht von dieser Welt ist. Als Gentleman zu leben mag jetzt sehr viel schwieriger sein als zur Zeit des Aristoteles oder des Shaftesbury. In unserer Zeit ein Christ zu sein ist nicht mehr oder weniger schwierig als in den ersten Jahrhunderten.

Gewiß bestand die christliche Botschaft, wie sie ursprünglich verkündet wurde, nicht aus einer Polemik gegen die Welt oder den Staat oder eine verweltlichte „Christenheit“ (Kierkegaard). Eine kritische Unterscheidung des Christentums von der Welt war nicht nötig, solange die Urkirche in kleinen Gemeinden abseits der römischen Gesellschaft existierte. Sie wurde erst notwendig, als sich das Christentum ausbreitete und innerhalb der heidnischen Welt konsolidierte. Sie wird noch notwendiger in der modernen Welt, in der alles bis zu einem gewissen Grad immer noch christlich — und zu einem gleichermaßen ungewissen Grad unchristlich ist, wenn nicht antichristlich oder indifferent.

In unserer „christlichen Welt“ ist das Christentum des Gentleman wie das Christentum einer christlichen Demokratie und Kultur ein Adjektiv, welches das Substantiv nicht zu bestimmen vermag. Diese Verschwommenheit beruht auf dem weltlichen Erfolg der christlichen Kirche und zugleich auf ihrem Unvermögen, die Welt zu verchristlichen.

DER SPIEGEL, Nr. 15 / 02.04.1967.

Ursprünglich auf Englisch erschienen unter dem Titel Can there be a Christian Gentleman in: Theology Today 5 (1948/49) , S. 58–67.


[1] In der „Theologischen Summe“ des Thomas von Aquin ein gradweises Aufsteigen von der niederen zur höchsten Stufe der Demut.

[2] William Ralph Inge (1860 bis 1954) war englischer Theologe; seit 1911 Dean (Dekan) von St. Paul’s Cathedral in London.

Hier der Text als pdf.

1 Kommentar

  1. So etwas stand seinerzeit im Spiegel, Oha! Mit Gewinn gelesen. Bleibt der Ritter. Ergiebiges Thema. der Übergang vom Ritter zum Gentleman, und warum chivalry auf der Insel nach den Rosenkriegen an Kurswert verloren hat. À propos, ob wohl wer den Originalartikel hat, scheint hinter Bezahlschranken verborgen. Geht noch etwas weiter, und ist im Original in englischer Sprache verfaßt. Löwith, Karl: Can There Be a Christian Gentleman?, in: Theology Today 5. (1948/49)

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