Martin Luther, Kurze Erklärung des christlichen Glaubens nach den Geboten, dem Glaubensbekenntnis und dem Vaterunser (1520): „Ich glaube, daß niemand an den Vater glauben noch zu ihm kommen kann – weder durch besondere Fähigkeiten, Werke oder Vernunft noch durch alles andere, was man im Himmel und auf Erden nennen könnte -, außer in und durch Jesus Christus, seinen einzigen Sohn, und das heißt, allein durch den Glauben an seinen Namen und seine Herr­schaft.“

Kurze Erklärung des christlichen Glaubens nach den Geboten, dem Glau­bensbekenntnis und dem Vaterunser

Von Martin Luther

Sein gesamtes Wirken verstand Luther als einen Dienst an Got­tes Wort, das er als Theologe zu verkündigen, zu lehren und bei seinen Hörern zu vertiefen hatte. Dieser Dienst veranlaßte ihn zu wiederholten Erklärungen der Hauptstücke des christlichen Glaubens. Zu einer Zeit, in der ein großer Teil des Volkes die Heilige Schrift nicht selbst lesen konnte und darum auf Pre­digt und mündliche Belehrung angewiesen blieb, waren solche Zu­sammenfassungen und leicht faßbaren ,,Kurzformeln des christlichen Glaubens“ wichtig und notwendig.

Luthers Schrift aus dem Jahr 1520 „Eine kurze Form der Zehn Gebote, eine kurze Form des Glaubensbekenntnisses, eine kurze Form des Vaterunsers“ (WA 7,204-229; Cl 2,38-59) ist in ihrem Aufbau und ihrer Methode im ge­wissen Sinn ein Vorläufer des ,,Kleinen Katechismus“; sie will auch ihrem Anspruch nach solch eine Zusammenfassung und Erklärung des christli­chen Glaubens sein. Luther hatte bereits in seinen Predigten, die er von Juni 1516 bis Ostern 1517 hielt, zusammenhängend die Zehn Gebote und das Vaterunser ausgelegt. In ihren we­sentlichen Aussagen zusammengefaßt erschienen diese a/s eine kleine Schrift im Druck. 1518 Heß er daneben ,,eine kurze Erklärung der Zehn Gebote“ und 1519 eine kurze Form, ,,das Paternoster zu verstehen und zu beten“ folgen. Diese beiden Erklärungen bilden den Grund­stock unserer Schrift. 1520 faßte Luther sie dann mit einer Erklärung des apostolischen Glau­bensbekenntnisses zu einem Werk – gleichsam einem kleinen Hand- und Hausbuch für den Chri­sten – zusammen.

Die genaue Datierung des Erstdruckes durch Johann Grünen­berg in Wittenberg ist unsicher. Wahrscheinlich kam der Ur­druck im Mai 1520 heraus, wobei es sich um den Erstdruck und eine unmittelbar darauf folgende verbesserte Auflage han-[136]delte, die wiederum die Text­grundlage für den dritten Grunenbergschen Druck aus dem Jahre 1521 bildete. Unsere Aus­gabe folgt ebenfalls diesem Text.

Die Schrift fand eine schnelle Verbreitung. Einer der frühesten Nachdrucke erschien am 27. Juni 1520 in Augs­burg. Noch im gleichen Jahr erfolgten Nachdrucke durch Melchior Lotter in Wittenberg, Silvan Ottmar und Hans Froschauer in Augsburg, Friedrich Peypus und Jobst Guttknecht in Nürnberg, Martin Landsberg in Leipzig und Thomas Wolff in Basel. Daneben gibt es eine italienische Übersetzung, deren genaue Datierung unklar ist, die aber wohl schon nach kurzer Zeit dem deutschen Erstdruck folgte.

Vorrede

Es ist nicht ohne besonderen Grund geschehen, daß Gott einem jedem Christen, unter denen viele die Schrift nicht lesen können, geboten hat, die 10 Gebote, das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser zu lernen und sie auswendig zu kennen.[1] In diesen drei Stücken ist fürwahr alles, was in der Heiligen Schrift geschrieben steht und auch immer gepredigt werden mag, kurz, alles, was für einen Christen zu wissen nötig ist, gründlich und vollständig zusammen­gefaßt – und zwar in solcher Kürze und so verständlich, daß sich niemand beklagen oder vor­schie­ben kann, es sei zuviel oder zu schwer zu behalten, was ihm nötig ist zur Seligkeit. Drei Dinge nämlich muß ein Mensch wissen, damit er selig werde: zum ersten, was er tun und las­sen soll; zum zweiten, wenn er nun merkt, daß er es aus seinen Kräften heraus nicht tun oder lassen kann, wo er schöpfen und suchen und finden soll, damit er es dennoch tue und lasse; zum dritten, wie er es suchen und holen soll. Gleichwie bei einem Kranken ist es zuallererst nötig, daß er weiß, was er für eine Krankheit hat, d. h. was er tun und lassen und was er nicht tun und lassen kann. Danach ist es nötig, daß er weiß, woher er die Arzenei bekommen kann, die ihm hilft, damit er tun und lassen kann, was ein gesunder Mensch tut oder läßt. Und zum dritten muß er diese Arzenei haben wollen, d. h. sie suchen, holen oder sich bringen lassen.

So lehren die Gebote den Menschen seine Krankheit er­kennen, daß ersieht und empfindet, was er tun und nicht tun, las­sen und nicht lassen soll und sich so als einen Sünder, d. h. einen (durch die Abkehr von Gott) verdorbenen Menschen erkennt. [137]

Danach hält ihm das Glaubensbekenntnis vor und lehrt ihn, wo er die Arzenei, welche Gnade heißt, finden kann, welche ihm hilft, fromm[2] zu werden, daß er die Gebote halten kann. So zeigt Gott dem Menschen also seine Barmherzigkeit, die er ihm in Jesus Christus entgegen­bringt und anbietet.

Und drittens lehrt das Vaterunser den Menschen, [WA 7, 205] auf welche Art er diese Gnade begehren, ergreifen und sich aneignen soll, nämlich durch das im Glauben gesprochene, de­mütige und trostreiche Gebet. Dann wird sie ihm gegeben werden und er wird durch die Erfül­lung der Gebote Gottes selig. Das sind die drei Dinge, um die es in der ganzen Heiligen Schrift geht.

Darum beginnen wir, zuerst von den Geboten[3] zu lehren, da­mit wir unsere Sünde und Ver­derbtheit – das ist unsere geist­liche Krankheit – erkennen, durch welche wir nicht tun und las­sen können, was wir zu tun und zu lassen schuldig sind.[4]

Die erste und rechte Tafel des Moses

Sie umfaßt die ersten drei Gebote, in denen der Mensch be­lehrt wird, was er gegenüber Gott zu tun und zu lassen schuldig ist, d. h“ wie ersieh zu Gott verhalten soll.

Das erste Gebot lehrt, wie sich der Mensch zu Gott innerlich in seinem Herzen verhalten soll, d. h., was er allezeit von ihm denken, halten und wie er ihn achten soll: daß Gott es nämlich ist, der ihm alles Gute zuteil werden läßt, und daß der Mensch ihn wie einen Vater und guten Freund mit seiner ganzen Treue, Liebe und seinem Glauben allezeit fürchten und nie beleidi­gen soll, ebenso wie ein Kind sich zu seinem Vater verhält. Denn das ist ja ganz natürlich (und eine allgemeine Auffassung),[5] daß ein Gott ist, der alles Gute gibt und in allem Übel hilft. Daß es so ist, wird deutlich im Gegenüber zu den Götzen der Heiden­völker.[6] Das Gebot lautet:

„Du sollst keine anderen Götter haben“ (2. Mose 20,2; 5. Mose 5,7).

Das zweite Gebot lehrt, wie sich der Mensch gegenüber Gott äußerlich in seinen Worten verhalten soll, sei es in denen, die er zu anderen Menschen oder in denen, die er innerlich zu sich [138] selbst spricht, daß er nämlich Gottes Namen ehre. Denn niemand kann Gott selbst – gemäß der Natur Gottes –[7] die Ehre erweisen, weder vor anderen Menschen noch vor sich selbst, sondern nur seinem Namen. Das Gebot lautet:

„Du sollst den Namen deines Gottes nicht unnütz im Munde führen“ (2. Mose 20,7; 5. Mose 5,11).

Das dritte Gebot lehrt, wie sich der Mensch gegenüber Gott äußerlich in seinen Werken verhalten soll, daß er nämlich darin Gott dienen soll. Das Gebot lautet:

„Du sollst den Feiertag heiligen“ (2. Mose 20,8; 5. Mose 5,12).

So lehren diese drei Gebote den Menschen, wie er sich gegenüber Gott in seinen Gedanken, Worten und Werken ver­halten soll, d. h. in seinem ganzen Leben.

Die zweite und linke Tafel des Moses

Sie umfaßt die sieben [WA 7,206] restlichen Gebote, in denen der Mensch belehrt wird, was er den Menschen, d. h. seinen Näch­sten, zu tun und lassen schuldig ist.

Das vierte Gebot lehrt, wie man sich gegenüber aller Obrig­keit verhalten soll, die an seiner Statt eingesetzt ist.[8] Darum folgt dieses Gebot auch gleich vor anderen Geboten auf die ersten drei, die Gott selbst betreffen. An Gottes Stelle sind die leiblichen Eltern Vater und Mutter und die geistlichen und welt­lichen Herren. Das Gebot lautet:

„Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“ (2. Mose 20,12; 5. Mose 5,16).

Das fünfte Gebot lehrt, wie man sich gegenüber seines­gleichen oder gegenüber seinen Näch­sten, soweit es sie per­sönlich betrifft, verhalten soll: daß man ihnen nicht Leid zufügen, sondern, wo sie dessen bedürfen, sie unterstützen und ihnen helfen soll. Das Gebot lautet:

„Du sollst nicht töten“ (2. Mose 20,13; 5. Mose 5,17).

Das sechste Gebot lehrt, wie man sich gegenüber dem höch­sten Gut seines Nächsten und auch dem seiner eigenen Familie – das sind Ehegemahl, Kinder und Freunde – verhalten soll: daß man ihnen nicht Unehre antun, sondern sie in Ehren halten soll, und zwar mit allen Mitteln, die einem möglich sind. Das Gebot lautet: [139]

„Du sollst nicht ehebrechen“ (2. Mose 20,14; 5. Mose 5,18).

Das siebente Gebot lehrt, wie man sich gegenüber den zeit­lichen Gütern seines Nächsten verhalten soll: daß man sie ihm nicht wegnehmen noch ihn hindern soll, sie zu erwerben, sondern ihn darin unterstütze. Das Gebot lautet:

„Du sollst nicht stehlen“ (2. Mose 20,1 5; 5. Mose 5,19).

Das achte Gebot lehrt, wie man sich gegenüber der zeitlichen Ehre und dem guten Ruf seines Nächsten verhalten soll: daß man diese nicht schwächen, sondern vermehren, schützen und erhalten soll. Das Gebot lautet:

„Du sollst nicht falsches Zeugnis reden wider deinen Näch­sten“ (2. Mose 20,1 6; 5. Mose 5,20).

So ist es also verboten, seinem Nächsten in allen seinen Gütern zu schaden, und geboten, ihm darin zu helfen. Wenn wir nun das ansehen, was von Natur ganz selbstverständlich sein soll­te,[9] so finden wir, wie recht und billig alle diese Gebote sind. Denn hier wird nichts [WA 7,207] geboten, gegenüber Gott und dem Nächsten einzuhalten, was nicht jeder gegenüber sich selbst eingehalten haben wollte, wenn er Gott bzw. an Gottes oder seines Nächsten Stelle wäre.

Die letzten beiden Gebote lehren, wie verdorben die mensch­liche Natur ist und wie rein wir sein sollten von allen verderb­lichen Gelüsten und dem Verlangen nach vielem Besitz. Aber hierin bleiben Kampf und Anstrengung, solange wir leben. Die Gebote lauten:

„Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren seine Frau, seine Knechte und Mägde, sein Vieh und alles, was sein ist“ (2. Mose 20,1 7; 5. Mose 5,21).

Eine kurze Zusammenfassung der Zehn Gebote

Sie geschieht Matth. 7,12 durch Christus selbst: „Was ihr wollt, das euch die Menschen tun sollen, dasselbe tut auch ihr ihnen. Das ist das ganze Gesetz und die Propheten.“[10] Denn niemand will Undank erleiden für seine Wohltaten oder daß mit [140] seinem Namen ein anderer Ruhm erntet. Niemand will, daß ihn andere überheblich anschauen. Niemand will Ungehorsam oder Zorn erdulden, eine Frau haben, die die Ehe bricht, seiner Güter beraubt werden, Lug, Trug und üble Nachrede erleiden. Vielmehr will jeder Liebe und Freundschaft, Dankbarkeit und Hilfe, Wahrheit und Treue von seinem Nächsten erfahren. Das gebieten aber alles die Zehn Gebote.

Die Übertretung der Gebote

Gegen das erste Gebot verstößt,[11]

  • wer in seiner Not Hilfe in der Zauberei, in der schwarzen Kunst und in der Bundes­genossen­schaft mit dem Teufel sucht, wer Teufelsbriefe, Zeichendeutung, Kräuter, Zauberwörter, Zaubersegen und dergleichen mehr gebraucht.
  • wer mit Wünschelruten, Schatzbeschwörungen, Zukunfts­schau im Kristallspiegel, Mantelfahren, Milchstehlen um­geht.[12]
  • wer seine Arbeit und sein Leben nach Glücks- oder Unglücks­tagen, nach Himmels­zeichen und Wahrsagerei richtet.
  • wer sich selber, sein Vieh, sein Haus, seine Kinder und mancherlei Besitz zum Schutz vor Wölfen, Mordwaffen, Feuersbrunst und Überschwemmung und anderen Schäden mit dazu ausgedachten Beschwörungsformeln segnet und beschwört.[13] [WA 7,208]
  • wer sein Unglück und seine Not dem Teufel oder bösen Men­schen zuschreibt und nicht alles, Gutes wie Schlechtes, als nur von Gott herkommend, mit Liebe und Lob annimmt und in Dankbarkeit und demütiger Geduld trägt.[14]
  • wer Gott versucht, indem er seinen Leib und seine Seele un­nötigen Gefahren aussetzt.
  • wer aufgrund seiner Frömmigkeit, seines Verstandes oder anderer geistlicher Gaben hochmütig ist. [141]
  • wer Gott und die Heiligen unter Nichtachtung der Gefähr­dung seiner Seele nur um des zeit­lichen Nutzens willen ehrt, wer nicht allezeit auf Gott vertraut und nicht in allem seinem Tun seine Zuversicht in Gottes Barmherzigkeit hat.
  • wer an der (Kraft des) Glaubens und der Gnade Gottes zwei­felt.
  • wer sich nicht dem Unglauben entgegenstellt und den Zwei­felnden nicht hilft, soviel er vermag, daß auch sie glauben und auf Gottes Gnade vertrauen.
  • Weiterhin gehören hierher aller Unglaube, jede Verzweiflung und aller Aberglaube.

Gegen das zweite Gebot verstößt,

  • wer ohne Not oder aus Gewohnheit leichtfertig einen Eid schwört.
  • wer einen falschen Eid schwört oder auch, wer sein Gelöbnis bricht.
  • wer Schlechtes zu tun gelobt oder es mit einem Eid be­schwört.
  • wer mit dem Namen Gottes flucht.
  • wer ungereimtes Zeug über Gott daherredet und die Worte der Heiligen Schrift leicht­fertig verändert.
  • wer in den Widerwärtigkeiten seines Lebens Gottes Namen nicht anruft und ihn nicht preist in Freude und Leid, Glück und Unglück.
  • wer Ruhm und Ehre sucht und sich einen Namen machen will aufgrund seiner Fröm­migkeit, Weisheit usw.
  • wer Gottes Namen heuchlerisch anruft, wie dies die Ketzer und alle hoffärtigen „Hei­ligen“ tun.
  • wer Gottes Namen nicht in allem lobt, was ihm begegnet, wer sich nicht denen entge­genstellt, die Gottes Namen verunehren, ihn heuchlerisch gebrauchen und Böses durch ihn bewirken.
  • Weiterhin gehören hierher die Ehr- und Ruhmsucht und der geistliche Hochmut. [WA 7,209]

Gegen das dritte Gebot verstößt,

  • wer Fressen, Saufen, Spielen, Tanzen, Müßiggang und Un­zucht betreibt.
  • wer faul ist, den Hauptgottesdienst verschläft und versäumt, herumstolziert und un­nützes Zeug schwätzt.
  • wer am Feiertag, ohne daß ihn besondere Not dazu zwingt, arbeitet und seinen Ge­schäften nachgeht.
  • wer nicht betet, Christi Leiden nicht bedenkt, seine Sünden nicht bereut und nicht Gnade begehrt und also den Feiertag nur äußerlich durch festliche Kleidung, besondere Speisen und feierliche Gebärden heiligt.
  • wer nicht in allem, was er tut und erleidet, gelassen bleibt, damit Gott ihn führt, wie er will.
  • wer nicht anderen hilft, dies alles zu befolgen, und ihnen nicht verwehrt, dagegen zu handeln.
  • Weiterhin gehört hierher die Trägheit, in der Gott zu dienen unterlassen wird.

Gegen das vierte Gebot verstößt,

  • wer sich der Armut, eines Gebrechens oder des geringen An­sehens seiner Eltern schämt.[15].
  • wer die Eltern, wenn sie in Not geraten, nicht mit Nahrung und Kleidung versorgt.
  • wer ihnen vielmehr übel nachredet, sie verflucht, haßt und ihnen nicht gehorcht.
  • wer um des von Gott gegebenen Gebotes willen nicht von ganzem Herzen groß von ihnen denkt.
  • wer sie nicht auch dann ehrt, wenn sie Unrecht tun und Ge­walt üben.
  • wer die Gebote der christlichen Kirche mit Fastenzeiten, Feiertagen usw. nicht einhält.
  • wer den Priesterstand herabwürdigt, ihm übel nachredet und Leid zufügt.
  • wer seine Dienstherren und die Obrigkeit nicht ehrt und ihnen nicht treu und gehorsam ist, sie seien gut oder schlecht. Solches tun und hierzu gehören alle [WA 7,210] Ketzer und Aufrührer, die vom Glauben abgefallen und verbannt sind, Verstockte usw.
  • wer nicht mithilft, daß dieses Gebot erfüllt wird und sich denen, die es übertreten, nicht entgegenstellt.
  • Weiterhin gehören hierher aller Hochmut und Ungehorsam.

Gegen das fünfte Gebot verstößt,

  • wer seinem Nächsten zürnt.
  • wer zu ihm „Du Nichtsnutz!“[16] sagt und was es dergleichen Zeichen des Zornes und Hasses gibt. [143]
  • wer zu ihm sagt „Du Dummkopf und gottloser Narr!“ oder was es an Schimpfworten, Flüchen, Verlästerungen, bösen Nachreden, Richten, Verurteilen, Hohnreden usw. gibt.
  • wer die Sünden und Mängel seines Nächsten hervorkehrt statt sie (vor den anderen) zu verdecken und zu entschul­digen.
  • wer seinen Feinden nicht vergibt, nicht Fürbitte für sie tut, nicht freundlich und gut mit ihnen umgeht. Hierein gehören alle Sünden aus Zorn und Haß, wie Morden, Kriegfüh­ren, Rauben, Niederbrennen, Zanken, Hadern, Trauern über des Nächsten Glück, Sich­freuen über sein Unglück.
  • wer nicht auch gegenüber seinen Feinden die Werke der Barmherzigkeit übt.
  • wer die Leute gegeneinander aufhetzt oder (durch Hetzreden und Lügen) miteinander verstrickt.[17]
  • wer Zwietracht sät zwischen den Menschen.
  • wer die Zerstrittenen nicht versöhnt.
  • wer sich Zorn und Haß und der Zwietracht nicht entgegen­stellt und ihnen nicht zuvorkommt, wo er nur kann.

Gegen das sechste Gebot verstößt,

  • wer unverheiratete Frauen verführt und entehrt,[18] die Ehe bricht, Blutschande betreibt und dergleichen Unzucht mehr.
  • wer sich geschlechtlich auf eine unnatürliche Weise betätigt; das sind die stummen Sünden.[19]
  • wer durch schamlose Worte, Lieder, Geschichten und Bilder unzüchtige Gelüste weckt oder vor Augen stellt.
  • wer sich selbst mit Ansehen (unzüchtiger Bilder), mit un­züchtigen Handlungen und Gedanken anstachelt und be­fleckt.
  • wer die Ursachen nicht meidet (, die dazu führen,) wie Fres­sen, Saufen, Müßiggang, Faulheit, zu lange im Bett liegen und mit ehrlosen Manns- und Weibspersonen Umgang haben.
  • wer durch überflüssigen Schmuck, unzüchtige Gebärden usw. andere zur Unzucht reizt.
  • wer Haus, Raum, Zeit und Hilfe gestattet, solche Sünde zu tun.
  • wer nicht mit Rat und Tat eines anderen Keuschheit zu be­wahren hilft. [WA 7,211]

Gegen das siebente Gebot verstößt,

  • wer Dieberei und Räuberei und Wucher treibt.
  • Wer falsche Gewichte und Maße benutzt und schlechte Ware für gute ausgibt.
  • wer auf unrechtmäßige Weise Erbschaften erwirbt und Zin­sen einnimmt.
  • wer jemand den verdienten Lohn vorenthält und Schulden ableugnet.
  • wer seinem Nächsten, wenn dieser bedürftig ist, nicht borgt und ihm nicht zinslos leiht.
  • alle die (verstoßen gegen das Gebot, die) geizig sind und sich beeilen, reich zu werden, und wie sonst fremdes Eigentum behalten oder an sich gebracht wird.
  • wer den Schaden des anderen nicht abwehrt.
  • werden anderen nicht vor Schaden warnt.
  • werden Vorteil seines Nächsten hindert.
  • wer gegen dessen Gewinn verdrießlich ist.

Gegen das achte Gebot verstößt,

  • wer vor Gericht die Wahrheit verschweigt und unterdrückt.
  • wer durch Lug und Trug Schaden macht; ebenso (verstoßen gegen das Gebot) alle die gefährlichen Schmeichler und Ohrenbläser, die Doppelzüngigen, die Uneinigkeit und Un­frieden verursachen.[20]
  • wer seines Nächsten Leben, Werk und Wort, obwohl es gut ist, schlecht auslegt und schmäht.
  • wer solcher bösen Nachrede Raum gibt, sie unterstützt und ihr nicht widersteht.
  • wer seine Zunge nicht dazu gebraucht, seinen Nächsten zu entschuldigen.
  • wer den Verbreiter übler Nachrede nicht tadelt.
  • wer nicht alles Gute von jedermann sagt und alles Böse tot­schweigt.
  • wer die Wahrheit verschweigt und sie nicht verficht.

Über die letzten beiden Gebote (und im Überblick über alle):

Die beiden letzten Gebote gehören nicht in den Beichtkatalog[21], sondern sind zum Ziel und Zeichen gesetzt, zu dem [145] wir hinkommen und auf das wir täglich durch Umbesinnung mit Gottes Hilfe und Gnade hinarbeiten sollen; denn die böse Nei­gung in uns stirbt nicht eher ganz, als bis der Leib zu Staub und Asche und danach neu geschaffen wird.

Gegen die Sünden, die durch Mißbrauch der fünf menschlichen Sinne begangen werden, rich­ten sich das fünfte und sechste, gegen die Verweigerung der sechs Werke der Barmherzig­keit das fünfte und siebente Gebot. Gegen die sieben Todsünden sind folgende Gebote gerich­tet: gegen den Hochmut das erste und zweite, gegen die Unkeuschheit das sechste, gegen den Zorn und gegen den Haß das fünfte, gegen das Prassen das sechste, gegen die Trägheit das dritte und wohl [WA 7,212] alle zehn. Gegen die fremden Sünden (mit denen andere angestif­tet wer­den) richten sich alle Gebote, denn mit Gutheißen, Raten und Helfen kann gegen alle Gebote gesündigt werden. Die zum Him­mel schreienden und die stummen Sünden sind gegen das fünfte, sechste und siebente Gebot gerichtet.

In allen diesen schlechten Handlungen sieht man nichts an­deres als die Eigenliebe, die nur das Ihre sucht. Sie nimmt Gott, was sein eigen ist, und den Menschen, was ihnen zugehört, gibt aber weder Gott noch den Menschen etwas von dem, was sie hat, ist und kann, wovon Augu­stin gut (in einer Predigt) sagt: „Der Anfang aller Sünde des Menschen ist seine Selbstlie­be.“[22]Aus diesem allen folgt, daß die Gebote nichts anderes als Liebe gebieten – und nichts anderes als Liebe verbieten; und daß die Gebote nicht anders als durch Liebe erfüllt – und nicht anders als durch Liebe übertreten werden. Darum sagt Paulus (Röm. 13,10), daß „die Liebe die Erfüllung aller Gebote ist“, wie die böse Liebe die Übertretung aller Gebote ist.

Die Erfüllung der Gebote

Die Erfüllung des ersten Gebotes ist

  • Gott fürchten und lieben im rechten Glauben und jederzeit auf ihn fest vertrauen in allem, was man tut, ganz und gar in allen Dingen völlig gelassen sein, ob sie böse oder gut sind.
  • Hierher gehört alles, was in der Heiligen Schrift vom Glauben, der Hoffnung und der Liebe geschrieben steht; das ist alles aufs kürzeste inbegriffen im ersten Gebot. [146]

Die Erfüllung des zweiten Gebotes ist

  • den Namen Gottes loben, ehren, preisen und anrufen, seinen eigenen Namen dagegen und die eigene Ehre ganz aus­löschen, damit nur Gott gepriesen wird, der allein alle Dinge er­hält und wirkt.
  • Hierher gehört alles, was vom Lob, der Ehre und dem Namen Gottes, vom Dank und der Freude in der Heiligen Schrift gelehrt wird.

Die Erfüllung des dritten Gebotes ist

sich für Gott öffnen und seine Gnade suchen. Das geschieht, indem wir beten, den Gottesdienst besuchen und das Evan­gelium hören, die Leiden Christi bedenken und das Hl. Abend­mahl im Glauben empfangen.[23] Denn dieses Gebot fordert, daß wir geistlich arm“ sind (vgl. Matth. 5,3) und alles Geltenwollen vor Gott aufgeben, damit er unser Gott ist und in uns sein Wirken und seinen Namen bekommt, wie die beiden ersten Gebote es verlangen. [WA 7,213]

Hierher gehört alles, was vom Gottesdienst (vgl. Röm. 12,1 ff.), vom Hören auf die Verkündigung, von guten Werken und davon, den ganzen Menschen dem Heiligen Geist anheim zu geben, befohlen ist, damit unser ganzes Tun Gott gehört und nicht uns.

Die Erfüllung des vierten Gebotes ist

  • williger Gehorsam, Demut und Unterordnung unter alle, die über uns zu bestimmen haben, ohne jedes Widersprechen, Klagen und Murren, wie es der Apostel Petrus (1. Petr. 2,18) sagt, weil es Gott so gefällt.
  • Hierher gehört alles, was von Gehorsam, Demut, Dienstbar­keit und Ehrerbietung geschrieben ist.

Die Erfüllung des fünften Gebotes ist

  • Geduld, Sanftmütigkeit, Güte, Friedsamkeit, Barmherzigkeit und in allen Dingen eine warme, freundliche Herzlichkeit, zu jedem Menschen, auch dem Feind gegenüber, ohne jeden Haß zu sein, ohne Zorn und Bitterkeit.
  • Hierher gehören alle Lehren von der Geduld, Sanftmütigkeit, Friedsamkeit, Einigkeit. [147]

Die Erfüllung des sechsten Gebotes ist

  • Keuschheit, Zucht, Schamhaftigkeit in Taten, Worten, Gebär­den und Gedanken; auch Maßhalten im Essen, Trinken und Schlafen und alles, was der Keuschheit förderlich ist.
  • Hierher gehören alle Lehren von der Keuschheit, dem Fasten, dem Nüchternbleiben und Maßhalten, dem Beten, Wachen, Arbeiten und davon, womit Keuschheit bewahrt wird.

Die Erfüllung des siebenten Gebotes ist

  • Armut des Geistes, Mildtätigkeit, Willigkeit, sein Eigentum zu verleihen, abzugeben und ohne Geiz und Habgier zu leben.
  • Hierher gehören alle Lehren vom Geiz, von unrechtem Gut, Wucher, List, Betrug, und davon, wodurch der Nächste in seinem Eigentum geschädigt und behindert wird.

Die Erfüllung des achten Gebotes ist

  • eine friedsame, heilsame Sprache, die niemandem schadet und jedem nützt; eine Zunge, die die Zerstrittenen versöhnt und die Verleumdeten entlastet und besonnen spricht, d. h. wahr und eindeutig.
  • Hierher gehören alle Lehren, wann und wo man schweigen und reden soll, wenn es des Nächsten Ehre, Recht, Sache und Seligkeit betrifft. [WA 7,214]

Die Erfüllung der beiden letzten Gebote ist

  • vollkommene Keuschheit und gründliche Verachtung aller vergänglichen Freuden und Güter, was nur im ewigen Leben vollbracht wird.

In allen diesen Handlungen sieht man nichts anderes als eine einem anderen zustehende, allgemeine Liebe, das ist eine Liebe, die Gott und dem Nächsten gehört. Sie sucht Nicht das Ihre, sondern das, was Gott und dem Nächsten dient, und gibt sich jedermann aus freien Stücken zu eigen, ihm zu dienen und willig zu sein.

So siehst du, daß in den Zehn Geboten alle Lehren, die dem Menschen im Leben vonnöten sind, wohlgeordnet und kurz zusammengefaßt vorliegen. Wenn er sie einhalten will, hat er stündlich gute Taten zu tun, so daß es ihm nicht nötig wird, andere zu wählen, hierhin und dahin zu laufen und etwas zu tun, wovon nichts geboten ist. [148]

Das alles ist darum so eindrücklich aufgezeigt,[24] weil in diesen Geboten nicht gelehrt wird, was der Mensch zu seinem Vorteil tun, lassen oder von anderen begehren soll, sondern was er für andere, für Gott und die Menschen tun und lassen soll, damit wir es begreifen müssen, daß die Erfüllung der Gebote in der Liebe zu anderen und nicht zu uns selbst besteht. Denn der Mensch tut, läßt und sucht für seinen Vorteil schon zuviel, so daß die Eigenliebe nicht noch zu lehren, sondern ihr zu wehren vonnöten ist. Darum lebt der am allerbesten, der nicht für sich selber lebt, und der lebt am allerschlimmsten, der nur für sich selber lebt; denn so lehren die Zehn Gebote. Daraus sieht man, wie wenig Menschen gut leben, ja, daß niemand gut zu leben vermag, da er ein schwacher Mensch ist. Weil wir das erkennen, müssen wir nun lernen, woher wir es nehmen sollen, damit wir gut leben und die Gebote erfüllen.

Jesus

Das Glaubensbekenntnis

Das Glaubensbekenntnis teilt sich in drei Hauptstücke, weil darin von den drei Personen der heiligen göttlichen Dreieinig­keit die Rede ist; das erste ist dem Vater, das zweite dem Sohn, das dritte dem Heiligen Geist gewidmet. Denn der letzte ist der wichtigste Artikel im Glau­bensbekenntnis. In ihm sind die anderen alle inbegriffen. [WA 7,215]

Hier gilt es nun zu beachten, daß auf zweierlei Weise ge­glaubt wird;

1. von Gott; das ist, wenn ich glaube, daß es wahr ist, was man von Gott sagt, wie, wenn ich glaube, daß es wahr ist, was man vom Türken, vom Teufel, von der Hölle sagt. Dieser Glaube ist mehr ein Wissen oder eine Kenntnis als ein Glaube.

2. an Gott; das ist, wenn ich nicht nur glaube, daß es wahr ist, was von Gott gesagt wird, son­dern mein ganzes Vertrauen in ihn setze, es ihm gebe und es wage, mich mit ihm einzu­lassen; wenn ich ohne jeden Zweifel glaube, daß er so zu mir sein und so an mir handeln wird, wie man von ihm sagt.

Auf solche Weise würde ich dem Türken oder einem Men­schen niemals glauben, wie hoch man ihn auch loben würde. Denn ich will gern glauben, daß ein Mann gut und fromm ist, wage es aber darum doch nicht, auf ihn zu bauen. Ein solcher [149] Glaube, der es wagt, auf Gott, wie von ihm gesagt wird, es sei im Leben oder im Sterben, fest zu vertrauen, nur der macht einen Christenmenschen und erlangt von Gott alles, was er will. Der kann kein böses, falsches Herz haben, denn das ist ein lebendiger Glaube. Er wird im ersten Gebot gefordert, das da sagt: „Ich bin dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben“ (2. Mose 20,2; 5. Mose 5,7).

Darum ist das Wörtchen „an“ sehr gut hinzugesetzt und mit Fleiß wahrzunehmen, damit wir nicht sagen: „Ich glaube Gott dem Vater“ oder „ich glaube von dem Vater“, sondern „ich glaube an Gott den Vater, an Jesus Christus, an den Heiligen Geist“. Und diesen Glauben soll man niemand geben außer allein Gott. Darum wird die Gottheit Christi und des Hi. Geistes damit bekannt, daß wir an ihn wie an den Vater glauben.[25] Und wie es ein gleicher Glaube ist an alle drei Personen, so sind die drei Personen auch ein Gott.

Der erste Artikel des Glaubensbekenntnisses

„Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen, Schöpfer des Himmels und der Erde.“

Das heißt:

Ich entsage dem bösen Geist, aller Abgötterei, aller Zau­berei[26] und allem falschen Glauben.

Ich setze mein Vertrauen auf keinen Menschen auf Erden, auch nicht auf mich selbst noch auf meine Macht, mein Kön­nen, meinen Besitz, meine Frömmigkeit oder was ich sonst haben mag.

Ich setze mein Vertrauen auf kein Geschöpf, wedereines, das im Himmel, noch eines, das auf Erden ist. [WA 7,216]

Ich verlasse mich und setze mein Vertrauen einzig auf den einen, unsichtbaren, unbe­greifli­chen, dreieinigen Gott, der Him­mel und Erde erschaffen hat und allein Herrscher über alle Ge­schöpfe ist.

Andererseits verzweifle ich trotz aller Bosheit des Teufels und derer, die ihm dienen, nicht, denn ich weiß meinen Gott über ihnen allen.[27]

Ich glaube darum nichtsdestoweniger an Gott, obschon ich von allen Menschen verlas­sen und verfolgt bin.

Ich glaube nichtsdestoweniger, wenn ich auch arm, un­verständig, ungelehrt, verachtet bin oder mir sonst alles fehlt.

Ich glaube nichtsdestoweniger, obschon ich ein Sünder bin. Denn dieser mein Glaube soll und muß stärker sein als alles, was es gibt und was es nicht gibt, stärker als Sünde und Tugend und überhaupt als alle Dinge, damit er wirklich lauterer und reiner Glaube an Gott bleibt, wozu mich das erste Gebot ermahnt.

Ich begehre auch keine Zeichen von ihm, was eine Ver­suchung Gottes wäre.[28]

Ich vertraue Gott beständig, ganz gleich, wie lange seine Hilfe ausbleibt, und setze ihm darin weder Ziel, Zeitpunkt, Maß noch die Art und Weise (wie er helfen soll), sondern stelle dieses alles in freiem und rechtem Glauben seinem göttlichen Willen anheim.

Da er denn allmächtig ist, was könnte mir fehlen, das er mir nicht zu geben oder für mich zu tun vermöchte?

Da er der Schöpfer des Himmels und der Erde und der Herr über alle Dinge ist, wer wollte mir etwas nehmen oder mir schaden? Ja, wie sollten mir nicht alle Dinge zugute kommen und die­nen (vgl. Röm. 8,28 ff.), wenn der, dem sie alle gehorsam und untertan sind, will, daß sie mir zugute kommen ?

Und weil er denn Gott ist, so kann und weiß er, wie er es machen muß, damit mir alles zum Besten wird.

Und weil er der Vater ist, so will er dieses auch tun und tut es von Herzen gerne.

Und weil ich daran nicht zweifle und mein Vertrauen in ihn setze, so bin ich auch ganz gewiß sein Kind, sein Diener und sein Erbe für alle Zeit und Ewigkeit, und mir wird geschehen, wie ich glaube.

Der zweite Artikel

„und an Jesus Christus, seinen eingebornen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heili­gen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, ge­kreuzigt, [WA 7,217] gestorben und begraben, hinabgestiegen in die Hölle, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefah­ren in den Himmel, sitzend zur Rechten Gottes, des allmäch­tigen Vaters. Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“

Das heißt:

Ich glaube nicht allein, daß Jesus Christus der wahrhaftige, eingeborene Sohn Gottes ist, in seiner ewigen göttlichen Natur und seinem ewigen göttlichen Wesen vor aller Zeit ge-[151] boren,[29] sondern auch, daß ihm vom Vater die Herrschaft über die Schöpfung übertragen wurde und er als der Menschgewordene zum Herrscher über mich und alle Dinge eingesetzt ist, die er zusammen mit dem Vater kraft seiner göttlichen Natur ge­schaffen hat (vgl. Joh. 1,3).

Ich glaube, daß niemand an den Vater glauben noch zu ihm kommen kann – weder durch besondere Fähigkeiten, Werke oder Vernunft noch durch alles andere, was man im Himmel und auf Erden nennen könnte -, außer in und durch Jesus Christus, seinen einzigen Sohn (vgl. Joh. 14,6), und das heißt, allein durch den Glauben an seinen Namen und seine Herr­schaft.

Ich glaube fest, daß er mir zugute[30] empfangen ist durch den Heiligen Geist, nicht durch einen menschlichen Zeugungsakt, ohne einen leiblichen Vater oder den Samen eines Mannes. Und er wurde deshalb so empfangen, damit er dadurch den Zeugungsakt, durch den ich und alle, die an ihn glauben, empfangen wurden, von der Sünde, der Begierde des Fleisches, der Un­reinheit und der Verdammnis reinigte und sie alle, die an ihn glauben, „geistlich“, (d. h. für den Heiligen Geist bereitet und zu Gott und ihm gehörig) machte durch seinen und des all­mächtigen Vaters gnädigen Willen.

Ich glaube, daß er für mich geboren wurde von der reinen Jungfrau Maria, ohne daß dabei ihrer leiblichen und geistlichen Jungfräulichkeit irgendein Schaden entstanden ist. Und er wurde deshalb so geboren, damit er, wie es Gott der Vater in seiner Barmherzigkeit bestimmt hat, meine Geburt und die aller, die an ihn glauben, segnet und von Sünde und Verdamm­nis reinigt und diese unschädlich macht.

Ich glaube, daß er sein Leiden und sein Kreuz für meine Sünde und die aller, die an ihn glau­ben, getragen und dadurch jegliches Leiden und Kreuz gesegnet hat, und zwar nicht nur derart, daß er sie unschädlich, sondern auch heilsam und sehr verdienstlich machte.[31]

Ich glaube, daß er gestorben ist und begraben wurde, um meine Sünde und die aller, die an ihn glauben, endgültig zu töten und zu begraben. Ebenso hat er den Tod erwürgt und ganz un­schädlich gemacht. Ja, er hat ihn (für den Glaubenden) zum Nutzen und zur Seligkeit gewendet.

Ich glaube, daß er in die Hölle herabgestiegen ist, um den Teufel samt aller seiner Gewalt, List und Bosheit und auch allen seinen Anhang niederzuwerfen und [WA 7,218] gefangen­zunehmen. Und zwar darum, damit mir der Teufel fortan nicht schaden kann und ich von höllischen Qualen erlöst bin. Ja, er hat dieselbe unschädlich und zum Verdienst gemacht.[32]

Ich glaube, daß er von den Toten auferstanden ist am dritten Tage, um mir und allen, die an ihn glauben, ein neues Leben zu geben, und uns also mit sich in Gnaden und Geist erweckt hat, so daß wir fortan nicht mehr sündigen müssen, sondern ihm allein mit allen unseren Gaben und Tugenden dienen können.

Ich glaube, daß er in den Himmel aufgefahren ist und vom Vater die Gewalt und Ehre empfangen hat, über alle Engel und Geschöpfe zu herrschen und also zur rechten Hand Gottes sitzt. Das aber heißt, er ist ein König und Herr über alle Güter Gottes, in Himmel, Hölle und auf Erden. Deshalb kann er mir und allen, die an ihn glauben, in allen unseren Nöten und gegen alle unsere Widersacher und Feinde helfen.

Ich glaube, daß er von dort – vom Himmel – wiederkommen wird am Jüngsten Tag, zu richten die Lebendigen – d. h. die, die dann leben werden – und die Toten – d. h. die, die inzwischen verstorben sind – und daß alle Menschen, alle Engel und alle Teufel vor seinem Richterstuhl erscheinen müssen und ihn leib­lich sehen werden und daß er mich und alle, die an ihn glauben, vom Tod und von allen Gebrechen erlösen wird und daß er unsere Feinde und Widersacher für ewig strafen, uns aber von ihrer Gewalt für ewig erlösen wird.

Der dritte Artikel

„Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, die Vergebung der Sünden, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben. Amen.“

Das heißt:

Ich glaube nicht nur, daß der Heilige Geist ein wahrhaftiger Gott ist zusammen mit dem Vater und dem Sohn, sondern auch, daß niemand durch Jesus Christus – durch sein Leben, Leiden, Sterben und alles, was von ihm gesagt ist – zum Vater kommen noch irgend etwas von ihm erlangen kann, ohne daß der Heilige Geist es wirkt. Er ist der, durch den der Vater und der Sohn mich und alle die Seinen anrührt, weckt, ruft, zieht, durch [153] und in Christus leben­dig, heilig und geistlich macht und uns so zum Vater bringt. Denn er ist der, mit dem der Vater durch Christus und in Christus alles wirkt und lebendig macht. [WA 7,219]

Ich glaube, daß es auf der Erde – soweit die Welt geht – nur eine einzige heilige, allgemeine, christliche Kirche gibt, welche nichts anderes ist als die Gemeinde oder Versammlung der Heiligen und der Frommen, der glaubenden Menschen auf der Erde. Diese Kirche wird durch den Heiligen Geist versammelt, erhalten und regiert; sie vermehrt sich täglich durch die Sakra­mente und durch das Wort Gottes.

Ich glaube, daß niemand selig werden kann, der nicht in dieser Gemeinde gefunden wird[33] und sich einträchtig in dem einen Glauben, dem Wort Gottes, den Sakramenten, der Hoff­nung und der Liebe zu ihr hält. So kann auch kein Jude, kein Irr­lehrer, kein Mensch, der nicht an Gott glaubt, und kein (unbuß­fertiger) Sünder durch die Kirche zur Seligkeit gelangen; es sei denn, daß er sich mit ihr versöhne, vereinige und mit ihr eins werde in allen den Dingen (,die sie ausmachen).

Ich glaube, daß in dieser Gemeinde oder Christenheit alle Dinge gemeinsam sind (vgl. Apg. 2,44). So gehören die Güter eines jeden auch dem anderen und niemandem ist irgend etwas völlig zu eigen. Darum kommen auch mir und allen, die glauben, die Gebete und guten Werke der ganzen Gemeinde zu. Hilfe, stehen mir bei und stärken mich allezeit, im Leben und im Sterben.[34] So trägt also „ein jeder des anderen Last“, wie Paulus (Gal. 6,2) lehrt.

Ich glaube, daß nur in dieser Gemeinde- und nirgends sonst – die Vergebung der Sünden ge­schieht, und daß sie außerhalb von ihr nicht zu erlangen ist, so viele und große gute Werke auch immer dasein mögen (gleichsam als ein Anrecht) zur Sündenvergebung. Andererseits glaube ich, daß nichts in dieser Gemeinde – so viel und sooft auch gesündigt werden mag- die Vergebung der Sünden einschränken kann. Sie bleibt, wo und solange dieselbe eine Gemeinde bestehenbleibt. Denn ihr gibt Christus die Schlüssel, wie es Matthäus bezeugt: „Was ihr auf Erden binden werdet, das soll auch im Himmel gebun­den sein“ (Matth. 18,18). Dasselbe sagt Christus auch Matth. 16,19 zu Petrus als einem einzelnen stellvertretend und sinnbildlich für die eine einzige Kirche: „Was du auf Erden bin­den wirst“ usw. [154]

Ich glaube an die Auferstehung der Toten, in der durch eben­denselben Heiligen Geist alles Fleisch wiederauferweckt wer­den wird, d. h. in der alle Menschen (die je gelebt haben) in Fleisch und Blut-die Guten und die Bösen-, die gestorben‘ be­graben, verwest und auf manch andere Weise umgekommen sind, wiederkommen sollen und lebendig werden. [WA 7,220]

Ich glaube, daß nach der Auferstehung ein ewiges Leben für die Heiligen und ein ewiger Tod für die Sünder sein wird. Und ich zweifle nicht daran, daß der Vater durch seinen Sohn Jesus Christus, unsern Herrn, mit und durch den Heiligen Geist alles, was in diesen drei Artikeln gesagt ist, geschehen lassen wird; das nämlich heißt „Amen“, oder übersetzt: es ist zuverlässig und gewiß wahr.

Danach folgt die Auslegung des Vaterunsers.

Vorrede und Zurüstung zu den sieben Bitten, die wir an Gott richten

„Vater unser, der du bist im Himmel“

Hiermit erkennen und erbitten wir:

O allmächtiger Gott! Du hast uns deine Barmherzigkeit ganz umsonst erwiesen. Du hast uns nicht nur erlaubt, sondern durch deinen einzigen lieben Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, auch geboten und gelehrt, daß wir durch sein Ver­dienst und Vermittlung dich „Vater“ nennen und als solchen ehren dürfen – und das, obwohl verdientermaßen aller Gerech­tigkeit nach du ein strenger Richter über uns Sünder sein könn­test, die wir so oft und schwer gegen deinen göttlichen allerbesten Willen verstoßen und dich erzürnt haben.

So gib uns durch dieselbe Barmherzigkeit die tröstliche Zu­versicht in unser Herz, daß du uns als ein Vater liebhast. Und laß uns empfinden den allerlieblichsten, süßen Geschmack kindli­cher Geborgenheit, daß wir dich mit Freuden einen Vater nennen und dich als einen solchen lieben und in allen Nöten anrufen können. Behüte uns, daß wir deine Kinder bleiben und nicht verschulden, daß wir aus dir, unserem allerliebsten Vater, einen schrecklichen Richter und uns selbst aus deinen Kindern zu deinen Feinden machen.

Du willst auch, daß wir dich nicht nur (jeder für sich) „Vater“, sondern insgesamt „unser Vater“ anrufen und also alle ein­trächtig füreinander bitten sollen. Darum gib uns eine Liebe in [155]Eintracht und Brüderlichkeit, damit wir uns alle miteinander wirklich als Brüder und Schwestern erkennen und achten und dich als unseren gemeinsamen lieben Vater ehren, damit wir für uns alle und für jeden einzelnen bitten, wie es Geschwister vor ihrem Vater tun. Laß niemanden unter uns das Seine suchen und den anderen [WA 7,221] vergessen vor dir, son­dern allen Haß, Neid und Streit ablegen, damit wir als wirkliche und fromme Kinder Gottes einander liebhaben und also einträchtig nicht „mein Vater“, sondern „unser Vater“ sagen können.

Dich bitten wir auch, weil du nicht ein leiblicher Vater, der auf Erden ist, sondern unser Vater im Himmel bist, der nicht stirbt und nicht unsicher ist und sich etwa selbst nicht helfen kann wie der irdische und leibliche Vater, wodurch du uns zeigst, ein wieviel besserer Vater du bist. Und du lehrst uns, wie gering im Vergleich zu dir vergängliche Vaterschaft, Vaterland, Freunde, Besitz, Fleisch und Blut zu achten sind. So gib uns, o Vater, daß wir auch deine himmlischen Kinder sein können. Lehre uns, daß wir nur das Erbteil der Seelen und das ewige Erbe wahrnehmen (vgl. Kol. 1,12), damit uns das Vaterland und Gut, das wir auf Erden haben und ererben, nicht betrüge, umgarne und hindere und also gänzlich zu Kindern der vergängli­chen Welt mache; (lehre es uns) damit wir mit rechtem und wahrem Grund sagen können: „Vater unser im Himmel“, und wirklich deine himmlischen Kinder sind.

Die erste Bitte

„Geheiligt werde dein Name“

Hiermit bekennen und erbitten wir:

O allmächtiger Gott, lieber himmlischer Vater! Dein heiliger Name wird leider in diesem elenden Jammertal[35] so oft und auf so verschiedene Arten entheiligt, gelästert und geschmäht. Er wird mit vielen Dingen in Verbindung gebracht, an denen deine Ehre nicht ist, und ebenso in vielen Stücken und zu Sünden miß­braucht, so daß auch das schändliche Leben mit Recht eine Schande und Unehre deines heiligen Namens genannt werden muß.

So gib uns also deine göttliche Gnade, daß wir uns vor dem allen hüten, was deinem heiligen Namen nicht zur Ehre und Lob gereicht. Hilf, alle Zauberei und falschen Segenssprüche be­seitigen. [156]

Hilf, daß man aufhört, den Teufel oder allerlei vergängliche Geschöpfe unterdeinem Namen zu beschwören.

Hilf, daß aller Irr- und Aberglauben ausgerottet wird.

Hilf, daß alle Ketzerei und falsche Lehre, die sich nicht scheut, deinen Namen für sich in Anspruch zu nehmen, zunichte gemacht wird.

Hilf, daß aller [WA 7,222] falsche Schein von Wahrheit, Frömmig­keit und Heiligkeit keinen betrüge.

Hilf, daß niemand in deinem Namen schwört, lügt oder be­trügt.

Behüte uns vor allem falschen Trost, der unter deinem Namen erdichtet wird.

Behüte uns vor jeglichem geistlichem Hochmut und Stolz und vor eitler Ehrsucht nach einem vergänglichen Ruhm oder Namen.

Hilf, daß wir in allen unseren Nöten und Gebrechen deinen heiligen Namen anrufen können.

Hilf, daß wir in der Angst unseres Gewissens und wenn wir im Sterben liegen deinen Namen nicht vergessen.

Hilf, daß wir in allem, was wir haben, sagen und tun, nicht uns daraus einen Namen machen oder suchen, sondern nur dich loben und ehren, dem allein alle Dinge gehören.

Behüte uns vor dem schändlichen Laster der Undankbarkeit. Hilf, daß durch unsere guten Taten und unser Leben alle an­deren gelockt werden, nicht uns, sondern dich, der du durch uns wirkst, zu loben und deinen Namen zu ehren.

Hilf, daß durch unsere schlechten Taten oder durch unser Verzagen niemand verleitet wird, deinen Namen zu beleidigen oder in deinem Lobe nachzulassen.

Behüte uns, daß wir nichts, weder Zeitliches noch Ewiges be­gehren, das deinem Namen nicht zu Lob und Ehre gereicht. Und wenn wir solches erbitten, so wollest du uns in unserer Unvernunft nicht erhören.

Hilf, daß unser Leben so ist, daß wir als wahrhaftige Kinder Gottes befunden werden und dein väterlicher Name nicht um­sonst oder zu Unrecht über uns genannt wird.

Amen.

In diese erste Bitte gehören alle Psalmen und Gebete, mit denen man Gott lobt, ehrt, singt und dankt und alle (Bitten und Lobgesänge, wo das) Halleluja (erklingt). [157]

Die zweite Bitte

„Zu uns komme dein Reich“

Hiermit bekennen und erbitten wir:

Dieses arme Leben ist ein Reich voller Sünde und Bosheit, worin der böse Geist Herr ist, Anfänger aller Bosheit und Sünde und selbst der Hauptbösewicht. Dein Reich aber ist ein Reich voller Gnade und Kraft. Darin ist Jesus Christus, dein lieber Sohn, Herr, Haupt und Anfang aller Gnade und Kraft. Darum hilf uns und sei gnädig, lieber Vater. Gib uns vor allem anderen einen rechten und beständigen Glauben an Christus und eine unerschrockene Hoff­nung [WA 7,223] auf deine Barmherzigkeit gegen alle Verzagtheit unseres durch die Sünde geplagten Ge­wissens; (gib uns) eine grundgütige Liebe zu dir und zu allen Menschen. Behüte uns vor Unglauben, Verzweiflung und Neid.

Hilf uns heraus aus der Genußsucht und Unkeuschheit und gib, daß wir gern enthaltsam in mancherlei sind.

Hilf uns heraus aus Streit, Krieg und Unfrieden und laß die Kraft deines Reiches über uns kommen, den Frieden, die Einig­keit, die Ruhe.[36]

Hilf uns, daß nicht Zorn oder andere Bitterkeit in uns sein Reich baue, sondern durch deine Gnade in uns die Herzlichkeit, brüderliche Treue, Freundschaft, Mildherzigkeit, Sanftmut usw. regieren.

Hilf, daß keine verwirrende Traurigkeit und Schwermut in uns ist, sondern laß die Freude und Lust an deiner Gnade und Barmherzigkeit zu uns kommen.

Und endlich: Hilf, daß alle Sünden von uns abgewendet wer­den und wir, von deiner Gnade, aller deiner Kraft und guten Werken erfüllt, dein Reich werden können, daß wir mit ganzem Herzen, Gemüte und Trachten, mit allen unseren Kräften, inner­lich und äußerlich. Dir, deinen Geboten und deinem Willen gehorsam dienen und uns von Dir allein regieren lassen und nicht uns selbst noch Sinneslust, Welt oder Teufel folgen.

Hilf, daß dieses dein Reich in uns anfange und täglich besser werde und zunehme. Hilf, daß uns nicht jene hinterlistige Bos­heit überfällt, die Trägheit, die uns hindert, Gott zu dienen, damit wir nicht wieder zurückfallen. Gib uns vielmehr einen ernsten Vorsatz und die Kraft, nicht nur anfangsweise fromm zu sein, sondern mutig darin fortzuschreiten und zu vollenden, wie der Prophet betet: „Erleuchte meine Augen, daß ich nicht im Tode entschlafe oder faul werde in dem bei mir angefangenen [158] wahren, guten Leben und der Feind also meiner wieder mächtig werde“ (Ps 13,4f.).

Hilf, daß wir also beständig bleiben und dein kommendes Reich dieses dein angefangenes Reich beschließe und voll­ende.

Hilf uns heraus aus diesem sündlichen Leben von gefahr­voller Unbeständigkeit. Hilf uns, daß wir jenes Leben begehren und diesem feind werden. Hilf uns, daß wir den Tod nicht fürch­ten, sondern-wenn er kommt- begehren.

Wende von uns ab, daß wir nur diesem Leben nachjagen und anhängen, damit in allen Dingen dein Reich bei uns wirklich wird.

In diese zweite Bitte gehören alle Psalmen, Sprüche und Gebete, in denen man von Gott Gnade und Kraft erbittet. [WA 7,224]

Die dritte Bitte

„Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“

Hiermit bekennen und erbitten wir:

Unser Wille ist, verglichen mit deinem Willen, niemals gut, sondern allezeit böse. Dein Wille aber ist immer der beste und auf das höchste zu lieben und zu begehren. Darum erbarme dich unser, lieber Vater, und laß nichts nach unserem Willen ge­schehen.

Gib es und lehre uns, daß wir recht von Grund auf Geduld haben, wenn unser Wille gebro­chen oderverhindert wird.

Hilf, daß wir nicht zornig und böse werden, nicht fluchen, klagen, schreien, richten, verdam­men, nicht Böses wünschen usw., wenn jemand etwas redet oder verschweigt, tut oder nicht tut, was unserem Willen entgegen ist.

Hilf, daß wir denen, die gegen uns stehen und unseren Willen verhindern, in Demut weichen und also das, was wir wollten, fah­renlassen und sie loben, segnen und ihnen Gutes tun, weil sie deinen allerbesten göttlichen Willen gegen unseren vollbringen.

Gib uns die Gnade, daß wir allerlei Krankheiten, Armut, Schmach und Verachtung, Leiden und Widerwärtigkeiten willig ertragen und in all dem erkennen, daß es dein göttlicher Wille ist, den unseren zu kreuzigen.

Hilf uns, daß wir auch Unrecht gern erleiden und behüte uns davor, Rache zu üben. Laß uns nicht Böses mit Bösem ver­gelten und Gewalt mit Gewalt bekämpfen, sondern hilf, daß wir [159] an diesem deinem Willen, der uns alles das zufügt, Wohlgefal­len haben, dich loben und dir danken.

Laß es uns nicht dem Teufel oder den bösen Menschen zu­rechnen, wenn etwas gegen unseren Willen geschieht, son­dern allein deinem göttlichen Willen, der das alles ordnet, um unseren Eigensinn zu hindern, aber die Seligkeit in deinem Reich zu fördern.

Hilf uns, daß wir willig und frohen Mutes sterben und den Tod, dann, wenn du es willst, gerne annehmen. Hilf, daß wir weder durch Ungeduld noch durch Verzagen dir ungehorsam wer­den.

Hilf, daß wir alle unsere Glieder, die Augen, Zungen, Herzen, Hände und Füße, nicht ihren Gelüsten noch Verlangen über­lassen, sondern daß sie in deinen Willen gefangen, gebunden und (in ihrem Eigensinn) gebrochen werden.

Behüte uns vor jedem bösen, widerspenstigen, störrischen, halsstarrigen, eigensinnigen und selbstsüchtigen Willen.

Gib uns einen rechten Gehorsam und eine vollkommene, (von jeglichem Zwange) freie Gelas­senheit in allen [WA 7,225] Dingen, den geistlichen und den weltlichen, den ewigen und den zeitlichen.

Behüte uns vor dem entsetzlichen Laster der üblen Nach­rede, der Verleumdung und auch davor, daß wir anderer Men­schen Übeltaten richten, sie verdammen und verfluchen. 0 wende das große Unglück und die schwere Plage solcher Reden von uns ab. Lehre uns vielmehr, daß wir, sobald wir etwas sehen oder über andere etwas hören, das uns der Strafe wert erscheint und mißfällt, darüber schweigen, es vor anderen zudecken und nur dir klagen und deinem Willen anheimgeben und also allen, die an uns schuldig geworden sind, von Herzen vergeben und Mitleid mit ihnen haben.

Lehre uns erkennen, daß uns niemand einen Schaden antun kann, er schade sich denn selbst vor deinen Augen ohnehin tausendmal mehr, so daß wir dadurch mehr zum Erbarmen über ihn bewegt werden als zum Zorn, mehr ihn zu beklagen als uns zu rächen.

Hilf, daß wir uns nicht freuen, wenn es denen schlecht geht, die nicht nach unserem Willen getan, die uns Leid zugefügt oder sonst durch ihr Leben unser Mißfallen erregt haben. Hilf aber ebenso, daß wir nicht betrübt sind, wenn es ihnen wohlergeht. [160]

In diese dritte Bitte gehören alle Psalmen, Sprüche und Gebete, in denen man um Beistand gegen die Sünde und die Feinde bittet.

Die vierte Bitte

„Unser tägliches Brot gib uns heute“

Hiermit bekennen und erbitten wir:

Das Brot ist unser Herr Jesus Christus, der die Seele speist und tröstet. Darum, o himmlischer Vater, gib Gnade, daß Christi Leben, sein Wort und Werk und seine Leidensgeschichte uns und der ganzen Welt gepredigt, bekannt und auch behalten werde.

Hilf, daß wir in jeder Lebenslage sein Wort und Werk für alles, was taugt, als ein eindrückli­ches Beispiel und als einen Spiegel vor Augen haben.

Hilf, daß wir uns im Leiden und in Widerwärtigkeiten durch sein Leiden und in seinem Kreuz stärken und trösten kön­nen.

Hilf, daß wir unseren Tod durch seinen Tod im festen Glauben überwinden und also fröhlich dem, der uns liebt und den wir lieben und der uns vorangegangen ist, in jenes Leben folgen.

Gib Gnade, daß alle Prediger dein Wort und Christus so verkünden, daß sie zu Förderung und Heil aller Welt pre­digen.

Hilf, daß alle, die dein Wort verkündet hören, dadurch Christus kennenlernen und daran sich selbst erkennen und bessern.

Erweise auch darin deine Gnade, daß alle fremde Predigt und Lehre, durch welche Christus nicht erkannt werden kann, aus der heiligen Kirche [WA 7,226] vertrieben wird.

Erbarme dich über alle Bischöfe, Priester und Geistlichen und über alle Obrigkeit, daß sie, durch deine Gnade erleuchtet, uns recht lehren und leiten mit Wort und Vorbild.

Behüte alle, die sich wenig zum Glauben halten, daß sie nicht ärger werden, wenn ihnen die Oberen ein schlechtes Beispiel geben.

Behüte uns vor ketzerischen und abtrünnigen Lehren, damit wir in dem einen täglichen Brot, d. h. in der einmütigen Lehre und dem einen Wort Christi, einig bleiben. [161]

Lehre uns durch deine Gnade das Leiden Christi recht be­trachten, von ganzem Herzen erfassen und in unser Leben hineinnehmen.

Laß uns (ein Leben im Glauben führen, so daß wir) des hei­ligen und wahren Leibes Christi an unserem Ende nicht beraubt werden.

Hilf, daß alle Priester das hochwürdige Altarsakrament würdig verwalten und es zur Besserung der ganzen Christenheit heilsam austeilen.

Hilf, daß wir und alle Christen das heilige Altarsakrament zu seinerzeit und unter deiner Gnade empfangen.

Und, um es zusammenzufassen, gib uns unser tägliches Brot, damit Christus in uns und wir in ihm ewig bleiben (vgl. Joh. 15,4-7) und wir also dem Namen „Christen“, mit dem wir nach ihm genannt sind, Ehre machen.

In diese vierte Bitte gehören alle Gebete und Psalmen, in denen man für die Obrigkeit bittet, besonders aber auch jene, in denen für die falschen Lehrer, die Juden, die Ketzer und für alle Menschen gebetet wird, die in ihren Irrtümern befangen, auch für alle, die betrübt sind und ohne jeden Trost zu leiden haben.

Die fünfte Bitte

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“

Diese Bitte hat einen Zusatz und eine Bedingung, daß wir nämlich zuvor unseren Schuldigem vergeben sollen. Wenn das geschehen ist, dann können wir sprechen: „Vergib uns unsere Schuld“. Und in diesem Sinne ist oben in der dritten Bitte gebetet worden: „Dein Wille geschehe“. Denn Gott will, daß man alles geduldig ertragen und nicht Böses mit Bösem ver­gelten, sich nicht rächen, sondern Böses mit Gutem vergelten soll, wie es unser Vater im Himmel tut, der ,,seine Sonne über die Frommen und über die Bösen auf gehen läßt und es regnen läßt über die, die ihm danken und die, die ihm nicht danken“ (Matth. 5,45).

Darum [WA 7,227] bitten wir: = Vater, tröste uns und unser Gewis­sen, das angesichts unserer Sünden und deines Gerichtes in furchtbare Schrecken gerät und noch erschrecken wird, jetzt und auch zuletzt an unserem Ende. Gib unseren Herzen deinen Frieden, so daß wir dein Gericht mit Freude erwarten können. [162]

Geh mit uns nicht in dein scharfes Gericht, denn dann wird kein Mensch für gerecht befunden werden (vgl. Ps. 143,2).

Lehre uns, lieber Vater, daß wir uns nicht auf unsere guten Werke oder Verdienste verlassen noch uns mit ihnen trösten, sondern es allein auf deine grundlose Barmherzigkeit hin wagen und uns ihr völlig und fest anvertrauen. Desgleichen laß uns auch nicht verzagen, weil unser Leben strafwürdig und sündig ist, sondern deine Barmherzigkeit für höher, mehr und stärker halten als alles sonst in unserem Leben.

Hilf allen Menschen, die in Todesnöten sind und durch solcherart Verzweiflung angefochten und geängstet werden. Und hilf ganz besonders dem N. N. und dem N. N. Erbarme dich auch all der armen Seelen, die im Fegefeuer sind, besonders des N. N. und des N. N.

Vergib ihnen und uns allen unsere Schuld, tröste sie und nimm sie an in deiner Gnade.

Erweise uns deine Güte anstelle unserer Bosheit, gleichwie du uns zu tun geboten hast. Gebiete dem erbarmungslosen bösen Nachredner zu schweigen, dem Ankläger, der unsere Sünden groß herausstellt, dem bösen Geist, jetzt und zuletzt bei unserem Ende und in allen Gewissensängsten, solange wir uns auch der bösen Nachrede enthalten und die Sünden der Menschen nicht groß herausstellen.

Richte uns nicht nach der Anklage des Teufels und unseres verzagten Gewissens. Höre nicht auf die Stimmen unserer Feinde, die uns Tag und Nacht vor dir beschuldigen, wie auch wir nicht auf die hören wollen, die andere verleumden und an­klagen.

Nimm von uns die schwere Last aller Sünden und Gewis­sensnöte, damit wir mit einem unbeschwerten, fröhlichen Her­zen und voller Zuversicht aus deiner Barmherzigkeit leben und sterben, ertragen und tätig sein können.

In diese fünfte Bitte gehören alle Psalmen und Gebete, welche in Schuld die Barmherzigkeit Gottes anrufen.

Die sechste Bitte

„Und führe uns nicht in Versuchung“

Drei (Ursachen von) Versuchungen oder Anfechtungen gibt es für uns: das Fleisch, die Welt und den Teufel. Aus diesem Grund bitten wir: [163]

Lieber Vater, [WA 7,228] gib uns Gnade, damit wir die Gelüste des Fleisches bezwingen.

Hilf, daß wir dem unmäßigen Essen, Trinken und Schlafen, dem Faulenzen und Müßiggang widerstehen.

Hilf, daß wir durch Fasten, maßvolles Essen und einfache Kleidung, durch geregeltes Schlafen und Wachen und durch Arbeit dienstbar und bereit werden, gute Werke zu tun.

Hilf uns, daß wir eine böse Neigung zur Unkeuschheit und alle Begierden und Gelüste mit Christus ans Kreuz schlagen und töten können und in keine Versuchung, die uns befällt, ein­willigen und ihr nicht nachgeben.

Hilf, daß es uns keine Versuchung, sondern ein Anlaß ist, die Keuschheit zu lieben und dich in deinen Geschöpfen zu loben, wenn wir einen schönen Menschen, ein schönes Bild oder irgendein anderes Kunstwerk sehen.

Hilf, daß wir nicht unsere Gelüste, sondern dein Lob und deine Ehre darin suchen, wenn wir etwas Süßes und Liebliches hören oderempfinden.

Behüte uns vor dem großen Laster des Geizes und davor, die Reichtümer dieser Welt zu begehren.

Behüte uns davor, die Ehre und Macht dieser Welt zu suchen oder in Versuchungen durch sie einzuwilligen.

Behüte uns, daß wir durch Untreue, falschen Schein und Ver­suchungen in der Welt nicht bewegt werden, es ihr gleichzutun.

Behüte uns, daß wir von den Bosheiten und Widerwärtig­keiten in der Welt nicht zu Ungeduld, Rache, Zorn oder anderen Untugenden hingerissen werden.

Hilf, daß wir dem Lug und Trug, den Versprechungen und der Falschheit der Welt und all ihrem Guten und Bösen absagen und darauf verzichten – wie wir es bereits im Taufbekenntnis versprochen haben – und darin fest stehen und täglich mehr und mehr zunehmen.

Behüte uns vor den Einflüsterungen des Teufels, damit wir nicht auf Grund von Reichtum, Macht, Kunstfertigkeit, Adel, Schönheit und von anderen deiner Gaben hochmütig werden und der Selbstgefälligkeit und Verachtung anderer stattgeben.

Behüte uns, damit wir nicht aus irgendeinem Grund in Haß und Neid verfallen.

Behüte uns, daß wir weder jetzt noch bei unserem Ende der Anfechtung des Glaubens, (näm­lich) der Verzweiflung[37], nach­geben. [164]

Laß dir, himmlischer Vater, alle die anbefohlen sein, die gegen diese große, [WA 7,229] vielfältige Anfechtung streiten und arbeiten. Stärke die, die ihr widerstehen. Hilf denen wieder auf, die in ihr gefallen sind und daniederliegen. Und gib uns allen deine Gnade, damit wir in diesem gefährdeten, unsicheren Leben, in dem wir zu jeder Stunde von so vielen Feinden um­geben sind, mit einem edlen und festen Glauben beständig fechten und die ewige Krone em­pfangen (vgl. Jak. 1,12; 1. Petr. 5,4).

Die siebente Bitte

„Sondern erlöse uns von dem Bösen“

In dieser Bitte wird (um Bewahrung) vor allem Bösen durch Peinigung und Strafe gebeten, wie es die heilige Kirche auch in den Litaneien[38] tut.

Erlöse uns, o Vater, von deinem ewigen Zorn und den Qualen der Hölle.

Erlöse uns von deinem strengen Urteilsspruch nach dem Tode am Jüngsten Tage.

Bewahre uns vor einem plötzlichen und gewaltsamen Tod.

Behüte uns vor Überschwemmung und Feuersbrunst, vor Blitz und Hagel. Behüte uns vor Hungersnot und Zeiten der Teuerung.

Behüte uns vor Kriegen und Blutvergießen. Behüte uns vor deinen großen Plagen (vgl. 2. Mose 9,14 ff.), vor der Pest, schlimmen Seuchen[39] und anderen schweren Krankheiten.

Behüte uns vor allen Übeln und Nöten des Leibes, jedoch so, daß in diesem allem (was wir erbitten) dein Name geehrt, dein Reich vermehrt und dein göttlicher Wille geschehe.

Amen.

„Amen“

Hilf Gott, daß wir alles, was wir erbitten, in Gewißheit empfangen. Und laß uns nicht daran zweifeln, daß du uns in allem erhört hast und erhören wirst, daß (deine Antwort) ja und nicht nein oder zweifelhaft ist.

So sprechen wir fröhlich „Amen“, das heißt, es ist wahr und gewiß. Amen.

Quelle: Martin Luther Taschenausgabe. Auswahl in fünf Bänden, Bd. 4: Evangelium und Leben, bearbeitet von Horst Beintker, Berlin: Evangelische Verlagsanstalt 1983, 134-164.


[1] Wörtlich: „das für den gemaynen Christenmenschen, der die geschrifft nit leßen mag, vorordnet ist zu leren und wissen die tzehen gebott, den glauben und vatter unszer.“

[2] Ganz mit Gott verbunden und „rechtschaffen“.

[3] Sie sind als Dekalog zweimal überliefert: 2. Mose 20.2-17 und 5. Mose 5,6-21.

[4] Gegenüber Gott und den Menschen als Nächsten.

[5] Hier steht die mittelalterliche thomistische Auffassung von der natürlichen Gotteserkenntnis im Hintergrund, nach der einem jeden Menschen seiner Natur entsprechend ein Wissen um die Existenz und – in Gestalt des Lichtes der Vernunft (lumen naturale) – die Fähigkeit zur Erkenntnis Gottes innewohnen.

[6] In der ganzen Bibel steht der Machtlosigkeit der toten Götzen der lebendige Gott gegenüber.

[7] Zum Wesen Gottes gehört das Verborgensein. Gott selbst ist der menschlichen Erkenntnis nach Luther nur soweit zugänglich, wie er sich ihr durch Jesus Christus offenbart.

[8] Zu Luthers Auffassung von der ,,gottgewollten Obrigkeit“ vergleiche deren biblische Grundlage Röm. 13,1-7/V. 1!) sowie bei R. Hermann: Die Lehre von der Obrigkeit, in: Luthers Theologie. Berlin und Göttingen 1967, 199-218.

[9] Wörtlich: „wan wir nu das natürlich gesetz ansehen“. Hier steht die Naturrechtslehre des Mittelalters im Hintergrund, die ihre klassische Ausformung durch Thomas von Aquino gefunden hat. Im Mittelpunkt steht der ordo-Gedanke der Übereinstimmung von menschlicher Vernunft (lex humana). Welt­vernunft (lex naturalis) und ewiger Vernunft (lex aeterna); d. h. mit dem ewigen Gesetz, das Gottes Weltordnung bestimmt, sollen die beiden an­deren übereinstimmen. Nach Thomas basiert die Stufenordnung des Seins auf einer Hierarchie der Gesetze: die Weltvernunft richtet sich an der ewigen Vernunft, die menschliche Vernunft an der Weltvernunft aus.

[10] Die sogenannte goldene Regel: „was du nicht willst, daß man dir tu, das füg auch keinem andern zu“, findet sich auch in anderen ethischen Konzeptionen.

[11] Im folgenden wendet sich Luther gegen eine Vielzahl magischer Mittel und Praktiken, durch welche der Volksaberglauben im Mittelalter Hilfe aus den ver­schiedensten Nöten suchte.

[12] Die dem Volksaberglauben bekannten Vorstellungen vom zauberischen Einfluß auf den Milchertrag, auf blitzschnellen Ortswechsel mittels eines Zauber­mantels. auf das Erscheinen von abwesenden Personen oder Zukunftsbildern in einem Kristallspiegel werden vom christlichen Glauben ebenso abgewiesen wie die aber­gläubische Orientierung an magischen Zahlen und Tagen, wogegen Lutherden nächsten Passus richtet.

[13] Die Textform „ausgedachte Beschwörungsformeln“ (wörtlich: „erdichtete Gebete“) gründet sich auf WA 1.252,9 und richtet sich auch gegen den Mißbrauch christlicher Gebetsformeln.

[14] Luther fordert das z. B. in der Auslegung der sieben Bußpsalmen 1517 (WA 1,159,16-22 = Quellen 27-I, 104). Als biblisches Vorbild fürsolche demütige Einstellung kann Jesus selbst und Hiob gelten.

[15] Im Sinne von Geringschätzung.

[16] Wörtlich steht hier das hebr. „Racha“ und beim nächsten Verstoß das lat. „fatue“;vgl. dazu J.A. Bengel: Gnomon Bd. 1,39, Berlin 61952.

[17] Wörtlich „zusammen hetzt oder henget“; vgl. dazu WA 6,425,27 – Cl 1,383,1.

[18] Wörtlich: „Wer junckfrawen schwecht“.

[19] Mit „stummen Sünden“ bezeichnet man Selbstbefriedigung und Homo­sexualität.

[20] Die Ergänzung mit Relativsatz zur Anführung „zweytzungiger“ nach WA 1,253,31.

[21] Zu beichten waren Vergehen, nicht Gesinnungen und Wünsche. Der ,,Beicht­katalog“ oder „Beichtspiegel“ klassifizierte die einzelnen Vergehen, für die eine Beichtpflicht bestand, und ordnete sie nach Schwere und Art der Ver­letzung – wie Luther im nächsten Absatz auch einige Einteilungen berücksich­tigt.

[22] MSL 38,585: „Prima hominis perditio fuit amor sui“ (in Sermo 96,2).

[23] Wörtlich: „und alßo geystlich zum sacrament geen“.

[24] Wörtlich: „mercklich angetzygt“, was etwa mit „sehr unterstrichen“ bzw. auch „gründlich nachgewiesen“ übersetzbar ist.

[25] Luther schreibt hier stets „in“ und ,,yn“ bzw. „inn“ und ,,ynn“, was heute immer als „an“ wiederzugeben ist. wie er es seit 1529 im „Deutsch Catechismus“ selber schreibt.

[26] Vgl. oben Anm. 11.

[27] Sie haben also keine wirkliche Macht.

[28] Vgl. dazu Matth. 4,1-11.

[29] Vgl. hierzu Joh. 1,1-18.

[30] D. h. „für den Menschen“ und entspricht dem neutestamentlichen „Jesus Christus für uns“.

[31] Leiden und Kreuz sind nach Luther nur dann ein „Verdienst“, wenn sie nicht als „fromme Leistung“ genommen werden.

[32] „Verdienstlich“ ist es nur, wenn „der Hölle Pein“ um des Glaubens an Christus willen erfolgt.

[33] Vgl. in diesem Zusammenhang das bekannte Won Cyprians (gestorben 258, Bischof von Karthago und Märty­rer): „Extra ecclesiam nulla salus“ (außerhalb der Kirche ist kein Heil).

[34] Der Gedanke des Beistandes der ganzen Gemeinde im Leben und Sterben des einzelnen Christen findet sich auch in Luthers Schrift über die „Hilfe im Sterben“.

[35] Ein weitverbreitetes Bild, um den unendlichen Unterschied zwischen der ver­gänglichen irdischen Welt der Menschen und der ewigen, himmlischen Welt Gottes zu verdeutlichen.

[36] Wörtlich: „und stille ruge“; Luther meint nicht so sehr die Stille und Ruhe, die zur inneren Sammlung, zu Andacht und Gebet unerläßlich ist, seine Bitte be­zieht sich auf die Verheißung der „Ruhe Gottes“ (Hebr. 3,7-4,11).

[37] Nach Luther sind Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit (desperatio) und der frevelhafte Stolz (Hybris) die Ur- und Wurzelsünden, aus denen alle anderen entspringen.

[38] Große Bitt- und Fürbittengebete in der Form des Wechselgesanges.

[39] Luther nennt konkret die im Mittelalterweit verbreitete Syphilis.

Hier der Text als pdf.

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