Hans Joachim Iwand, Hütet euch. Predigt über Matthäus 7,13-23 (1946): „Das ist das Geschäft der falschen Propheten: Sie kommen und entfachen die Wunschbilder in der so oft enttäuschten Seele der Menschen. Diese Bilder, die sie her­vorzaubern, zerschlägt keine Katastrophe, im Gegenteil, je trost­loser die Wirklichkeit wird, desto mehr wird der Mensch daran kranken.“

Hütet euch. Predigt über Matthäus 7,13-23

Von Hans Joachim Iwand

Gehet ein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Ver­dammnis ab­führet; und ihrer sind viele, die darauf wandeln. Und die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben führet; und wenige sind ihrer, die ihn finden.
Sehet euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man auch Trau­ben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln?
Also ein jeglicher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge Früchte. Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früch­te bringen. Ein jeglicher Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum an ihren Früchten sollt ihr sie er­kennen. Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr! in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel. Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: Herr, Herr! haben wir nicht in deinem Namen geweissagt, haben wir nicht in deinem Namen Teufel ausgetrieben, haben wir nicht in deinem Namen viele Taten getan? Dann werde ich ihnen be­kennen: Ich habe euch noch nie erkannt; weichet alle von mir, ihr Übeltäter.

Hütet euch — sagt Jesus. Das ist der geheime, verhaltene Ton, der den ganzen, eben verle­senen Abschnitt durchzieht. Er er­klingt am Ende einer langen, bewegenden und aufwühlenden Rede, die wir die Bergpredigt nennen und die unter allen Reden, die je auf Erden gehalten wurden, wohl nicht ihresgleichen hat. Es heißt am Ende der Bergpredigt, daß sich das Volk entsetzte über seine Lehre, weil ihm deutlich wurde: Hier wird mit Vollmacht gepre­digt! Hier geht es anders zu, als wir es von unseren Theologen und ihren Predigten her gewöhnt sind. Das ist bis heute so geblieben. Bis heute liegt in der Bergpredigt eine Gewalt, die wie eine Ex­plosion aus der Tiefe alles erschüttert, was wir als fest gegründet ansehen möchten, was als bürgerliche Moral und kirchliche Sitte, als das «was zu den Alten gesagt ist» in Geltung steht. Bis heute hängt diese Wetterwolke über dem Treiben und Sich-treiben-lassen der Menschen, der Guten und Bösen, der Frommen und der Gleich­gültigen; wenn der Blitz aus dieser Wolke zuckt, gibt es keinen Winkel auf Erden, der nicht in seinem hellen, alles durchdringen­den Lichte steht. Dann wird es uns gar nichts helfen, wenn wir erklären, daß wir längst Christen sind, es wird uns aber ebenso­wenig helfen, wenn wir vorschützen, wir hätten mit Christentum und Religion nichts mehr zu tun, die sonst so sorgsam gezogene Mauer zwischen Kirche und Welt stürzt dann in einem Augenblick zusammen, alle Zäune und Trennungsstriche, die die Menschen zu ihrer Selbstrechtfertigung aufgerichtet haben, zwischen oben und unten, oder auch zwischen unten und oben, zwischen Rassen und Ideologien, zwischen Barbaren und Griechen — alles das ist auf einmal durchgeschlagen, als wären wir allesamt von einem Schlag getroffen. Als wären wir allesamt daran erinnert, daß wir alle ein und dieselbe Not und ein und dieselbe Hoffnung haben.

Darum sind auch von hier aus immer wieder die großen Stöße und Bewegungen ausgegangen, jenes große Entsetzen, das einen Menschen ergreifen kann, wenn er hört und sieht, was gut ist und was Gott in Wahrheit von ihm fordert. Die Schwärmer in der Zeit der Reformation, die Bewegungen, die von Fox und Wesley aus­gingen, Kutter und Tolstoi, die Religiös-Sozialen und die Pazifi­sten — das sind ein paar Namen für dies Getroffensein von Men­schen und Zeiten von dem Blitz, der als Gericht über Kirche und Kultur, über Gesellschaft und Sitte aus dieser Wolke flammt. Et­was von diesem Feuer steckt in jeder Revolution, in all den Ver­suchen, dem Himmelreich Gewalt anzutun. Hier haben sie ihre Fackeln entzündet, die sie dann in das morsche Gebälk ihrer ver­rotteten Zeit hineinwarfen. Mögen sie uns als Unruhe­stifter und Umstürzler erscheinen, es bleibt etwas Wahres daran, daß sie den Angriff Gottes aufnehmen wollten, der hier begonnen hat, auf die Welt des Scheins und der Heuchelei, der Selbstgerechtigkeit und des Pharisäertums. Und wer davon nichts weiß oder nichts spürt, von diesem Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, wer dabei bleibt, daß das Diesseits das Dies­seits ist und das Jenseits ewig jenseitig bleibt, daß Gerechtigkeit ein schöner Traum sei mit einem um so schmerzlicheren Erwachen, für den ist das «Hütet euch» nicht be­stimmt. Es ist nicht das Stichwort für all die bösen Skeptiker und Wirklichkeitsmenschen, ihren Unglauben und ihre Herzenshärtigkeit, ihre Erdennähe und Gottesferne nun noch von Jesus bestätigt zu bekommen. Es gilt nur denen, die jene Bewegung, die Jesus an­gefangen hat, mitmachen, die sich ihr nicht mehr entziehen, die sich nicht selbst rechtfertigen und selbst beruhigen, die nicht mehr vergessen können, was sich hier an großen und wunderbaren Mög­lichkeiten für die Erde und den Menschen auftut, weil eben wirk­lich das Himmelreich nahe ist, Möglichkeiten der Umkehr und des Neuanfangs, Möglichkeiten, die nun wirklich unsre Möglichkeiten sein sol­len, Forderungen, in denen nicht nur ein «Du sollst», son­dern wunderbarerweise nun auch ein «Du wirst» drinsteckt.

Erst am Ende seiner Rede, erst zu denen, die zugehört haben und mitgegangen sind, heißt es: Hütet euch! Auch hier gibt es zwei Wege, auch hier kann es passieren, daß wir das Ziel ver­fehlen. Es gibt für die, die dem Himmelreich so nahegekommen sind, wie ihr, es gibt auch für euch und gerade für euch die Gefahr, daß ihr da­neben greift. Es gibt zwei Wege, einen breiten und bequemen, einen engen und beschwerlichen, und der letztere allein ist der Weg zum Ziel. Es gibt auch hier die Möglichkeit der «vielen», bei der ihr euch gehoben und getragen wißt von dem Gefühl, daß ihr das ganze hinter euch habt, und demgegenüber auch hier die Mög­lich­keit der «wenigen», der «Minorität», an denen das, was die Men­schen Entwicklung nennen, gleichsam vorübergeht, die wenigen, die lange suchen müssen bis sie finden, die anklopfen und warten, bis die Tür aufgeht, die bitten und warten, bis sie erhört werden. Aber gerade bei denen fällt die Entscheidung. Es gibt auch in dieser Sache falsche Propheten, Men­schen, die mit Feuer und Begeisterung für den neuen Menschen und die neue Welt reden werden, aber es geht nicht ums Reden und um die Idee allein, es geht um die Frucht. Hütet euch, seht genau hin, was aus diesem Samen wächst. Wenn die Ernte kommt, dann werdet ihr sehen, woran ihr seid. Denkt daran, daß die Ernte erst am letzten Tage eingebracht wird und daß auch die Engel des Himmels von Dornen und Disteln keine Trauben lesen können. Das Neue muß von der Wurzel her an­fangen, da, wo es Entweder-Oder heißt, sonst ist alle eure Erneue­rung doch nur ein neuer Flicken auf dem alten Kleid. Denkt aber vor allem an die beiden Wege, wenn ihr «Herr, Herr» sagt. Es nützt gar nichts, wenn ihr meint, das Lippenbe­kenntnis sei das eigentliche Verderben, wenn ihr nun statt dessen das Bekenntnis der Tat auf den Schild erhebt und das praktische Christentum feiert. Es könnte sein, daß die großen Taten, mit denen ihr die Welt in Erstaunen setzt, am Ende gar nichts sind, und wenn ihr die ganze Welt ent- teufelt und entdämonisiert hättet. Es könnte sein, daß eure Zeit­deutungen und eure darin erstaunliche Weissagungskunst für das Reich Gottes selbst leer bleibt. Hütet euch, daß es nicht einmal heißt: Ich, nämlich der, den ihr dabei anruft und dessen Namen ihr über das Ganze setzt, habe damit nichts zu tun. Dem Himmelreich ist die Welt damit um keinen Schritt näher gekommen. Es ist mitten unter euch, aber ihr habt seine Mitte nicht begriffen.

Damit legt sich nun freilich ein tiefer, schwerer Schatten über unser Bemühen, gerade auch über die größten und namhaften Taten und Zeugnisse. Wer weiß, wie wir damit vor Jesus selbst bestehen? Wer weiß, ob wir ihn wirklich verstanden haben? Sein «Hütet euch» klingt hinein in unser Bekennen und Wirken. Es könnte sein, daß unsre großen Taten einmal als Übeltaten dastehen, daß unser Bekennen ein Schrei ins Leere war, daß es verhallt, weil auf der anderen Seite nichts darauf antwortet, weil der sich nicht zu uns bekennt, der das letzte Wort hat. Warum ist das so? Warum warnt uns Jesus? Offenbar darum, weil er alles vom Ende her sieht und möchte, daß auch wir alle unser Leben vom Ende her sehen, weil mit Jesus die Ewigkeit, die letzte Frage über uns. gekommen ist, weil Jesus weiß, daß es dem Menschen nichts hilft, wenn er die ganze Welt gewänne und doch an seiner Seele Schaden nähme. Dar­um sagt er «Hütet euch». Laßt euch von mir behüten. Und wir ver­stehen vielleicht, worum es Jesus geht, daß es ihm nicht um Lei­stungen und große Taten geht, sondern daß es ihm um uns geht, lediglich um uns. Um den Menschen. Es geht ihm darum, daß der Mensch, an den Gott denkt, sich nicht selbst dabei aus dem Auge verliert. Der Mensch ist eine große Sache, eine wie große Sache er ist, das zu zeigen, das deutlich zu machen, dazu ist Jesus in die Welt gekommen und ans Kreuz gegangen. Jesus ist mitten unter uns, damit wir wüßten, daß eine Hoffnung für den Menschen be­steht, eine große, wunderbare, unbegreifliche Hoffnung, da, mitten da, wo eigentlich nichts mehr zu hoffen ist. Und wenn wir Jesus wirklich verstehen und ihm glauben, wenn wir den Willen Gottes, der in der Sendung Jesu Ereignis wurde, aner­kennen, dann müssen wir diese Hoffnung Gottes zu unserer eigenen machen, dann müs­sen wir es ähnlich machen wie Paulus, der die ganze Menschheit unter das Licht dieser Liebe Gottes stellt und sagt, er kenne nun niemanden mehr nach dem Fleisch, das heißt nach seiner freilich sehr hoffnungslosen Natur, sondern er sähe alle Menschen von Chri­stus aus an. Und damit sei alles das durchgestrichen, was an Sünde, was an Gottlosigkeit, was an Verzweiflung und Verlorenheit, an Bruderhaß und Verführungskunst unter den Menschen im Schwange ist, und eine neue Hoffnung, ein neuer Ansatzpunkt sei gewonnen: alle, alle sind in das Leben und Sterben dieses einen Jesus einbe­schlossen und alle stehen damit unter der Hoffnung. Wenn Jesus hier vom Tun des Willens Gottes redet, dann meint er damit ein Handeln, das aus diesem Glauben geboren ist. Wer versucht, diesen Glauben und sein Handeln miteinander zu verbinden, der wird bald erkennen, wie schwer das ist, wie schnell der Glaube matt und müde wird, wenn er nun mit der wirklichen Welt, mit dem wirk­lichen Menschen zusammenstößt. Aber Jesus sagt: Hütet euch, daß ihr diesen Glauben, diese Hoffnung Gottes am Menschen nicht preisgebt.

Weil aber Jesus selbst diese Hoffnung Gottes für den Menschen, für jeden einzelnen unter uns, ist, Jesus in Person, weil er so unter uns stehen möchte, als die große und lebendige Hoffnung Gottes mitten in der wirren und dunklen Menschenwelt, darum will er nicht, daß wir diese Hoffnung auf Dinge, Mächte, Bewegungen und Programme setzten, wo vom Ende her nichts zu hoffen, son­dern vielmehr das Schlimmste zu befürchten ist. Im Johannesevan- gelium nennt sich Jesus selbst den guten Hirten und löst das Ge­heimnis von der engen Pforte, indem er sagt: «Ich bin die Tür.» Und er sagt auch: «Ich bin der Weg», damit jeder wisse, daß er um dieses «Ich» nicht herumkommt. Was Jesus ist, läßt sich nicht umdeuten, läßt sich nicht in Programme, Planungen, Ideen oder sonstige Ge­bilde auflösen. Das Wasser, das er für die Welt bedeutet, muß an der Quelle getrunken werden, und läßt sich nicht in irgendwelche von uns gegrabenen Kanäle ableiten. Das meint Jesus, wenn er sagt: Hütet euch! Hütet euch, daß ihr nicht das eine, was not tut, über allen Nöten und Sorgen versäumt. Freilich, das scheint ein sehr beschwerlicher und enger Weg, daß wir alle an diesem einen Ich klopfen, daß wir hier suchen und bitten müssen, ob es sich uns auftut und wir durch diese Tür ins Leben eintreten können; und es ist ein Weg, der immer wieder mit dem Kreuz, mit Sterben und Verachtung, mit sehr viel Enge und Schmach verbunden sein wird, aber Jesus sagt: Hütet euch vor allen anderen Wegen, denn dieser Weg allein ist der Weg, der Hoffnung hat.

Und jetzt können wir schon etwas mehr verstehen, warum es am Ende der Bergpredigt heißt: Hütet euch! Es ist so, als ob Jesus selbst hier vor uns träte, Jesus Christus in seiner ganzen, vollen Größe, Jesus als der Gekreuzigte und Auf erstandene, und uns fragte: Willst du dich von mir behüten lassen? Ich bin der Weg, auf den ich dich mit all meinen Worten weisen und lenken möchte. Du hast mich nicht verstanden, wenn du meine Worte nur gehört hast, um nun wieder deine eigenen Wege zu gehen, um damit von dir ans Werk, an die Umgestaltung der Welt, an die Entteufelung der Menschheit, an die Verwirklichung der Gerechtigkeit auf Erden zu gehen, du hast mich erst dann verstanden, wenn dir aufgegangen ist, daß mit mir, mit mei­ner Person, das wirklich Neue, die Ge­rechtigkeit und die große unverwelkliche Hoffnung in diese Welt gekommen ist. Du hast mich erst dann verstanden, wenn du weißt: durch diese Erkenntnis sind wir aller Entscheidung enthoben. Es gibt keinen Namen unter dem Himmel, in dem das zu finden ist, was hier, in diesem Namen, für alle Welt beschlossen liegt. Dann werden die anderen Wege für uns keine Wege und die anderen Mög­lichkeiten für uns keine Möglichkeiten mehr sein, denn uns ist deut­lich geworden, wohin diese anderen Wege führen. Keiner von ih­nen kann dahin führen, wohin dieser eine, enge und beschwerliche Weg weist: ins Leben! «Wohin sollen wir gehen?» — es ist im Grunde genommen eine erledigte Frage geworden — die Entscheidung ist gefallen — «Du hast Worte des ewigen Lebens!» Und wenn wir auch immer wieder erleben werden, daß sich die Menschen be­mühen, aus dem engen einen breiten Weg zu machen, einen Weg, auf dem die Reichen nicht mehr durchs Nadelöhr müssen und die Weisen nicht mehr vor der Torheit Gottes ihren Weisheitsmantel niederlegen müssen, auf dem das Himmelreich nicht mehr mit dem Ruf zur Umkehr und zur Buße nahekommt und der Mensch nicht mehr hört, daß er von neuem geboren werden muß, wir hören und sehen über dem allen Jesus und seine leise Mahnung: Hütet euch! Und wenn es dahin käme, daß sie euch gar mit hineinziehen wollten in den Kampf der Weltheilande und ihrer Programme, wenn es heißen wird: «Hier ist Christus oder da ist er», ihr werdet euch nicht verwirren lassen und einen kühlen Kopf und ein nüchternes Herz behalten, denn ihr wißt, wen ihr lieb habt und wen ihr er­wartet. Euch sind größere Dinge verheißen als diese Leute sich träu­men lassen.

Das ist das Geschäft der falschen Propheten: Sie kommen und entfachen die Wunschbilder in der so oft enttäuschten Seele der Menschen. Wir kennen das. Haben wir aber auch begriffen, hat die Christenheit begriffen, wer allein uns vor diesen falschen Propheten und ihren Sirenen­gesängen behütet? Denn diese Bilder, die sie her­vorzaubern, zerschlägt keine Katastrophe, im Gegenteil, je trost­loser die Wirklichkeit wird, desto mehr wird der Mensch daran kranken. Er wird wieder anfangen, sich seinen Träumen hinzu­geben. Die Fron in Ägypten ist bald verges­sen, ein goldenes Kalb bald gegossen, damit man wieder tanzen kann, und sei es mitten in der Wüstenei. Bei diesem Tanz am Fuße des flammenden Sinai wer­den auch Propheten in mei­nem Namen, Propheten im Kleide des Lammes, mitmachen. Aber hütet euch! Es geht ihnen nicht um die Herde, es geht ihnen um sich selbst. Jesus kennzeichnet die Falsch­heit dieser Propheten mit einem einzigen Satz: sie vertauschen das Außen und das Innen. Weil sie ihr Innen immer verbergen müs­sen, darum tragen sie alles äußerlich zur Schau, was eigentlich innen sein und bleiben, was von innen wirken und von innen Frucht brin­gen müßte. Aber hier ist das Außen die Hauptsache. Das Außen wirkt. Es ist das, was die Bibel Heuchler nennt. Es ist offenbar die schlimmste und schrecklichste Sünde, die es gibt, weil sie sich in das Gewand der Frömmigkeit, der Kirchlichkeit, des Glaubens hüllt, weil sie mit Gott und Christus selbst diesen Spott treibt. Wir müß­ten hier eigentlich unsre Predigt unterbrechen und miteinander ganz schlicht und kommentarlos das 23. Kapitel unseres Evange­liums lesen. Da hat Jesus das Treiben dieser falschen Propheten in einem unvergeßlichen, erschütternden Gemälde abge­zeichnet. Viel­leicht würde es uns dann so gehen, wie es den Jüngern beim Abend­mahl ging, als Jesus sagte: Einer unter euch wird mich verraten — und keiner mehr an seinen Neben­mann oder an die da draußen denken konnte, sondern sich jeder selbst in diesem Spiegel sah: Herr, bin ichs? Da stehen die Schriftgelehrten und Pharisäer, die das Himmelreich zuschließen vor den Menschen, weil sie selbst nicht hineinkommen, da wird gebetet und gebetet und hinter der Ku­lisse dieses Betens liegt das Elend der Witwen und Weisen, der Schwachen in der Welt, die keinen Beistand haben. Da ziehen Leute über Land und Meer, um einen Prosely­ten zu machen, und wenn «er’s geworden ist, macht ihr aus ihm ein Kind der Hölle, zwiefältig mehr, denn ihr seid». Da wird der Tempel heilig gesprochen, aber der, der darin wohnt, verge­ssen. Da werden die äußeren Ord­nungen im Leben der Kirche und des Christentums bis ins einzelne hinein festgelegt, aber das Schwerste am Gesetz, das Entscheidende, bleibt dahinten: das Gericht, die Barmherzigkeit und der Glaube. Und wenn wir das hören, dann wissen wir, wozu uns das gesagt ist: daß aller Mund verstopft werde und alle Welt Gott schuldig sei! Oder klingt es nicht wie ein Wort vom jüngsten Tage her, wenn Jesus die Decke wegzieht über aller frommen Heuchelei und allem Schein: «Wehe euch, die ihr gleich seid übertünchten Gräbern, welche auswendig hübsch scheinen, aber innen sind sie voller Toten­gebeine»? Wer müßte hier nicht erschrecken? Wer nicht fragen: Bin ichs?

Immer geht es auf das Eine: Auswendig — Inwendig. Auswen­dig ist alles in Ordnung, in­wendig ist alles leer, tot, faul. Hütet euch, sagt Jesus. Und wir wissen nun, daß in dieser War­nung ein Angebot steckt, daß Jesus uns fragt: willst du dich nicht von mir behüten lassen vor diesem Doppelgesicht von Schaf und Wolf, wollt ihr euch nicht von mir herausreißen lassen aus diesem fatalen Kon­trast zwischen den reinen Schüsseln und den unreinen Herzen? Es wird Zeit, daß ihr das böse Spiel aufgebt, die blinden Blindenführer zu markieren. Hier, bei Jesus, brauchen wir einander nichts vorzu­machen, hier dürfen wir bekennen, wie leer und arm und tot wir sind in unserem Herzen, hier dürfen wir bitten um ein reines Herz und einen neuen gewissen Geist, hier wird der verlorene Sohn nicht abgewiesen, wenn er «in sich geht», und der Jünger nicht ver­urteilt, wenn er bekennen muß, daß er seinen Herrn in der Stunde der Anfechtung verleugnet hat. Und das ist doch in Wahrheit unsre Lage, auch in der Kirche, auch da, wo wir bemüht sind und bemüht waren, den Weg zum Leben zu finden. Hier darf es nun auch außen offenbar werden, wie es in uns aussieht, hier dürfen wir der Krankheit, an der wir leiden, bis in die Wurzel nachgehen und brauchen nicht der törichten Hoffnung weiter zu hul­digen, als ob der schlechte Baum noch einmal gute Früchte bringen könnte. Das wird er nie! Darum wird ihm auch kein anderes Schicksal bevorste­hen, als daß er ins Feuer geworfen wird.

Und so stehen wir plötzlich mitten drin in dem Entweder-Oder, das Jesus mit dem Gleichnis vom guten und vom bösen Baum ge­gen alle Schönfärberei und alle Veredlungskünste, die wir an uns und anderen vornehmen, ins Feld führt. Und wir werden uns sa­gen lassen müssen, daß wir nicht eher frei werden von allem Schein und aller Heuchelei, gerade auch der frommen Heuchelei, als bis wir Ja sagen zu diesem Entweder-Oder. So ernst steht es um den Menschen. So ernst steht es um uns alle. Mit Komparativen, mit ein bißchen Mehr oder Weniger, mit Besser und Schlechter ist es hier nicht getan. Hier wird eine andere Sprache geredet als wir sie aus der Welt der Pädagogik kennen. Möchten wir doch lernen, die Sprache der Pädagogik hinter uns zu lassen, wenn es um das Letzte im Menschen geht, wenn es um Gut und Böse geht. Wenn es um Gottes Gnade und Barmherzigkeit, wenn es um die Liebe Gottes geht, die in Jesus Christus erschienen ist. Hier soll ein Ganzopfer gebracht werden, hier sollen Dinge geschehen, die nun wirklich con­tra naturam sind. Wir können das alle kaum noch hoffen. Wir können nicht recht einsehen, wie denn ein Mensch, der so böse wäre wie dieser schlechte Baum, noch gut werden könnte. Und darum versuchen wir immer wieder, die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen und doch der Wurzel noch ein wenig gute Triebe zu­zutrauen. Wir wissen ganz genau, wenn es so mit uns stünde, wie Jesus hier sagt, dann wäre ja im Grun­de alles Bemühen um die Besserung des Menschen hoffnungslos. Wer kann denn solch eine totale, bis in die Wurzeln des Daseins eingreifende Veränderung vollziehen? Das müßte ja schon der Schöpfer des Lebens selber sein.

Ja, freilich müßte das der Schöpfer sein. Es müßte so sein, wie an jenem Tage, da Gott sein Wort sprach und — es geschah! Es müßte wie in der Frühe des Schöpfungsmorgens selbst sein, wenn hier Rettung wäre. Es müßte ein Mensch ins Dasein gerufen wer­den, der mit dem alten Menschen gar nichts mehr zu tun hätte, aus dem Tode des einen müßte die neue Geburt des anderen her­vorgehen. Und eben das meint Jesus. Die Stunde dieser neuen Ge­burt ist gekommen. Im Herzen Gottes wohnt ein anderer Mensch, nicht der Mensch, der wir sind, sondern der, den Gott lieb hat, und darum muß der eine am anderen sterben. Sterben muß der Mensch, der in unserem Inneren haust, der uns alle zu solchen bö­sen, frommen, gleisnerischen Heuchlern macht, weil er nicht heraus will, weil er sich in uns versteckt vor Gott. Dieser Mensch, der in uns allen haust, dieser geheimnisvolle Einsiedler, der uns und an­deren genug zu schaffen macht, der seine bösen Früchte trägt, daß die ganze Welt davon gezeichnet und verdorben ist, muß heraus. Er muß offenbar werden. Im Lichte Gottes kann er nicht leben, er kann nur in seiner eigenen Finsternis gedeihen. Und das ist nun das Wunder der Gnade Got­tes, daß dieser Mensch, den kein Gift und kein Schrecken umbringt, an der Liebe Gottes stirbt. An der Liebe Gottes, die in Jesus Christus erschienen ist. An ihr allein stirbt dieser zäh­lebige Mensch. Das ist die Luft, in der er nicht le­ben kann, in der ihm der Atem ausgeht. An der Liebe Gottes, an dieser reinen, großen Liebe Gottes, die uns sucht in aller unserer Not und Schuld, stirbt dieser böse Baum in der Wurzel ab.

Tod und Auferstehung sagt die Bibel, wenn sie von diesem Wun­der der Erlösung redet. Tod und Auferstehung nicht nur in Jesus Christus, sondern Tod und Auferstehung nun auch unser Weg, unser einziger, enger, aber allein hoffnungsvoller Lebensweg. Und darum noch einmal: Hütet euch! hütet euch, den Menschen mit Lei­stungen, frommen, großen, erhebenden Leistun­gen zu füttern! Da­von stirbt er nicht. Leistungen werden euch nichts helfen an jenem Tage, an dem das Herz offenbar werden wird. Leistungen gehören auf die Erde, nicht in den Himmel, Leistungen sind nie so rein, so wahr, so gut, daß ihr damit vor Gott bestehen könnt. Vor den Wel­tenrichter müßt ihr mit einem ganz anderen Wort auf euren Lip­pen hintreten, wenn ihr vor ihm Gnade finden sollt. Vor Gottes Thron müssen wir eine andre Sprache reden, die Sprache des neuen Menschen, der aus Gott geboren ist, der das «Hütet euch» begrif­fen hat und in der Hut Gottes geblieben ist, der auch dann, wenn der Gerichtstag kommt, nichts anderes zu sagen weiß als eben dies: Erkenne mich, mein Hüter, mein Hirte, nimm mich an.

Gehalten am 10. August 1946 in Göttingen.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, Mün­chen: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 184-194.

Hier die Predigt als pdf.

1 Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s