Pauls Schempps „Der Prediger. Vier Predigten Kapitel 1-4“ von 1953: „Wohl dir, da ist der, der dir aufhilft, wenn du fällst, der dir die Treue hält und dich schützt gegen sichtbare und unsichtbare Feinde. Du bist den Verhältnissen und Menschen ausgeliefert wie ein Spielball der Laune und weißt nicht, ob Höhen oder Tiefen auf dich warten. Wohl dir, Er sitzt im Regiment. Er erniedrigt die Hohen und erhöht die Niedri­gen. Lass dir nur die Anfechtung gefallen.“

Der Prediger. Vier Predigten Kapitel 1-4

Von Paul Schempp

Kapitel 1: UMSONST?

Dies sind die Reden des Predigers, des Sohnes Davids, des Königs zu Jerusalem.

Wer ist oder war dieser Prediger? Das Wort im Urtext heißt Kohelet und hängt zusammen mit dem Wort Kahal, das ist die Gemeinde, die Versamm­lung. Der Mann ist also kein Philosoph, kein Weltweiser, der uns das Ergebnis seiner Denkarbeit, seiner Erfahrung oder gar seines Grübelns über die Welt­rätsel mitteilen will, der uns seine Weltanschauung darlegt, der also in die Reihe der großen Denker gehört, die wir bewundern oder auch nicht verstehen, die ihre Anhänger, aber auch ihre Kritiker finden, sondern dieser Mann ist regelrecht das, was wir auch heute einen Prediger heißen, ein Pfarrer der Gemeinde, ein Verkündiger der Wahrheit, ein Zeuge von Gottes Wort. Wir wären freilich nicht die Ersten, wenn wir diesen Prediger doch als Philosophen verständen, wenn wir vielleicht befremdet darüber wären, daß dieses Buch in der Bibel steht, wenn wir hier nur die Stimme eines Pessimisten hörten, dessen Worte uns unvereinbar scheinen mit der frohen Botschaft des Neuen Testa­ments, oder auch wenn wir hier nur die Bestätigung unserer eigenen Lebens­erfahrungen, unserer Enttäuschungen, ja, unserer Schwermut hören könnten und so die Anhänger des Predigers würden.

Wir wollen aber nicht außer acht lassen, daß der Ausdruck Kohelet, der mit „Prediger“ über­setzt ist, eine weibliche Wortform ist. Es geht also nicht um die Person dieses Mannes, nicht um den Verfasser dieses Buches, nicht um seine Ansicht vom Leben oder gar um seine Stim­mung, sondern um die Stimme der Gemeinde, um das, was in der Gemeinde bezeugt und gehört wird, um die Autorität, die in der Gemeinde gilt. Es ist gewiß eine Lebensweisheit, die wir hier hören, aber nicht eine, die uns zur Wahl steht, die wir auch als bloß noch zum Teil berechtigt und gültig oder gar für überholt halten könnten, sondern es ist die Lebensweisheit Israels. „Zion, du Predigerin, steig auf einen hohen [4] Berg, Jerusalem, du Predigerin, hebe deine Stimme auf“ (Jes 40,9), ruft der unbekannte Prophet in der Gefangenschaft, der so ge­waltig trösten durfte, der Gemeinde zu, und gerade dieser Prophet erhielt auf die Frage: „Was soll ich predi­gen?“ die Antwort: „Alles Fleisch ist Gras und alle seine Güte ist wie eine Blu­me auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, denn des Herrn Geist bläst drein. Ja, das Volk ist das Gras.“ (Jes 40,6f) Auch bei diesem unserem Prediger haben wir es mit einem unbekannten Mann zu tun, von dem wir nicht einmal wissen, in welchem Jahrhundert er ge­lebt hat, aber mit einem Mann des Volkes Gottes, mit einem Mann der Gemeinde der Zeugen Gottes, mit einem, der freilich in seiner Weise, anders als die Propheten und die Apo­stel und anders als Mose und die Evangelisten, aber darum doch nichts anderes als sie alle, nämlich das Wort Gottes predigt, das ewig bleibt.

Aber nun heißt sich dieser Prediger „Sohn Davids“ und „König zu Jerusa­lem“ und wir sind deshalb gewöhnt, vom Prediger Salomo zu reden, obwohl dieser Name nicht genannt ist. Wir wissen, daß in der Schrift vom König Salomo erzählt wird, daß er, der Sproß aus dem Ehe­bruch Davids mit Bathseba, sich von Gott Weisheit erbeten hat und daß seine Weisheit be­rühmt und sprichwörtlich wurde. Wir wissen aber auch, wer der wahre Sohn Davids, der wirkliche König zu Jerusalem, der König der Juden ist. Israel hat nur einen Herrn und König zu allen Zeiten, und das ist Gott selber, der Gott, der ihm sein Wort gegeben hat, der ihm versprochen hat, sein Gott zu sein und sein Versprechen gehalten hat und noch hält, der Gott, der allein weise ist und der ein ewiges Königreich hat und in dem ewigen König Jesus Chri­stus als Davids Sohn und Herr, als Friedefürst und wahrer Salomo zu seinem Volk gekommen ist. Jesus Christus ist allein der wahre Prediger, er ist die Quelle aller Lebens­weisheit, in ihm ist der Geist des Herrn, er ist uns zur Weisheit gemacht, ihn bezeugt die Predigerin Zion, die Gemeinde Gottes, und darum wollen auch die Reden des Predigers Salomo, des Predigers, der im Geiste der königlichen Weisheit Salomos spricht, auf diesen Christus hin gehört und ver­standen sein, sonst würden sie uns nur sagen, daß auch der weise Salomo an aller Weisheit verzweifelt ist, und alles Mühen der Menschen um Weisheit und Erkenntnis, alles Suchen nach Wahrheit nur vergeblich heißen kann.

So sind die Reden des Predigers als die Stimme des Volkes Gottes und als die Stimme des Königs dieses Volkes wirkliche prophetische Predigt an uns, Predigt aus dem alten Bund wohl, eine Stimme eines Predigers in der Wüste: „Bereitet dem Herrn den Weg!“ (Jes 40,3), aber so eben die Einladung an uns, die Selbsterkenntnis und die Lebensweisheit anzuerkennen und gelten zu lassen, die nicht aus uns und aus der Menschheit stammt, sondern die aus der Furcht des Herrn und deshalb aus dem Glauben an die Gnade Gottes in Jesus Christus [5] stammt. Was wir reden über diese Reden des Predigers Salomo, ist nicht unser Urteil und unser Gut­achten darüber, sondern das neue Hören und Bekennen unseres Glaubens: „Es ist doch unser Tun umsonst auch in dem besten Leben. Vor Dir niemand sich rühmen kann; des muß Dich fürchten jedermann und Deiner Gnade leben.[1]

Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel.“ (Pred 1,2) „Ist’s der Mühe wert zu leben, dieses Lebens Last zu tragen? Menschen kommen, Men­schen gehen, unbewe­get steht die Erde. Kommt die Sonne, geht sie unter, eilt zurück, um aufzugehen; auch der Wind dreht sich nur immer, immerfort im gleichen Kreise. Alle Flüsse ziehn zum Meere, kön­nen doch das Meer nicht füllen, ziehen stets die gleiche Straße, immer, immer im alten Bette. Wie die Welt sich jagt und hastet ohne Ziel und ohne Ende; unersättlich ist das Sehnen, ohne Auf hörn muß man hören! Was geschehen ist, kommt wieder, und die Sonne bringt nichts Neues; zeigt sich etwas Niegekanntes, ist’s doch längst schon dagewesen. Wo sind die, die vor uns lebten? — Auch die kommenden Geschlechter müssen bald vergessen werden, wenn sie sind dahingegangen!“[2] — Was für eine trostlose Weisheit! Alles eitel!, das heißt, alles ohne Zweck, ohne Nutzen, ohne Erfolg, alles umsonst. Vielleicht haben wir tat­sächlich schon oft die Bitterkeit eines „Umsonst“ erlebt. Wie vielgestaltig trifft es den Menschen! Wenn der Hagel die Ernte zerstört, wenn Feuer und Wasser die Habe vernichten, wenn der Kranke unter den Händen des Arztes stirbt, wenn eine Ehe kinderlos ist oder die Kinder aller wohlgemein­ten Erziehung trotzen, wenn mit einem Schlag die Ersparnisse wertlos werden, wenn wir mit Angst zu erkennen glauben, daß wir unserer Aufgabe nicht gewachsen sind, wenn die Zukunft wie eine steile Wand vor uns steht, wenn der Alltag grau in grau mit täglich gleichen Sorgen und Pflichten abläuft, wenn der erwartete Dank ausbleibt, wenn das zermal­mende Rad des heutigen Zusammenbruchs den letzten Lebensmut zerbricht, wenn die Ver­gangenheit uns anklagt als ver­säumte oder unnütz ausgefüllte Zeit, wenn es einsam wird um uns, weil die Liebsten sterben, wenn selbst Tage des Genusses und der Freude ein Gefühl der Leere übrig lassen, wenn die dunkle Herrin Melancholie über uns kommt oder gar eine Schuld uns in das Gefühl auswegloser Verlorenheit stürzt, wenn das bittere Lachen über den Jahr­markt des Lebens oder das bittere Weinen über das Fehlen von Sinn und Halt und Ziel in unserem Leben nicht mehr aufzuhalten sind, wenn ganz heimlich der Stachel des Todes zu schmerzen be­ginnt — und jeder hat so seine Stunden, in denen ihm das so einleuchtend, so wahr, so unumstöß­lich zu sein scheint: Alles ist eitel, alles ist umsonst.

Ja, so machen wir es freilich immer wieder, daß wir uns in den Mittelpunkt des Daseins und der Welt stellen. Weil wir nichts sehen, muß es überall Nacht [6] sein, weil wir enttäuscht sind, muß alles Leben eine große Enttäuschung sein, weil wir bittere Stunden und Tage haben, muß die ganze Schöpfung ein Mißerfolg sein. Der Prediger aber predigt: alles ist eitel! Er sitzt nicht klagend im Winkel, er zischt uns nicht seine bittere Lebenserfahrung entgegen, er macht nicht den Spielverderber, der hochmütig auf die Mutigen und Unentwegten herabblickt, die vom Leben noch etwas erwarten, oder der insgeheim neidisch ist auf die, die noch Hoffnun­gen hegen oder an Erfolg glauben. Nein, der Prediger verallgemeinert nicht wie wir die eigene Lage und Stimmung, sondern er predigt und lehrt uns eine feste, gültige Tatsache, die wir in ihrer Allgemein­gültigkeit, in ihrer Furchtbarkeit, in ihrer Wahrheit und auch Weisheit gar nicht erfassen können. Er redet von dem Umsonst des Lebens, indem er nicht von den Ab­gründigkeiten unseres Herzens, von den Katastrophen der Ge­schichte oder den Tragödien von Einzelgeschichten erzählt, sondern mit dem Hinweis auf das ganz Selbstverständliche, auf das ganz und gar Natürliche: die Sonne geht auf und unter, die Wasser fließen dahin und kehren zurück, die Winde kreisen von Mittag zu Mittag und in dieser Beständigkeit des Wechsels kommen und gehen die Geschlechter und werden Vergangenheit, Ver­gessenheit. Das Ganze der Natur und der Geschichte wird hier in eine eiserne Klammer gefaßt: umsonst! Das wird uns gesagt nicht als ein Urteil, das der Prediger fällt, sondern als eines, das gefällt ist, das auch über ihn gefällt ist und das er anerkennt und weitersagt, daß wir hören und Wissende, ja Weise werden. Hier wird ja nicht rebelliert gegen die Wirklichkeit und es wird nicht die hoff­nungslose Kapitulation vor der Wirklichkeit und letztlich die Ver­zweiflung gepredigt, sondern fest und tapfer werden uns die Illusionen ge­nommen, als könnten wir den Sinn des Daseins ergreifen und ergründen, ja den Sinn auch nur eines Tages erfüllen und den Ring durchbre­chen, der um das Ganze gelegt ist. Es wird nicht gesagt: Es ist alles umsonst, darum schließ die Augen zu und laß die Hand sinken und wehre dem Kopf zu denken, sondern vergiß nicht, daß das Urteil gesprochen ist: Erde zu Erde, Staub zu Staub. Verschenk dein Herz nicht an die Welt, so schön sie ist, nicht an deine Arbeit, für so wichtig sie gelten mag, nicht an die Men­schen, so kraftvoll und schön, so begabt und achtenswert sie dir scheinen mögen, nicht an die Ideale und nicht an die greifbaren Güter. Da wird die Größe des Menschen ein­geebnet, und wir werden befreit von dem Ehrgeiz, nun doch zu glänzen und andere auszustechen und vor­wärtszukommen. Wir werden aber auch befreit von der Angst, von dem Gefühl, nur wir seien so klein, so unfähig, so un­nütz, während andere etwas leisten und zuwege bringen, für sich oder für die Allgemeinheit. Und wir werden überlegen gegenüber all dem, was als Macht und Größe Bewunderung beansprucht. Alles ist eitel! Das hebt die Unter-[7]schiede nicht auf und schafft doch eine Gleichheit, eine wirkliche Gleich­berechtigung aller Menschen, eine Ge­meinschaft der letzten Hilflosigkeit, der Gefangenschaft, der Bedrohtheit und der Verloren­heit. Dieses „Alles ist ver­geblich!“ will uns nicht auffordern, nun dieser Eitelkeit davonzu­laufen, uns in eine Ecke zu verkriechen, um über den Jammer des Daseins zu klagen oder uns noch gründlicher mit dem Elend des Menschen zu befassen. Auch das ist eitel und unnütz. Dieses Wort will uns aber auch nicht verleiten, nun die Wissenden zu spielen und die Leicht­sinnigen, die nichts mehr ernst nehmen, die sich anmaßen, alles verächtlich und dumm zu finden, was die Menschen erstrebt haben und noch erstreben, die sich erhaben dünken über alle Sehnsucht und Entsagung der Menschenherzen. Das wäre erst recht eine eitle Weisheit.

Wir haben genug verzweifelte Menschen, genug zerbrochene Herzen um uns und unter uns, wir haben genug Leichtsinn und genug Schwermut in unserer bitteren Gegenwart und wohl auch genug von beidem in unserem eigenen Herzen, als daß wir diesen Prediger zur Rechtfer­tigung unserer Stimmungen, ja zum Bundesgenossen unserer Haltlosigkeit machen dürften. Wo gepredigt wird, da stehen wir in der Gemeinde des Volkes Gottes, da will das Wort des Königs, das Wort Gottes Glauben und Gehorsam. Da wird uns zugemutet, daß wir die Eitel­keit des Daseins nicht hinwerfen wie eine unnütze Last, nachdem wir sie erkannt haben, als ob wir nun durch die Erkenntnis frei geworden über die Bühne dieses Welttheaters toben dürften, bis das Spiel aus ist und auch wir abtreten müssen. Uns wird aber auch zugemutet, daß wir die Eitelkeit des Daseins nicht auf uns drücken lassen als eine Last, unter der wir zusammen­bre­chen, als ob wir immer nur noch die Trübsal dieser Welt zu steigern hätten.

Dieser Prediger hat das Tun der Menschen weislich erforscht und hat an diesem Tun erkannt, was dieses Tun gerade immer verbergen und nicht zeigen will, nämlich daß es ein Versuch ist, das Unmögliche zu tun, ein Versuch, den Wind mit der Hand zu greifen. Das ist eine Erkennt­nis, die nicht aus der Geschichte abzulesen ist. Da mag man noch so gering von den Leistun­gen der Menschen denken, aber das kann man nicht abstreiten, daß da Köpfe und Hände am Werk waren, die schon Erstaunliches geleistet haben, Köpfe un­zähliger kleiner und unbe­kannter Leute und Handlanger und Köpfe und Hände mancher großer und vorangehender Menschen aller Berufe. Da gibt und gab es Neues unter der Sonne, da wurde Krummes gerade gemacht und was vorher fehlte, erfunden und geschafft. Aber das freilich, worum es in all dem Tun der Menschen heimlich geht, die Weisheit selber zu finden, Torheit und Weisheit wirklich zu scheiden, die Freiheit, das Heil, das Ziel, die Rettung, nein Gott selber zu finden, den Anfang, die Mitte, das Ende zu finden, das ist nicht gelungen, das kann nicht gelingen, diese Mühe ist unnütz und ver-[8]geblich, das ist so unmöglich, wie den Lauf der Sonne, den Zug der Winde, den Kreislauf der Feuchtigkeit, das Schwinden der Geschlechter zu ändern, so un­möglich, wie den Tod zu besiegen. Weil das unmöglich ist, darum ist alles eitel, darum sind Weisheit und Tollheit, Nutzen und Schaden aller Leben in der gleichen Klammer, in der glei­chen Verdammnis des Umsonst, so ge­waltig die Unterschiede sind.

Was für eine befreiende und doch so ganz einfache Erkenntnis ist dieses „alles ist eitel“, alles ist Haschen nach Wind, wenn wir da es aufgeben, hin und her zu laufen und unsere Hoffnung auf Menschen und Verhältnisse, auf Welten und Überwelten, auf Natur und Geist, auf Sicht­bares und Unsichtbares zu setzen, wenn wir da uns finden in der Gemeinde derer, die gefun­den und angeredet sind von der Weisheit Gottes und so Gott weise sein lassen und sich selbst unweise, Gott mächtig und sich selbst ohnmächtig.

Das Wörtlein, das im Urtext für „eitel“ steht, heißt „habel“, und das ist der Name, den jener zweite Sohn Adams bekommen hat, den sein Bruder erschlagen hat, Abel. In diese Reihe sind wir da versetzt, in die Gemeinde der Leidenden, der in der Weisheit Gottes und darum in sich selbst Wehrlosen, der Ohnmächtigen, der Geschlagenen. Aber da dürfen wir nun auch sein. Nicht ein blindes Geschick, nicht eine finstere Macht hat uns ins wilde Meer des Daseins und der Geschichte hinausgestoßen, bis alle scheitern und Schiffbruch leiden. „Unselige Mühe hatt Gott den Menschenkindern gegeben, daß sie sich darin müssen quälen.“ Unselige Mühe, ein totales Umsonst und doch kein Abstehen von dieser Mühe, doch keine Möglichkeit, sie aufzu­geben, doch keine Erlaubnis, selber Maß und Ziel zu setzen, doch kein Recht sich aufzulehnen oder gar zu verzweifeln, denn Gott, Gott selber hat uns unter diese Last gestellt und alle, alle dahingegeben in ihres Herzens Gelüste, an unsere eigene Kunst, an unser Menschsein auf die­ser Erde, unter dieser Sonne, in diese Zeit, in unsere vergeblichen Lebensversuche im Kreis­lauf des Werdens und Ver­gehens, in die feste Spanne zwischen Geburt und Grab. Da bringt es Grämen, wo uns die unendliche Aufgabe gestellt ist, nach Weisheit zu trachten, da bringt es Leid, viel Leid, lernen zu müssen, Mensch zu sein und was es heißt, Mensch zu sein.

Aber da, gerade da, wo wir nüchtern unsere Last aufnehmen als die uns von Gott zugewie­se­ne, wo wir seine Weisheit Herr sein lassen über unsere Torheit und seine Macht über unsere Ohnmacht, wo die Predigt der Eitelkeit uns weder verzagt noch eitel macht, sondern auch un­sere Eitelkeit und Ver­zagtheit aufdeckt als eitel und unnütz, als nichtig und hinfällig, als erledigt und fruchtlos, da verstehen wir etwas davon, daß Gott allein eben nicht ein [9] eitler Göt­ze, ein entbehrlicher Zuschauer, ein müßiger Spieler mit der Welt ist, daß an seinem Segen wahrhaftig alles gelegen, und zu unserem Glück alles gelegen ist.

Luther hat in seiner Vorrede zum Prediger Salomo geschrieben: „Dieses Buch sollte billig den Titel haben, daß es wider den freien Willen geschrieben wäre. Denn es zieht alles dahin, daß aller Menschen Rat, Anschläge und Vornehmen umsonst und vergeblich sind und es immer anders hinausgeht denn wir wollen und denken, auf daß er uns lerne gelassen stehen und Gott lassen alle Ding über, wider und ohne unser Wissen und Rat tun … Da Christus spricht: Sorget nicht für den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird seine eigene Sorge haben. Es ist ge­nug, daß ein jeder Tag sein Übel hat. Dieser Spruch ist der Inhalt dieses Buches. Sorgen für uns gehört Gott zu, unser Sorgen fehlt doch und gibt eitel verlorene Mühe.“[3] — Eitelkeit der Eitelkeiten! Darum sorget nicht! Gott weiß um diese Eitelkeit. Er weiß, was für ein Gemächte wir sind. Er selbst gehört allein nicht zu diesem „alles“, das eitel ist. Er hat uns diese Eitelkeit auf gedeckt, ist selbst in diese Welt des Kommens und Gehens der Geschlechter hineingetre­ten als der neue Mensch. Alles, alles hat der Mensch versucht, gerade sein Wort und Werk zu vereiteln, und das alles hat doch dazu gedient, es zu bewahrheiten und zu vollziehen. Wo sein Wort zu uns kommt, da zerbricht der Ring der Eitelkeit, da ist uns gerade umsonst, gerade ohne unser Sorgen und Quälen das Unmögliche möglich, da ist gar nichts mehr vergeblich und umsonst, da dürfen wir glauben, daß alle Dinge, der ganze un­begreifliche Lauf der Ge­schichte, alles unser Tagewerk im Kreislauf der Sonne, in der unersättlichen Sehnsucht von Augen und Ohren und allen Sinnen und in der dumpfen Langeweile des gleichen Spieles, uns, uns Menschen zum Besten dient, daß wir uns an seiner Gnade genügen lassen, daß wir auf ihn hoffen, daß wir durch viel Trübsal in sein Reich eingehen, getrost in dieser Wüste die Ruhe erwandern und im Herrn, in Gott allein fröhlich auf die neue Welt warten.

Oh, wir werden immer wieder glauben, wir seien und wir könnten doch etwas und wir müßten doch etwas tun von uns selbst, nach unserem Gut­dünken. Dann seien wir nur froh, wenn wir darin enttäuscht werden. Es ist immer gut, von Illusionen geheilt zu werden und den eigenen Aberglauben zu verlieren. Und wir werden auch immer wieder denken, die Predigt, das Wort Gottes richte nichts oder wenig aus. Aber gottlob, es ist ja so: Alles ist ver­geblich, aber Gottes Wort ist nicht vergeblich. Alles wankt, aber Gottes Wort ist fest, alles fällt, aber Gottes Wort trägt, ja es trägt alles. Der Prediger müßte ja sich selbst auf den Mund schlagen und verstum­men, er wäre nicht ein Prediger Israels und kein Salomo, sondern ein Schwätzer oder ein Fin­sterling, wenn er nicht sich und uns auf den Glauben an Gott und die Hoffnung auf [10] Gott, auf dieses „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ richten wollte, auf den Namen des Herrn, in dem un­ser Anfang und unsere Hilfe steht. Wir glauben: Christ ist geboren, und darum er­schreckt es uns nicht: Welt war verloren. Wir glauben: Christ ist erstanden, und darum hoffen wir, wo nichts zu hoffen ist; denn Gott will unser Trost sein. Des sollen wir alle froh sein. Die Gnade herrscht über dieser Eitelkeit und vergeblichen Mühe. Wir brauchen uns und einander nicht zu Tode schinden und plagen. Was zu unserem Glück nötig ist, das ist vollbracht. Wir haben nur, so schwer es uns auch in dieser Eitelkeit fallen mag, glücklich zu sein und glück­lich zu blei­ben im Glauben an sein Wort, im Vertrauen auf Jesus Christus, in dem uns alles wirklich und umsonst geschenkt ist, denn seine Güte währet ewiglich. AMEN! [11]

Kapitel 2: GENUSS UND ARBEIT

Ich sprach in meinem Herzen: Wohlan, ich will wohl leben und gute Tage haben.“ (Pred 2,1) Ist das der Ausweg der Verzweiflung? Nicht wahr, wir sind entrüstet über die, die so etwas denken in ihrem Herzen und dann auch den Versuch machen, diese Absicht auszuführen. Wir sagen nein dazu. Wir glauben zu wissen, daß der Mensch nicht auf der Welt ist, um sich’s wohl sein zu lassen, um sich gute Tage zu machen. Wir heißen es Egoismus, nach solch einem Grundsatz zu leben. Besonders heute sind wir empört über solche, die sich gute Tage machen wollen, wo daneben noch der Hunger herrscht, über solche, die nicht fragen nach der Not der andern, wenn sie nur selbst zu guten Tagen kommen, gute Geschäfte machen können, ihre schöne Wohnung behalten. Sie sind leider zahlreich heute, die sich über die Gesetze und über die Moral hin­wegsetzen und alle Klugheit aufwenden, sich einen Vorteil zu verschaffen, die kein Mittel scheuen, um zu einem Genuß zu kommen. Ihre Zahl geht weit über die der Schmuggler und der Dirnen hinaus. Ist’s heute nicht geradezu ein Verbrechen, solch eine Ein­stellung zum Leben zu haben? Das ist die Welt, die böse Welt, der Materialismus, der Feind des Christentums. Diese Gesinnung hat uns im Grunde ins Elend geführt und verhindert uns heute wieder heraus­zukommen. Man müßte zur Arbeit zwingen, wer nichts schaffen will. Man müßte strenger bestrafen, wer die Not der andern ausnützt. Man müßte rück­sichtsloser sein gegen die, die Steuern hinterziehen. Blüht nicht heute mitten in der Not der Vergnü­gungsmarkt? Muß die Kirche nicht besonders die Jugend warnen und schützen gegen diesen Taumel der Sucht nach Vergnügen, Tanz und Lustbarkeit — Karneval? Vielleicht bedauern wir auch diese Menschen, die keinen Halt mehr zu haben scheinen. Vielleicht glauben wir auch zu ver­stehen, daß im Kampf zwischen Hunger und Moral der Hunger siegt. Vielleicht neigen wir zur Nachsicht, weil in jeder allgemeinen Panik der Mensch eben sich selbst der Nächste ist und wir urteilen milder über das Überhandnehmen des Diebstahls. Aber wir stehen jedenfalls auf der Seite des armen Lazarus gegen den reichen Mann, der herrlich und in Freu­den lebt. Wir wollten die [12] nicht sein, die zu ihrer Seele sagen: „Wohlan, iß und trink und sei guten Muts, denn du hast einen Vorrat auf viele Jahre.“ (Lk 12,19) Wir sind ja dieser Ver­suchung ent­hoben. Wir sind schon froh, wenn wir ein bescheidenes Auskommen haben, wenn wir den Hunger nicht mehr zu befürchten haben, wenn wir ein Dach über dem Kopfe haben.

Aber sitzt wirklich in keiner Falte unseres Herzens dieser Gedanke: Ich will wohl leben und gute Tage haben? Sind wir bloß nicht ehrlich genug, um uns das einzugestehen? Natürlich sind wir bescheiden. Natürlich wollen wir nicht bloß das, natürlich ist der Genuß des Magens und der Sinne nicht unser Lebensziel allein. Aber so ein bißchen ist doch auch dieser Wunsch berechtigt, gute Tage zu haben. So ein bißchen kennen selbst die Theologen die Frage nach dem berechtigten Maß von Genuß oder gar Luxus. So ein bißchen er­kennen wir dieses Be­dürfnis an, sich auch einmal einen guten Tag zu machen. So engherzig sind wir nicht, daß wir’s einem nicht gönnen, auch Wein zu trinken und Kuchen zu essen, wenn er’s bekommen und sich leisten kann. Nur soll jeder Maß halten. Nur soll man auch an die andern denken und kein Ärgernis geben. Nur sollen nicht die Einen prassen, während andere darben. Und so ist unser Urteil dann im Reinen und wir beweisen uns in dem allem nur als die Richter über die andern, als die, die sich selbst für klug und weise halten, die nicht glauben, daß alles eitel ist. Wenn wir aber Gottes Urteil gehört haben, das Wort der Weisheit Gottes: Alles ist vergeblich — wenn wir das gehört haben, weil wir das Wort vom Kreuz, das Wort vom Bankrott Jesu Christi an der Welt der Juden und Heiden, das Wort vom Bankrott der Juden und Heiden am Kreuz Christi gehört haben, wenn wir glauben, daß wir durch die Gnade des Herrn Jesu Chri­sti selig werden, wenn wir das Sorgen für den andern Morgen uns versagen, weil es ein ver­gebliches Bemühen ist, dann erkennen wir uns durchaus als die Genossen derer, die wohl leben und gute Tage haben möchten. Wollen wir uns denn schämen, das einzu­gestehen? Wollen wir es denn verleugnen, daß wir wirkliche Menschen sind? Mag jeder etwas anderes verstehen unter Genuß und guten Tagen, der eine nur ein ruhiges Plätzchen, ein anderer Ge­sundheit, der dritte mehr Lohn oder Gehalt, der vierte geistige Anregung, der fünfte gar ein zufriedenes Herz. Wir alle dürsten doch nach Glück und guten Tagen. Größtes Glück der größten Zahl! ist keine schlechte Parole der Politik, wenn man nur wüßte, wie man darüber einig werden könnte. Können wir sie denn einstellen, die Jagd nach dem Glück? Hört sie endgültig auf, wenn wir gehört und erkannt haben: Alles ist eitel!? Sind wir da nicht zurück­getrieben aus allen Höhen und Weiten unseres Tatendurstes in unsere natürliche Wirklichkeit, in unser Menschsein und erkennen uns selber da, wo wir alle sind, unter dieser kreisen-[13]den Sonne, unter diesem wechselnden Mond als die, die fragen: Wozu das alles?, als die, die sich mit keiner Antwort der andern, mit keiner Lebens­erfahrung der Eltern und Voreltern, mit keiner Geschichts- und Lebensdeutung zufrieden geben, als die, die Gewinn wollen und nicht Verlust, die Freude wollen und nicht das Leid, die gute und nicht böse Tage suchen? Von die­ser Weisheit des Predigers her, daß Natur und Geschichte eitel sind, verstehen wir alle die Pessimisten, alle die schwarzen Lebensdeuter, die Buddhisten und die Schopenhauerjün­ger, die Entmutigten und Schwermütigen sehr gut, aber ihre Feindschaft zum Leben machen wir nicht mit, wir unterlassen den Versuch, nun doch ausbrechen zu wollen, nun doch frei zu werden von unserem Mensch­sein, uns befreien zu wollen vom Willen zum Leben, zum erfüll­ten Leben, zum Leben, dessen man froh werden kann, zum Leben der guten Tage, die man genießen kann. So verstehen wir noch viel besser und mehr die Optimisten, die gemäßigten und die unverbesserlichen, die Egoisten und Genießer, die gemäßigten und die unverbesserli­chen. Sie wissen es ja nicht, wie eitel die Genüsse des Lebens sind, sie taumeln von Begierde zu Genuß, sie sind ehrlich in ihrer brennenden Liebe zum Leben und glauben immer und immer wieder, daß sie doch ans Ziel ihrer Wünsche kommen. Aber wir wissen um die Eitel­keit des Genusses, wir wissen, daß auch uns nicht geholfen ist, wenn wir des Herzens Gelüste nur unterdrücken und verstecken und die überlegenen Ver­ächter spielen. Der Prediger hat ja und nicht nein gesagt zu dieser Eitel­keit. Er steht zu seiner Weisheit so, daß er sie erprobt. Er will keine Weisheit über das Leben, als ob er selber nun die Welt überwunden hätte. Er will sich nicht retten aus der Furchtbarkeit dieser Weisheit. Er stürzt sich nicht in die Betäubung des Genusses. Die Weisheit ist bei ihm, sie leitet sein Herz, wenn er sich entschlossen auf den Weg der Freude begibt. Ja, das Lachen ist toll. Ja, die Freude kann sich nicht rechtfertigen, sie weiß keine Antwort auf die Frage: Was machst du? „Ich lebe und weiß nicht wie lang, ich ster­be und weiß nicht warum, ich gehe und weiß nicht wohin. Mich wundert, daß ich fröhlich bin.“[4] Daß die Menschen seufzen unter ihrem Schicksal, daß sie den Kopf hängen und den Mut verlieren, das ist nicht so zum Verwundern. Aber daß sie so zäh sind, daß sie immer wie­der ausziehen, das Glück zu suchen, sich ein gutes Leben zu zimmern, daß sie auf den Trüm­mern wieder neu zu bauen beginnen, daß sie sich doch wieder freuen an der Schönheit der Natur, daß sich doch wieder ihr Gemüt öffnet für Wein und Weib und Gesang, das ist verwun­derlich. Und der Prediger macht mit. Er will die Torheit ergreifen und kennen lernen. Und wie er seine Natur als Mensch bejaht und damit die Eitel­keit des Trachtens nach dem Gewinn, nach dem Genuß des Lebens, so bejaht er sich auch als Glied der Menschengeschichte. Da steht der Mensch ein-[14]geschlossen in den Raum der Natur, im Kreislauf von Sonne und Wasser und Winden. Er hat keinen Gewinn davon, so herrlich diese Natur ist. Aber er genießt sie doch und will essen und trinken und froh sein, ja seinen Leib mit Wein pflegen. Er weiß, es ist eitel. Und da steht der Mensch eingespannt in den Lauf der Geschichte. Die Geschlech­ter kommen und gehen, so reich und interessant die Geschichte sein mag. Er hat keinen Ge­winn davon. Er ist ge­bannt in die Kürze seiner Zeit. Aber nun ist der Prediger nicht ein Feind der Geschichte. Er versucht nicht das Unsinnige, ein zeitloser Mensch zu werden, der sich nicht rührt, der sich nicht bewegt, der nicht teilnimmt an diesem eitlen Lauf der Geschichte. So wie er nicht ohne Genuß sein will, so will er auch nicht ohne die Tat, ohne die Arbeit sein. Das ist das wirkliche menschliche Leben, daß sie zueinander gehören und einander bedingen, die Arbeit und der Genuß, die Tat und die Erholung, die Mühe und die Freude. Nie kann eines allein das Leben füllen, ob es sich um leiblichen oder geistigen Genuß, um leibliche oder gei­stige Arbeit handelt. Wer nur leiblich genießt, dessen Sinne stumpfen ab, er verfault und ver­greist. Wer nur geistig genießt, der wird blasiert, der verliert die Wirklichkeit und träumt. Wer nur leiblich arbeitet, der wird zum Sklaven und zerstört sich selber. Wer nur geistig arbeitet ohne Genuß, der mordet die Wirklichkeit der Sinne und der Natur. Sie können auch nicht end­gültig zusammenfallen, der Genuß und die Tat. Wird das Genießen eine Ar­beit, dann ist es künstlich und erzwungen, eine Heuchelei und ein Theater, und wird die Arbeit zur Freude ohne die Qual der Plage, dann ist sie Be­sessenheit und Unnatur. Nicht vom Übermaß des Genusses und nicht vom Übermaß der Arbeit redet der Prediger und darum nicht vom Zusam­menbruch der Freude in den Katzenjammer, und nicht vom Umschlag des Genusses in das heulende Elend und nicht vom Versagen der Kraft oder vom Mißlingen der Arbeit, sondern vom wirklichen menschlichen Dasein im Genuß und in der Arbeit, vom gewollten, freiwilli­gen Genießen und Arbeiten, nicht von der Besessenheit der Triebe und nicht vom Frondienst des erzwungenen Schaffens. Der Prediger weiß um das Tun als Haschen nach Wind. Er weiß um die Eitel­keit des Schaffens wie um die Eitelkeit des Genusses und sagt auch hier das volle, ehrliche Ja. „Ich tat große Dinge.“ Er machte Häuser, Gärten, Wein­berge, Teiche und züchtete Vieh und Obst und sammelte Schätze an Gold und Silber. Und er tut es, um die Früchte seiner Arbeit zu genießen. Auch da heißt es: „Meine Weisheit blieb bei mir.“ Er will nicht Kultur­dünger für die spä­teren Geschlechter sein. Er glaubt nicht an den Fortschritt der Menschheit. Wie kann er geradezu schwelgen im Erfolg seiner Arbeit! Er verwehrt seinem Herzen keine Freude. Er freut sich des Lebens wie nur irgend ein Reicher. Ist er nicht ein typischer Welt­mensch, ein Diesseitigkeitsmensch? [15]

Ist er nicht ein typischer Jude? Wir kommen von solchen „Taten“ her. Wir kennen viele, die sich dem Genuß ihrer Erfolge mit Begier hingaben, Große und Kleine, im Frieden und im Krieg. Wir wissen, wie dabei das Judentum beschimpft und ausgerottet und — nachgeahmt — wurde. Der eine große Unterschied ist doch deutlich. Der Prediger sah, daß all seine Mühe eitel und Haschen nach Wind war, nicht weil die Paläste zerfielen und die Gärten zur Wüste und die Schätze wertlos wurden, sondern weil es ungewiß ist, ob die Erben all dieser Güter weise oder töricht sein werden. Der Prediger ist kein Feind der Kultur, aber er weiß, daß dies Kulturschaffen eitel ist. Er weiß, daß dazu eben diese Weisheit Gottes gehört, daß alles eitel ist und diese Weisheit sich bewahrheitet in der Kultur. Er glaubt nicht an die Kultur, nicht an den Genuß und nicht an die Arbeit. Er glaubt nicht, daß die Weisheit erblich ist. Er glaubt nicht an den Menschen. Ein Narr ist, wer an die Natur oder an die Geschichte oder an beides und damit an die Kultur und in all dem eben an den Menschen glaubt. Diese Narrheit hat uns barbarisch und darum auch arm gemacht. Glauben wir ja nicht, daß wir nun abstehen dürften oder könnten vom Schaffen. Glauben wir ja nicht, daß wir jetzt den leiblichen oder geistigen Genuß verdammen dürften. Wir stehen alle wieder da in unserer menschlichen Eitelkeit und Nichtigkeit. Wir gehen nicht in die Wüste und lassen die Trümmer liegen. Wir begnügen uns nicht mit dem Mangel, weil doch der Genuß eitel ist. Wir haben nicht die Möglichkeit, so erfolgreich zu genießen wie der Prediger und so erfolgreich zu schaffen wie der Prediger. Wir fangen an und waren vor einigen Jahren in der großen Verlegenheit, ob wir mit dem Schaffen anfangen müssen oder können, um zu genügendem Essen, zu Kleidern und Schuhen, zu Woh­nungen und zu ein wenig Freude am Dasein zu kommen, oder ob wir erst vom Ausland mehr zu essen und allerhand Verbrauchsgüter fordern müssen, um erst wieder schaffen zu können. Aber die Frage ist nicht zuerst die, ob wir mit Erfolg schaffen können und ob wir und unsere Kinder einmal wieder gute oder doch bessere Tage als heute haben. Die Frage ist die, ob die Weisheit bei uns ist und mit uns geht: die Weisheit, daß alles eitel ist, daß wir vergehen und Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht erben, daß Natur und Geschichte und Kultur eitel sind, der Ver­gänglichkeit, dem Dienst des Vergänglichen unterworfen sind um des Menschen willen, gerade deshalb, weil die Menschenkinder eitel sind, Staub und Asche sind, und daß alle Kreatur seufzende Kreatur ist und warten muß auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Diese Weisheit übertrifft die Torheit wie das Licht die Finsternis. Der Weise sieht die Wirklichkeit und der Tor geht in der Finsternis. Aber beide vergehen, beide werden verges­sen. Diese Weis­heit bringt also keinen Ruhm. „Es verdroß mich, zu leben.“ „Es gefiel mir [16] übel, was unter der Sonne geschieht.“ „Es verdroß mich alle meine Arbeit.“ Also doch Lebensüberdruß, also doch Enttäuschung, also doch Sieg des Pessimismus? Also doch nur Erkenntnis des Jammers der Menschheit? „Alle seine Lebtage hat der Mensch Schmerzen mit Grämen und Leid, daß auch sein Herz des Nachts nicht ruht. Das ist auch eitel.“ Das sagt der, der das Leben genossen hat und der große Taten getan hat! Ja, da ist nun doch wieder der nackte Mensch, der Hilflose und Verzagte, der vergeblich nach Weisheit getrachtet hat. In dieser Weisheit Gottes, da schreit der Mensch: Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen vom Leibe dieses Todes? Da hat der Mensch Lust abzuscheiden. Da ist er schlechthin der Mensch, der sich nicht rühmen kann und darum sich auch nicht selber rühmt. Und nun hören wir das Erstaunliche dieser schrecklichen Weisheit und Wahrheit: „Ist’s nun nicht besser dem Menschen, daß er esse und trinke und seine Seele guter Dinge sei in seiner Arbeit? Aber sol­ches sah ich auch, daß es von Gottes Hand kommt.“ Widerspricht er sich nicht immer, hebt er sich nicht immer selber auf, dieser rätselhafte Prediger, dieser königliche Weise? Hier ist das Geheimnis dieser trostlosen und doch so hoffnungsvollen, ja allein wirklich hoffnungsvollen, für Leben und Sterben hoffnungsvollen Weisheit. Von Gott kommt allein die Freude. Ohne ihn ist Freude Selbsttäuschung, durch ihn ist der Leidtragende selig. Er gibt Weisheit, Ver­nunft und Freude dem Menschen, der ihm gefällt. In, nicht trotz seiner Arbeit darf der Mensch guter Dinge sein in diesem Glau­ben an Gott allein. Das kann der Sünder nicht. Der Sünder wird zuschanden in seinem Genuß und in seiner Arbeit. Nicht die Natur, nicht die Geschichte, nicht die Kultur ist böse, sondern der Mensch, der nicht auf Gott seine Hoff­nung setzt. Das aber tut der Prediger offenbar. Dies ganz Einfache will er uns sagen: Setzt eure Hoffnung auf den Herrn. Dürfen wir noch fragen, ob wir die Menschen sind, an denen Gott Gefallen hat, die also fröhlich sein können in ihrer Arbeit und beim Essen und Trinken? Der Prediger war of­fenbar ein freier Mensch. Er konnte sich gute Tage machen und konnte entsagen. Er konnte schaffen und konnte verzichten auf das Schaffen. Er redet nicht von Gnade, nicht von Chri­stus, nicht von einer neuen Welt, aber er redet vom verborgenen Gott und von der verzwei­felten Wirklichkeit des Menschen, und weil er nun nicht an Gott verzweifelt, darum ist er ein Prediger echter Menschlichkeit, und weil Gott sich in Christus als wahrhaftiger Mensch geof­fenbart hat, darum ist durch ihn dieses Buch des Predigers Evangelium geworden, so wie Christus aus dem Alten Testament das Neue gemacht hat. Durch Jesus Christus haben wir das Recht, ja die Pflicht, zu glauben, daß Gott tatsächlich an uns Wohlgefallen hat. In Jesus Chri­stus glauben wir, daß uns Gott Weisheit und Vernunft und Freude schenkt mitten in unsere Tor-[7]heit und in unser Elend hinein. In Jesus Christus können wir fröhlich essen und trin­ken, da haben wir Lust zu allem Guten. Wir haben ja das heilige Abendmahl und gehen dem Festmahl seines Reiches entgegen. In Jesus Christus tragen wir des Tages Last und Hitze und nehmen und haben Anteil an der Kultur gerade in der Vergänglichkeit und Vergeblichkeit und Vorläufigkeit all dieser materiellen und geistigen Notbauten und Behelfsheime. Da sind wir nicht erstaunt, daß die Barbaren oft bessere und reifere Leute sind als die Kultivierten. Wir glauben ja an die Auferstehung des Herrn und gehen un­serer Auferstehung entgegen. Gut, wir sind traurig, das menschliche Dasein und gerade unser eigenes in Natur und Geschichte gibt Anlaß genug, ehrlich betrübt zu sein, aber wir sind auch allezeit fröhlich in dem Herrn. Wir freuen uns an der Welt, ohne uns verlocken zu lassen von ihrer Pracht und Eitelkeit, denn die Welt vergeht mit ihrer Lust. Das ist tröstlich. Und selbst wenn wir verdrossen sind, so sind wir auch das nicht ohne Humor. Wir sind Menschen, bloß Menschen, aber als solche durch Jesus Christus Gottes Kinder und darum freie Menschen, frei zum Genuß, frei zur Arbeit, aber auch frei von der Herr­schaft des Genusses und von der Herrschaft der Arbeit, frei zum Leben und frei zum Sterben. AMEN! [18]

Kapitel 3: SCHICKSAL UND RECHT

Nachdem der Prediger mit solch erschütternder oder auch ärgerlicher Hart­näckigkeit die Ver­geblichkeit des menschlichen Daseins in Natur, Geschichte und Kultur gelehrt hat, führt er uns jetzt in die Wirklichkeit des Alltags und zeigt uns da den Sinn all dieser Vergeblichkeit.

Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde.“ (Pred 3,1) Wenn wir das so hören, so mag’s uns als eine glatte Selbst­verständlichkeit erscheinen. Es hat alles einen Anfang, aber es hat auch alles ein Ende. Und der Weg vom Anfang bis zum Ende hat seine bestimmte Länge. Aber gerade diese alltäglich erfahrbare, unleugbare Tatsache ist tief rätselhaft. Diese Tatsache, daß alles seine Zeit hat, kann man ja nicht einfach gelten lassen und anerkennen mit Bedauern oder auch mit Freude: Leider hat alles seine Zeit oder gottlob hat alles seine Zeit. Darum handelt es sich nicht, ob uns das angenehm oder peinlich ist, sondern darum, ob wir über diese Zeit verfügen, weil wir sie haben — denn alles hat ja seine Zeit — oder ob die Zeit über uns verfügt, weil sie uns hat, denn alles hat seine Zeit. Zeit haben kann heißen: Ich habe Zeit, ich kann anfangen, wann ich will, ich kann die Dauer be­stimmen, wie ich will, ich kann die Zeit ausfüllen, womit ich will, ich kann aufhören, wann ich will. Von unserem „Vornehmen“ ist ja die Rede. Zeit haben kann aber auch heißen: Ich habe die Zeit, die für mich bestimmt ist, die mich ausfüllt, die mich mit sich nimmt, die allem meinem Vornehmen die Stunde, also Anfang und Ende und Inhalt zuweist, in die ich mich schicken muß. Entweder ist die Zeit eine leere Tafel, die ich beschreibe oder eine be­schriebe­ne Tafel, die ich bloß ablesen kann. Wir leben ja mit der Uhr, und sie zeigt die Stunde an, aber lauter Stunden, die entweder belegt oder frei sind. Und welche Zeit meint nun der Prediger? Die freie Zeit, die Zeit unseres Vor­nehmens, oder die belegte Zeit, die Zeit unseres Müssens, die Zeit als Ge­legenheit oder die Zeit als Schicksal? Offenbar beides. Mit dem Geboren­wer­den und Sterben beginnt er die Reihe seiner Beispiele, die im Urtext immer [19] eingeleitet sind mit dem gleichmäßig hämmernden „Zeit ist’s für“, „Zeit ist’s für“, „Zeit ist’s für“. Hinter uns liegt die Geburt, an jenem Tag, an jenem Ort, in jener Zeit, und ungefragt ist uns gegeben Vater und Mutter, Veranlagung und Begabung, Erziehung und Umgebung, Name und Ge­schlecht und von da­her und dadurch bis heute alles geheimnisvoll bestimmte Zeit, Schicksals­zeit. Und vor uns das Sterben: unbestimmte Zeit und doch schon eingeleitet mit unserem Al­ter, mit dem Grad unserer Gesundheit, mit dem Engpaß unserer Möglichkeiten, mit allem, was wir erlebt und erlitten haben — dort ist der Graben, dort ist die Wand, auf die wir zuge­hen mit Angst oder Hoffnung, und so auch vor uns geheimnisvoll bestimmte Zeit, Schicksals­zeit. Und doch redet der Prediger nicht bloß von der unausweichlichen Zeit, von dem, was uns bestimmt und unser Leben ausfüllt mit lauter Notwendigkeiten, nein, er redet gerade so auch von der Zeit unserer Gelegenheiten, unseres Vornehmens, unserer Selbstbestimmung und Freiheit, wo wir pflanzen und bauen, wo wir suchen und behalten, wegwerfen oder zerreißen oder nähen oder tanzen, und er macht keinen Unterschied zwischen dem, was wir gern oder ungern, frei­willig oder unfreiwillig tun. Er redet ja von der ganzen Wirklichkeit unseres Da­seins, von der Alltäglichkeit, in der das Müssen und Wollen so nah bei­einander, so unent­wirr­bar ineinander ist. Weinen und Lachen, Sichküssen und Sichscheiden, Lieben und Has­sen, Krieg führen und Frieden halten, ja Schwei­gen und Reden, wo ist und war es ein Müs­sen? Wo ist und war es ein Wollen? Mag alles noch so sehr in gewohntem Gleise gehen oder mag alles noch so sehr in Aufregung und Zufälligkeiten verlaufen: jeder Tag ist gefüllt mit zahl­losen: ich muß, ich muß, ich muß und mit zahllosen: ich will, ich will, ich will, und dann kommt das „ich sollte“ und „ich möchte“ dazu und das Ergebnis ist dann ein unentwirrbarer Knäuel von Freiheit und Zwang, von Schicksal, das uns anklagt: ach, ich hätte damals anders reden, an­ders handeln, anders ent­scheiden sollen, von Schicksal, mit dem wir uns entschuldigen: ach, ich konnte ja nicht anders, von Leistung und Verdienst und von bloß erlittenem Leben. Schau­en wir auf unsere Vergangenheit? Ist’s ein Strom, auf dem wir hilflos trieben? Ist’s ein Schiff, das wir entschlossen steuerten? Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vornehmen hat seine Stunde. Der Prediger sagt nicht Schicksal und er sagt nicht Freiheit, er sagt nicht Bestimmung und er sagt nicht Auf­gabe, sondern er sagt Mühe, Plage, Verlegenheit, Angst, nutzlose An­strengung. Er sieht den Menschen, der nach Wegzeigern sucht, wo keine sind, der auf seinen Weg sieht und doch in der Irre geht, der gerade das, was ihm das Aller­bekannteste zu sein schien, sein eigenes Leben, seine alltägliche Wirklichkeit, nicht kennt, den hilflosen, blinden Menschen, der eben nicht weiß und nicht wahrhaben will, daß er hilflos und blind ist. Aber vergessen wir ja nicht: [20] er predigt, er lehrt, er verkündigt, obwohl diese unsere Wirklich­keit auch die seine ist, obwohl er ebenso auch seine eigene Hilflosigkeit und Blindheit be­kennt. „Ich sah die Mühe, die Gott den Menschen gegeben hat!“ (Pred 3,10) Gott, Gott hat uns dieses mühselige Leben gegeben. Gott legt uns die Last auf, Gott läßt jeden Tag seine Plage haben, Gott tut alles fein zu seiner Zeit! Das hat der Prediger gemerkt. Das sagt uns unser Leben nicht, das zeigt uns keine Zeit und keine Stunde. Dazu müssen uns erst die Au­gen aufgehen. Das ist uns gesagt, daß Gott alles so herrlich regiert, daß Gott das Werk, das uns be­kümmert, mit wunderbarem Rat hinausführt. „Gott hat uns die Ewigkeit ins Herz gegeben“, heißt es in Vers 11 unseres Textes im Wortlaut, „doch ohne daß der Mensch durch­schauen könnte das Tun, das Gott vom Anfang bis zum Ende tut.“ (vgl. Pred 3,11) Die Ewig­keit in unseren Herzen? Ja, aber eben nur im Herzen, nur in unserer Sehnsucht oder Angst, nur als ein Rätsel, das wir nicht lösen, weil unser Leben eben nicht der Ewigkeit entspricht, weil da alles seine Zeit hat, zeitlich ist, auch unsere tiefsten Erlebnisse, auch die gewaltigsten Unterneh­mungen. Was Gott tut, das besteht immer — was wir tun, das vergeht immer. Be­trachten wir nur unse­ren Tageslauf, sehen wir die Leute an, mit denen wir zu tun haben, lesen wir die Zeitung, ja hören wir gar Predigten: wo ist da die Ewigkeit? Was hat das alles mit der Ewigkeit zu tun? Der Prediger läßt nicht locker. Er will, daß wir ehrlich sind, daß wir uns nichts vormachen und einbilden. Hier diese Erde und Zeit nimmt uns in Anspruch, sie füllt uns aus und wir füllen sie mit Lachen und Weinen, mit Bauen und Einreißen, mit Krieg und Frieden. „Aus dieser Erde quellen meine Freuden, und diese Sonne scheinet meinen Leiden.“ Gott macht alles fein zu seiner Zeit — alles gut und recht und vollkommen und schön — und wir tun alles zu unserer Zeit — so unvollkommen, so kümmerlich, so mangelhaft und auch so gut, als wir’s eben verstehen und können — aber wo ist nun sein Werk und wo das unsere, wo ist seine Zeit und wo die unsrige? Wir sagen wohl gern: Gott hat uns bewahrt, Gott hat uns gute und böse Tage gegeben. Gott hat uns die Lieben genommen, Gott hat uns geschlagen und getröstet und wir möchten es gern glauben. Gott wird uns weiterhelfen und führen, aber wo war und ist denn nun Gottes Werk und Regierung in unserem Alltag? Gibt es in unserer Le­bensgeschichte auch noch eine Gottesgeschichte? Gibt es in der Weltgeschichte auch noch eine Reich-Gottes-Geschichte? Fallen sie zusammen? Können wir sie unterscheiden? Nein, wir schauen nicht durch. Wir treffen nicht das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. Unbegreiflich sind seine Wege und unerforschlich seine Gerichte. Wie kämen wir dazu, zu sagen: dieses unselige Jahrzehnt sei Gottes Werk? Wie dürfen wir sagen: unser Leben sei Tag für Tag Gottes Werk gewesen und werde es auch künftig sein? Wie dürften wir den heutigen [20] Tag für uns und demnach für alle Menschen einen Tag Gottes, den Tag des Herrn, also einen guten, einen fröhlichen, einen glücklichen Tag heißen?

Aber seht, der Prediger predigt mit so rücksichtsloser Entschlossenheit die Verborgenheit Gottes, daß jeder fromme Leser nur immer wieder erschrecken kann, er weist uns unerbittlich an unsere eigene Wirklichkeit. Da zeig mir, wo ist dein Gott? wo ist da ein Werk, das bleibt, wo ist da dein Beweis für die rechte Zeit deines Weinens und deines Lachens, deines Redens und deines Schweigens, für die rechte Zeit deines Lebens und deines Sterbens? Beweis mir doch, daß du zerreißt, was Gott zerrissen haben will, daß du liebst, wen und wann Gott geliebt haben will, daß du Gottes Werk tust, daß Gottes Wille und Zeit in deinem Willen und in dei­ner Zeit ist! Schau doch: alle mühen sich alle plagen sich, alle suchen nach ihrer Zeit, nach der rechten Stunde, nach der rechten Aufgabe, nach der rechten Erfüllung, nach dem rechten Ge­winn ihrer Zeit, und allen zerrinnt es unter den Händen, alle schieben und werden ge­scho­ben, alle sorgen und sehen doch nicht, was die Zukunft bringt. Und du willst die Ausnahme sein? Du willst triumphieren und sagen: Ich hab’s! Das ist mein Weg und meine Stunde, so und nicht anders war’s und ist’s recht und nach Gottes Willen und Ratschluß. Und wie steht’s mit dem Recht auf der Welt? Wo sind die rechten Richter? „Ich sah Stätten des Gerichts, und da war gottlos Wesen. Ich sah Stätten der Gerechtigkeit, und da waren Gottlose.“ (vgl. Pred 3,16) Wohl gibt es Gerechte und Gottlose, aber wer kann sie unterscheiden? Kommt die Ge­rechtigkeit zum Sieg und Ziel? Wird der Gottlose erkannt und recht gerichtet? — Können wir da etwa heute sagen: Es steht gut um die Gerechtig­keit. Es wird jedem das Seine. Wo sind die Schuldigen und wo die Un­schuldigen? Ist’s jetzt Zeit zum Protest oder protestieren nicht schon genug? Ist’s jetzt Zeit zur Ergebung oder ergeben sich nicht schon genug? Und die, die sagen: Es wird schon alles recht werden, wir vertrauen auf Gott, dürfen die sich zurückziehen und zuschauen, wie’s eben nicht recht wird, oder müßten sie nicht wie Lichter im Dunkel die rechten Wege weisen? „Ich dachte in mei­nem Herzen: Gott muß richten den Gerechten und den Gottlosen.“ (Pred 3,17) Also beide müssen vor Gottes Gericht. Wie fragwürdig ist also auch die Gerechtig­keit der Gerechten und wie verborgen bleibt also Gottes Recht und Gericht! Also so hoffnungslos steht’s mit der Welt, so aussichtslos ist es, Gottes Recht zu tref­fen und zu tun? Und das sagt der Prediger, der sich Sohn Davids nennt, dessen Weisheit als Richter berühmt war weit über die Grenzen seines Reiches? Weiß er nichts von Israel, vom Recht und Gesetz Gottes zu sagen, das seinem Volk gegeben war und das er doch kannte? Er tut so, als ob er nichts wüßte von Gottes Offenbarung, von all seinen gerechten Gerichten auf Erden, von Recht und Gerechtigkeit, die von Zion ausgehen, und nichts von der Ver-[22]hei­ßung des Königs der Gerechtigkeit? Sollte er vielleicht doch das sein, was manch ein gelehrter Leh­rer schon vermutet hat, ein Jude, der an Israels Glaube, an Gesetz und Erwählung irre gewor­den ist, der sich bestechen ließ von der Philosophie und Aufklärung der griechischen Denker? Fast wird’s uns zuviel, zu heidnisch und gottlos, wenn wir weiter lesen: „Ich sprach in mei­nem Herzen: Es geschieht wegen der Menschenkinder, auf daß Gott sie prüft und sie sehen, daß sie an sich selbst sind wie das Vieh.“ (Pred 3,18) Dem Menschen geht’s wie dem Vieh, er hat nicht mehr als das Vieh. Alles ist von Staub und wird zu Staub. Selbst das ist un­gewiß, ob die Seele des Menschen aufwärts fährt oder unter die Erde? Und vom Vieh weiß man es auch nicht. Der Mensch dem Tiere gleich? Der Mensch allenfalls ein höheres Tier? Ist das nicht schlimmster Materialismus, im schärfsten Widerspruch zu allem, was in der Bibel steht, schlimmer noch als die Lehre vom Genuß des Lebens? Nein und noch einmal nein! Von unserer Wirklichkeit redet der Prediger. Das, gerade das, sagt er, sollen wir Menschen nach Gottes Willen und Absicht erkennen, daß der Mensch an sich selbst wie das Vieh ist. Der Mensch an sich selbst, der Mensch, wie er nicht nur da und dort auch vorkommt, sondern der Mensch, wie er ist, wie er durchaus nicht sein will, wie er sich gar nicht erkennen will, wie er sich aber erkennen soll! Sollte nicht vielleicht gerade der Prediger das Gesetz richtig gelesen haben und sollte nicht vielleicht gerade das Neue Testa­ment das an den Tag gebracht haben, was der Mensch an sich selbst ist? Nein, ein Tier ist der Mensch nicht, aber wie ein Tier, er hat nichts voraus vor ihm. Mit den Tieren ist er geschaffen, dem Tier hat er sein Ohr ge­schenkt statt dem Wort Gottes. Das Tier zieht er am Sabbat aus dem Brunnen, aber dem Menschen will er nicht helfen. Das sind die gesetzestreuen Juden! Der Bauch ist ihr Gott! Das sagt Paulus von Gliedern der Gemeinde. Kranich und Schwalbe wissen ihre Zeit, aber das Volk Gottes nicht. Der Ochse und Esel weiß seine Krippe, aber Israel kennt seinen Herrn nicht! Die Ungerechten sind wie die unvernünftigen Tiere, sagt der zweite Petrusbrief. Und die letzte Zeit wird’s an den Tag bringen, was der Mensch ist. Dem Tiere werden die Völker ihre Reiche geben nach Gottes Willen, das Tier werden sie anbeten, sein Malzeichen werden sie tragen. Leiber und Seelen wird man verkaufen wie Tiere. Am Gottesberg machte Aaron ein Tier als Bild Gottes. — Aber nicht wahr, das alles hindert uns nicht, daß wir doch für die Würde des Menschen einstehen, daß wir es abweisen, zu denen zu gehören, die zu Tau­senden Menschen wie Tiere behandelt haben, die sich auf Menschen stürzten wie Tiere, um sie zu entehren oder zu berauben, zu den Sklavenhaltern und Bestien in allen Ständen von den Kö­nigsthronen bis zu den Räuberhöhlen. Wir wissen ja auch etwas von der brutalen Wirklichkeit des Lebens, aber diese [23] Übertreibung teilen wir nicht, daß der Mensch dem Vieh gleich sei. Hören wir: der Mensch an sich selbst, der Gerechte und der Gottlose! „Da ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer!“ „Es ist kein Mensch so gerecht, daß er Gutes tue!“ Haben wir einen Vorteil? fragt Paulus. Gar keinen. Alle Juden und Griechen sind unter der Sünde. Dar­um geht es uns wie dem Vieh. Darum müssen alle an einen Ort. Das müßte und sollte uns die Wirklichkeit zeigen, aber sie tut es nicht. Solche ehrlichen Augen haben wir nicht. Und wie sollte der Prediger das gesehen haben, wo doch seine Zeit gewiß nicht schlimmer war als die unsrige. Ja was ist der Mensch an sich selbst? Was ist er von oben gesehen, in Gottes Augen? Das verlorene Schaf! Das merkt man nicht an sich selbst; nichts vergißt sich schneller als das im täglichen Leben, wo wir doch immer in einer großen oder kleinen Herde sind. Aber es ist uns gesagt durch das Wort des Lebens, das Wort der wahren Wirklichkeit, durch das Wort von Jesus Christus, der selber wahrhaftig und wirklich unser Leben ist. Das steht nicht beim Prediger, aber es ist der Schlüssel zum Prediger. Ohne dieses Wort ist das Alte Testament eben ein jüdisches Buch und der Prediger ein heidnisches Buch und es ist unverständlich, wie dieses Buch in die Bibel ge­kommen ist. Aber wir erinnern uns an die Überschrift: Der Sohn Davids. Der König von Jerusalem. Ja, der verborgene Gott hat sich geoffenbart, es hat ein Leben gegeben, das ganz und gar von Anfang bis zum Ende das Werk Gottes war, das ewig bleibt, das Leben dessen, in dem alle Zeit erfüllt ist, der wußte, wann seine Stunde gekommen war als die Stunde Gottes, als die Zeit zum Leben und zum Helfen und als die Zeit zum Lei­den und zum Sterben. Er ist der wahrhaftige Mensch, der sah, wie sie alle verloren waren und in die Irre gegangen wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er ist der Gerechte, der mit den Gottlosen starb, er ist das verlorene Schaf, das zur Schlachtbank ge­führt ward. Er ist unter­wärts unter die Erde gefahren und er ist überwärts zum Himmel gefahren. Seine Zeit stand in Gottes Händen. Aus Gottes Hand hat er sie genommen und ihr sie zurückgegeben. Er hat nun auch deine und meine Zeit in die Hand genommen. Die ganze Weltgeschichte ist nun doch die Geschichte seiner Herrschaft, auch die Gottlosen, auch die Judasse sind da mit dabei und müs­sen erfüllen, was Gottes Rat und geheimer Weg ist. Die Juden und die Heiden, die Gerechten und die Gottlosen stehen gleich da vor ihm und haben keinen Grund, so zu tun, als ob sie nicht in der gleichen Wirklich­keit stünden, wo ein jegliches seine Zeit hat. Ja, unsere Vergan­genheit ist durch Jesus Christus wirklich die Zeit, in der ER gut gemacht hat, was wir böse machten, und die Gegenwart, der heutige Tag ist fröhlicher Tag des Herrn für die, die es glau­ben und Gott loben und danken und für die Toren, die nicht wissen, wie groß die Finsternis ist, in die sein Licht scheint. Der Tod ist [24] der Sünde Sold, aber die Gabe Gottes ist das ewige Leben in Jesus Christus, unserem Herrn. Die Gabe Gottes. Seid fröhlich, esset und trin­ket, seid guter Dinge in eurer Arbeit, denn das ist euer Teil. Mit der Erkenntnis des Predigers, daß alles eitel ist, kann man es doch gar nicht aushalten, da kann einem doch kein Bissen mehr schmecken und keine Stunde mehr gefallen. Und doch kommt es immer wieder zu die­ser merkwürdigen Folgerung. Gerade darum, gerade als die Verlorenen dürft ihr von Gottes Gabe leben, dürft schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist, dürft glauben, daß er da bei euch ist, daß ihr ihm gerade so recht seid, weil ihr dann auf ihn angewiesen seid und auf ihn warten könnt und Er allein eure Hilfe, euer Trost, eure Gerechtigkeit, euer Heil und Leben ist. Seht, wir gehen jetzt wieder nach Hause, und jedes von uns wird dann reden oder schwei­gen, lachen oder klagen, sich plagen oder sicher heute sich auch erholen, ganz wie andere Menschen auch. Aber wenn wir gehört haben, daß Er der gute Hirte ist und wir die verlorenen Schafe, dann muß das alles doch ein bißchen anders sein, dann wissen wir: das alles, was wir da tun und lassen, ist an sich selbst nicht gut, nicht richtig und nicht wichtig und ohne Sinn; aber Jesus Christus ist da, er ist mit mir, er leitet mich und regiert mich und nimmt nun diesen Tag unter seine Hände und Herr­schaft und da ist nun unter uns Gottes Macht und Gnade am Werk, die Gnade, die uns demütigt, und die Macht, die uns erhöht zu seiner Zeit. Es kommt dann doch eine Ordnung und eine Richtigkeit und ein Mut in unsern Alltag, und sein Wort tut Wunder in diesem Irrgarten, denn uns gilt es: Siehe, ich habe dir geboten, daß du getrost und freudig seist. Laß dich nicht grauen und entsetze dich nicht, denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst. AMEN! [25]

Kapitel 4: DER MITMENSCH

Heute führt uns der Prediger noch tiefer in die wirkliche Verlorenheit des Daseins hinein als in den bisherigen Worten der ersten drei Kapitel. Auswegslos der Kreislauf der Natur, der Vergänglichkeit und Vergessenheit hingegeben der Weg der Geschichte, die Kultur ohne faßbaren Sinn in Genuß und Arbeit, und der Mensch dem Schicksal gegenüber im Kampf oder Ergebung ohne die Möglichkeit, die rechte Zeit und Stunde zu erkennen. Und jetzt hören wir vom Verhältnis des Menschen zu seinem Mitmenschen. „Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne; und siehe, da waren Tränen derer, die Unrecht litten und hatten keinen Tröster; und die ihnen Unrecht taten, waren zu mächtig, daß sie keinen Trö­ster haben konnten.“ [Pred 4,1] Wir können wohl mit Recht vermuten, daß in unserem Jahrzehnt mehr Tränen geweint wurden und werden von solchen, die Unrecht litten, als da­mals zur Zeit des Predigers. So viele Gräber, so viele Krüppel, so viele Heimatlose, so viele Gefangene, so viele Hungernde, so viel Opfer unrechter Gewalt, so viel Unter­drückung und Leid hat es damals wohl kaum gegeben. Aber auf das Sehen kommt es an. Der Prediger hat das Unrecht und die Tränen gesehen! Das ist gar nicht selbstverständlich. Was haben wir denn gesehen, als schon Millionen umgebracht oder zu Tod gequält waren? Was haben wir erkannt als Unrecht, als die andern Völker litten? Die Tränen werden nicht auf der Straße geweint. Und das Unrecht nann­te sich meistens Recht und Gerechtigkeit. O was küm­mert uns das Unrecht, das andern ge­schieht, was kümmern uns die Tränen, die andere weinen? Wir haben Mitleid, aber wir ver­gessen möglichst schnell, wir können ja nichts ändern. Aber der Prediger, von dem man den­ken sollte, ihn kann nichts erschüttern, er sieht alles schwarz in schwarz, der ist tatsächlich erschüttert vom fremden Leid, der wendet sich nicht ab, der sieht, wie hinter dem Schein von Recht und Gesetz überall die Macht mißbraucht wird und Menschen von Menschen geplagt, gedrückt, ausgenützt, übervorteilt, erpreßt und geschunden werden. Er sieht den Menschen als Feind des Menschen. [26] Schlimmer als das Unrecht, das geschieht, schlimmer als die Trä­nen der Unter­drückten ist aber, daß auch der Trost verhindert wird. Die Machthaber wollen nicht, daß ihre Opfer getröstet werden, sie wollen ja im Recht sein, sie wollen, daß man das lobt, was sie Recht und Zucht und Ordnung und Sitte heißen, was sie im Namen irgendwel­cher Ideale den Menschen antun; ihre Opfer trösten hieße ja sie selber ins Unrecht setzen. O, religiös trösten, Ergebung und Geduld predigen, das dürfen die Menschen, das ist leicht und billig. Da dürfen die Pfarrer die Märtyrer zum Schafott begleiten. Aber ist denn das ein Trost, wenn Unrecht geschehen ist? Ist denn ein Tröster da, wenn kein Rächer da ist? Wenn die Menschen nicht zu ändern sind, wenn Unterdrückung und Unrecht eben nicht zu verhindern sind, wenn der Mächtige eben immer wieder Recht hat und der Ohnmächtige leiden muß, wenn die, die oben sind, sich mit allen Mitteln oben behaupten dürfen und die, die unten sind, mit allen Mitteln drunten halten dürfen, wenn du mit deinem Recht eben nicht durchkommst und dir alles gefallen lassen mußt, wo soll da ein Trost sein? Menschen kön­nen nicht trösten, wenn sie nicht auch helfen können. Auch der Prediger ver­sucht es gar nicht, den Tröster zu machen. Er sieht das Böse, das die Menschen einander überall und täglich antun, er sieht die Tränen, die überall und täglich fließen — und er flucht nicht, aber er tröstet auch nicht. Er lobt die Toten, die Unrecht und Tränen hinter sich haben, und er lobt die, die noch nicht geboren sind. Ist das nicht furchtbar? Ist das denn erlaubt? Ist das nicht eine Anklage gegen den Schöpfer? Das sagt ausgerechnet der, der immer wieder auffordert, fröhlich zu sein in aller Mühsal des Lebens! Wir wissen, wie Elia lebensmüde war, wie Hiob den Tag seiner Geburt verwünschte, wie Jeremia klagte, daß er das Licht der Welt erblicken mußte. Wir wis­sen, wie oft wir selber die Toten für glücklicher halten als die Lebenden und der Wunsch in uns wach wird, das Böse, das geschieht, nicht mehr sehen zu müssen. Aber der Prediger redet nicht von selbsterlittenem Unrecht und nicht von eigenen Trä­nen. Sein Mitleid mit den Men­schen ist so unsentimental, so entsetzlich nüch­tern und illusionslos, daß man sich nur wundern muß, wie so ein Mensch das Leben aushalten konnte. Nein, es ist kein Tröster da. Mach dir nur nichts vor, daß es bald besser werden müsse, daß der zur Einsicht kommen werde, über den du dich mit Recht beklagst. Mach dir nichts vor, die ganze Bibel singt kein Loblied von denen, die oben sitzen und Gewalt haben. Sie lassen sich Wohltäter und gnädige Herren hei­ßen, und wenn sie noch so fromm sind, so fressen sie der Witwen Häuser und wenden lange Gebete vor. Wir merken es nur meist nicht. Wir haben nicht so scharfe Augen, kein so unbe­stechliches Empfinden und kein so mitleidiges Herz. Das Unrecht eines Tages und einer Nacht und auch nur einer Stadt würden genügen, wenn wir es sähen, uns für [27] immer das Lachen zu verbieten. Aber nicht bloß durch die Mächtigen geschieht das Böse. Da ist der Neid. „Da neidet einer dem andern“, sagt der Prediger weiter. Wir begegnen ihm überall, nicht bloß zwischen Alt- und Neubürgern, zwischen Besiegten und Siegern, zwischen Rei­chen und Armen. Heimlich schleicht er sich in jedes Herz, der Neid des Besitzlosen, das Gelüsten nach dem, was der andere hat, an Glück oder vermeintlichem Glück, an Vorzügen, an Begabung, an Ansehen und Stellung. Keine Verwandtschaft, die nicht an irgend einer Stelle von ihm angefressen wäre. Wer kann ihm wehren? So sieht das Leben aus zwischen oben und unten, zwischen Mensch und Nebenmensch. Ist’s ein Wunder, daß der Mensch dem Menschen fremd wird, daß er sich zurückzieht? Wie schön ist’s doch, niemand zu brauchen, auf niemand an­gewiesen zu sein! Wie herrlich, sagen zu können: Ich bin mein eigener Herr! Wie sehr fallen wir einander doch zur Last! Wie sehr gehen wir einander auf die Nerven. Nicht nur die Dichter schwärmen vom Trost der Einsamkeit. Wie wohl tut doch das Allein­sein; allein in seiner Muße, in der Natur oder zu Hause, mit Büchern oder Musik oder was uns freuen mag, oder allein in seiner Arbeit, ungestört und ohne den Zwang der Ein- und Unter­ordnung. Aber ist nicht auch das Haschen nach Wind? Der Narr schlägt die Finger in­einander und verzehrt sich selber, „er frißt sein eigenes Fleisch“ (Pred 4,5), wie es wört­lich heißt. Die Einsamkeit wird zur Müdigkeit und die Müdigkeit zur Er­gebung. Wozu sich plagen, wozu sich streiten und herumschlagen mit den Menschen? Und dann verzehrt man sich selber, zehrt vom eige­nen Fleisch; man lebt vom kleinen und großen Kapital des Ich, und das geht einmal zu Ende. Oder wird die Einsamkeit zur Selbständigkeit. Ein Einzelner, hat weder Kind noch Bruder, und seines Arbeitens ist kein Ende. Ist’s nicht eine Torheit, ohne Ruhe sich zu plagen, um selbständig, um reich, um unabhängig zu wer­den, niemand zu leid, aber auch niemand zu Nutz? Für wen müh’ ich mich denn, wenn ich keinen Nächsten habe? Sind sie nicht gleiche Toren, der ein­same Träge und der einsame rastlos Tätige? — Es ist niemand unter uns, der nicht auch schon die Bitterkeit erlebt hat, daß ihm die Großen zu mächtig waren und ihm sein Recht, sein Glück, seine Habe, seine Freiheit nahmen. Und es ist niemand da, der nicht auch schon zu leiden hatte unter der Kon­kurrenz, dem Neid und der giftigen Herabsetzung durch die Nebenmenschen. Und es ist niemand, der nicht auch die Verlassenheit und Einsamkeit des ei­genen Herzens kennt, die trostlose Kälte, die das Herz müde oder hart macht. Und dann nennt der Prediger noch ein viertes Elend, das der Mensch dem Nebenmenschen verdankt, das ist die Unsicherheit des Daseins gegenüber der Gunst und Wankelmütigkeit der Masse. Aus dem Gefängnis zur Herrschaft kommt der Eine und vom Thron zur Armut der andere. Dieses Auf und Ab, [28] diese Umschichtung der Stände und Verhältnisse erleben wir ja in gewalti­gem Ausmaß. O, sie wollen alle Plätze recht verteilen, jedem seinen Platz zu­weisen nach Fähigkeit und Leistung, aber schließlich geht’s immer nach Gunst und Laune des Urteils, nach den guten Beziehungen und nach dem Vertrauen, das man ausspricht oder entzieht, gerade wie du den Menschen gefällst. O, was treiben die Menschen für ein launisches Spiel miteinander, sie loben sich hinauf und zerren sich herab. Nicht bloß die Großen müssen schaukeln in der öf­fent­lichen Meinung, auch die Kleinen sind schnell gestempelt und umgestempelt, und schon unter den Kindern gibt’s Götzen und Prügelknaben. Wir leben alle irgendwie von der Gnade und Ungnade der Menschen, und wer fragt nach Gründen, wenn man heute heilig spricht und morgen verdammt? So geht das Würfelspiel um die Menschen durch die Jahrtausende, und auch in den Gassen und Häusern und Hinterhäusern wird es getrieben und niemand weiß, ob ihn das Rad morgen hinaufhebt oder herabwirft. So steht es von Mensch zu Mensch, der, wie der Heidelberger Katechismus sagt, von Natur geneigt ist, den Nächsten zu hassen[5]. Freilich gibt es in all dem Unglück, das der Mensch dem Menschen bereitet, ein „Besser“ und ein „Schlimmer“. Wie der Prediger nach vierfacher Richtung mit solch nüchternem Scharfblick des tief erschütter­ten Herzens die Lage des Menschen unter den Menschen beschreibt, so zeigt er auch vierfach jeweils ein besseres Los, das uns fallen kann und das doch nichts abbricht von der Verlorenheit des ganzen Daseins. Besser ist es, gegen­über der Unsicherheit der Stellung vor der Gunst und Laune der Masse ein weiser Knabe in Armut zu sein als ein alter Narr auf den Höhen vermeintlicher Sicherheit. Besser ist es, gegen­über der verzagten Einsamkeit oder trotzigen Selbständigkeit, zu Zweit zu sein, Genossen und Freunde zu haben. Da kann einer dem andern aufhelfen, da kann einer dem andern wohltun und ihn wärmen, da können zwei oder drei sich wehren und schützen gegen den An­griff der andern. Besser ist es auch, gegenüber dem Neid und der Eifersucht ringsum, eine Handvoll mit Ruhe zu erwerben und zu genießen, als mit der Gier und Unrast beide Fäuste zu füllen. Und besser ist es endlich, nicht mehr zu leben oder nicht geboren zu werden gegenüber all dem Unrecht, das unter der Sonne geschieht und all den Tränen, die es verursacht.

So steht der Prediger vor uns ohne Tröster und ohne Trost mit seinem furchtbaren und doch so wirklichkeitstreuen Urteil über das Menschsein. Ist nun das die tiefste Weisheit des Predigers: Lieber tot sein als Leben? Und weiß er uns nicht mehr zu geben als die paar hausbackenen Ratschläge und Regeln: Bleib lieber in Armut weise und vorsichtig! Such dir Freunde und Genossen und leb im bescheidenen Kreis der Ehe und Familie! Begnüg dich mit Wenigem und such nicht nach Reichtum und Größe. Halt aus und warte [29] auf den Tod, der dich vom Jammer erlöst! — Die folgenden Kapitel geben noch viele solche weisen Ratschläge für den Alltag, für ein bescheidenes, zu­friedenes, ehrbares Leben in fröhlicher Gelassenheit und Mäßigung, und alle diese Regeln stehen unter dem furchtbaren Urteil: Der Tag des Todes ist besser als der Tag der Geburt, Jugend und Alter sind eitel. Gott ist ver­borgen in der Höhe. Er schenkt, wie und wann er will und er richtet alle. Der Mensch aber ist klein und nichtig und hilflos und soll sich nicht über­heben. — Wo ist da Trost, wo ist da Gewißheit, wo ist da die Festigkeit und Seligkeit des Glaubens? „Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Hause Gottes gehst, und komm, daß du hörest! Das ist besser als der Narren Opfer; denn sie wissen nicht, was sie Böses tun.“ [Pred 4,17) Das Haus Gottes! Das Haus zum Hören des Wortes Gottes! Seht, das ist ein Wunder, daß es das gibt! Daß die Men­schen unter Gewalt und Eifersucht, unter Einsam­keit und Unsicherheit leiden und sich das Leben schwer machen und dem Tod verfallen, das ist kein Wun­der. Aber Gottes Haus und Gottes Wort — das ist das Wunder Israels, das Wun­der der Offenbarung auch beim Prediger. Er hält wohl nicht viel von dem rauschenden Kultus, von den Opfern und Feiern auch der Juden. Das haben die Heiden auch. Da steht der Prediger ganz nahe bei den Propheten Israels mit ihrer drohenden Warnung, Gott dienen zu wollen und dabei Frevel und Unrecht am Nächsten zu üben. Aber haben wir nun auch im Wort des Pre­digers Gottes Wort gehört, obwohl er fast nichts von Gott sagt, obwohl er nicht die Buße pre­digt und auch nicht Heil und Erlösung und Gnade? Oder haben wir gemerkt, wie dieser Predi­ger ein Zeuge des Glaubens ist, wie er uns ganz und gar zu Hörern machen will, nicht zu sei­nen Hörern und Schülern, sondern zu Hörern der Weisheit Gottes, wie er uns abzieht von allem Trost, um selber und mit uns auf den Trost des Herrn, auf den Trost Israels zu warten? Er hat diese ungeheure Wahrheit von der Eitelkeit des Daseins und von der verborgenen Herr­schaft Gottes erkannt als Wahrheit, die zu ertragen ist, ohne wahn­sinnig zu werden, ohne sich gegen Gott zu empören, ohne alle Bindungen an Gesetz und Sitte abzuwerfen, eine Wahrheit, die nur im Glau­ben an die Güte der Herrschaft Gottes wider allen Augenschein, wider alle Hoffnung und auch wider alle die kraftlosen Gegenbeweise der Men­schen zu ertragen ist, also mit der ganzen Schwerkraft des unbedingten Vertrauens und damit mit der bedingungslosen Fröhlichkeit des Vertrauens zu ertragen ist. Scheint es nicht, als ob der Prediger dieser Wahr­heit von der Nichtigkeit des Lebens sich im tiefsten ganz ungeheuer schämte, einfach schäm­te, daß er diese Wahrheit nur predigen konnte, daß er nicht imstande und ermächtigt war, nun auch zu rufen: Aber jetzt tut Buße! Werdet andere Menschen, kehrt um, laßt ab von euren sinnlosen Weltverbesserungsversuchen, von eurem eingefleischten [30] moralischen Ernst und von eurer ebenso eingefleischten natürlichen und geist­lichen Selbst­sucht — jetzt wird Gottes Herrschaft sich offenbaren. Er will euch zeigen, daß er der Vater ist, daß er euch liebt, daß er auch vergibt und rettet und gut macht und heilt von der ganzen Ver­kehrtheit eures Wesens, daß Gott euch mitten in dieser Verlorenheit ganz nahe ist und sie euch abnimmt, daß er allem Unheil wehrt und alles zum guten, herrlichen Ende führt! Ja, der Pre­diger verrät eine heimliche tiefe Scham, daß da noch kein Mensch ist, der das rettende Wort sagen kann, der mit seinem ganzen Wesen beweisen kann, daß diese verborgene Herr­schaft Gottes über das eitle Dasein der Menschen da ist, sichtbar ist, einer, der den Willen Gottes immer und ganz tut und die Ver­lorenheit des Menschen nicht dabei leugnet, sondern teilt, ja erst ganz und gar enthüllt und so gerade durch sich selbst den unbeweisbaren Gott beweist. Das, was bei Hiob der Schrei der Empörung ist, der schließlich verstummt, was bei den Psalmisten die Qual und Hoffnung der allein auf Gott Wartenden ist, was bei den Prophe­ten die Zerrissenheit ist zwischen entsetzlicher Angst und unerschütterlicher Tapferkeit und Zuversicht, das lebt im Prediger wie eine tiefe Scham, daß er nicht helfen, nicht erlösen, nicht Gott offenbaren kann, sondern nur zu dieser getrosten, ja fröhlichen Verzweiflung, zu diesem Aus­halten rufen und raten kann, bis die Decke fällt und der wahre Prediger, der einzige und rechte Tröster kommt und die Verborgenheit der gültigen All­macht und Alleinherrschaft und Barmherzigkeit Gottes an den Tag bringt. Er, der Prediger, kann nur noch Ratschläge geben zu rechter Menschlichkeit in Furcht und Zittern und zugleich in tiefster, freudiger Gelassen­heit. — Wir aber wissen, daß der Eine gekommen ist, der alles Unrecht unter der Sonne nicht nur gesehen, sondern getragen hat, der die Mißgunst mit ganzer Gnade beantwortet hat, der die letzte Einsamkeit mit Gott bestanden hat und aus der Tiefe der Hölle zur Herrschaft des Thrones Gottes gestiegen ist. Wo der Prediger nach vorn Ausschau hält nach dem Tröster und Erlöser, da dürfen wir zurückschauen und kennen den Namen dessen, der selber das Wort Gottes ist, den Namen der das Heil ist. Er heißt Jesus Christus. Ihn dürfen wir hören, ihm dürfen wir vertrauen. Er ist Mensch wie wir geworden und ein für allemal auf unsere Seite getreten. Die Furchtbarkeit und Rätselhaftigkeit des mensch­lichen Daseins ist nicht anders geworden, da ist nichts abzustreiten vom Bild, das der Prediger gibt. Über uns ist die Gewalt der Mächtigen, um uns ist der Neid und die Konkurrenz der andern, in uns ist die Einsamkeit und unter uns ist der unsichere wankende Boden. Und doch ist nun alles anders geworden. Er ist mit dabei. Du seufzest unter dem Unrecht, das dir geschehen ist. Wohl dir, du hast den Tröster, dein Recht ist bei ihm wohl gewahrt. Er ist mächtiger als die hohen und höchsten Mächtigen der Welt. Sie fechten dich an mit Miß-[31]gunst und überwachen dich mit bösen Au­gen. Wohl dir, er sieht dich mit Gnade und Wohlgefallen an. Er hebt sein Angesicht auf dich und ist dir freundlich. Du leidest unter Einsamkeit und mußt dich plagen ohne Hilfe und Verständnis der andern. Wohl dir, da ist der, der dir aufhilft, wenn du fällst, der dir die Treue hält und dich schützt gegen sichtbare und unsichtbare Feinde. Du bist den Verhältnissen und Menschen ausgeliefert wie ein Spielball der Laune und weißt nicht, ob Höhen oder Tiefen auf dich warten. Wohl dir, Er sitzt im Regiment. Er erniedrigt die Hohen und erhöht die Niedri­gen. Er führt mitten in den Ketten zu königlicher Freiheit. Preise nur die Toten! Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, von nun an. Laß dir nur die Anfechtung gefallen. Selig ist, wer sie erduldet und setzt seine Hoffnung auf ihn. Was können wir Menschen tun? Du bist nicht einsam, denn Er ist der Verbündete und sammelt die Zerstreuten zu seiner Herde und zur guten Weide seines Wortes. Du bist nicht Produkt der Verhältnisse, sondern in Tod und Leben das Eigentum dessen, der für uns gestorben und auferstanden ist. Auferstehung und Leben heißt das Licht, das schon in der Nacht des Predigers der Nichtigkeit leuchtet. Dahin sind unsere Gedanken gerichtet. Von dieser Zukunft her dürfen wir auch heute und jetzt ein ruhi­ges und stilles und tapferes Leben leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit und mitten im Tod mit unserem kurzen Leben den loben und preisen, der Leben und Seligkeit ans Licht gebracht hat, denn Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Der Herr Zebaoth ist unter uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz. Freuet euch in dem Herrn allewege und abermals sage ich euch: Freuet euch! AMEN!

Quelle: Paul Schempp, Der Prediger. Vier Predigten Kapitel 1-4, Schriftreihe der Kirchlich-Theologischen Sozietät in Württemberg, Heft 2, Bad Cannstatt: Müllerschön, 1953.


[1] EG 299,2 (Aus tiefer Not schrei ich zu dir).
[2] Übertragung von Prediger 1,3-11 nach Paul Volz, Weisheit (Das Buch Hiob, Sprüche und Jesus Sirach, Prediger) übersetzt, erklärt und mit Einleitungen versehen, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1911.
[3] Vgl. Martin Luther, Vorreden zur Bibel, hrsg. v. Heinrich Bornkamm, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 31989, S. 80f.
[4] Mittelalterliches Priamel, fälschlicherweise Martinus von Biberach zugeschrieben.
[5] Antwort zu Frage 5 des Heidelberger Katechismus.

Hier Schempps Text als pdf.

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