Die christliche Mission und die weltweite Einführung des Hospitals: „Die ärztliche Mission hat maß­geblich zur weltweiten Errichtung von Krankenhäusern als Institutionen stationärer Behand­lung und Pflege sowie zum Aufbau eines öffentlichen Gesundheitswesens beigetragen.“

Gottlieb Olpp, von 1898–1907 Missionsarzt in der südchinesischen Stadt Dongguan (Provinz Guangdong), als barmherziger Samariter gemalt. (Foto: Diakoniemuseum Rummelsberg)

Die christliche Mission und die weltweite Einführung des Hospitals (bzw. Krankenhauses)

Drei öffentliche Gebäude markieren den Einfluss christlicher Mission auf eine Gesellschaft: die Kirche, die Schule und das Hospital. Nicht zuletzt durch Albert Schweitzers Briefe aus Lambaréné 1924-27[1] ist das Tropenhospital als Bestandteil christlicher Mission im Bewusst­sein der europäischen Bevölkerung verankert. Physische Heilung durch ärztliche Heilkunst gilt als christliches Zeugnis in einer anderen Kultur.[2] Die ärztliche Mission (medical mission), wie sie im 19. Jahrhundert durch angelsächsische Missionsgesellschaften eingeführt worden ist,[3] kann sich auf Jesus mit seiner vorösterlichen Aussendungsrede an seine Jünger berufen: „Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch.“ (Mt 10,7f.) Menschen, die an Leib und Seele geheilt worden sind, können der messianischen Botschaft vom Himmelreich Glauben schenken.

Die ärztliche Mission geht jedoch über situative Spontanheilungen hinaus, hat sie doch maß­geblich zur weltweiten Errichtung von Krankenhäusern als Institutionen stationärer Behand­lung und Pflege sowie zum Aufbau eines öffentlichen Gesundheitswesens beigetragen.[4] Das Krankenhaus steht für weit mehr als einen Ort zentralisierter Effektivierung ärztlicher Heil­kunst unter Einsatz von moderner Technologie, reflektiert es doch das diakonische Gebot christlicher Ethik. Die Etymologie des „Hospitals“ verweist auf Gastfreundschaft (hospitali­tas) gegenüber dem unfamiliären Fremden, wie sie Jesus in seiner Rede vom Weltgericht (Mt 25,35-40; vgl. Hebr 13,1-3) eingefordert hat und bezieht sich damit auf die altkirchliche Dia­konia, die den örtlichen Kirchen angegliedert war. Kanon 75 der pseudoapostolischen Cano­nes Arabici Nicaeni forderte für jede Stadt eine separate Einrichtung (xenodochium) für be­dürftige Pilger, Kranke und Arme ein, was schließlich im Mittelalter in Europa zur Ausbil­dung eines städtischen Hospitalwesens – oft als „Heilig-Geist-Spital“ benannt – geführt hat.[5]

Wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sünder lieben ihre Freunde. Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, welchen Dank habt ihr davon? Denn die Sünder tun dasselbe auch. Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft, welchen Dank habt ihr davon? Auch die Sünder leihen den Sündern, damit sie das Gleiche bekommen. Vielmehr liebt eure Feinde; tut Gutes und leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft. So wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. (Lk 6,32-36)

Wenn Jesus in seiner Feldrede die unbedingte Fremdenliebe bzw. Barmherzigkeit einfordert, erinnert er seine Zuhörer daran, dass eine derartige Hingabe kontraintuitiv ist. Menschliche Kulturen basieren auf vorgegebenen zwischenmenschlichen Beziehungen, die in der Regel auf Familien und Klans beschränkt sind. Gastfreundschaft gegenüber Fremden, die in außereuro­päischen Kulturen oft in einer für Europäer beschämenden Weise gewährt wird, bezieht sich auf den vorübergehenden Aufenthalt eines Besuchers im eigenen Haushalt. Eine dauerhafte Aufnahme eines Fremden kann nur über die Integration in die eigene Familie, entweder durch Heirat, Adoption oder Versklavung, ermöglicht werden. Dass Menschen außerhalb von Fami­lienbeziehungen oder religiöser Verbundenheit wegen ihrer Bedürftigkeit beherbergt werden – wie beispielsweise im Krankenhaus, Hospiz, Alten-, Pflege-, Obdachlosen- oder Asylbewer­berheim –, ist primär ein europäisches Phänomen, das den gesellschaftlichen Einfluss der christlichen Lehre mit der Betonung der sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit – Hung­rige speisen, Durstige tränken, Fremde beherbergen, Nackte kleiden, Kranke pflegen, Gefan­gene besuchen sowie Tote bestatten – widerspiegelt.[6] Damit soll nicht gesagt, dass Menschen in außereuropäischen Kulturen egoistischer wären, ganz im Gegenteil: Das eigene Ego bzw. die eigene Identität tritt gegenüber der kollektiven Identität einer Familie oder eines Klans und den reziproken verwandschaftlichen Verpflichtungen zurück.[7] Folgerichtig übertrifft der mo­netäre sowie der pflegerische Fürsorgebeitrag in außereuropäischen Kulturen gegenüber eige­nen Familienmitgliedern in der Regel das durchschnittliche europäische commitment in Sa­chen Familie bei weitem.

Was jedoch der europäischen Kultur, im Unterschied beispielsweise zur indischen oder chine­sischen, jahrhundertelang durch Moralpredigten und durch das karitative Vorbild religiöser Orden gewissentlich „eingeimpft“ wurde, ist die grundsätzliche Verantwortlichkeit gegenüber anderen Menschen außerhalb eigener Familienbeziehungen. Die Kultur der Barmherzigkeit lässt es nicht zu, dass das Elend fremder Menschen als deren eigenes, möglicherweise karma­bestimmtes Schicksal hingenommen werden kann. Was im Mittelalter Barmherzigkeitsgaben (Almosen) und Hospitalwesen gewesen sind, hat sich in einem öffentlichen Gesundheits- und Sozialwesen in Europa sowie in einem ausgedehnten philanthropischen Spenden- und Stif­tungswesen in den USA fortgesetzt.

Wer als Europäer in Kalkuttas Straßen unterwegs ist und dabei dem Elend unzähliger Men­schen begegnet, wird unweigerlich mit der Geschichte vom barmherzigen Samariter kon­frontiert, „und als er ihn sah, jammerte er ihn; und er ging zu ihm“ (Lk 10,33f.). Da das eige­ne, christlich geschulte Gewissen kaum eine Gleichgültigkeit zulässt, heißt es letztendlich, dem Angesicht des Elends zu entgehen. Konsequenterweise setzt die europäische Touristik auf die Apartheid des Reisens, wenn es in die südliche Hemisphäre geht. Das traumhafte Holi­day-Ressort, blickdicht separiert von der Umwelt, erspart dem Touristen den erholungsschädi­genden Anblick mitmenschlichen Elends.

Wo nun die christliche Lehre Einfluss in den prosperierenden Gesellschaften Asiens wie Ko­rea, Taiwan, Singapur und Hongkong oder aber der chinesischen Diaspora gewonnen hat, resultiert daraus ein christliches Wohltätigkeitswesen (charitable work), das mit dem eigenen freiwilligen Engagement und finanzieller Großzügigkeit das christliche Engagement in Euro­pa in den Schatten zu stellen weiß.[8]


[1] München 1955.

[2] Vgl. Ch.H. Grundmann, Mission and Healing in Historical Perspective, IBMR 32 (2008), 185-188; Ders., Gesandt zu heilen! Aufkommen und Entwicklung der ärztlichen Mission im neunzehnten Jahrhundert, MWF 26, Gütersloh 1992; bzw. D. Hardiman (Hg.), Healing Bodies, Saving Souls. Medical Missions in Asia and Africa, Amsterdam u.a. 2006.

[3] Die Dänisch-Hallische Mission kann mit der Entsendung des Arztes Kaspar Gottlieb Schlegelmilch nach Tran­quebar 1730 als Vorläufer der modernen ärztlichen Mission gelten. Siehe Ch.H. Grundmann, Gesandt zu hei­len, 107-119.

[4] Vgl. G.H. Anderson, Peter Parker and the Introduction of Western Medicine in China, MisSt 23 (2006), 203-238; bzw. Ch.H. Grundmann, Die ärztliche Mission – Promotorin der höheren medizinischen Ausbildung in Asien und Afrika, in: U. van der Heiden/H. Liebau (Hg.), Missionsgeschichte, Kirchengeschichte, Weltge­schichte. Christliche Missionen im Kontext nationaler Entwicklungen in Afrika, Asien und Ozeanien, Stuttgart 1996, 259-271.

[5] Zur Geschichte des christlichen Hospitals siehe E. Nasalli-Rocca, Hospitals, History of. 1. The Christian Hospital to 1500, NCE2 7 (2003), 126-130; A. Wendehorst, Hospital, TRE 15 (1986), 600-604; bzw. N. Bulst/K.-H. Spieß (Hg.), Sozialgeschichte mittelalterlicher Hospitäler, VKAMAG 65, Ostfildern 2007. Das älteste Hospitalgebäude in China ist die 1569 in Macao errichtete Santa Casa Da Misericordia. Vgl. G. King, Christian Charity in Seventeenth-Century China, Sino-Western Cultural Relations Journal 22 (2000), 13-30.

[6] Vgl. R. Völkl, Werke der Barmherzigkeit, LThK2 10 (1965), 1052-1054. Zum Ursprung des Hospitalwesens im basilianischen Mönchtum siehe A.T. Crislip, From Monastery to Hospital. Christian Monasticism and the Transformation of Health Care in Late Antiquity, Ann Arbor 2005; bzw. T. Miller, The Birth of the Hospital in the Byzantine Empire, Baltimore 21997.

[7] Vgl. L. Magesa, Ethik des Lebens. Die afrikanische Kultur der Gemeinschaft, TDW 36, Freiburg u.a. 2007; bzw. J. Goody (Hg.), The Character of Kinship, Cambridge u.a. 1973.

[8] Vgl. Ch.K. Chan, Safeguarding the Dignity of My Poor Brothers and Sisters. A Reflection of Hong Kong Christian Churchs’ Financial Assistance, Journal of Asian Missions 4 (2008), 267-286.

Hier mein Text als pdf.

1 Kommentar

  1. Die christliche Mission
    hat nicht nur
    unter den Schwestern
    und Brüdern

    auch unter den Heiden
    die unteilbare Würde
    die für alle Menschen
    die Gültigkeit hat

    in den zwei
    tausend Jahren
    bis in das heute
    die Demut
    der Christen
    vermissen lassen

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